Fußball - mehr als ein Spiel

Geld und Spiele


4.5.2006
Schon früh wurde mit Fußball Geld verdient. Heute ist der Profifußball zu einem globalen Millionengeschäft geworden, an dem Spieler, Vereine, Sponsoren und die Medien beteiligt sind.

Pakistanische Arbeiter in Sialkot nähen Fußbälle. Vier von fünf Fußbällen, die in deutschen Geschäften verkauft werden, stammen aus Pakistan.Pakistanische Arbeiter in Sialkot nähen Fußbälle. Vier von fünf Fußbällen, die in deutschen Geschäften verkauft werden, stammen aus Pakistan. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Am 31. Mai 1903 fand das erste Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft zwischen dem VFB Leipzig und dem DFC Prag statt, der damals dem DFB angehörte. Der DFB bestand noch nicht ganz drei Jahre, und der neue Sport war kaum den Kinderschuhen entwachsen. Dennoch fanden sich 2.000 Zuschauer ein, die 473 Mark in die Kassen brachten. In England war Fußball zu dieser Zeit bereits Volkssport. Als dort 1913 Birmingham das Pokalfinale erreichte, standen vierzig Sonderzüge bereit, um die Anhänger des Klubs nach London zu bringen, wo 120.000 Personen das Stadion füllten. Vergleichbare Entwicklungen zeigten sich in Deutschland seit den 1920er Jahren, während heute bei wichtigen Spielen die Stadien nicht genug Plätze bieten, um alle Interessierten unterzubringen. Allein der Kartenverkauf bringt Einnahmen von mehreren Millionen Euro, die durch Fernsehrechte, Werbung und Zahlungen von Sponsoren aufgestockt werden. Fußball ist zu einem riesigen Geschäft geworden, dessen heutiger Umfang bisvor kurzem nicht abzusehen war. Erst in den letzten zehn Jahren stiegen die Einnahmen durch den Verkauf von Fernsehrechten so rapide an, dass der kommerzialisierte Fußball entstand, wie wir ihn heute kennen.

Gemeinnützigkeit oder Berufsfußball



Dabei hatte sich schon sehr früh gezeigt, dass Fußball nicht nur ein Sport, sondern auch ein Geschäft war. Die Einnahmen durch Eintrittsgelder erreichten in England bald einen derartigen Umfang, dass die Football Association (FA) bereits 1885 Berufsspieler zuließ. C.A. Alcock, der damalige Vorsitzende der FA, entgegnete Kritikern, es sei nichts unmoralisch daran, den eigenen Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen und dies gegebenenfalls auch, indem man Fußball spiele.

In Deutschland fanden vergleichbare Debatten in den 1920er Jahren statt. Die Befürworter des Berufsfußballs versprachen sich von den höheren Einnahmen größere Stadien, bessere Spieler und höhere Leistungen, insbesondere bei Begegnungen mit europäischen Mannschaften, die ihre Spieler bereits bezahlten. Die Gegenseite beharrte auf dem Amateurideal und beklagte eine Herrschaft des Profits. Sie verteidigte das Prinzip der Gemeinnützigkeit aber auch deshalb, um weiterhin öffentliche Förderung zu erhalten. Doch diese Argumente hat die reale Entwicklung entkräftet: Die Einnahmen stiegen und die Vereine konkurrierten um die guten Spieler, denen sie Geld und andere Vergünstigungen boten, wovon unter anderem Sepp Herberger und die Schalker Mannschaft profitierten. Einer der Schalker Spieler, Ernst Kuzorra, arbeitete offiziell als Bergmann, machte aber keinen Hehl daraus, dass es sich hierbei um eine Scheintätigkeit handelte. Von ihm ist die Aussage überliefert, dass er als Bergmann nicht genug Kohle gefördert habe, um das Licht einer einzigen Kerze zu ersetzen.

Einführung der Vertragsspieler

Die Zahlungen an Fußballer hielten an, auch unter den Nationalsozialisten, doch legalisiert wurden sie erst 1948 als die Oberligen den Status des Vertragsspielers einführten. Dieser durfte ein monatliches Gehalt von 150 bis 320 DM erhalten, was nicht genügte, um vom Fußball allein zu leben, jedoch ein attraktives zusätzliches Einkommen bot. Damit war ein Kompromiss, aber keine Lösung gefunden, denn Zuschauerzahlen und Einnahmen stiegen weiter an, und die alte Kombination von offiziell verbotenen Zuwendungen und fiktiven beruflichen Tätigkeiten blieb bestehen. So verdiente Helmut Rahn, der die entscheidenden Tore beim Endspiel von 1954 schoss, zusätzliches Geld als Fahrer für einen Zechendirektor; andere Spieler aus der Weltmeister-Elf betrieben Tankstellen, Lottogeschäfte oder Wäschereien. Fritz Walter machte von sich reden, als er 1951 ein Angebot von Atletico Madrid ablehnte, wo er für einen Zweijahres-Vertrag 500.000 DM Handgeld, zusätzlich 10.000 DM Gehalt, Prämien, eine Wohnung und ein Auto erhalten sollte. Er blieb in Kaiserslautern, bekam allerdings als Ausgleich einen Bauplatz nebst Haus, betrieb eine Großwäscherei und hat vermutlich auch andere Zuwendungen erhalten. Für damalige Verhältnisse waren dies erhebliche Summen, die kein anderer Spieler auch nur annähernd erreichte. Doch Fritz Walter war weltweit einer der besten Fußballer, während heute selbst durchschnittliche Bundesligaspieler bedeutend mehr verdienen.

Abgesehen von prinzipiellen Einwänden hat vor allem die Aufsplitterung des Ligabetriebes die Einführung des Berufsfußballs verhindert. Nach 1945 gab es fünf Oberligen mit zusammen mehr als siebzig Vereinen, von denen nur wenige genügend Zuschauer fanden, um höhere Spielergehälter zahlen zu können. Deshalb wurde, wie bereits in den 1920er Jahren, die Einführung einer nationalen Liga gefordert, für die sich schon damals und erneut nach dem Krieg Nationaltrainer Sepp Herberger stark machte. Er beklagte, dass die Nationalspieler im Ligabetrieb zu wenig gefordert würden und daher international nicht mithalten könnten, da die Unterschiede zwischen den kleinen und großen Vereinen zu erheblich waren. Zur Vorbereitung auf die WM von 1954 setzte er deshalb zusätzliche Trainingseinheiten an und konnte seine Spieler dazu motivieren, auch wenn sie in ihren Heimatvereinen manchen Spott ertragen mussten.

Durchbruch des Profifußballs

Erst die Einführung der Bundesliga 1963 verhalf dem Profifußball zum Durchbruch - allerdings in bescheidenem Ausmaß. Denn die Gehälter wurden zwar deutlich angehoben, sollten aber 1.200 DM im Monat nicht übersteigen. Illegale Zahlungen waren daher weiterhin üblich, bis sie 1972 zum so genannten Bundesligaskandal führten. Ähnliche Praktiken gab es auch in der DDR, wo ebenfalls Vereine um die besten Spieler konkurrierten und trotz offiziellen Verbots Geldsummen zahlten, die teilweise höher ausfielen als bei den besonders geförderten Olympiasiegern.

Karikatur: FußballspielerKarikatur: Fußballspieler
Gegen die am Bundesligaskandal beteiligten Spieler verhängte der DFB mehrere Strafen und hob zugleich die bisherigen Gehaltsbegrenzungen auf, was die Gehälter weiter steigen ließ. Explosionsartig entwickelten sie sich aber dann durch das so genannte Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahre 1995. Es ist nach einem Spieler benannt, der nach Auslaufen seines Vertrages keinen neuen Verein fand, weil der bisherige eine überhöhte Ablösesumme forderte. Das Urteil verbot diese Praxis und erleichterte die Vereinswechsel. Rasch ansteigende Verdienste waren die Folge, welche die Vereine jedoch nur deshalb zahlen konnten, weil die Fernseheinnahmen steil anstiegen.

Quellentext

Macht der Spieler

[...] Bosman-Urteil, Bosman-Transfer oder einfach "einen Bosman" machen (ablösefrei nach Vertragsende wechseln) - das sind gängige Begriffe im Fußballgeschäft, seit vor zehn Jahren der Europäische Gerichtshof der Klage eines Profis gegen die Verhinderung seines Wechsels vom FC Lüttich nach Dünkirchen stattgab. Das Urteil vom 15. Dezember 1995 beendete das bis dahin gängige Transfersystem und bedeutete den Anfang vom Ende der Ausländerbeschränkungen. Es veränderte Europas Fußball wie keine andere Entscheidung. [...]
Nach EU-Recht können Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz innerhalb der Union frei wählen. Bis zum Bosman-Urteil hatten die Vereine aber die Möglichkeit, einen freien Wechsel auch nach Ablauf des Arbeitsvertrages zu verhindern. Sie mußten dem Spieler nur eine Verlängerung um ein Jahr anbieten und durften dann eine Ablöse verlangen. Lüttich zum Beispiel bot Bosman einen neuen Vertrag mit nicht mal der Hälfte der alten Bezüge und blockierte dessen Wechsel nach Frankreich mit überzogenen Ablöseforderungen. Mit solchen Schikanen war es vorbei nach dem Bosman-Urteil. Aber nicht nur damit.
Welche Folgen hatte Bosman? Die Spieler wurden freier, letztlich reicher. Das Geld, das zuvor im Transfer-Kreislauf der Vereine blieb, wandert seitdem in die Taschen gefragter Spieler, als höheres Gehalt oder als "Handgeld". Die Zahl der "Spielerberater", die dabei mitverdienen, explodierte. Die Macht der kleineren und mittleren Klubs schwand; die der großen stieg, weil sie mit ihren finanziellen Möglichkeiten abwarten können, was der Markt so hervorbringt. Die Klubs, die gute Nachwuchsarbeit machten, konnten die Früchte nicht mehr ernten - allen voran Ajax Amsterdam, das 1995 mit einer jungen Mannschaft die Champions League gewonnen hatte. Sechs Monate nach dem Bosman-Urteil begann sie sich in alle Winde zu zerstreuen, vor allem nach Italien und Spanien, wohin diese Ajax-Talente mit hohen Gehältern gelockt wurden.
So betonierte das Urteil ein Kastensystem im europäischen Fußball, angeführt durch die Organisation G 14 der mächtigsten Klubs, dahinter andere Vereine im atemlosen Versuch, mit hohem Risiko und Wahnsinnsgehältern einen Platz an der Sonne zu ergattern; ein Versuch, der meist mehr Schulden als Erträge bringt. Die hohen Schulden in Europas Ligen (rund 450 Millionen in der Bundesliga, weit mehr noch in England, Spanien und vor allem Italien, wo manche Klubs bis zu 90 Prozent des Umsatzes für Gehälter ausgeben), sind das Spiegelbild des Reichtums der Spieler. [...] Die Balance zwischen Klubs und Spielern verschob sich, beide mußten neue Strategien entwickeln. Wer nicht zu den wenigen Klubs gehört, die mit Riesensummen Spieler aus Verträgen herauskaufen können (oft dank der Alimente von Gönnern), wie Chelsea oder Real Madrid, ist darauf angewiesen, Talente in Billigländern zu finden oder Profis mit auslaufenden Verträgen zu umwerben. Diese wiederum kennen ihre Marktmacht und planen Karriereschritte strategisch. [...]
Sie lassen ihre Verträge auslaufen, ignorieren Angebote ihrer bisherigen Klubs und stellen sich ins Schaufenster: mit 28, 29 Jahren auf dem Gipfel der Möglichkeiten, sportlich wie finanziell. Solche Weltstars werden seit Bosman wie ein van Gogh nicht mehr gekauft, sie werden wie in einer globalen, nicht öffentlichen Auktion ersteigert, oft zu Rekordpreisen. [...]

Christian Eichler, "Alle Macht den Spielern", in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Dezember 2005


Medien und Sponsoren



Der Aufstieg des Fußballs und des modernen Sports generell ist eng mit der Verbreitung der Massenmedien verbunden. Die an Sport Interessierten wollten nicht nur als Zuschauer die Ereignisse verfolgen, sondern auch darüber lesen. Deshalb nahmen die Zeitungen entsprechende Berichte auf, richteten eigene Sportseiten ein, und spezielle Sportzeitungen und -zeitschriften entstanden. So gründete Walther Bensemann 1920 den bis heute erhältlichen Kicker, 1927 erschienen zahlreiche Zeitungen, die sich ausschließlich mit Sport beschäftigten, und auch in Büchern und Filmen wurde Sport ein wichtiges Thema. Dennoch blieb in Deutschland eine ausgeprägte Kluft zwischen der populären und der Hochkultur bestehen, sodass etwa die "seriösen" Zeitungen nur knapp über den Sport berichteten und darin kein ernsthaftes Thema sahen. Daran änderte auch der Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 nichts, die den Fußball lediglich für einige Tage in den Vordergrund rückte. Zu dessen geringer Präsenz in den Medien trugen aber auch die Vereine und der DFB bei, die Fernsehübertragungen eng begrenzten, da sie einen Verlust von Zuschauern und damit ihrer Einnahmen befürchteten. Noch zu Beginn der Bundesliga zahlten die Fernsehsender vor allem deshalb Geld an die Vereine, um einen Ausgleich für entgangene Einnahmen zu schaffen.

Quellentext

Fußballberichterstattung

Regenjacke, Rucksack und gute Laune - eine Stunde vor dem Anstoß ist die Journalistin Sabine Töpperwien vor Ort und steigt hinauf zu ihrem Pressepult im Oval der Schalke-Arena. [...] Routiniert prüft Sabine Töpperwien jetzt Ton, Kopfhörer, Mikro, Monitor. Aus dem Rucksack holt sie ihr Handwerkszeug. Den Kicker, "Gebetsbuch" aller Fußballjournalistinnen. Drei Uhren: Die Weltzeituhr zeigt die Zeit sekundengenau, damit Töpperwien im richtigen Moment zu sprechen beginnt. Eine Stoppuhr hält die Spielzeit fest, damit sie sagen kann, in welcher Minute der Elfmeter fiel. Eine zweite Stoppuhr stoppt die Redezeit. Es kommt immer auf die Sekunde an. Und schließlich den Auftragszettel der Redaktion. Auf dieser Liste steht, wann und wie lange Sabine Töpperwien für welchen Sender zu arbeiten hat. Neun Reporter sind an diesem Tag für die ARD in den Bundesliga-Stadien am Ball, acht Männer und eine Frau.
Die Vorbereitung auf die Live-Reportage hat Sabine Töpperwien ritualisiert. Bekannt ist sie für ihr exzellentes Fachwissen. Was sie schriftlich parat haben will, passt auf ein DIN-A4-Blatt: "Während der Sendung kommt es darauf an, dass ich meine Infos blind finde." Links die Gastgeber, rechts die Gäste. Kürzel unter den Namen bezeichnen wichtige Facts: Wie alt? Nationalspieler? Hatte eine Knieoperation. In der Mitte bleibt ein freies Feld, der Memoblock. Hier trägt Töpperwien den Spielverlauf ein, mit rotem Stift, schwarzem Stift und Textmarker, akribisch. [...]
Die Zeit drängt. Die Reporterin setzt den Kopfhörer auf und taucht ab in tiefe Konzentration. Der Kopfhörer verbindet sie mit dem Techniker im Ü-Wagen. Die ARD-Sportsendungen beginnen um 15.05, um 15.25 Uhr wird das 1. Programm des Bayerischen Rundfunks anklopfen. Um 15.31 Uhr wünscht der Südwestrundfunk ein Statement, dann der Saarländische Rundfunk und schließlich der WDR. Wenige Minuten Südwestrundfunk, Rundfunk Berlin Brandenburg, der Hessische Rundfunk, der Mitteldeutsche Rundfunk und der Bayerische Rundfunk. Töpperwien formuliert maßgeschneidert - 45 Sekunden und keine mehr. Nur wenige Minuten bleiben, um Atem zu holen. Sie empfängt und sendet jetzt mit allen Sinnen, auf allen Ebenen. Multitasking. Während Sabine Töpperwien das Spiel auf dem Rasen beobachtet, wirft sie immer wieder einen Blick auf den kleinen Kontrollmonitor, der sie zuweilen mit einer Zeitlupe versorgt. In Sekundenbruchteilen muss sie sich festlegen: War das ein Foul? Hat der Schiedsrichter richtig gehandelt? Die Sätze sprudeln aus dem Bauch. Geht einer daneben, hört die ganze Fußballnation zu.
Über ihren Kopfhörer verfolgt Sabine Töpperwien die laufende WDR-2-Liga-Live-Sendung. Der Videowürfel am Stadiondach zeigt ihr die aktuellen Bundesliga-Ergebnisse. Gleichzeitig hält sie ihren Auftragszettel im Blick, trägt die wichtigsten Spielzüge in den Memoblock ein und gibt Schneidekommandos an die Technik. [...]
Um 16.55 Uhr wird es noch enger: Die neun Rundfunkreporter werden in der legendären "Schaltkonferenz" zusammengefasst, eine Kultsendung. Alle Mikrofone bleiben offen. Jedes Tor, jeder Elfmeter wirbelt den vorher vereinbarten Ablauf durcheinander. Sabine Töpperwien liebt diesen Trubel. Immer wieder meldet sie sich in der Konferenz zu Wort: "Tooooor auf Schalke" ruft sie ins Mikrophon, und schon ist sie auf Sendung. [...]

Susanne Schübel, "Unverwechselbare Stimme", in: Frauen Rat 3/2004, S.24f.


TV-RechteTV-Rechte
Eine neue Situation ergab sich durch die Einführung privater Fernsehanstalten, die 1988 erstmals die Übertragungsrechte für die Bundesliga erwarben, dafür 40 Millionen DM zahlten und so auf einen Schlag die bis dahin übliche Summe verdoppelten. Diese erhöhte sich in den folgenden Jahren in gewaltigen Sprüngen, erreichte zur Saison 1999/2000 bereits 320 Millionen DM (etwa 163 Millionen Euro) und steigt zur kommenden Saison 2006/2007 auf 420 Millionen Euro an. In Großbritannien und Frankreich erhalten die Premiere League und die Ligue 1 mit 710 und 550 Millionen Euro noch höhere Zahlungen.

Diese astronomisch anmutenden Summen werden gezahlt, weil die privaten Sender die große Attraktivität von Fußballübertragungen erkannt und mit deren Hilfe ihre Position ausgebaut haben. Vorbild hierfür war der australisch-britische Medienunternehmer Rupert Murdoch, der auf diese Weise ein weltweites Imperium aufgebaut hat. In Großbritannien erwarb er mit dem Sender Sky 1992 die Exklusivrechte nicht nur für den Fußball, sondern in den folgenden Jahren auch für andere populäre Sportarten. Daneben besitzt er mehrere große Zeitungen, darunter die Times und das Massenblatt Sun. Ähnlich ging er in den USA vor. Mit Übertragungen von American Football und Baseball etablierte er dort die Fox Broadcasting Company, einen einflussreichen Fernsehsender mit einem ausgesprochen konservativen Programm. In Italien hat Silvio Berlusconi ebenfalls mit Hilfe von Fußballübertragungen ein Medienimperium aufgebaut, das weit über den Sport hinaus Einfluss besitzt und ihm geholfen hat, 1994 und 2001 Ministerpräsident seines Landes zu werden.

Kampf um Übertragungsrechte

Leo Kirch, der Besitzer des privaten Bezahlkanals "Premiere", ist in Deutschland mit vergleichbaren Bemühungen gescheitert. Ihm gelang es nicht, über Sportrechte die Basis für einen Medienkonzern zu bilden. Dazu bestanden bereits zu viele andere private Sender, die eine große Klientel besaßen und so finanzkräftig waren, dass Kirch keine exklusive Nutzung von Fußballübertragungen durchsetzen konnte. Er übernahm sich vielmehr und musste Insolvenz anmelden. Seine Firma wurde in der Zwischenzeit saniert und verfügte durch einen Börsengang über zusätzliches Kapital für einen erneuten Anlauf 2005, der dieses Mal jedoch auf eine unerwartete Schwierigkeit stieß. Denn neben den Fernsehrechten erhalten die Vereine große Summen von Sponsoren aus der Wirtschaft, deren Rechnung nur dann aufgeht, wenn möglichst viele Zuschauer die Fußballübertragungen und damit die Hinweise auf ihre Produkte sehen. Angesichts der geringen Verbreitung von Premiere - derzeit weniger als neun Prozent der deutschen Haushalte - ist dies nicht zu erwarten, und hier liegt einer der wichtigen Gründe dafür, dass der Sender ab der Saison 2006/07 die Bundesligarechte an eine Gruppe verloren hat, der neben einem Kabelkonzern unter anderem die ARD, der Sportsender DSF und die Telekom angehören.

Marketingstrategien

Die große Bedeutung von Sponsoren und Marketingmaßnahmen zeigen die beiden ertragreichsten Vereine der letzten Jahre: Real Madrid und Manchester United. Deren große Anhängerschaft beruht fraglos auf ihren sportlichen Erfolgen, daneben aber auch auf dem systematischen Aufbau eines Netzes von Fanclubs, Verkaufsstellen und weltweiten Tourneen. Früher als andere haben die beiden Vereine die Bedeutung dieser Maßnahmen und vor allem des wachsenden asiatischen Marktes erkannt. Regelmäßig treten sie dort zu Spielen an, geben Pressekonferenzen und führen weitere Aktionen durch, zu denen bei Madrid nicht zuletzt die Verpflichtung von David Beckham zählt. Der Engländer ist ohne Zweifel ein guter Fußballer, doch entscheidend für Madrid war Beckhams weltweite Popularität, besonders in Japan und China. So konnte der Verein die hohe Ablösesumme für den Spieler schon bald durch den Verkauf von Trikots und anderen Gegenständen mit Beckhams Namen erwirtschaften und zusätzliche Werbeverträge abschließen. Auch Beckham selbst war Nutznießer der Vermarktung. Sein Gehalt in Madrid wird auf acht bis neun Millionen Euro im Jahr geschätzt. Eine noch größere Summe soll er 2003 allein in Asien für eine Tour erhalten haben, auf der er zusammen mit seiner Frau Victoria - einer früher erfolgreichen Popsängerin - für Produkte seiner Sponsoren warb. Sein jährlicher Verdienst durch Sport und Werbung dürfte etwa 50 Millionen Euro betragen.

Deutlich höher sind die Einnahmen der genannten Vereine. 2004/05 betrug der Umsatz von Real Madrid 275 Millionen Euro, von denen 42 Prozent auf Werbung, Sponsoren und Fanartikel entfielen, 26 Prozent auf den Verkauf von Karten, 24 Prozent auf Fernsehrechte und etwa acht Prozent auf Tourneen nach Asien und in andere Kontinente. Die Zahlen für Manchester United liegen etwa gleichauf, nur haben Werbung und Sponsoren hier noch nicht dieselbe Bedeutung erlangt, wozu der Weggang von Beckham beigetragen hat. In Deutschland erreicht nur Bayern München ein vergleichbares Niveau, erzielte 2004/05 einen Umsatz von 180 Millionen Euro und unternimmt ebenfalls große Bemühungen, den asiatischen Markt zu erschließen. In den letzten Jahren ist unerwartet ein neuer Konkurrent aufgetreten: Der FC Chelsea, der 2004 Umsatzzahlen von etwa 230 Millionen Euro erwirtschaftete, dabei aber einen Verlust von 140 Millionen verzeichnete. Er müsste eigentlich Konkurs anmelden, doch hinter dem Verein steht Roman Abramovich, ein russischer Milliardär und die reichste Person in Großbritannien. Er hat 2003 den Verein gekauft und seitdem hunderte Millionen Euro in Spieler investiert. So wurde Chelsea einer der besten europäischen Klubs, der 2005 zum ersten Mal seit fünfzig Jahren wieder den englischen Titel gewann und das Halbfinale der Champions League erreichte. Der Klub setzt neue Maßstäbe, da die anderen - auch nicht gerade armen Vereine - mit seiner Finanzkraft nicht mithalten können.

Vereine und Zuschauer



In den letzten zehn Jahren haben sich viele Vereine hoch verschuldet, um durch neue (und teure) Spieler, bessere Stadien und eine moderne Infrastruktur konkurrenzfähig zu bleiben. Das schien angesichts rapide steigender Einnahmen unproblematisch zu sein. Da allerdings nahezu alle Vereine diese Politik betrieben und das Angebot an guten Spielern begrenzt blieb, stiegen die Ausgaben immer stärker an und schufen Probleme, insbesondere wenn die erhofften Einnahmen aus lukrativen europäischen Wettbewerben ausblieben. Ein Beispiel ist Borussia Dortmund, dessen Mannschaft in den 1990er Jahren sportlich sehr erfolgreich war. Die Vereinsführung gab große Summen aus, um auf Dauer mithalten zu können. Doch die Erfolge blieben aus, während zugleich durch die erwähnte Krise der Kirch-Gruppe die Fernseheinnahmen vorübergehend zurückgingen. Der Verein geriet dadurch fast in die Insolvenz, die nur ein Vergleich und neue Investoren verhinderten.

Auch andere Vereine befanden (und befinden) sich in schwierigen Situationen, und es ist nicht auszuschließen, dass ausbleibende Erfolge bei ihnen ähnliche Probleme wie bei Borussia Dortmund hervorrufen. Dafür sind die Einnahmen wohl zu rasch gestiegen und haben falsche Erwartungen eines weiteren rapiden Wachstums geweckt. Auf krisenhafte Entwicklungen waren viele Vereine nicht vorbereitet und wurden zu lange geradezu amateurhaft geführt.

Mittlerweile finden große Veränderungen statt. Aus Fußballvereinen sind Wirtschaftsbetriebe geworden, die versuchen, den Fußballsport, ökonomische Rationalität und die Begeisterung ihrer Anhänger miteinander zu verbinden. Ein wichtiges Element dafür sind die modernen Stadien die mehr bieten als "nur" ein Fußballspiel: überdachte Sitzplätze, Business- und Presseplätze, Logen; außerdem Restaurants für unterschiedliche Bedarfslagen. Hier sollen die Besucher nicht nur zum Fußball kommen, sondern bei den Spielen Erlebniswelten betreten, ihre Geburtstage und Hochzeiten feiern oder Arbeitstreffen und Konferenzen abhalten.

Parallel dazu hat sich die Zusammensetzung der Zuschauer verändert. In die Stadien kommen nicht länger fast ausschließlich männliche Arbeiter. Der Fußball ist vielmehr wieder bei den mittleren und oberen Schichten angekommen, wo er seinen Ausgang genommen hatte. Dazu hat ironischerweise gerade derjenige Faktor beigetragen, der vorher für die Trennung verantwortlich war: die zunehmende Kommerzialisierung. War sie in den 1920er Jahren der entscheidende Grund dafür, dass das Bürgertum sich abwandte, so hat die Kommerzialisierung jetzt die Wandlungen ermöglicht, die den Fußball und sein Umfeld für breite Schichten attraktiv gemacht haben. Um es zugespitzt auszudrücken: Geld hat den Fußball geadelt und ihm den Einzug ins Feuilleton ermöglicht. Dafür war ein Preis zu zahlen: Karten für Fußballspiele sind so teuer geworden, dass die traditionellen Fans aus der Arbeiterschaft kaum mithalten können. In der Bundesliga kosteten Eintrittskarten 2005 im Durchschnitt etwa 30 Euro, während ein Fan in England für heimische Spitzenspiele 45 Euro aufbringen muss, in Chelsea sogar 60 Euro.

Quellentext

Gebremster Fußballkapitalismus

[...] Zwei große Rivalen der Bundesliga, die italienische Serie A und die englische Premier League, haben Probleme, obwohl die Einnahmen aus den TV-Rechten stimmen. Dort wandert jedoch das Publikum aus den Stadien ab, besonders in Italien ist die Situation dramatisch: Schon in der siebten Saison hintereinander gehen dort die Zuschauerzahlen zurück. Der Schnitt von rund 22.000 Besuchern pro Spiel (Deutschland: 40.000) ist kaum noch höher als der in Frankreich. Am vergangenen Wochenende kamen zu sechs von zehn Punktspielen der Serie A weniger als 20.000 Zuschauer.
Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von einem desolaten Lizenzierungsverfahren, bei dem die Besetzung der Liga erst kurz vor Saisonbeginn feststeht, über Gewalt und Rassismus im Stadion, komplizierte Registrierung beim Kartenkauf bis zum Desinteresse am Fan als Kunden. "Die kümmern sich überhaupt nicht um ihre Zuschauer", sagte Uli Hoeneß neulich staunend beim Spiel des FC Bayern im Stadio delle Alpi in Turin, "hier gibt es keine Anzeigetafel, keinen Service, ja nicht mal eine Bratwurst". Von solchen Zuständen ist die Bundesliga weit entfernt. Dank der Weltmeisterschaft 2006 sind die Stadien auf dem neuesten Stand, auch der Service stimmt auf fast allen Plätzen, was ebenfalls dazu beiträgt, dass die Bundesliga die weltweit bestbesuchte Fußball-Liga ist.
Doch gerade im Moment des Booms lohnt der Blick dorthin, wo mit der Europameisterschaft 1996 ein Boom begann und nun wieder abflaut. Indikator sind auch in England die sinkenden Zuschauerzahlen der vergangenen fünf Jahre. [...] Offensichtlich sind die Zuschauer nicht mehr gewillt, die enormen Eintrittspreise zu bezahlen. Nach einer Aufstellung des "Kicker" kostet die billigste Eintrittskarte beim FC Arsenal umgerechnet 44 Euro - mehr als das teuerste Ticket bei der Hälfte aller Bundesligisten (ausgenommen VIP-Karten). Die billigste Jahreskarte beim FC Chelsea liegt mit 962 Euro mehr als 200 Euro über dem teuersten Saisonbillet in der Bundesliga.
In England wurde in den Boomjahren durch die hohen Eintrittspreise das alte, stets loyale Publikum verdrängt und durch eine zahlungskräftigere, aber weniger treue Kundschaft ausgetauscht. Die beginnt nun wegzubleiben, auch weil die Liga durch die Dominanz von Chelsea langweilig geworden ist. Auch Kinder sind nur noch selten im Publikum zu finden. Außerdem ist die Stimmung in den Stadien inzwischen so mau, dass Fans von Newcastle United eine Initiative gegründet haben, deren Name ihrer Forderung entspricht: "Bring back the noise". [...]
Dass es in der Bundesliga noch billige Plätze gibt, auf denen Stimmung gemacht wird, beruht auch darauf, dass Deutschland das einzige große Fußball-Land in Europa ist, wo man in den Stadien noch stehen darf. Der Erhalt von Stehplätzen war Erfolg einer Kampagne der Fan-Kurven ("Sitzen ist für'n Arsch"), doch dürfte es kaum einen deutschen Fußballoffiziellen geben, der darüber heute nicht froh wäre - auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die Sprechchöre der Fans und die Choreografien der Ultras gehören zu dem Fußballerlebnis, das sich gut vermarkten lässt.
Diese Dialektik ist Ausdruck einer spezifisch deutschen sozial-demokratischen Variante von Fußballkapitalismus. Zwischen den Fans und den Klubs besteht eine Art unerklärter Sozialpartnerschaft, während in Italien oder England vor allem überlegt wird, wie man das Publikum am besten abkassiert. Obwohl viele Bundesligisten inzwischen Kapitalgesellschaften sind, handeln sie doch nicht nur nach der Maxime der kurzfristigen Profitmaximierung. Den meisten Managern ist zumindest vage klar, dass sich die Klubs im kollektiven Besitz ihrer Stadt, Region oder Fans befinden. [...]
Der Egoismus der großen Klubs in Spanien oder Italien bei den Verteilungskämpfen um Fernsehgelder, der die kleinen Klubs zu Sparringspartnern degradiert, hält sich in Deutschland ebenfalls zumindest in Grenzen. Auch in Deutschland werden die Großen zwar größer und die Kleinen kleiner, nur eben noch nicht in dem Maße wie anderswo. Gebremst wird der Fußballkapitalismus in Deutschland durch einen generell skrupulösen Umgang mit Profifußball. Auch nach 42 Jahren Bundesliga ist der Zusammenhang von "Fußball und Geld" komplex. [...]

Christoph Biermann, "Kapitalisten mit Skrupeln", in: Süddeutsche Zeitung vom 1. Dezember 2005


Geld verursacht also auch Probleme, und große Geldmengen schaffen große Probleme. Das zeigte 1971/72 der Bundesligaskandal, als Vereine Gelder zahlten, um in der lukrativen ersten Liga bleiben zu können. Die Spieler scheinen heute für derartige Zahlungen nicht mehr anfällig zu sein, was wesentlich mit ihren hohen Gehältern zusammenhängt. Schiedsrichter erhalten diese nicht, und es kann deshalb nicht überraschen, dass hier die jüngsten Bestechungsfälle (2004/2005) stattfanden und zwar für Summen, die allenfalls einen Amateurspieler reizen könnten. Vergleichbare Fälle sind aus anderen Ländern überliefert, und es wird auch in Zukunft bei allen Kontrollen nicht möglich sein, sie definitiv auszuschließen.

Neben diesen Schattenseiten der Kommerzialisierung sind Ansätze dafür zu beobachten, dass die Bundesligavereine zunehmend eine Verpflichtung über den reinen Sportbetrieb und den engen Kreis der Fans hinaus sehen und ihre Angebote für Schüler und Jugendliche ausbauen. Doch diese Angebote sind rar und dienen etwa bei Schalke o4 oder Bayern München noch in erster Linie dazu, den Verein besser zu vermarkten. Hier können Entwicklungen in England einmal mehr als Vorbild dienen. Seit Jahren gibt es dort Bemühungen um einen Football in the Community (frei übersetzt: Fußball in der Gemeinschaft), und jeder der größeren Vereine verfügt über ein entsprechendes Programm. Dazu gehören Projekte gegen Rassismus, Angebote für Schulen und Behinderte oder die Unterstützung von afrikanischen Vereinen. Angesichts der durch den Fußball umgesetzten Summen muten diese Vorhaben vielfach bescheiden an, doch ein Anfang ist damit sicherlich gemacht.




 

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