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Erdbebenserie in Afghanistan

Redaktion

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Im Westen Afghanistans ist es im Oktober zu einer Serie von schweren Erdbeben gekommen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO starben dabei mehr als 1.400 Menschen.

Zwischen den eingestürzten Lehmhäusern werden in der Provinz Herat Notunterkünfte aufgebaut. Das Foto wurde am 10. Oktober 2023 aufgenommen, am 15. Oktober gab es ein erneutes schweres Erdbeben. (© picture-alliance)

Die Serie von Erdstößen begann am 7. Oktober mit einem Beben der Stärke 6,3 auf der Richterskala. Die Erdbeben ereigneten sich nahe der Großstadt Herat, die etwa 100 Kilometer von der Grenze zum Iran entfernt liegt. Dem ersten Beben am 7. Oktober 2023 folgten am 11. und 15. Oktober zwei weitere Beben der Stärke 6,3 sowie zahlreiche Nachbeben. Mindestens 1.400 Menschen sollen laut Interner Link: WHO durch das Erdbeben gestorben sein, tausende Gebäude stürzten ein. Während es im Osten Afghanistans häufig Erdbeben gibt, sind Beben im Westen des Landes seltener.

Opferzahlen und Schäden

Die WHO geht davon aus, dass durch die gesamte Erdbebenserie bis zum 19. Oktober mindestens 1.482 Menschen ums Leben gekommen sind. Am schlimmsten betroffen ist laut Berichten des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten OCHA der ländliche Bezirk Zindajan, in dem allein fast 1.300 Menschen starben. OCHA geht von über 20.000 beschädigten oder zerstörten Gebäuden aus, darunter Wohnhäuser, Schulen und Kliniken. Zerstört wurde darüber hinaus Infrastruktur zur Versorgung mit Trinkwasser und Strom sowie Straßen.

Herat ist die zweitgrößte Stadt Afghanistans mit etwa einer halben Million Einwohnern. Viele Häuser in der Region sind aus Lehmziegeln gebaut und durch das Erdbeben komplett eingestürzt.

Das Interner Link: Taliban-Regime hatte nach dem zweiten Hauptbeben um internationale Hilfe gebeten. Dabei gehe es vor allem um die Zusammenarbeit bei der Errichtung von Unterkünften, in denen die Menschen über den Winter leben können. In der Region um Herat sinken die Temperaturen in den Wintermonaten unter den Gefrierpunkt.

Schwierige Rahmenbedingungen für Nothilfe

Die Erdbeben Interner Link: trafen das Land in einer bereits schwierigen Situation. Vor der Erdbebenserie im Oktober hatte dasInterner Link: UN-Büro OCHA darauf hingewiesen, dass die humanitäre Situation in Afghanistan sich seit der Machtübernahme der Taliban verschlechtere. 29,2 Millionen Menschen, etwa drei Viertel der Gesamtbevölkerung, bräuchten Hilfe; etwa in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Unterbringung und Sanitäranlangen. Das seien etwa eine Million Menschen mehr als im Jahr zuvor.

Ein wichtiger Grund für den Anstieg der Armut ist der Zusammenbruch der afghanischen Wirtschaft mit der Machtübernahme der Taliban. Sanktionen und die Blockade des internationalen Bankenverkehrs erschweren Unternehmen im Land den Zugang zu Finanzen, ausländische Investitionen sind zurückgegangen. Auch die Höhe von Entwicklungsgeldern aus dem Ausland ist gesunken. Im September hatte daher das Interner Link: UN-Welternährungsprogramm WFP bekannt gegeben, weniger Menschen als bisher in Afghanistan versorgen zu können.

Eine jahrelange Dürre hat zudem zu immensen Problemen bei der Nahrungsmittelversorgung geführt. Etwa die Hälfte der Bevölkerung leide unter Mangelernährung; für 2,7 Millionen Menschen sei die Situation so gravierend, dass eine Hungersnot drohe. Experten fürchten, dass der Klimawandel die Versorgungslage in Afghanistan weiter verschlimmern könnte.

Das afghanische Gesundheitssystem ist zu großen Teilen von internationalen Hilfen abhängig. Um die Überlebenden der Erdbeben über den Winter zu versorgen, seien rund 96 Millionen US Dollar notwendig, wie OCHA mitteilte. Damit könnten über 100.000 Menschen erreicht werden. Bis Anfang November sei jedoch erst ein Viertel der Gelder zugesagt worden.

Nothilfe unter Taliban-Regime

In Afghanistan haben im Interner Link: August 2021 die radikal-islamistischen Taliban die Macht übernommen. Die Vereinten Nationen nennen das Taliban-Regime eine „De-facto-Regierung“, anerkannt wird diese Regierung bisher nicht. Trotzdem arbeiten Hilfsorganisationen mit staatlichen Behörden zusammen. Wie der Bevölkerung geholfen werden kann, ohne das Taliban-Regime zu stützen, ist umstritten.

Unter anderem erschwert die frauenfeindliche Politik des Taliban-Regimes die Versorgung der betroffenen Bevölkerung. Seit Dezember 2022 verbietet das Regime afghanischen Frauen in Hilfsorganisationen zu arbeiten. Daraufhin hatten mehrere Interner Link: Nichtregierungsorganisationen – darunter die Welthungerhilfe und Save the Children – ihre Arbeit zeitweise eingestellt. Frauen auszuschließen widerspreche den Grundsätzen ihrer Arbeit. Außerdem könne die weibliche Bevölkerung nur durch Frauen erreicht werden, argumentieren Hilfsorganisationen. Das gelte vor allem für die Gesundheitsversorgung. Vor allem in konservativen, ländlichen Gebieten würden Frauen anders kaum erreicht werden, da Männer keinen Zugang zu diesen Gebieten hätten.

Inzwischen berichten Hilfsorganisationen von Ausnahmen des Arbeitsverbotes. Der Organisation Caritas International zufolge mussten hierzu Vereinbarungen mit den einzelnen Provinzregierungen ausgehandelt werden. Mehrere Hilfsorganisationen setzten auf dieser Basis ihre Arbeit fort. Im April 2023 weiteten die Taliban das Arbeitsverbot jedoch auch auf die UN aus; auch dort dürfen afghanische Frauen nicht mehr arbeiten.

Deutschland arbeitet nicht mit Taliban zusammen

Die Bundesregierung setzte nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 die bilaterale entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit Afghanistan aus. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) arbeitet nicht mit Vertretern des Taliban-Regimes zusammen und verhandelt nach eigener Aussage nicht mit ihnen. Jedoch soll die Bevölkerung über die Interner Link: Weltbank, UN-Organisationen und Nichtregierungsorganisationen unterstützt werden. Im Jahr 2023 stellte Deutschland insgesamt 527 Millionen Euro an Hilfsmitteln für Afghanistan zur Verfügung. Nach dem Beginn der Erdbebenserie am 7. Oktober 2022 beschloss die Bundesregierung eine Notfallhilfe in Höhe von fünf Millionen Euro. Mit dem Geld sollen UN-Organisationen unterstützt werden, die vor Ort Katastrophenhilfe leisten.

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