Geschichte der DDR

31.10.2011 | Von:
Andreas Malycha

Der Schein der Normalität (1971 bis 1982)

Notlösungen in der Mangelwirtschaft

Am Ende der 1970er Jahre standen Partei und Regierung vor einem Widerspruch, der sich im Rahmen des bestehenden gesellschaftlichen Systems nicht auflösen ließ. Auf der einen Seite hatten die hohen Investitionen der sozialpolitischen Programme zu messbaren Ergebnissen geführt. Das ehrgeizige Wohnungsbauprogramm, subventionierte Mieten und Grundnahrungsmittel, der Ausbau des staatlichen Gesundheitswesens, hoher Bildungsstandard sowie staatliche und betriebliche Kinderbetreuung erleichterten den Alltag. Auf der anderen Seite wuchs der Unmut in der Bevölkerung, und zwar nicht nur wegen der überall spürbaren staatlichen Gängelung und fehlender Demokratie. Die vollmundigen Versprechen Honeckers auf den Parteitagen der SED hatten Erwartungen geweckt, denen die heimische Konsumgüterindustrie angesichts der angespannten Wirtschaftslage nicht entsprechen konnte.

Die Misere der Mangelwirtschaft war in den staatlichen Verkaufsläden allgegenwärtig. Es fehlte vor allem an hochwertigen Textilien, zahlreichen technischen Konsumgütern, ästhetisch ansprechenden Wohnungseinrichtungen, Bettwäsche und vielem mehr. Selbst die Versorgung mit den "Waren des täglichen Bedarfs" wie Fleisch, Wurst, Obst und Gemüse konnte nicht durchgängig gesichert werden und schwankte regional beträchtlich, wobei Ost-Berlin aufgrund seiner politischen Bedeutung als "Schaufenster" zum Westen noch immer bevorzugt behandelt wurde. Abhilfe suchte die politische Führung durch die Schaffung besonderer Verkaufseinrichtungen, in denen man die äußerst knappen Konsumgüter anbot, die mit kostbaren Devisen aus dem westlichen Ausland importiert werden mussten. Ein Teil der importierten Waren stand der 1962 gegründeten

Einzelhandelskette "Intershop" zur Verfügung, in der Waren ausschließlich mit konvertierbaren Währungen bezahlt werden mussten. 1974 gab es 271 Intershops; der Umsatz ging in die Milliarden. Allein 1979 erwirtschafteten sie Einnahmen in Höhe von 450 Millionen Westmark (DM). Das Sortiment umfasste Nahrungsmittel, Alkohol, Tabakwaren, Kleidung, Spielwaren, Schmuck, Kosmetika, technische Geräte, Tonträger und vieles mehr. Seit 1974 durften dort auch DDR-Bürger einkaufen. Da sie Valuta jedoch nicht legal gegen Mark der DDR eintauschen konnten, blühte der illegale Umtausch. Für eine West-Mark mussten im Schnitt vier Ost-Mark gezahlt werden, Ende der 1980er Jahre sogar acht DDR-Mark.

Die Ausweitung der Intershops verbesserte in den 1970er Jahren zwar für einen Teil der Bevölkerung die Versorgungslage, bewirkte aber vor allem, dass es praktisch zwei Währungen in der DDR gab und sich eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft herausbildete. Das führte zu erheblicher Verstimmung aller derjenigen, die keine Verwandten und Bekannten im Westen oder andere Gelegenheiten hatten, an Westgeld zu kommen, oder die aufgrund ihrer beruflichen Stellung keinen Westkontakt pflegen durften. Auch in den Betrieben forderten Beschäftigte hier und da schon eine teilweise Entlohnung in Westmark. Daraufhin erklärte die SED-Führung, diese Läden seien keine "ständigen Begleiter des Sozialismus", sondern eine Übergangslösung. Bis zuletzt konnte sie die Existenz der Intershops nicht glaubhaft rechtfertigen.

Die Nachteile für diejenigen, die nicht über Westgeld verfügten, sollten durch die "Exquisit"- und "Delikat"-Läden ausgeglichen werden. In den "Exquisit"-Läden wurden vornehmlich Qualitätswaren der Textil-, Leder- und Pelzindustrie zu stark überhöhten Preisen verkauft, die jedoch in Mark der DDR bezahlt werden konnten. 1976 wurden diese Verkaufseinrichtungen ergänzt, indem für den Nahrungs- und Genussmittelbereich "Delikat"-Läden eingerichtet wurden. In den 1980er Jahren gab es etwa 300 "Exquisit"- und rund 550 "Delikat"-Läden. Dort konnten Waren aus der "Gestattungsproduktion" (in der DDR in Lizenz hergestellte westliche Erzeugnisse) und Importe für Mark der DDR gekauft werden. Die Folge war, dass preiswerte Waren aus den normalen Läden verschwanden und zu kräftig erhöhten Preisen unter anderem Namen in Exquisit- und Delikat-Läden wieder auftauchten. Dort waren dann auch Waren aus den Intershops für DDR-Mark zu haben, allerdings zu einem rund viermal höheren DDR-Mark-Preis. Dieser widersinnige Mechanismus im sensiblen Sektor der Konsumgüter sorgte ständig für Unmut in der Bevölkerung und zwang die SED-Führung zum Lavieren.

Die Befürchtung, dass eine allgemeine oder auch nur spezielle Preiserhöhung für bestimmte Waren des Grundbedarfs Unruhe auslösen könnte, ließ Honecker Versuche, die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel und die stark subventionierten Mieten spürbar anzuheben, hartnäckig ablehnen. Für stabile Verbraucherpreise und Tarife sowie niedrige Mietpreise wurden 1977 insgesamt 44,3 Milliarden Mark aufgewendet. Ökonomisch waren die immensen Subventionen nicht zu vertreten. Sie mussten mit einer wachsenden Staatsverschuldung finanziert werden, die volkswirtschaftlich nicht kompensiert werden konnte.

Lebensstandard im Konsumsozialismus

Im Vergleich zu anderen Ländern des Ostblocks herrschte in der DDR am Anfang der 1980er Jahre ein hoher Lebensstandard. Verfügte Mitte der 1970er Jahre erst jeder vierte Haushalt über einen PKW, war es 1979 bereits jeder dritte. Auch der Ausstattungsgrad mit hochwertigen Konsumgütern wie Fernsehapparaten (90 Prozent), Kühlschränken (fast 100 Prozent) oder Waschmaschinen (80 Prozent) lag deutlich höher als in den meisten osteuropäischen Ländern. Das ehrgeizige Wohnungsbauprogramm zeitigte erste Resultate. Großwohnsiedlungen wie Leipzig-Grünau, Berlin-Marzahn, Halle-Neustadt, Jena-Lobeda, Rostock-Lütten-Klein oder "Am Stern" in Potsdam kündeten davon, dass die Parteiführung damit beschäftigt war, die "Wohnungsfrage als soziales Problem" zu lösen. 1979 lebten in der am westlichen Stadtrand Leipzigs gelegenen Wohnsiedlung Grünau schon 16 500 Menschen. Ende der 1980er Jahre stieg die Zahl der Bewohner auf mehr als 80000, die in 36 000 Wohnungen lebten.

Wohnraum blieb dennoch knapp. Die meistgebaute Wohnung hatte drei Zimmer und maximal 66 Quadratmeter. Die engen Wohnungen und die monotone Architektur der Plattenbausiedlungen wurden als "Arbeiterschließfächer" verspottet. Zudem sorgte das Wohnumfeld der neuen Siedlungen für Unzufriedenheit. Die noch immer unzureichenden Einkaufsmöglichkeiten und Freizeiteinrichtungen, der Mangel an Dienstleistungen und die oft schlechte Verkehrsanbindung ans Stadtzentrum riefen Unzufriedenheit und Resignation hervor. Hinzu kam der rasante Verfall der Altbausubstanz in den historischen Innenstädten. Da auch in den 1980er Jahren über die Hälfte des Wohnungsbestandes aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammte, hatte ein großer Teil der Bevölkerung eine zunehmende Verschlechterung der Wohnqualität zu beklagen.

Die staatlich subventionierten Mieten blieben unverändert. Je nach Ausstattung betrugen sie zwischen 0,80 und 1,25 Mark pro Quadratmeter. Fernwärme oder Zentralheizung erforderten einen Aufpreis von 0,40 Mark. Kleine Altbauwohnungen kosteten deshalb nur selten mehr als 40 Mark Miete, das Entgelt für eine neue Drei-Raum-Wohnung lag bei 100 Mark. Die niedrigen Mieten galten für die SED-Führung als eine ihrer großen sozialpolitischen Errungenschaften. Doch kostendeckend waren diese politischen Preise natürlich nicht, der Verlust wurde einfach im Staatshaushalt verbucht. Die staatlichen Subventionen für das Wohnungswesen stiegen von 2,1 Milliarden Mark im Jahr 1971 auf 16 Milliarden Mark 1988.

Auch die Einkommen stiegen und sorgten für zusätzliche Kaufkraft. Doch allen Abgrenzungsbemühungen der politischen Führung zum Trotz blieb die Bundesrepublik mit ihren wesentlich besseren Lebensverhältnissen und ihrer im Westfernsehen präsentierten Konsumwelt für die Mehrheit der Ostdeutschen der Bezugspunkt für Vergleiche.


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