Entwicklung und Entwicklungspolitik
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Entwicklungsländer - Gemeinsamkeiten und Unterschiede


9.6.2005
Internationale Organisationen wie UNO, Weltbank und OECD halten für die Bewertung des Entwicklungsstandes einzelner Länder Maßstäbe bereit, die eine Einteilung in Gruppierungen ermöglichen. Vier Länderprofile verdeutlichen jedoch, wie differenziert die Realität ist.

Burundi: Flüchtlingslager 2002Ein Flüchtlingslager in Burundi. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt. (© EC/ECHO/Yves Horent )

Einleitung



Es gibt unterschiedliche Auffassungen, nach welchen Kriterien Länder als Entwicklungsländer anzusehen sind. In den internationalen Organisationen und in der Praxis der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit dominieren immer noch ökonomische Merkmale, da Daten dazu meistens leichter verfügbar sind und noch am ehesten konsensfähig scheinen. Es gibt aber einen deutlichen Trend, zusätzlich andere, vor allem soziale Indikatoren einzubeziehen.

Zuordnungsmaßstäbe von Weltbank und UNDP



Maßstab ähnliche EntwicklungMaßstab ähnliche Entwicklung
Die Weltbank gruppiert bisher noch alle Länder (einschließlich der früheren Ostblockstaaten) nach dem BNE pro Kopf und unterscheidet Staaten mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen, wobei die mittlere Einkommensgruppe noch in zwei Teilgruppen aufgespalten wird. Zu den Ländern mit hohem Einkommen zählen nicht nur die westlichen Industriestaaten, sondern auch Singapur, Hongkong und Israel sowie bevölkerungsarme Erdölexporteure wie Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate, während sich zum Beispiel mit Portugal und Griechenland zwei EU-Mitgliedsländer im obersten Teil der mittleren Einkommensgruppe befinden.

Eine differenziertere Bemessungsgrundlage stellt der "Index der menschlichen Entwicklung" (Human Development Index - HDI) dar, der von einer Arbeitsgruppe im Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) konstruiert worden ist. Er umfasst zurzeit drei Teilelemente:
  • die Lebensdauer - gemessen als Lebenserwartung bei der Geburt,
  • das Bildungsniveau - gemessen als eine Kombination aus der Analphabetisierungsrate von Erwachsenen (zwei Drittel) sowie der Gesamteinschulungsrate der Kinder und Jugendlichen, die sich auf die verschiedenen Schulstufen verteilen (ein Drittel) - und
  • den Lebensstandard - gemessen als Pro-Kopf-Einkommen in realer Kaufkraft, wobei das Einkommen oberhalb eines als angemessen betrachteten Grenzwertes in abnehmendem Maße berücksichtigt wird.
In den HDI gehen die drei Teilelemente jeweils zu einem Drittel ein. Er wird so berechnet dass er für alle Länder zwischen 0 und 1 liegt, und es werden die Teilgruppen mit hohem (größer als 0,8), mittlerem (0,5-0,8) und niedrigem (unter 0,5) HDI unterschieden.

Länderlisten der OECD



In der entwicklungspolitischen Praxis von großer Bedeutung ist der Entwicklungshilfe-Ausschuss (Development Assistance Committee - DAC) der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Der DAC unterscheidet eine Länderliste I - Leistungen an diese Länder werden als öffentliche Entwicklungshilfe anerkannt - und eine Liste II, für die dieses nicht gilt. Die Unterteilung der Liste I folgt im Wesentlichen den Einkommensgruppen der Weltbank. Bei der Liste II wird eine Teilgruppe der "mittel- und osteuropäischen Staaten" und eine Teilgruppe der "in der Entwicklung weiter fortgeschrittenen Entwicklungsländer und -gebiete" geführt, zu denen neben Singapur und den Bahamas auch einige Erdölexporteure zählen. Die fünf asiatischen und drei Kaukasus-Republiken der früheren Sowjetunion sind als Entwicklungsländer anerkannt und in die Liste I aufgenommen worden, während die übrigen selbstständig gewordenen Republiken der früheren Sowjetunion zu einer eigenen Gruppe der Liste II zusammengestellt worden sind. Die mittel- und osteuropäischen Staaten heben sich insbesondere hinsichtlich Industrialisierungsgrad und Bildungsniveau deutlich von "klassischen" Entwicklungsländern ab, während das bei anderen Merkmalen nicht der Fall ist. Die finanzstarken Ölexportländer wiederum sind durchaus in der Lage, Entwicklungsmaßnahmen selbst zu finanzieren, aber es handelt sich teilweise um "gekaufte" Entwicklung, die (noch) nicht durch eigene wirtschaftliche Anstrengungen gestützt wird.

Untergruppen der Entwicklungsländer



Am wenigsten entwickelte Länder

Armut in den EntwicklungsländernArmut in den Entwicklungsländern
Bei der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder (Least Developed Countries - LDC) handelt es sich um die ärmsten Entwicklungsländer, die auch als "Vierte Welt" bezeichnet und damit begrifflich von der Dritten Welt unterschieden werden. Die Bildung dieser Gruppe geht auf einen Beschluss der Vollversammlung der Vereinten Nationen von 1971 zurück. Seit 1991 wird für die Einstufung ein mehrfach veränderter Katalog von Kriterien angewendet, um die Strukturelemente der Armut möglichst breit zu erfassen:
  • Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf (2003 unter 750 Euro im Drei-Jahres-Durchschnitt),
  • ergänzter Index für physische Lebensqualität berechnet aus Indikatoren für Ernährung, Gesundheit, schulische Erziehung sowie Alphabetisierungsrate der erwachsenen Bevölkerung,
  • wirtschaftlicher Verwundbarkeitsindex aus Indikatoren für die Instabilität der Agrarproduktion sowie des Exports von Gütern und Dienstleistungen, für den Anteil von Industrie und modernen Dienstleistungen am BIP, für die Konzentration auf wenige Exportgüter, für den Nachteil kleiner Märkte (Bevölkerungsgröße) sowie den Anteil der von Naturkatastrophen betroffenen Bevölkerung,
  • Einwohnerzahl von maximal 75 Millionen Einwohnern, womit Bevölkerungsriesen wie China oder Indien von vornherein ausgeschlossen werden.
Die Anerkennung als LDC berechtigt zu Vorzugsbedingungen bei der Entwicklungshilfe und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Nach mehrfachen Erweiterungen umfasst die LDC-Liste zur Zeit 50 Entwicklungsländer mit einer Bevölkerung von etwa 500 Millionen Menschen. Die Mehrheit der Länder sind afrikanische Staaten südlich der Sahara, aus Lateinamerika gehört nur Haiti der Gruppe an. Für die Gruppe der unabhängig von Ländergrenzen am stärksten Benachteiligten, denen es am existenziell Notwendigen mangelt, ist der Begriff der "absoluten Armut" geprägt worden. In einer berühmt gewordenen Rede hat der damalige Weltbankpräsident Robert McNamara 1973 diesen Begriff wie folgt umschrieben: "Absolute Armut [....] ist durch einen Zustand solch entwürdigender Lebensbedingungen wie Krankheit, Analphabetentum, Unterernährung und Verwahrlosung charakterisiert, dass die Opfer dieser Armut nicht einmal die grundlegendsten menschlichen Existenzbedürfnisse befriedigen können. [...]". Auf dem Weltsozialgipfel 1995 in Kopenhagen ist die Zahl der Armen mit 1,3 Milliarden Menschen, das heißt fast einem Drittel der Bevölkerung, beziffert worden, wovon über die Hälfte in "extremer Armut" (Einkommen von weniger als einem US-Dollar pro Tag) leben musste.

Die ärmsten Länder der WeltDie ärmsten Länder der Welt
Auch wenn der größere Teil der in den LDC lebenden Menschen zu den extrem Armen zählt, dürfte allein Indien mindestens so viele extrem Arme haben wie die LDC-Gruppe insgesamt. Die Kritik an der "Privilegierung" der LDC-Länder im Rahmen der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit richtet sich vor allem gegen die Orientierung an Ländergrenzen, vor denen in der Tat Armut und Unterentwicklung nicht haltmachen, die aber in der Praxis der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit - meist auf der Grundlage von Vereinbarungen zwischen Länderregierungen - von großer Bedeutung sind.

Hoch verschuldete Länder

Die Weltbank betont den entwicklungspolitischen Stellenwert der Schuldenbelastung, indem sie die Länder mit besonders hoher Auslandsverschuldung zu eigenen Gruppen zusammenfasst. Sie unterscheidet hoch verschuldete Länder mit niedrigem Einkommen (Severely Indebted Low-Income Countries - SILIC) und hoch verschuldete Länder mit mittlerem Einkommen (Severely Indebted Middle-Income Countries - SIMIC). Bei beiden Gruppen liegen drei der folgenden vier Kriterien über den Grenzwerten: Verhältnis der Auslandsschulden zum BNE (Grenzwert: 50 Prozent); Verhältnis der Schulden zu den Exporterlösen (275 Prozent); Verhältnis des Schuldendienstes zu den Exporterlösen (30 Prozent) sowie Verhältnis der Zinszahlungen zu den Exporterlösen (20 Prozent).

Binnen- und kleine Inselländer

Die Gruppen der Binnenländer ohne eigenen Zugang zum Meer (wie Bolivien, Niger, Nepal) und kleine Inselländer (wie die Seyschellen, Mauritius, Madagaskar oder Fidji) verweisen auf lagebedingte ökonomische Nachteile, beispielsweise höhere Transportkosten, um zum Ausgleich ebenfalls Vergünstigungen einzufordern.

Schwellenländer

Handelt es sich bei den bisher genannten Gruppen um ökonomisch benachteiligte Staaten, so wird bei den Schwellenländern angenommen, dass sie - daher die deutsche Bezeichnung - an der Schwelle zum Industriestaat stehen und genügend Eigendynamik besitzen, um Merkmale eines Entwicklungslandes in absehbarer Zeit zu überwinden. Es gibt international keine verbindlich festgelegte Liste der Schwellenländer. Häufig genannte Beispiele sind die Türkei, die vier "kleinen Tiger" in Südostasien, Brasilien und Mexiko in Lateinamerika sowie die Republik Südafrika. Zu beachten ist aber, dass der wirtschaftliche Fortschritt dieser Länder keineswegs allen Teilen der Bevölkerung zugute kommt und dass darüber hinaus die politische und soziokulturelle Entwicklung nicht parallel zu den wirtschaftlichen Erfolgen verlaufen muss (siehe Länderbeispiele).

Regionalgruppen

Neben den genannten Gruppen, die primär anhand ökonomischer Merkmale gebildet wurden, darf die regionale Komponente nicht außer acht gelassen werden. Länder verstehen sich als Teil einer Region und verfolgen meist gemeinsam mit ihren Nachbarländern ihre Interessen. Ein gutes Beispiel ist Lateinamerika, das historische, sprachliche, religiöse und politische Gemeinsamkeiten sowie ein regionales Selbstbewusstsein besitzt. Selbst Haiti als einziges lateinamerikanisches LDC dürfte mehr Gemeinsamkeiten mit seinen Nachbarländern sehen als mit den afrikanischen LDC.