Tschechien

6.11.2002 | Von:

Wirtschaft in der Transformation

Reformen nach 1996

Nach Abschluss der ersten Reformphase in der tschechischen Republik gegen Mitte der neunziger Jahre steht nach Einschätzung der in London ansässigen "Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung" seit dem Ende des Jahrzehnts die Konsolidierung der Reformen im Vordergrund. In dieser Phase muss es nicht nur wegen des angestrebten Beitritts zur Europäischen Union gelingen, den Abstand der eigenen Wirtschaft zu denen der westlichen Industriestaaten zu mindern. Es geht auch um die Fähigkeit der tschechischen Wirtschaft, dem starken ökonomischen Wettbewerb auf den Weltmärkten dauerhaft standzuhalten.

Schwächen einer Wirtschaft zeigen sich häufig in Außenhandelsbilanzen, in Leistungs- und Handelsbilanzdefiziten. So war es auch in der Tschechischen Republik im Jahre 1996. Ein Jahr später begann die bisher im osteuropäischen Vergleich moderate Arbeitslosigkeit zu steigen und erreichte am Ende des Jahrzehnts acht bis neun Prozent. Dieser Wert blieb bis heute konstant. Im Jahr 2000 waren fast 40 Prozent der Arbeitslosen länger als zwölf Monate beschäftigungslos. Es zeigen sich auch regional spezifische Unterschiede. In einzelnen Kreisen Nordböhmens ist die Arbeitslosenquote ebenso wie in Teilen Nordmährens mit über 15 Prozent fast doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt, während in Prag weniger als fünf Prozent der Erwerbstätigen arbeitslos sind.

1996 bis 1997 geriet nicht nur die Wirtschaft in eine Krise, sondern es kam zur Verflechtung von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krisensymptomen. Die Versuche der Regierung, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten aufzufangen, führten zu stagnierenden, teilweise sogar sinkenden Reallöhnen. Enttäuschung über die Unfähigkeit der Politik, ihre Versprechungen einzulösen, führte zu einem rapiden Verfall des Vertrauens in die regierende Elite und die politischen Institutionen. Die bis dahin regierende Mitte-Rechts-Koalition wurde im November 1997 vorzeitig abgelöst. Damit war auch die Phase außergewöhnlicher politischer Stabilität vorbei: 1998 musste die tschechische Bevölkerung das erste Mal außerhalb der Reihe an die Wahlurne treten. Eine sozialdemokratische Minderheitsregierung löste die Mitte-Rechts-Regierung ab. Sie wurde mit den Wahlen im Jahre 2002 weiterhin im Amt bestätigt.

Der zwischen 1997 und 1999 entstandene Einbruch des Bruttoinlandsprodukts konnte erst im Jahr 2000 überwunden werden. In dieser Zeit wurden auch eine Reihe von unerledigten Wirtschaftsreformen, so die Privatisierung der Banken, die technische Erneuerung einiger großer Betriebe und die Vorbereitung der Wirtschaft auf den EU-Beitritt, beschleunigt oder zu Ende geführt. Nach 2,9 Prozent im Jahr 2000 steigerte sich das Bruttoinlandsprodukt im Folgejahr um 3,6 Prozent. Von wirtschaftlichen Erfolgen zeugen auch die seit 1999 wieder stark ansteigenden ausländischen Direktinvestitionen in Tschechien.

Diese Konsolidierung der Wirtschaftsentwicklung ist im wesentlichen ein Erfolg der sozialdemokratischen Minderheitsregierung, die, gestützt durch einen Vertrag mit der oppositionellen ODS und darüber hinaus mit wechselnden parlamentarischen Mehrheiten, einige wichtige, bisher ungelöste Probleme zügig in Angriff nahm. Ungeachtet dieser Fortschritte gibt es nach wie vor Schwachstellen der tschechischen Wirtschaftsentwicklung: Dazu zählen die vielfach unzureichenden Qualifikationen der Unternehmensführungen, die Defizite in der Förderung der kleinen und mittleren Unternehmen sowie offenkundige Mängel im Kampf gegen Wirtschaftskriminalität.

Ausländische Direktinvestitionen

Die veränderte Eigentumsstruktur, die Ausrichtung der Außenwirtschaft und die neuen sozialen Institutionen der Marktwirtschaft sind wichtige Voraussetzungen einer erfolgreichen Integration der tschechischen Wirtschaft in die Weltökonomie. Es mangelt vielen Unternehmen aber an Kapital, um in die Erneuerung der Produktionsbasis zu investieren. Ein Weg, um dieses Problem zu lösen, ist die Anziehung ausländischen Kapitals.

Ausländische Direktinvestitionen (ADI) in Tschechien und OstmitteleuropaAusländische Direktinvestitionen (ADI) in Tschechien und Ostmitteleuropa
Insofern ist eins der Erfolgskriterien der Transformation die Bilanz der ausländischen Direktinvestitionen (ADI), die seit 1990 ins Land kamen. Diese Investitionen betreffen nicht ausschließlich die Industrie, sie schlagen sich auch nicht nur in der Erneuerung der Produktionsgrundlage nieder. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat in einer Studie zur Vorbereitung der ostmitteleuropäischen Länder auf den EU-Beitritt hervorgehoben, dass sich aus den ADI weitere wirtschaftliche Vorteile ergeben: Die ausländischen Firmen unterstützen in der Regel die Qualifizierung der Management- und Marketingfähigkeiten der betreffenden einheimischen Unternehmen, außerdem erleichtern sie ihnen den Zugang zu internationalen Finanz- und Warenmärkten.

Die Tschechische Republik gehört zu den Ländern in Ostmitteleuropa, die seit Jahren die meisten ADI anziehen. Die Gelder kommen vorwiegend aus vier bis fünf westlichen Industriestaaten, wobei Deutschland in den letzten Jahren meist den Spitzenplatz vor den Niederlanden einnahm. In Ostmitteleuropa wird vor allem in das Finanzwesen und in den Handel investiert. Die deutschen Direktinvestitionen in Tschechien hingegen kommen außer in diesen beiden Bereichen im erheblichen Maße der Produktion und dem Absatz von Kraftfahrzeugen sowie der Produktion von elektrischen Maschinen und Geräten zugute. Auch bei industriellen Projekten, in die Gelder investiert werden, nehmen deutsche Firmen eine Spitzenposition ein.

Ein Beispiel für ein solches Unternehmen ist der bekannte Autoproduzent des Landes, "Skoda" in Mladá Boleslav, der bereits 1991 Teil des deutschen VW-Konzerns wurde. VW besaß 70 Prozent der Aktien dieses größten tschechischen Werkes mit gegenwärtig 22000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 90 Milliarden Kronen. Der tschechische Staat besaß die restlichen 30 Prozent, im Mai 2000 hat er diese für 650 Millionen DM an VW verkauft, behält aber einen Sitz im Aufsichtsrat des Unternehmens.

Die von 1990 bis Ende 2000 ins Land investierten ausländischen Gelder in Höhe von 22,1 Milliarden US-Dollar machen einen Anteil von weit über 30 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts aus. Die ADI schaffen und sichern Arbeitsplätze in Tschechien, unterstützen die Umstrukturierung der Wirtschaft und stärken den Export. So wurden 1999 nach Angaben von "Czechinvest", einer Organisation zur Unterstützung ausländischer Investitionstätigkeit, ungefähr zwei Drittel aller industriellen Exportgüter in tschechischen Betrieben produziert, die ausländischen Unternehmen gehören.

Das heißt nicht, dass es keine Ängste angesichts dieser Internationalisierung der Wirtschaft gäbe. So wurde eine der größten Banken 1998 an die japanische Nomura-Gruppe verkauft. Im Oktober 1999 veräußerte diese Finanzgruppe den der Bank gehörenden Aktienanteil an den beiden größten tschechischen Biermarken Pilsner Urquell und Radegast an den südafrikanischen Brauereikonzern SAB. In der tschechischen Öffentlichkeit wurde dieser Verkauf kritisch kommentiert. Im Sommer 2000 ging die Bank selbst in den Besitz eines anderen ausländischen Eigentümers über. Soweit der konkrete Konflikt, der kein Einzelfall ist.

Allerdings scheint es zur Internationalisierung der tschechischen Betriebe angesichts der Verflechtung der Weltwirtschaft keine Alternative zu geben. Und solange die betreffenden Unternehmen die tschechischen Marken auf dem Weltmarkt durchsetzen und Arbeitsplätze erhalten bleiben, überwiegen die Vorteile für die Bevölkerung.