Internationale Wirtschaftsbeziehungen

27.8.2008 | Von:
Klaus-Peter Kruber
Anna Lena Mees
Christian Meyer

Weltwirtschaftliche Entwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Ausweitung des Kapitalverkehrs

Die wichtigsten Börsen der WeltDie wichtigsten Börsen der Welt
Der dritte, seit den 1970er Jahren am schnellsten wachsende Teilbereich der internationalen Wirtschaftsbeziehungen - noch vor dem Waren- und dem Dienstleistungshandel - ist der internationale Kapitalverkehr, auf den sich die Globalisierung der Wirtschaft in besonders starkem Maß auswirkte: Als Folge der Liberalisierung der Finanzmärkte und der wachsenden Bedeutung multinationaler Unternehmen häufte sich die Zahl der Finanztransaktionen und die internationalen Kapitalströme schwollen an.

Für die Zunahme der internationalen Kapitalbewegungen lassen sich mehrere Gründe anführen. So entsteht beispielsweise durch den wachsenden Waren- und Dienstleistungshandel ein zunehmender Finanzierungsbedarf. Bedeutender als Ursache ist jedoch die Internationalisierung der Finanzmärkte und der Anlagemöglichkeiten. Banken agieren heute in einem weltweiten, durch Telekommunikation verbundenen Finanzsystem und legen ihre Gelder dort an, wo sie - unter Berücksichtigung von Wechselkurs- und politischen Risiken - die günstigsten Renditen, das heißt die den größten Erfolg versprechende Verzinsung des eingesetzten Kapitals finden. Geldinstitute decken ihren Geldbedarf dort, wo die Zinsen am niedrigsten sind.

Täglich werden circa 2000 Milliarden US-Dollar auf den internationalen Finanzmärkten gehandelt, wobei nur fünf Prozent davon auf die Finanzierung des Handels selbst entfallen. Doch nicht nur die Banken haben ihre internationalen Geschäfte ausgedehnt; auch die privaten Auslandsgeschäfte haben zugenommen. So sind die Aktien- und Wertpapierkäufe von Privatpersonen und die von multinationalen Unternehmen im Ausland aufgenommenen Bankkredite seit den 1970er Jahren um das 16fache gestiegen.

Quellentext

Börse London

[...] Mit einem Handelsvolumen von 10,2 Billionen Euro ist die London Stock Exchange (LSE) die zweitgrößte Börse der Welt und zugleich eine der ältesten. Die Wurzeln der LSE reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Bereits 1695 gab es in London 140 Aktiengesellschaften, die Anteilsscheine wurden in zwei Kaffeehäusern in der City gehandelt, dem Garraway's und dem Jonathan's. 1697 verabschiedete das britische Parlament ein Gesetz, um die "Zahl und das Fehlverhalten der Makler und Börsenjobber zu beschränken". Das aber konnte Fehlspekulationen nicht verhindern: 1720 platzte die "South Sea Bubble", eine der berüchtigsten Börsenblasen der Geschichte.

Nahe dem historischen Sitz der Londoner Börse, an der Ecke Threadneedle Street/Old Broad Street, weihte Queen Elizabeth II. 1972 den neu errichteten Stock Exchange Tower ein. Nach dem Big Bang von 1986, der weitreichenden Liberalisierung des britischen Finanzmarktes, fand der Handel jedoch zunehmend außerhalb des Börsengebäudes statt.
Obendrein führte der Vormarsch des Computers dazu, dass immer weniger auf dem Parkett selbst gehandelt wurde.
Im Juli 2004 zog die Börse in ein besser geeignetes Gebäude am Paternoster Square um, ganz in der Nähe der St. Pauls Cathedral. In den folgenden Jahren versuchten nacheinander die australische Investmentbank Macquarie, der amerikanische Börsenbetreiber Nasdaq und die Deutsche Börse, die London Stock Exchange zu übernehmen.
LSE-Chefin Clara Furse wehrte entschlossen die Attacken ab. Im Juni 2007 übernahm sie ihrerseits die Borsa Italiana in Mailand.

G.H., "Börse London", in: Die ZEIT Nr.19 vom 30. April 2008.

Die Ausweitung des internationalen Kapitalverkehrs ist auch auf das Auftreten neuer Akteure auf dem internationalen Kapitalmarkt zurückzuführen. Neben Banken, Versicherungen und "klassischen" Investmentfonds geraten neuerdings die so genannten Hedgefonds und staatliche bzw. unter staatlichem Einfluss stehende Investmentfonds als bedeutende Investoren auf den internationalen Kapitalmärkten in den Blick der Öffentlichkeit.

Investmentfonds

Investmentfiónds kaufen Wertpapiere, beispielsweise Schuldverschreibungen oder Aktien verschiedener Unternehmen. Auf diesen "Korb" von Wertpapieren geben sie Zertifikate aus, die einen Anteil am Investmentvermögen repräsentieren und die ein Anleger erwerben kann. Auf diese Weise wird das Risiko auf mehrere Aktien gestreut. Durch Spezialisierung auf bestimmte Branchen oder Länder bieten Investmentfonds dem Anleger Wahlmöglichkeiten mit unterschiedlichen Chancen und Risiken.

Terminmärkte

An den internationalen Börsen haben sich in den letzten Jahrzehnten Terminmärkte gebildet, auf denen Derivate gehandelt werden. Derivate (von lat. derivare, ableiten) sind Wertpapiere, deren Kurse vom Kurs anderer zu Grunde liegender Werte abhängen. Sie sind demnach abgeleitete, das heißt derivative Finanzpapiere. Es gibt verschiedene Formen von Derivaten; vor allem Kauf- und Verkaufsoptionen für Rohstoffe, Aktien oder Devisen sind verbreitet. Es werden also zunächst nicht die Rohstoffe, Aktien oder Devisen selbst gehandelt, sondern Verträge über das Recht beziehungsweise die Pflicht, eine bestimmte Rohstoffmenge, eine Aktie, einen Währungsbetrag innerhalb der Optionsfrist zu einem vorher vereinbarten Preis (Kurs) zu kaufen beziehungsweise zu verkaufen. Erst zum vereinbarten Termin werden die Kauf- bzw. Verkaufsoptionen (calls bzw. puts) gegebenenfalls ausgeübt. Der Käufer eines puts spekuliert auf sinkende, der Käufer eines calls auf steigende Preise (Kurse).

Quellentext

Neue Spekulanten im alten Geschäft

Im Herzen Chicagos steht die Börse. [...] An jedem Werktag zwischen 9.30 und 13.15 Uhr werden hier [...] die Rohstoffpreise für die ganze Welt gemacht. [...] Was in Chicago ausgehandelt wird, bestimmt das Leben von Farmern im Mittleren Westen der USA und von Reisbauern in Vietnam, von Bettlern in den Slums von Manila und von Bäckern in Deutschland. Und heute geht es dabei oft um Sein oder Nichtsein. [...]

Eigentlich wurde die Rohstoffbörse ja einst mit dem Ziel gegründet, Sicherheit zu schaffen. Als eine Gruppe von 83 Kaufleuten am 3. April 1848 den Chicago Board of Trade gründeten, wollten sie Ordnung in den Handel mit den Agrarprodukten des Mittleren Westens bringen. Damals waren dies Mehl, Gras-Samen und Heu. Drei Jahre später konnten Farmer erstmals ihre Ernte "forward" verkaufen, also im Voraus. Damit sicherten sie sich gegen fallende Preise ab, die Händler gegen steigende. An diesem Prinzip hat sich nichts geändert. Mit einem der heute üblichen Terminkontrakte erwirbt ein Händler das Recht und die Pflicht, 5000 Bushel (altes amerikanisches Schüttmaß, im internationalen Getreidehandel üblich - Anm.d.Red.) Mais, Weizen, Sojabohnen oder Reis zu einem festgesetzten Preis und Zeitpunkt zu liefern oder zu kaufen. [...]
In früheren Zeiten galt Rohstoff-Spekulation [...] als ein riskantes Geschäft für Profis, die etwas von Landwirtschaft verstehen. Doch jetzt versuchen [...] Investoren von der Wall Street [...] ihr Glück mit Reis und Soja. Anders als Farmer und Getreidehändler suchen sie nicht Sicherheit, sondern die maximale Rendite. [...] Jede Woche fließt im Durchschnitt eine Milliarde Dollar [...] nach Chicago, und das bei einem Gesamtmarkt von überschaubaren 240 Milliarden Dollar. So genannte Index-Fonds, die ihr Geld mit Wetten auf Rohstoff-Indices verdienen, kontrollieren derzeit 4,5 Milliarden Bushel Mais, Weizen und Sojabohnen, was ungefähr der Hälfte der gesamten Vorräte in den Silos der USA entspricht.
Wer die Spezialisten an der Chicagoer Börse fragt, was diese neuen Spekulanten nun bewirken, der stößt auf einige Unsicherheit. "Die Index-Fonds sind wie ein Elefant in einem Zimmer. Man weiß nicht genau, was er anstellen wird", sagt Greg Wagner, ein Marktforscher bei der Analyse-Firma AgResource in Chicago. "Normalerweise ist die Gruppe der Käufer und Verkäufer hier begrenzt. Jetzt hat alles eine neue Dimension bekommen." David Lehman, Chef-Ökonom der Börse, findet sogar Positives an den neuen Mitspielern: "Die Spekulanten [...] bringen Liquidität in die Märkte, das erleichtert den Ausgleich von Angebot und Nachfrage."
Im April musste allerdings die zuständige Aufsichtsbehörde, die Commodity Futures Trading Commission (CFTC) in Washington eine Anhörung über die Rolle der neuen Spekulanten veranstalten. Grund war, dass das Spiel der Rohstoffkontrakte plötzlich nicht mehr so funktionierte wie gewohnt. [...]
Terminkontrakte sind teurer als die Ware, die dahinter steht [...]. Die Folgen aber sind fatal: Manche Getreidehändler weigern sich, den Farmern ihre Ernte im voraus abzukaufen, weil ihnen die Kontrakte zu riskant sind. Die Farmer müssen das Risiko wieder selber tragen, wie in den Tagen, ehe es die Börse in Chicago gab. [...]

Nikolaus Piper, "Tiefdruckgebiete und Terminkontrakte", in: Süddeutsche Zeitung vom 15. Mai 2008

Am Terminmarkt werden also Werte in der Zukunft zu einem bereits festgelegten Preis gekauft, der auch erst in der Zukunft zu zahlen ist. Will man sich gegen das eingegangene Kursrisiko absichern, kann man dies mit entgegen gerichteten Kauf- oder Verkaufsoptionen tun. Banker bezeichnen dies als "hedging" (von engl. to hedge, einhegen). Am Kassamarkt, an dem Käufe und Verkäufe noch am gleichen Tag abgewickelt werden, ist diese Absicherung hingegen nicht möglich. Termingeschäfte und hedging sind vor allem bei international aufgestellten Unternehmen üblich. So sichern beispielsweise die deutschen Autohersteller einen bestimmten Euro-Dollar-Kurs durch Termingeschäfte ab, um Produktion und Verkauf besser planen zu können.

Hedgefonds

Einige Investmentfonds haben sich auf hoch spekulative, im Erfolgsfall aber auch besonders rentable Termingeschäfte spezialisiert. Typisch sind der Handel mit Derivaten, hedging, Leerverkäufe und die Ausnutzung des Leverage-Effekts. Etwas irreführend werden diese Fonds in der Öffentlichkeit als Hedgefonds bezeichnet, denn hedging ist - wie oben beschrieben - eine generell im Finanzsektor verbreitete Strategie zur Risikoabsicherung bei Finanzanlagen. Bei einem Leerverkauf (short selling) spekuliert der Fondsmanager darauf, von einem erwarteten Kursverfall eines Wertpapiers profitieren zu können: Er verkauft beispielsweise Aktien und hofft, sie zu einem vereinbarten Termin billiger zurückkaufen zu können. Tatsächlich besitzt der Fondsmanager die Aktien bei Vertragsabschluss aber gar nicht, sondern hat sie lediglich bei einer Bank oder einem Unternehmen für diesen Zeitraum geliehen. Liegt bei Fälligkeit des Geschäfts der Kurs der Aktie unter dem Verkaufskurs, macht der Fonds Gewinn. Liegt der Aktienkurs zum Rückkaufzeitpunkt allerdings höher als der Verkaufskurs, ist der Fonds verpflichtet, die Aktien trotzdem zu kaufen, denn sie müssen ja an die ausleihende Bank zurückgegeben werden. In diesem Fall macht der Fonds Verluste. Ein Fondsmanager sollte über fundierte Marktanalysen und gutes "Gespür" verfügen, denn er muss nicht nur die Kursentwicklung der ausgewählten Aktie richtig einschätzen, sondern auch den Zeitpunkt der Transaktion günstig auswählen.

Quellentext

Leerverkauf am Fallbeispiel

Eine hoch spekulative Anlagestrategie auf internationalen Finanzmärkten sind Leerverkäufe (short selling). Ein Börsenspekulant erwartet den Kursverfall eines Wertpapiers und hofft daran verdienen zu können, indem er es jetzt verkauft und später zu einem niedrigeren Kurs wieder erwirbt. Dabei handelt er nicht mit eigenen Wertpapieren, sondern leiht sich die benötigten Aktien für die Dauer der Transaktion von anderen aus. Auf diese Weise können mit relativ geringem Kapitaleinsatz große Kapitalbeträge bewegt werden. Dies sei an folgendem Beispiel erläutert.

Die Aktien der MaxAG werden an der Börse mit dem Kurs von 100 Euro pro Anteilsschein notiert. Eine Bank besitzt 10 000 Aktien, möchte sie nicht verkaufen, aber doch gern einen zusätzlichen Ertrag erzielen. Sie verleiht die Aktien für sechs Monate an den Manager des Spekfonds gegen eine Leihgebühr von fünf Prozent. Der Fondsmanager bezahlt der Bank die Leihgebühr von 50 000 Euro und kann nun über die Aktien verfügen. In der Erwartung, dass der Kurs der MaxAG sinken wird, verkauft er die Aktien zum aktuell gültigen Kurs (also für 1 000 000 Euro). Drei Fälle sind nun denkbar:
  • Der Kurs der Aktie fällt in den sechs Monaten um zehn Prozent auf 90 Euro. Der Fondsmanager kann die 10 000 Aktien für 900 000 Euro zurückkaufen und an die Bank zurückgeben. Er macht einen Gewinn von 50 000 Euro (100 000 Euro Kursgewinn minus 50 000 Euro Leihgebühr). Steuern und Spesen seien hier vernachlässigt. Bezogen auf den Kapitaleinsatz (die Leihgebühr) ergibt dies einen Gewinn von 100 Prozent bei einer Kursänderung der Aktie von zehn Prozent.
  • Der Kurs der Aktie ist zum Rückgabezeitpunkt unverändert. Der Fondsmanager kauft die Aktien für 1 000 000 Euro zurück. Zwar entsteht kein Kursverlust, dennoch macht er einen Verlust von 50 000 Euro (die bezahlte Leihgebühr). Das eingesetzte Kapital ist zu 100 Prozent verloren.
  • Der Kurs der Aktie steigt um zehn Prozent auf 110. Der Manager muss nun 1 100 000 Euro für den Rückkauf aufwenden. Er macht einen Verlust von 150 000 Euro (höherer Rückkaufpreis plus Leihgebühr). Bezogen auf den Kapitaleinsatz von 50 000 Euro (Leihgebühr) bedeutet das einen Verlust des Spekfonds in Höhe von 300 Prozent.
Bei Leerverkäufen wirkt sich eine relativ geringe Änderung des Aktienkurses überproportional aus und kann hohe Gewinne, aber auch extreme Verluste auf das eingesetzte Kapital erbringen.

Der Leverage-Effekt (Hebeleffekt) beruht darauf, dass ein Fonds sich durch die Aufnahme von Krediten, also Fremdkapital, finanzielle Mittel für den Kauf von Wertpapieren beschaffen kann, die weit über das in den Fonds eingezahlte Kapital (Eigenkapital) hinausgehen und ihm somit erheblich größere Transaktionen ermöglichen. Für Fremdkapital müssen allerdings Zinsen gezahlt werden. Solange die Rendite aus den getätigten Finanzinvestitionen über diesem Zins liegt, erhöht sich der Gewinn des Fonds; bezogen auf das Eigenkapital steigt die Rendite überproportional (Hebeleffekt). Ist die Rendite der Anlage dagegen niedriger als der Zins, entsteht ein Verlust; bezogen auf das Eigenkapital ergibt sich auch hier ein überproportionaler Wertverlust.

Auch in diesem Fall steht also der spekulativ besonders hohen Gewinnchance der Kapitalgeber des Fonds ein entsprechend höheres Verlustrisiko gegenüber.

SteuerparadieseSteuerparadiese
Die meisten Hedgefonds haben ihren Firmensitz an so genannten offshore-Plätzen.Es handelt sich vielfach um Inselstaaten wie die Cayman-Inseln, die Virgin-Islands, die Bermudas oder "politische Inseln" wie Liechtenstein. Dort unterliegen sie geringerer Steuerbelastung und weniger strengen Vorschriften zur Rechenschaft und zur Offenlegung ihrer Risikostrukturen (Publizitätspflichten) als in den USA, England, Japan oder Deutschland. Sie verfolgen eine äußerst flexible und radikal am Ertrag orientierte Anlagestrategie und bewegen hohe Geldbeträge. Die größten Hedgefonds waren Ende 2006 Renaissance Technologies, JPMorgan Asset Management und Bridgewater Associates, jeweils mit einem Fondsvermögen von mehr als 30 Milliarden US-Dollar.

Riskant ist insbesondere der hohe Fremdkapitalanteil bei spekulativen Geschäften. Bei ungünstiger Marktentwicklung oder Fehlspekulationen kann der Hebeleffekt zu enormen Verlusten führen - bis hin zum Zusammenbruch des Fonds. Spätestens dann sind die gewährten Kredite verloren, so dass die Verluste auch auf die Kredit gebenden Banken durchschlagen. Auch kann es - ausgelöst durch spektakuläre Verluste eines Fonds - zu einem gleich gerichteten Verhalten vieler Marktteilnehmer, wie beispielsweise Verkäufen von Wertpapieren auf breiter Front und der Kündigung von Krediten kommen. Ein solches Herdenverhalten, der so genannte Dominoeffekt, kann schwere Krisen auf den Finanzmärkten auslösen. Natürlich sind Verlustrisiken ein generelles Problem auf Geld- und Kapitalmärkten, wie beispielsweise die weltweiten Turbulenzen im Gefolge der "Hypothekenkrise" in den USA im Sommer 2007 zeigten. Sie wurde jedoch nicht durch Hedgefonds ausgelöst, sondern durch den Zusammenbruch von vermeintlich besonders wertstabilen Hypothekenbanken.

Dennoch geraten besonders die Hedgefonds wegen ihrer außerordentlich riskanten Geschäftspraktiken und ihrer Undurchsichtigkeit zunehmend in die öffentliche Kritik. Gefordert werden vor allem strengere Anforderungen an das Risikomanagement der Fondsmanager, mehr Transparenz im Hinblick auf die Finanzstrukturen der Fonds und auf die Kreditvergabe durch die Banken. Solche Informationen würden eine fundiertere Bewertung der Fonds durch Rating-Agenturen ermöglichen. Die Politik ist hier gefordert. Hedgefonds waren ein Thema des Gipfeltreffens der Regierungschefs der G8-Staaten (Konferenz der größten Industrienationen einschließlich Russlands) in Deutschland im Juni 2007, allerdings ohne dass hier bereits neue Regeln vereinbart werden konnten. Das Problem ist, dass nur eine weltweite Vereinbarung mit verbindlicher Wirkkraft Erfolg verspricht. Anderenfalls können sich die Hedgefonds durch Abwanderung in weniger regulierte "Oasen" den verschärften Regeln entziehen. Die wirksame Durchsetzung eines internationalen Vertrags scheitert aber immer wieder daran, dass jedes Land Anreize hat, sich durch Ausscheren Vorteile wie den Zufluss von ausländischem Kapital zu verschaffen, die umso größer ausfallen, je mehr die übrigen Vertragspartner sich an die eingegangenen Verpflichtungen halten. In der Wirtschaftswissenschaft spricht man vom Gefangenendilemma (siehe Glossar).

Private Eigenkapitalanlagegesellschaften

Zunehmend in der Öffentlichkeit diskutiert werden auch die Privaten Eigenkapitalanlagegesellschaften (Private Equity Fonds). Auch hier handelt es sich um weltweit tätige Investmentfonds, die ihren Kapitalgebern besonders ertragreiche, aber eben auch riskante Geldanlagen anbieten. Sie sammeln Kapital von privaten Anlegern und investieren es in Beteiligungen an Unternehmen bzw. sie kaufen ganze Unternehmen oder Unternehmensteile. Interessant sind besonders Unternehmen, die sich in finanziellen Schwierigkeiten befinden und deshalb relativ "preiswert" zu erwerben sind, von den Fondsmanagern aber als potenziell rentabel angesehen werden. Ziel ist es, nach - oft sehr einschneidenden - Umstrukturierungen die rentablen Unternehmensteile durch gezielte Investitionen "fit" zu machen, um sie dann mit Gewinn an andere Unternehmen oder an der Börse zu verkaufen. Die nicht rentablen Teile werden häufig liquidiert, das heißt, sie gehen in Konkurs, die Betriebe werden stillgelegt. Kritiker sprechen in solchen

FinanzinvestorenFinanzinvestoren
Fällen von "Heuschrecken", die die sozialen Folgen wie den Abbau von Arbeitsplätzen dem Kapitalinteresse (shareholder value) unterordnen. In vielen Fällen haben sich diese Fonds aber auch als rettende Kapitalquelle für Unternehmen in Not erwiesen und so Arbeitsplätze gesichert.

Staatliche Investmentfonds

Devisenreserven der WeltDevisenreserven der Welt
Neu als Akteure an den internationalen Finanzmärkten sind auch staatliche bzw. unter staatlicher Kontrolle stehende Investmentfonds aus Ölexportländern wie Saudi-Arabien und Kuwait, aus Russland sowie aus China. Allein die Volksrepublik verfügte 2007 im Durchschnitt über etwa 1400 Milliarden US-Dollar an Währungsreserven aus angesammelten Exportüberschüssen. Bisher hat die chinesische Regierung ihre Dollarreserven überwiegend in US-Anleihen zinsbringend angelegt. Der Kauf dieser Anleihen hat das Angebot an der chinesischen Währung Yuan und die Nachfrage nach US-Dollars auf den Devisenmärkten erhöht und somit gleichzeitig dazu beigetragen, einen Kursanstieg des Yuan gegenüber dem US-Dollar zu vermeiden. Hinter dieser Strategie steckt das Bestreben Chinas, sich Vorteile auf den Exportmärkten durch einen unterbewerteten Yuan zu erhalten.

Neuerdings werden die Devisenreserven zur Bildung von Investmentfonds verwendet. So wurde zum Beispiel der Fonds China Invest mit einem Kapital von 200 Milliarden US-Dollar gegründet. Dieser beteiligt sich an Firmen in den USA, Kanada, Europa und Südamerika bzw. kauft Unternehmen in diesen Ländern auf. In westlichen Staaten wird diese Entwicklung kritisch diskutiert. Umstritten ist, ob die USA oder europäische Staaten die Übernahme wichtiger Firmen aus Schlüsselindustrien durch undemokratische Regime bzw. durch von ihnen kontrollierte Fonds hinnehmen wollen. Aktuelle Beispiele sind der geplatzte Einstieg des chinesischen Fonds bei der amerikanischen Ölfirma Unocal oder die Pläne der russischen Firma Gazprom für den deutschen Energiemarkt. Befürchtet wird eine Abhängigkeit von politisch motivierten Entscheidungen der Regierungen dieser Staaten. Zu beachten ist allerdings, dass die westlichen Staaten ihrerseits großen Wert auf freien Kapitalverkehr und Investitionsfreiheit gerade auch in den Ländern des Nahen Ostens, in Russland und in China legen. Auch bleiben die meisten Beteiligungen (noch) unter dem Anteil von zehn Prozent am Aktienkapital, ab dem erst ein "maßgeblicher Einfluss" auf die Geschäftspolitik erwartet wird; nach internationaler Konvention handelt es sich in diesen Fällen nicht um Direktinvestitionen, sondern um Portfolioanlagen (siehe Glossar).

Quellentext

Staatlich, reich und verschwiegen

[...] Staatsfonds als Großanleger in der Wall Street. Schwellenländer, die mit ihrem Geld bedeutende Unternehmen der alten Industrienationen retten. Autoritäre Regime, die mit Devisenüberschüssen in den Demokratien des Westens auf Einkaufstour gehen. Es ist Globalisierung paradox.

Die neuen Supermächte an den Finanzmärkten sind staatlich, reich und ziemlich verschwiegen. Es ist diese Kombination von Eigenschaften, die Politikern und Managern des Westens Sorgen bereitet. In der Bundesregierung in Berlin oder auch beim Frühjahrsgipfel der EU (2008 - Anm.d. Red) in Brüssel fragen sich die Verantwortlichen: Wer sind die neuen Investoren? Welche Ziele verfolgen sie? Droht der Ausverkauf strategisch wichtiger Unternehmen? Ist die öffentliche Versorgung durch die neuen Geldgeber gefährdet?
Auch die Finanzwelt ist in Aufregung. Banken und Berater wittern neue Geschäftsmöglichkeiten und geben sich in der Hoffnung auf lukrative Verträge in Peking, Kuwait City oder Abu Dhabi die Klinke in die Hand. Private Finanzinvestoren sehen im Geschäft mit Firmenübernahmen neue Konkurrenz heranwachsen. Und Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) sorgen sich um den Einfluss der neuen Akteure auf die Kapitalmärkte.
Es wäre ein Fehler, die politischen Fragen gering zu schätzen, aber eine Herausforderung sind die Staatsfonds in erster Linie für das Weltfinanzsystem. Noch beschränken sich die Anlagegesellschaften auf kleine Beteiligungen an Unternehmen. Doch dabei wird es nicht bleiben. Viele Staatsfonds wachsen rasant, ihre Strategien dürften sich dabei verändern. Ihre Bedeutung für Banken und die Stabilität der Kapitalmärkte nimmt zu. Die Gefahr, dass sie politische und finanzielle Ziele vermischen, bleibt. Staatsfonds sind keine normalen Wirtschaftsakteure - und sie werden es wohl auch nie sein.
"Seit mehr als 50 Jahren haben wir keine politisch motivierten Geldanlagen getätigt. Wir achten nur auf die Rendite", beteuert Bader al Sa?ad. Der Finanzmanager [...] leitet die Kuwait Investment Authority (KIA). 1953 gegründet, ist sie der älteste Staatsfonds der Welt. Mit mehr als 200 Milliarden Dollar ist KIA zugleich einer der größten Geldverwalter. Seit Jahrzehnten, so Al Sa?ad, sei Kuwait an Daimler oder BP beteiligt. Und, so die unausgesprochene Frage: Hat Kuwait etwa das Know-how des deutschen Autoherstellers geklaut?
Das Beispiel Kuwaits zeigt, dass Staatsfonds keine völlig neue Erscheinung sind. Im Nahen Osten speisen sich die Fonds aus den Öleinnahmen, in Südostasien meist aus den Devisenreserven, die durch Exporte entstehen. Ihr Geld investierten die Fonds bisher in renditearme Staatsanleihen. Stiegen sie bei Unternehmen des Westens ein, dann meist nur mit kleinen Anteilen und unter Verzicht auf Stimmrechte und Aufsichtsratsmandate. Große Risiken scheuten sie, sie sahen es als ihre Aufgabe an, das Vermögen ihrer Länder für künftige Generationen zu erhalten. Die Fonds interessierten sich nicht für das tägliche Auf und Ab der Börse, sondern dachten langfristig. Damit wirkten sie stabilisierend auf das globale Finanzsystem.
Jetzt kommen die Dinge in Bewegung. Der steigende Ölpreis ließ viele Staatsfonds zuletzt massiv wachsen. Das veranlasste eine Reihe von Fonds, ihr Geld stärker als bisher in Aktien und andere Anlageklassen zu stecken, die riskanter, aber auch einträglicher sind. Neugründungen wie der 2007 eingerichtete Staatsfonds Chinas und der Anfang Februar geschaffene Wohlfahrtsfonds Russlands erinnerten daran, dass viele Staatsfonds aus Ländern kommen, denen Demokratie und Transparenz fremd sind.
Schon jetzt ist klar: Staatsfonds sind Teil einer Machtverschiebung, die die Weltwirtschaft tief greifend verändert. In Europa gehören ihnen Teile von Ferrari, der Londoner Börse oder der Schweizer Banken UBS und Credit Suisse.
Vor allem werden die neuen Finanzmächte immer größer. Rund 40 solcher Fonds kontrollieren inzwischen 3200 Milliarden Dollar, haben Experten der Deutschen Bank ermittelt. Im Jahr 2015 dürften es laut Morgan Stanley 12 000 Milliarden Dollar sein. Diese gewaltigen Summen wollen angelegt sein. Viele Fonds werden nicht umhinkommen, ihre Strategie weiter zu verändern.
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[...] Sind Staatsfonds die neuen "Heuschrecken"? Stefan Zuschke, Deutschland-Chef des europäischen Finanzinvestors BC Partners, sieht in den Fonds bereits Konkurrenten. "Die nächste Stufe ist, zu sagen: Ich habe das Geld, ich habe das Know-how, das kann ich auch allein!" Zuschke verweist auf Dubai International Capital (DIC), eine Holding, die angeblich das Privatvermögen des Scheichs verwaltet, von vielen aber als Staatsfonds eingestuft wird. DIC verfügt über eine Private-Equity-Tochter, der in Deutschland der Verpackungshersteller Mauser und der Aluminiumverarbeiter Almatis gehören. Andere Fonds würden folgen, glaubt Zuschke. Mehr noch: Dass Staatsfonds weiter darauf verzichten, den Einstieg in Firmen auch über Kredite zu finanzieren, gehört für Zuschke der Vergangenheit an: "Das wird sich mit Sicherheit ändern." Die Schlagkraft der Fonds stiege damit weiter. [...]

Arne Storn, "Die neuen Finanziers", in: DIE ZEIT Nr. 12 vom 13. März 2008

Krisenpotenzial internationaler Kapitalbewegungen

Internationale Kapitalbewegungen haben einen erheblichen Einfluss auf Angebot und Nachfrage an den Devisenmärkten und beeinflussen in beachtlichem Maße die Entwicklung von Wechselkursen. Gleichzeitig ist die Ausnutzung von Wechselkursschwankungen ein wichtiges Motiv für spekulative Kapitalbewegungen. Politische Krisen oder der Versuch von Regierungen, nicht den Marktgegebenheiten entsprechende Wechselkurse zu verteidigen, können Spekulationswellen auslösen. Jüngste Beispiele für solche Krisen fanden sich in Südostasien (1997/98) und Südamerika (2001/02), wo ausgehend von Währungskrisen einzelner Staaten, Thailand bzw. Argentinien, das gesamte Weltwährungssystem erschüttert wurde. Für die international vernetzten Geldmärkte und Devisenbörsen ist die Bezeichnung "Weltmarkt" sicher angebracht.

Quellentext

Spekulation - mehr als ein Risiko

[...] Spekulanten sorgen dafür, dass Märkte liquide bleiben und dort schnelle Reaktionen erfolgen können. Der Preis für Erdöl ist derzeit zweifellos spekulativ überhöht. Aber dank der Spekulation wird in schwierigen Zeiten wie diesen überhaupt schnell ein Preis gebildet, und die Märkte können angemessen auf neue Phänomene wie den Nachfrageschub aus China und Indien reagieren.

Es geht aber um mehr. Das Wort "Spekulation" kommt aus dem lateinischen "speculari", was so viel heißt wie "spähen" oder "in die Zukunft schauen". Tatsächlich ist Spekulation eine unersetzliche ökonomische Brücke zwischen Gegenwart und Zukunft. Märkte gab und gibt es immer und überall auf der Welt. Selbst in kommunistischen Diktaturen haben Menschen Dinge des Alltags getauscht. Aber nicht jeder Markt sorgt automatisch für wachsenden Wohlstand. Das geht nur, wenn der Kreislauf von Sparen und Investieren in Gang kommt, wenn es also Märkte gibt, auf denen die Zukunft gehandelt wird. Und dazu sind Spekulanten nötig, die Risiken eingehen.
Jeder, der investiert, spekuliert. Wer Bundesanleihen kauft, geht das sehr geringe Risiko ein, dass die Bundesrepublik den Staatsbankrott erklärt. Weil das Risiko kleiner ist als bei manch anderen Ländern, ist der Käufer mit einer entsprechend niedrigeren Rendite zufrieden. Wer Aktien kauft, stellt Unternehmen Risikokapital zur Verfügung, er wird an den Gewinnen ebenso wie an den Verlusten beteiligt. Entsprechend höher ist seine Renditeerwartung. Wer sich schließlich am Spiel mit Optionen und Futures beteiligt, riskiert täglich den Totalverlust seines Kapitals und spekuliert daher auf zweistellige Renditen.
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Zum Spiel gehört es, dass sich Spekulanten irren können, unter Umständen auch massiv. Immer wieder kommt es vor, dass an den Börsen alle ihrem Herdentrieb folgen und kollektiv in die falsche Richtung rennen. Das war bei der holländischen Tulpenzwiebel-Hysterie im 17. Jahrhundert nicht anders als bei der amerikanischen Immobilienspekulation dieser Tage. Aber selbst an Spekulationsblasen ist nicht alles schlecht. Vom Eisenbahnboom des 19. Jahrhunderts blieben Schienen übrig, die nach dem Platzen der Blase von gesünderen Unternehmen genutzt werden konnten. Die Glasfaserkabel, die während des letzten Internet-Booms gelegt wurden, erhöhen heute die Produktivität der Wirtschaft.
Kein Zweifel allerdings auch, dass Spekulation Einrichtungen zur Schadensbegrenzung braucht; ohne staatliche Regulierung können Märkte in die Katastrophe laufen. Wenn sie ihren Job gut machen, lernen die Regulierer aus jeder größeren Krise. Nach dem Börsenkrach von 1987 wurden an der New York Stock Exchange Sicherungen eingebaut, die den Handel mit einer Aktie bei extremen Kursstürzen unterbrechen. [...]
Und vielleicht werden die Gelehrten bald herausfinden, dass selbst der Kredit- und Immobilienboom der vergangenen Jahre noch irgend etwas Gutes in der Welt hinterlassen hat, auch wenn sich das heute noch niemand vorstellen kann.

Nikolaus Piper, "Ein Lob der Zockerei", in: Süddeutsche Zeitung vom 23. Januar 2008



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