Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

1933-1945: Verdrängung und Vernichtung

Das Novemberpogrom

Am 28. Oktober 1938 verfügte die deutsche Regierung die Ausweisung der im Reich lebenden 18000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit, da die polnische Regierung die Grenzen für diese Bevölkerungsgruppe zu schließen drohte. Für 8000 dieser gezwungenen Rückwanderer blieb die polnische Grenze verschlossen. Sie mussten bei Regen und Kälte im Niemandsland dahinvegetieren, notdürftig versorgt von polnischen jüdischen Hilfsorganisationen. Dies veranlasste den 17-jährigen in Paris lebenden Herschel Grynszpan, dessen Eltern sich unter dieser Gruppe befanden, in der deutschen Botschaft in Paris ein Attentat auf den deutschen Botschaftssekretär Ernst vom Rath zu verüben. Dessen Tod nutzte Propagandaminister Goebbels, um zur Vergeltung dieser Tat am 9. November 1938 zum Pogrom in Deutschland aufzurufen. SA- und SS-Mitgliedertruppen zündeten über 1000 Synagogen und Häuser jüdischer Einrichtungen an und verschleppten circa 30000 Juden in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald. Dass es bei diesem Pogrom dem NS-Staat auch darum ging, sich den noch verbliebenen Besitz der Juden anzueignen, zeigten der Prozess der erzwungenen "Arisierung" der jüdischen Betriebe, die Einbehaltung der Versicherungsleistungen für die verursachten Brandschäden sowie die 1,2 Milliarden RM "Sühneleistungen", die die deutschen Juden zu entrichten hatten. Das Vermögen der über 110000 Juden, die 1938/39 auswanderten, wurde vom Staat beschlagnahmt. Bei den Auswanderern handelte es sich vielfach um Inhaftierte des Novemberpogroms, die nur freikamen, wenn sie sich zur Auswanderung verpflichteten. Viele, die kein Visum bekommen konnten, versuchten vor allem, ihre Kinder zu retten. Großbritannien hatte sich bereit gefunden, 10000 Kinder aufzunehmen.
Die nichtjüdische Bevölkerung hatte - von Einzelpersönlichkeiten abgesehen - das Novemberpogrom protestlos hingenommen, viele hatten die Zwangsarisierungen begrüßt. Die NS-Regierung befürchtete jedoch Beunruhigung unter den "arischen" Verwandten der etwa 20500 in "Mischehen" lebenden nichtjüdischen Ehepartner, da diese seit den Nürnberger Gesetzen wie Juden behandelt worden waren. Göring unterschied deshalb im Dezember 1938 durch Erlass zwischen "privilegierten" und "nicht-privilegierten Mischehen". Unter die "Nicht-privilegierten" fielen alle Paare mit jüdischem Ehemann, die keine Kinder hatten bzw. deren Kinder jüdisch erzogen worden waren. Als "privilegiert" galten alle Ehepaare, bei denen die Frau jüdisch war, die Kinder aber nicht jüdisch erzogen worden waren. Die "privilegierten Ehepaare" konnten ihr Vermögen durch dessen Überschreibung auf den nichtjüdischen Partner behalten; sie wurden 1941 von der Verpflichtung ausgenommen, einen Judenstern zu tragen. "Großzügig" bot Göring den "deutschblütigen Frauen" an, sich scheiden zu lassen und in den "deutschen Blutsverband" zurückzukehren.
Mit dem Novemberpogrom 1938 setzte eine neue Phase der NS-Judenpolitik ein. Mit ihren Zwangsmaßnahmen forcierte die Politik die endgültige "Arisierung jüdischen Besitzes", ferner die Auswanderung bei weitgehendem Verlust des Eigentums sowie die Konzentration der noch verbleibenden Juden in "mauerlosen Ghettos". In den Städten wurden die noch verbliebenen Juden in "Judenhäuser" "umgesiedelt", wo sie auf engstem Raum leben mussten und vielfach von NS-Hauswarten schikaniert wurden. Zudem wurden die Lebensmittelzuteilungen für Juden gekürzt.
Nach dem Sieg über Frankreich im Sommer 1940 diskutierten die NS-Machthaber kurzzeitig den "Madagaskar-Plan": die Deportation der europäischen Juden auf die Insel Madagaskar. Vom Auswärtigen Amt und der SS wurden dafür detaillierte Pläne erstellt. Doch scheiterte die Realisierung dieses Planes. Ob es sich dabei um eine ernsthaft erwogene Option gehandelt hatte, ist in der historischen Forschung mehr als umstritten.


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