Internationale Wirtschaftsbeziehungen
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Weltwirtschaftliche Entwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts


27.8.2008
Seit 1990 hat sich die weltwirtschaftliche Verflechtung stark intensiviert. Der Warenhandel und der Dienstleistungssektor waren davon ebenso betroffen wie die weltweit tätigen Unternehmen und der grenzüberschreitende Kapitalverkehr.

Ein Container wird im Hafen von Hamburg beladen.Ein Container wird im Hafen von Hamburg beladen. (© AP)

Einleitung



Früh morgens klingelt der Wecker - made in China. Während wir zum Frühstück Kaffee aus Südamerika trinken und ein Brötchen mit holländischem Käse essen, hören wir im Radio Lieder englischer oder amerikanischer Bands. Auf dem Weg zur Arbeit begegnen uns Autos deutscher, japanischer, schwedischer oder französischer Hersteller. Im Büro schalten wir den Computer ein und arbeiten mit US-amerikanischer Software und chinesischer Hardware. Auf dem Weg nach Hause halten wir noch kurz im Supermarkt und stehen vor einer großen Palette heimischer und ausländischer Produkte. Wir haben die freie Auswahl: Der griechische Spargel und das argentinische Rindfleisch sind im Angebot; die spanischen Orangen sehen sehr gut aus, und ein französisches Shampoo wirbt mit Bestnoten der Stiftung Warentest. Wenn wir das Nötigste in den Einkaufswagen gepackt haben, suchen wir noch schnell das besonders leckere englische Weingummi und die original-italienische Pastawürzmischung.

Wieder zu Hause angekommen, stellen wir noch eine Waschmaschine mit unserer in Taiwan produzierten Kleidung an und läuten den Feierabend ein. Wir machen es uns auf dem Sofa einer schwedischen Möbelhauskette bequem, schauen einen Film aus Hollywood, trinken ein Glas von dem südafrikanischen Wein und überlegen, inspiriert durch die ausländische Tourismuswerbung, welches Land wir in unserem nächsten Urlaub gerne mal erkunden würden.

Dieser kleine Ausschnitt eines exemplarischen Tagesablaufs verdeutlicht, dass ausländische Produkte in unserem Alltag selbstverständlich geworden sind - die positive Folge eines intensiven Außenhandels und internationaler Wirtschaftsbeziehungen. Andere Auswirkungen enger wirtschaftlicher Verflechtungen werden als weniger positiv wahrgenommen. Wenn Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden, die Energiepreise steigen oder Finanzkrisen drohen, löst das Besorgnis und Irritationen aus. Eins wird aus all dem deutlich: Internationale Wirtschaftsbeziehungen sind kein abstrakter ökonomischer oder politischer Gegenstand, sondern haben praktische Bedeutung für das Leben jedes Einzelnen. Es ist daher nützlich zu wissen, unter welchen Bedingungen sie sich vollziehen.

In den letzten Jahren haben sich mehrere, teils grundlegend neue globale Rahmenbedingungen bzw. Entwicklungstendenzen ergeben. Technischer Fortschritt, besonders in der Kommunikationstechnologie und im Transportwesen, und politische Entscheidungen, wie die Liberalisierung des Welthandels durch den Abbau von Handelshemmnissen, haben zu einer bisher nicht gekannten wirtschaftlichen Verflechtung der Staaten untereinander geführt. Diese zunehmende Vernetzung von Volkswirtschaften ist der ökonomische Kern dessen, was heute als Globalisierung verstanden wird. In ihrer Folge ist das Wirtschaftswachstum gestiegen, haben sich die Märkte vergrößert, und der globale Wettbewerb hat sich intensiviert. Unsere Darstellung zeigt, wie sich der Warenhandel und der Dienstleistungssektor unter den Bedingungen der Globalisierung entwickelt haben, welchen Bedeutungszuwachs multinationale Unternehmen und der grenzüberschreitende Kapitalverkehr erfahren haben und welche Auswirkungen das für den Standort Deutschland hat.

Die Intensivierung internationaler Wirtschaftsbeziehungen bietet Chancen und Risiken. Beispielsweise kann der wachsende internationale Wettbewerb zu einer die Wohlfahrt steigernden internationalen Arbeitsteilung führen, Forschung und Innovation vorantreiben, neue Absatzmärkte erschließen und Arbeitsplätze sichern bzw. schaffen. Andererseits kann die erhöhte Konkurrenz auf Märkten Arbeitsplätze gefährden und den Druck auf die Einkommen von Beschäftigten erhöhen. Im Zuge der Konkurrenz um ausländische Investitionen können Staaten in Versuchung bzw. unter Druck geraten, ihre Standards, beispielsweise in der Sozial- oder Umweltpolitik, zu senken, um so ihre Attraktivität als Standort für wirtschaftliche Aktivitäten zu steigern.

Quellentext

Wettbewerb und Moral

[...] Süddeutsche Zeitung (SZ): Sind Werksverlagerungen [...] Ausgeburten eines Turbokapitalismus?
Homann: [...] Sie sind Ausgeburten eines stinknormalen Wettbewerbs, der die Bedingung unseres Wohlstands ist. Die Mehrheit profitiert davon, indem sie möglichst billig einkaufen kann.
SZ: Ist diese Geiz ist-geil-Mentalität moralisch?
Homann: Wenn die Kunden das wollen, dann sollen sie dort einkaufen, wo sie die Ware am günstigsten bekommen.
SZ: Auch wenn das zu Lasten anderer geht?
Homann: Wettbewerb geht immer zu Lasten anderer. Er bringt aber auf lange Sicht uns allen die größten Vorteile. Letztlich ist Wettbewerb solidarischer als Teilen.
SZ: Wie bitte? Teilen gilt als eine der solidarischsten Verhaltensweisen überhaupt. Wettbewerb hat das eigene Wohlergehen im Blick.
Homann: Seit wir auf dem Telefonmarkt Wettbewerb zulassen, ist das Telefonieren so billig wie nie zuvor. [...] Monopole beuten die Kunden aus. Das alte Mütterchen mit kleiner Rente, das seine sozialen Kontakte über das Telefon aufrechterhält, hat vom Wettbewerb ganz klar profitiert. [...]
SZ: [...] Ist unternehmerisches Handeln nicht auch daran zu messen, welche kurzfristigen Folgen es für die Arbeitsplätze hat?
Homann: Grundsätzlich nein. [...] Unternehmerisches Handeln ist daran zu messen, ob und wie weit es der Allgemeinheit und nicht den Arbeitsplatzbesitzern dient.
SZ: Unternehmer haben keine soziale Verantwortung gegenüber ihren Beschäftigten?
Homann: Doch, natürlich haben sie die. Unternehmer haben eine Fürsorgepflicht und für menschengerechte Arbeitsplätze zu sorgen. Wenn Unternehmer keine Verpflichtung gegenüber ihren Mitarbeitern zeigen, dann haben sie eine Belegschaft, bei der die innere Kündigung an der Tagesordnung ist. Das wirkt sich auch wirtschaftlich aus. Wertschöpfung erfolgt durch Wertschätzung. Deshalb wird kein Unternehmer leichtfertig Mitarbeiter entlassen. Das wäre ökonomisch nicht rational. [...] Es kann in einer Marktwirtschaft keinen Bestandschutz geben. [...] Allerdings müssen die Härten für die von Arbeitslosigkeit Betroffenen abgefedert werden. Wir müssen den Menschen die Chance geben, wieder in den Arbeitsprozess zu kommen. Dazu müssen wir die Arbeitnehmer besser qualifizieren und vor allem die Jugend gut ausbilden. [...]
SZ: Zeigt der Fall Nokia, das es zu wenige gesetzliche Regelungen für internationale Wirtschaftsverflechtungen gibt?
Homann: Jeder Wettbewerb braucht Spielregeln. Der internationale Wettbewerb hat in der Tat bisher noch relativ wenig Spielregeln. Daran müssen wir arbeiten.
SZ: Machen internationale Ethikstandards die globale Wirtschaftswelt menschlicher oder ineffizienter?
Homann: Sie machen sie menschlicher und damit effizienter. Wir dürfen nicht von diesem Gegensatz ausgehen. Wenn das Wirtschaftsleben menschlicher wird, dann zahlt sich das langfristig aus. [...] In China geht die Kinderarbeit wegen des exorbitanten Wirtschaftswachstums deutlich zurück. Wenn der Wohlstand steigt, schicken die Menschen ihre Kinder nicht zur Arbeit, sondern in die Schule. Diese Entwicklung kennen wir aus unserer eigenen Geschichte ja nun auch.

Mit dem Wirtschaftsethiker Karl Homann sprach Sibylle Haas.

"Wettbewerb ist solidarisch", in: Süddeutsche Zeitung vom 29. Januar 2008


Die Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik müssen die dynamischen wirtschaftlichen Veränderungen rund um den Globus bei ihren Entscheidungen einkalkulieren.

Sie tun dies auf der Basis klassischer und theoretischer Grundlagen (Kapitel 2), wobei immer wieder die Kontroverse um das Ausmaß der außenwirtschaftlichen Liberalisierung aufbricht, und stützen sich auf verschiedene Instrumente und Institutionen der internationalen Handels- (Kapitel 3) und Währungspolitik (Kapitel 4). Vielfach sind die derzeitigen Denkstrukturen der Akteure, sind Institutionen und Handlungsinstrumente im Bereich der internationalen Wirtschaftsbeziehungen noch nicht genügend auf die Herausforderungen der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen eingestellt. Um Gestaltungsdefiziten zu begegnen, werden in Zukunft Bemühungen um die Koordinierung im Rahmen einer "Weltwirtschaftsordnung" (Kapitel 5) unverzichtbar sein.


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