Anti-Nazi-Aufkleber

31.7.2014

M 03.04 Fallbeispiel Melissa

Sie war Funktionärin in der mittlerweile verbotenen neonazistischen »Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei« (FAP), dann Kameradschaftsführerin und Mitglied in einer germanischen »Artgemeinschaft«, einer rechtsextremistisch heidnischen Glaubensgemeinschaft. Seit ihrem Austritt aus der rechtsextremen Szene wird sie von den ehemaligen Kameraden gesucht. Der Name bleibt aus Sicherheitsgründen unbekannt.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Ich komme aus dem Westen aus einer gehobenen Mittelstandsfamilie. Es war immer Geld da, meine Eltern haben viel gearbeitet und haben sich, als ich zehn Jahre alt war, getrennt. Mein Vater war damals noch in der Politik aktiv. Durch ihn habe ich dann die praktische politische Arbeit in einer Partei kennen gelernt. Wie organisiert man einen Wahlkampf? Wie plakatiert man? Wie redet man? Das habe ich später gut gebrauchen können. Erzogen wurde ich vor allem von meinen Großeltern. Meine Großeltern waren Alt-Nazis und haben mich antisemitisch erzogen. Als wir in der Schule das »Dritte Reich« durchgenommen haben, hat mein Opa mir die Zeit in den buntesten Farben geschildert. Mich hat das interessiert und fasziniert.

Das ist eine Biografie, mit der man nicht rechtsextremistisch werden muss. Im Gegenteil.
Ja, andere sind dann besonders kritisch und gehen zu den Linken. Ich wurde auch besonders radikal, aber rechtsradikal. Ich habe mich immer mehr mit Politik auseinandergesetzt und habe alles, was ich las, nach rechten Geschichten über Skinheads oder rechte Parteien durchsucht. Mit 13 traf ich in unserer Stadt auf die ersten Glatzen und hatte ersten Kontakt zu den »Jungen Nationaldemokraten« und der NPD. In der Szene habe ich meinen ersten Freund gefunden. Aber schon nach einem Jahr war mir das, was in der NPD angeboten wurde, nicht radikal genug. Ich wollte Massen bewegen. Ich wollte so richtig einsteigen und habe mich an die FAP gewandt.

War Ihr Vater nicht entsetzt?
(…) Mein Vater hat mich am Anfang sogar noch unterstützt und mir das Geld für die Fahrten zu den Demonstrationen zugeschoben, die am Wochenende überall in Deutschland stattfanden. Dann habe ich fast nur noch rechte Zeitungen gelesen. Irgendwann hat das meiner Mutter gereicht. Sie hat per Gerichtsbeschluss erwirkt, dass ich in ein geschlossenes Heim komme. Dort bin ich nach drei Wochen abgehauen. Da war ich 16. Ich bin in der rechten Szene untergetaucht. Zunächst in Deutschland, und dann wurde ich über die Grenze nach Dänemark geschleust. Geld war überhaupt keine Frage. Die rechten Kameraden haben mich alle unterstützt. Nach kurzer Zeit kannte ich sehr viele Leute. Bis ich 18 war, war ich in Dänemark. Danach war ich mit einem Mann aus der Führungsriege der FAP zusammen. Ich habe das Extreme gesucht. Ich hätte mich ja auch mit einem Wochenend-Nazi abgeben können. Aber das wollte ich nicht.

Aus: Interview von Annettte Rollmann: "Ich habe das Extreme gesucht,"Das Parlament, 45/2005.

Arbeitsaufträge

  1. Einzelarbeit: Welche Ursachen werden im Interview dafür genannt, dass Melissa in die rechte Szene eingestiegen ist?

  2. Partnerarbeit : Vergleiche deine Ergebnisse mit einem Partner, der das gleiche Fallbeispiel bearbeitet hat. Ergänze ggf. deine Notizen mit neuen Aspekten.

  3. Gruppenarbeit : Bildet 3er-Gruppen und beachtet, dass jeder ein anderes Fallbeispiel bearbeitet hat, sodass ihr euch über die drei verschiedenen Fallbeispiele austauschen könnt.
    • Vergleicht eure Notizen über die Fallbeispiele im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede und haltet diese stichwortartig fest.
Das Arbeitsmaterial ist PDF-Icon hier als PDF-Dokument abrufbar.


Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer.

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