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"Gutes Leben" oder maximaler Nutzen - ökonomische Entscheidungen im Haushalt


19.11.2010
Wie Entscheidungen getroffen werden, um Bedürfnisse zu befriedigen, ist Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Je nach Erkenntnisinteresse haben ökonomische Theorien unterschiedliche Erklärungsansätze.

Lesen oder faulenzen? Auch das ist eine ökonomische Entscheidung...Lesen oder faulenzen? Auch das ist eine ökonomische Entscheidung... (© picture-alliance/AP)

Der Zwang zum Wirtschaften



Wirtschaften müssen alle Menschen, auch wenn es ihnen nicht immer bewusst ist. Einerseits müssen unterschiedliche, vielseitige und sich verändernde Bedürfnisse befriedigt werden, die oft miteinander in Konflikt stehen. Andererseits sind die dafür vorhandenen Mittel - Einkommen, Arbeitskraft, Zeit - nicht unbegrenzt vorhanden, sondern knapp. Deshalb müssen Menschen immer Wahlentscheidungen treffen, welche Bedürfnisse sie mit welcher Dringlichkeit befriedigen wollen und wie sie die Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse einsetzen.

Im Folgenden werden Bedürfnisse, Knappheiten und Wahlentscheidungen genauer betrachtet, um dann die unterschiedlichen Theorien, die Entscheidungen und Funktionsweisen privater Haushalte erklären, in ihren Möglichkeiten und Grenzen zu diskutieren. Am Schluss steht die Frage, ob die Entscheidungen der Menschen überwiegend rationaler Nutzenmaximierung folgen oder der Sehnsucht nach einem "guten Leben".

Bedürfnisse als Gefühle des Mangels

Bedürfnisse gelten allgemein als Wunsch, einen gefühlten Mangel zu beheben. Sie werden - je nach normativer Zielsetzung - unterschiedlich typisiert. Unterschieden wird nach
  • Existenz-, Kultur- und Luxusbedürfnissen, um bei Verteilungskonflikten Prioritäten zu setzen;
  • vitalen, sozialen und geistigen Bedürfnissen, um zu verdeutlichen, dass der Menschenwürde bei der bloßen Aufrechterhaltung von Überlebensbedürfnissen noch nicht Rechnung getragen wird;
  • Gegenwarts- und Zukunftsbedürfnissen, um den Abwägungskonflikt zu verdeutlichen, denn gegenwärtige Bedürfnisse werden oft dringlicher empfunden als künftige;
  • Individual- und Kollektivbedürfnissen, um zu klären, ob die Verantwortung für die Befriedigung des Bedürfnisses beim Individuum oder bei staatlichen Instanzen liegt.
Diese Unterscheidungen haben ihre Schwächen. Was heute ein Luxusbedürfnis ist, kann morgen diesen Status schon verloren haben. So galten Fernsehgeräte in den 1950er Jahren noch als Luxusprodukte, heute sind sie in der deutschen Gesellschaft als Voraussetzung für ein menschenwürdiges Dasein mit kultureller Teilhabe kaum verzichtbar. Politisch sind solche Abgrenzungen relevant, wenn
  • die Hilfe zum Lebensunterhalt anhand eines Warenkorbs festgelegt wird, dessen Inhalt ein menschenwürdiges Leben sichern soll;
  • bei den zu finanzierenden Leistungen gesetzlicher Krankenversicherungen existenziell notwendige Leistungen von Luxusleistungen (etwa Schönheitsoperationen) abgegrenzt werden sollen;
  • eine ermäßigte Umsatzsteuer für Güter festgelegt werden soll, bei denen eine Mindestversorgung aller Bevölkerungsgruppen angestrebt wird, wie etwa für Lebensmittel, den öffentlichen Nahverkehr, Bücher, Zeitungen und kulturelle Darbietungen.
Kollektiv- und Individualinteressen können auseinanderfallen. Wenn das individuelle Bedürfnis nach Bildung bei vielen Menschen nur gering ausgeprägt ist, weil sie gegenwärtigen Wünschen einen höheren Wert beimessen, kann das Kollektivbedürfnis nach Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit darunter leiden. In diesem Fall können die Individualinteressen durch Einführung einer allgemeinen Schulpflicht und Bafög beeinflusst werden.

Die bekannteste Typologie von Bedürfnissen geht auf den Psychologen Abraham H. Maslow zurück. Er wollte aufdecken, wie die Persönlichkeitsentwicklung auch durch soziale Faktoren beeinflusst wird. Dazu differenzierte er unterschiedliche Ebenen von Bedürfnissen:
  • physiologische Bedürfnisse zum existenziellen Überleben: Hunger, Durst, Schlaf, Sexualität;
  • Sicherheitsbedürfnisse, bezogen auf physischen Schutz und Geborgenheit als auch auf deren Sicherung in der Zukunft;
  • Bedürfnisse nach sozialer Bindung bzw. Geborgenheit und Liebe;
  • Bedürfnisse nach sozialer Anerkennung und Geltung;
  • Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung;
  • Bedürfnisse nach Wissen und Verstehen;
  • Bedürfnisse nach Ästhetik.


Bedürfnispyramide angelehnt an MaslowBedürfnispyramide angelehnt an Maslow
Maslow ging davon aus, dass ein höheres Bedürfnis erst dann Geltung erlangen kann, wenn das rangniedere befriedigt ist. Erst wenn der Hunger beseitigt ist, hegt man demnach zum Beispiel geistige Bedürfnisse. Die Bedürfnisgruppen unterschied er auch danach, ob die Befriedigung der Bedürfnisse der Sättigung unterliegt (Restitutionsbedürfnisse) oder ob die Befriedigung keinen Grenzen unterworfen ist (Wachstumsbedürfnisse).

Maslows Typologie erntete auch Kritik. Diese bezog sich weniger auf die Differenzierung, auch wenn sich den genannten, sehr allgemeinen Bedürfnissen viele weitere Einzelbedürfnisse zuordnen lassen, sondern vor allem darauf, dass Maslow in der Reihenfolge hierarchische Entwicklungsstufen sah, wie sie oft in einer Pyramide zum Ausdruck gebracht werden. Natürlich kann niemand lange Zeit ohne die Befriedigung der physiologischen Bedürfnisse auskommen, dennoch wird er gleichzeitig und nicht erst in zweiter Linie an sozialer Bindung und freier Selbstbestimmung interessiert sein. Plausibel erscheint es jedoch schon, dass sich eine als mangelhaft empfundene Befriedigung physiologischer Bedürfnisse nicht unbedingt zuträglich auf das Sozialverhalten, die Entwicklungsmöglichkeiten und das Selbstwertgefühl auswirkt. Zudem sind die Bedürfnisse nach Sicherheit, sozialer Anerkennung, Selbstbestimmung und Selbstentfaltung individuell unterschiedlich ausgeprägt, selbst wenn die vermeintlich darunter liegende Stufe noch nicht befriedigt zu sein scheint. Bedürfnisse auf den unterschiedlichen Ebenen werden nicht nur gleichzeitig empfunden, sondern auch miteinander verknüpft. Während Menschen in Notsituationen sich vom Essen vor allem die Befriedigung ihres Hungers versprechen, dient es in Wohlstandsgesellschaften, etwa bei gemeinsamen Abendessen in der Familie oder bei der Einladung von Gästen, sowohl der sozialen Bindung und Anerkennung als auch der Selbstentfaltung und ästhetischen Bedürfnissen.

Studien, welche die Bedeutung von Lebenszielen untersuchen, stellen übereinstimmend den hohen Wert gelungener sozialer Beziehungen fest. Die höchsten Werte erhalten in Umfragen die "glückliche Partnerschaft", aber auch das "für andere da sein", also Güter, die man nicht kaufen kann. Dies kann allerdings auch daraus resultieren, dass die vitalen Bedürfnisse von vielen Menschen für befriedigt bzw. nicht gefährdet gehalten werden - oder aber, dass gar nicht nach ihnen gefragt wurde.

Entwicklung von Bedürfnis zur NachfrageEntwicklung von Bedürfnis zur Nachfrage
Ein Mangelgefühl bedeutet noch nicht, dass nur auf dem Markt gehandelte Güter und Leistungen das jeweilige Bedürfnis befriedigen können oder müssen. So lässt sich ein Sonnenuntergang eventuell ebenso auf dem heimatlichen Balkon wie mittels Fernreise am Strand genießen. Bedürfnisse müssen also erst als Bedarf nach bestimmten Gütern konkretisiert werden, um dann ggf. am Markt in Abhängigkeit von den finanziellen Voraussetzungen als kaufkräftige Nachfrage zu erscheinen und im Gebrauch des passenden Angebots schließlich hoffentlich den ersehnten Nutzen zu stiften. Dementsprechend zielt die moderne Marktwerbung für Produkte und Leistungen in der Regel auf unterschiedliche Bedürfnisebenen. So sollen Nahrungsmittel heute zwar immer noch in erster Linie Hunger stillen, die unterschiedlichen Produkte werden aber auch damit beworben, dass sie zur Gesundheitserhaltung beitragen (Sicherheit), Geselligkeit begünstigen (Geborgenheit), schlank machen (Geltung), Romantik ermöglichen (ästhetische Bedürfnisse) oder den Einzelnen in die Lage versetzen, eine Leistung besser zu erbringen (Anerkennung, Selbstverwirklichung).