Dossierbild IZPB Massenmedien

8.6.2011 | Von:
Markus Behmer
Christoph Bieber
Klaus Goldhammer
Gerd Hallenberger
Sonja Kretzschmar
Annika Sehl
Hermann-Dieter Schröder

Wo Medienmenschen arbeiten: Internet, Pressewesen, Rundfunk

Lokaljournalismus

Von der Stadtratssitzung über das Volksfest bis zum Großbrand: Anders als der überregionale Journalismus stellt der Lokaljournalismus Themen für die öffentliche Kommunikation im Nahbereich bereit. In den vergangenen Jahren ist der klassische Zeitungslokalteil erheblich unter Druck geraten: Zeitungen verlieren an Lesern und die Digitalisierung hat zu neuen, lokalen Angeboten im Internet geführt.

Das Lokale hat wesentliche Bedeutung im Journalismus: Die meisten Zeitungsausgaben in Deutschland sind lokale oder regionale Abonnementzeitungen. Sie machen auch den mit Abstand größten Anteil an der Gesamtauflage aller Zeitungen aus. Gleichzeitig arbeitet hier die Mehrheit der Tageszeitungsjournalisten. Auch für die Leser ist das Lokale wichtig. Hier erfahren sie alles, was ihr tägliches Leben betrifft " die Zeiten für die Müllabfuhr ebenso wie Neuigkeiten über Schulen und Kindergärten.

Der lokale Markt ist heute aber nicht auf Tageszeitungen beschränkt. Auch im Radio und Fernsehen gibt es lokale Sender und Sendungen. Im Zuge des technischen Fortschritts, insbesondere der Entwicklung von Social Software wie Blogs, können Bürger heute im Internet auch selbst unkompliziert lokale Inhalte veröffentlichen. Tatsächlich gibt es jedoch vergleichsweise wenige Blogs, die sich unabhängig von der aktuellen Zeitungsberichterstattung kontinuierlich mit lokalen Themen beschäftigen. Die meisten Zeitungen haben inzwischen auch auf diesen Bürgerjournalismus reagiert und integrieren ihre Leser und Nutzer auf ihrer eigenen Webseite in die Berichterstattung. Die Bandbreite ist dabei groß und reicht von Themenvorschlägen oder Online-Kommentaren über Foto-Upload-Möglichkeiten bis hin zu Blogs oder Foren. Ein Beispiel dafür ist die Saarbrücker Zeitung. Seit Januar 2006 fordert sie ihre Leser auf, lokale Themen vorzuschlagen. Redakteure gehen dann diesen Hinweisen nach und berichten, wenn es sich lohnt.

Wesentliche Funktionen der Lokalberichterstattung sind, Bürgern Orientierung im lokalen Raum zu geben und so ihre Möglichkeiten zu fördern, sich politisch oder gesellschaftlich zu engagieren. Auch Kritik und Kontrolle sind Aufgaben des Lokaljournalismus. Diese demokratietheoretischen Idealfunktionen werden in der Realität jedoch häufig durch wirtschaftliche Interessen der Medienunternehmen beeinflusst. Im Lokalen, wo nicht nur eine größere Nähe zu den Rezipienten, sondern auch zu lokalen Eliten und Wirtschaftsunternehmen besteht, gilt dies umso mehr. Hier bietet sich eine Nische für Bürgerjournalismus und partizipativen Journalismus. Beispielsweise kritisierten Nutzer in Online-Kommentaren auf der Webseite der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung schon Tage vor der tödlichen Massenpanik bei der Loveparade 2010 in Duisburg die unzureichenden Zugangswege zum Gelände.

Die Forschungsergebnisse zum Lokaljournalismus sind größtenteils schon älter und lesen sich wie eine Mängelliste: In der Tageszeitung wird zu wenig über politisch relevante Themen berichtet stattdessen zu viel über "Human Interest"-Themen wie Vereinsberichterstattung oder Unfälle und Kriminalität. Öffentliche Termine prägen die Themenauswahl, aktive Themenfindung und Recherche werden dagegen selten betrieben. Auch die journalistischen Darstellungsformen werden nicht ausgeschöpft. Kommentare sind rar, während Nachrichten und Berichte dominieren. Zudem werden Kontroversen selten abgebildet, im Lokalteil wird mehr gelobt als kritisiert. Bei den Informationsquellen zeigt sich, dass vor allem organisierte Interessen in der Zeitung zu Wort kommen wie Vereine, Parteien oder Verbände. Unorganisierte Bürger haben dagegen weniger Chancen. Schließlich kommt hinzu, dass viele lokale und regionale Tageszeitungen in so genannten Ein-Zeitungs-Kreisen erscheinen, also ohne Konkurrenzzeitung vor Ort " eine Entwicklung, die sich in Zeiten der Zeitungskrise weiter fortsetzt. Allerdings zeigt die Forschung auch, dass mehrere Anbieter nicht zwingend zu einer höheren publizistischen Vielfalt führen. Auch hier könnte partizipativer Journalismus teilweise ein Gegengewicht bilden. Allerdings lassen viele Zeitungen ihre Leser und Nutzer nur Kommentare zu Artikeln abgeben, aber keine eigenen Themen einbringen. Doch gerade hier könnte eine Chance liegen.

In den vergangenen Jahren sind vor allem auch die Lokalzeitungen durch sinkende Leserzahlen und die Konkurrenz neuer, lokaler Medien unter Druck gekommen. Sie haben darauf reagiert. Viele Zeitungen ergründen nun mittels Forschung die Interessen ihrer Leser genauer. Sie haben ihre Stärken im Lokalen erkannt und teilweise noch ausgebaut. Die Redaktionen versuchen, sich neu zu organisieren. Viele führen so genannte Newsdesks ein. Dabei arbeiten an einem Tisch Redakteure aus verschiedenen Ressorts eng zusammen. So werden überregionale Themen nicht mehr nur an lokalen Beispielen illustriert, sondern auch lokale Themen können den Sprung in andere Ressorts schaffen. Die technischen Entwicklungen haben schließlich dazu geführt, dass auch im Lokalen crossmediale Strategien wichtiger werden, insbesondere Print und Online enger miteinander vernetzt werden.

Quellentext

Regioblogs

[...] Es existieren mittlerweile zahlreiche regional verankerte Blogs, die in der Netzgemeinde auch Placeblogs heißen. Allein die Seite Blog-Ranking Deutschland (www.wikio.de/blogs/top/deutschland ) listet einhundert von ihnen. Darunter finden sich thematisch spezialisierte [...], aber auch thematisch breitere Angebote [...], die mit vielen Geschichten mit mancher Lokal- zeitung mithalten können.

Zu den Aufmerksamkeitsmagneten gehören die professionellen, kommerziellen Placeblogs. Diese Blogs gehören Medienhäusern und werden (auch) von deren Journalisten professionell aufgebaut und betreut. Beispielsweise das Angebot Fudder.de, das zum Badischen Verlag gehört, der die Badische Zeitung verlegt. Auf der Seite finden sich aktuelle Nachrichten, die sich mit Rubriken wie "Szene" oder "Freie Zeit" in erster Linie an junge Nutzer aus der Region Freiburg richten.
Auch frei finanzierte Placebogs, die von Journalisten geführt werden, orientieren sich in der Regel an journalistischen Kriterien und richten sich an ein regionales Publikum. Zu Ihnen zählen der Pottblog, Ruhrbarone oder das nach dem Gründungsdatum der Stadt benannte Trierer Online-Magazin 16vor.de.
[...] Die Gründung des Blogs Ruhrbarone war eine günstige Alternative, um aus reiner Leidenschaft über bestimmte Themen schreiben zu dürfen. "Geld", sagt Stefan Laurin [Mitbegründer des Blogs " Anm. d. Red.], "lässt sich damit auf absehbare Zeit nicht verdienen".
[...] Zusammen mit dem Filmemacher Axel Wiczorke und einigen anderen gründete [der freie Journalist Ralf Garmatter " Anm. d. Red.] den Verein Hohenlohe ungefiltert, dessen zehn Mitglieder das gleichnamige Blog betreiben. Darauf finden sich [...] Rubriken wie Arbeitswelt, Bildung oder Kultur "Lokale Medienkritik wird am meisten geklickt", sagt Garmatter.
Die drei bis vier regelmäßigen Blogger schreiben ehrenamtlich. Anzeigen wollen sie vermeiden, um sich nicht abhängig zu machen. [...]
Im Jahre 2005 auferstand die einstmals von Karl Marx und Friedrich Engels redigierte Neue Rheinische Zeitung (NRhZ) im Internet. Für Journalisten, Aktive aus politischen und sozialen Initiativen, Vereinen und Künstlergruppen aus Köln sollte es eine publizistische Alternative zu den marktbeherrschenden drei Lokalblättern des DuMont-Verlages Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau und Express sein. Laut eigenen Angaben besuchen täglich rund 5000 Besucher die Seite. Die Autoren arbeiten ehrenamtlich.
Die NRhZ sollte vor allem über Themen der lokalen und regionalen Politik berichten, die dort und im WDR nicht oder aus Sicht der NRhZ verzerrt publiziert werden. [...]
Der Journalist Werner Rügemer veröffentlichte in einer Serie seine Recherchen über die Rolle der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim in der Nazizeit. Er beleuchtete auch ihr heutiges Wirken, ihren Einfluss auf die aktuelle Kölner Kommunalpolitik und ihre angeblich dadurch zustande gekommenen Millionen-Gewinne aus Mieteinnahmen, die aus öffentlichen Gebäuden wie dem neuen Rathaus und der Köln-Arena stammen und vom Oppenheim-Esch-Fonds gebaut wurden. [...]

Manuel Thomä, "Blogs als lokale News-Turbine", in: message 4/2009, S. 24ff.



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