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30.7.2018 | Von:
Bernd Ridwan Bauknecht

Der Unterschied zwischen Religion und Ideologie

Die Glaubensfreiheit und die ungestörte Religionsausübung sind durch das Grundgesetz gewährleistet. Tag der offenen Moschee in Köln-Ehrenfeld 2017Die Glaubensfreiheit und die ungestörte Religionsausübung sind durch das Grundgesetz gewährleistet. Tag der offenen Moschee in Köln-Ehrenfeld 2017. (© picture-alliance/dpa, Rainer Jensen)

Nach der gängigsten Zählung umfasst der Koran 6236 Verse. Die Zahl der Verse, aus denen sich Hinweise zu Rechtsfragen ableiten lassen (āyāt al-aḥkām), wird auf zwei- bis fünfhundert geschätzt, wobei sich rund zwei Drittel von ihnen auf gottesdienstliche Handlungen und nicht auf das zwischenmenschliche Zusammenleben beziehen. So ist der Koran für Muslime zwar eine wichtige, aber auch eine sehr eingeschränkte Rechtsquelle. Er ist kein Gesetzbuch sondern in erster Linie eine spirituelle Quelle.

Weder im Koran noch in der Prophetenüberlieferung finden sich Hinweise zur konkreten Herrschaftsausübung. Die Scharia (šarīʿa, "Weg"), das sogenannte Islamische Recht, hat zunächst nur die Aufgabe, den Gottesbezug zwischen Mensch und Gott zu definieren, ähnlich dem Nominatio dei im Grundgesetz, wonach auf "Gott" als diejenige Instanz verwiesen wird, vor welcher der Mensch Verantwortung tragen muss und über die er nicht nach seinem Ermessen verfügen kann.

Bereits vor mehreren hundert Jahren hat die islamische Gelehrsamkeit "klassische fünf Güter" definiert, denen religiöse, soziale, moralische und rechtliche Normen unterzuordnen sind. Diese sind der Schutz des Lebens, des Eigentums, der Vernunft (Bildung), des Glaubens und der Familie.

Die Deutung von Aussagen aus heiligen Büchern erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Religions- und Wirkungsgeschichte, denn nur so lässt sich der Bedeutungsgehalt eines Textes einordnen.

Die meisten klassischen Gelehrten bejahten die Mehrdeutigkeit des Korans. Sie gingen davon aus, dass Vieldeutigkeit eine Gnade Gottes sei, da diese der Natur des Menschen entgegenkomme. Demgegenüber sei Variantenlosigkeit eher unnatürlich. Außerdem könne Vieldeutigkeit Erleichterung für den Einzelnen bedeuten und Ansporn für die Wissenschaft sein. Letztendlich erlaube erst Vielfalt, dass Widerspruchsfreiheit zum Kriterium der Wahrheit werden könne. In seinem Buch "Die Kultur der Ambiguität" fordert der Islamwissenschaftler Thomas Bauer dazu auf, sich auf diese klassische Korangelehrsamkeit zu besinnen.

Auch die frühe muslimische Gemeinde habe die Worte des Korans anagogisch, also nicht wörtlich, betrachtet, sondern ihre über den Text hinausweisende, inspirierende, spirituelle und transzendente Bedeutung erkannt, so die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth in ihrem Buch "Die koranische Verzauberung der Welt".

Die literalistische, also wortwörtliche Lesart der Salafisten und Dogmatiker, die gerade viele Jugendliche anspricht, verkehrt dagegen die ursprüngliche Botschaft in ihr Gegenteil. Der sogenannte Prozess der "Re-Islamisierung" im Laufe des 20. Jahrhunderts ist keine Rückbesinnung auf traditionell-religiöse Werte, sondern eine Ideologisierung des Islam, die Strukturen westlicher Ideologien übernimmt und integriert. Die Intoleranz, die Ideologien charakterisiert, zeigt sich im Islamismus daran, dass dessen Vertreter nach eigener Selbstzuschreibung die genaue Bedeutung einer jeden Koransure kennen, die Echtheit eines jeden Prophetenwortes genau beurteilen können, das Leben des Propheten und seiner Gefährten bestens zu rekonstruieren wissen und so über die letztendliche Deutungshoheit verfügen.

In diesem dogmatischen Anspruch auf Eindeutigkeit und absolute Wahrheit sehen viele Menschen muslimischen Glaubens eine Anmaßung gegenüber den Mitmenschen und Gott.