Schultafel

19.11.2019 | Von:
Prof. Dr. Tilman Grammes

Perspektiven einer didaktischen Konzeption berufsbezogener politischer Bildung

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Leitfragen:

Didaktik ist die Auswahl des Wissenswerten (Wolfgang Hilligen). Ist eine spezifische didaktische Konstruktion berufsbezogener politischer Bildung überhaupt notwendig? Wenn ja, wie könnte diese aussehen und welche Konzepte sind in der Diskussion? Welche Folgerungen ergeben sich daraus für die Konstituierung politischer Bildung in beruflichen Schulen als Unterrichtsfach? Immerhin werden in der Bundesrepublik Deutschland selbst bei konservativer Schätzung weit mehr als 10.000 Politikstunden wöchentlich in den einzelnen Formen des berufsbildenden Schulwesens unterrichtet!

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat sich seit ihrer Gründung kontinuierlich immer wieder mit der politischen Bildung im berufsbildenden Schulwesen beschäftigt. Diese Traditionen sollten erinnert werden, da das Forschungsfeld sonst weiterhin sehr disparat und zerklüftet bleibt (unverbundene Einzelforschung).

Didaktischer Ansatz:

In der beruflichen Bildung muss Didaktik politischer Bildung sich in besonderem Maße an den Lernorten ausrichten. Politikunterricht an berufsbildenden Schulen ist "Bildung im Medium des Berufs" (Herwig Blankertz) – der Bildungsgang soll durch die (berufliche) Spezialisierung zur Allgemeinbildung führen. Dies impliziert ein emphatisches "Berufskonzept von Arbeit". Es wird von einer "Berufsförmigkeit" von Arbeit ausgegangen, unabhängig davon, wie die berufssoziologische These der Entberuflichung von Arbeit unter den Bedingungen einer digitalisierten Wissensgesellschaft eingeschätzt wird. Ausgangspunkt ist bei der alltäglichen Wahrnehmung von Arbeit (Walter Dürr). Mit Bezug auf berufliche Bildung bedeutet dies, zu fragen, wie Menschen ihre tägliche Arbeit und ihre Gestaltungsspielräume darin sehen.

Politische Bildung im berufsbildenden Schulwesen und im "dualen" System ist Lernortdidaktik. Es können prinzipiell vier Formen unterschieden werden, wie politische Bildung im berufsbildenden Schulwesen organisiert werden kann:
  1. als allgemeinbildende politische Bildung für junge Erwachsene (Fach)
  2. als allgemeine berufliche politische Bildung (Fach und Lernfeld)
  3. als branchenbezogene politische Bildung (bevorzugt im Lernfeldunterricht)
  4. als Lernen in Projekten und an außerschulischen Lernorten
  5. Daneben muss im dualen System der Berufsbildung der Beitrag der betrieblichen (gesellschafts-politischen) Aus- und Weiterbildung mit der schulischen Bildung vernetzt werden.
Zu diesen Formen im Einzelnen:
  1. Die allgemeinbildende politische Bildung unterscheidet sich in ihren didaktisch-methodischen Prinzipien und Verfahren nicht von der Politikdidaktik im allgemeinbildenden Schulwesen. Dabei sind Anpassungen an die jeweiligen Lerngruppen vor Ort selbstverständlich (Schülerorientierung, diagnostische Kompetenz).

    Praxisbeispiel: Jedes Schulbuch oder Unterrichtsmodell aus den Fachzeitschriften für die Zielgruppe junge Erwachsene.

  2. Die allgemeine berufliche politische Bildung behandelt Themen des Arbeitsrechts, der betrieblichen Mitbestimmung und des Wandels der Berufs- und Arbeitswelt, wie sie in den Arbeitsbeziehungen in allen Berufen vergleichbar auftreten. Solche Themen sind traditionell Bestandteil eines informellen Kerncurriculums und Schwerpunkt der Aufgabenformate in den Abschlussprüfungen der Kammern und Innungen. Stichworte: AkA, Nürnberg und PAL, Stuttgart. Es kann gezeigt werden, wie auch solche Themen und Aufgabenformate von einem instruktionsorientierten multiple choice Format – das immer wieder kritisierte Auswendiglernen - in problem- und handlungsorientierte, auf Sinnverstehen bezogene Formate transformiert werden können.

    Praxisbeispiel: Der Zugang kann mit der Methode "Chefgespräch" (Ralf Oberländer) illustriert werden. Schlüssel ist das didaktische Fallprinzip (Kriterien guter Fälle nach Thomas Retzmann). Das Kompetenzziel kann als Empowerment und Befähigung zum alternativen, kritisch-kreativen Denken umschrieben werden. Den Möglichkeiten digitaler Lernumgebungen (augmented reality) kommt bei diesem Zugang eine wichtige Rolle zu.

  3. Die branchenbezogene politische Bildung stellt eigenartigerweise weitgehend eine Leerstelle in der Politikdidaktik dar. Es wird eine branchenspezifische fachdidaktische Perspektive als Kombination von Intention, Inhalt und Unterrichtsthema gebildet. Ausgangspunkt bildet die Zeitdiagnose der Risikogesellschaft (Ulrich Beck). Alle gesamtgesellschaftlichen und globalen Risiken und Probleme gelten als wesentlich durch "betriebsblindes", einzelwirtschaftliches sowie beruflich professionalisiertes Handeln verursacht. Die langfristigen Folgen kurzfristigen einzelberuflichen Handelns führen zu nicht beabsichtigten systemischen Nebenfolgen. Bildung für nachhaltige Entwicklung und globales Lernen thematisieren diese Zusammenhänge.

    Politische Bildung im Medium des Berufs bedeutet dann, an wahrgenommene individuelle Konflikte in der Arbeits- und Berufswelt gestaltungs- und zukunftsorientiert heranzugehen, und diese mit globalen Schlüsselproblemen zu vernetzen. Die fachdidaktischen Prinzipien Handlungsorientierung, Zukunftsorientierung und Gestaltungsorientierung stehen im Zentrum. Entsprechende Lernaufgaben und Lernumgebungen können sowohl auf der Mikroebene, der Mesobene oder der Makroebene modelliert werden. Die branchenbezogene politische Bildung ist anschlussfähig an die Arbeitsprozess- bzw. Geschäftsprozessorientierung im Lernfeldansatz. Auch zeitgeschichtliche Bildung als Beitrag zum allgemeinbildenden Politikunterricht lässt sich hier einbringen.

    Praxisbeispiele für branchenbezogenen Politikunterricht liegen aus konkreten Unterrichtsvorhaben an berufsbildenden Schulen in Hamburg vor und können für alle Berufsfelder (Handel, Dienstleistung und Verwaltung, Gewerbe, Gesundheit, Ernährung, Landwirtschaft …) skizziert werden. Inspiration gibt das genetische Prinzip. Dieses Prinzip strukturiert überraschenderweise die motivierenden Beispiele in der Preisschrift von Georg Kerschensteiner: "Die staatsbürgerliche Erziehung der deutschen Jugend" (1901), obwohl diese von Berufspädagogik und Politikdidaktik meist als "konservativ" und "affirmativ" eingeschätzt wird.

  4. Nachhaltige politische Bildung in berufsbildenden Schulen lässt sich in Projekten, Blockseminaren oft besser verankern als in verinselten Einzelstunden, und muss um solche Angebote ergänzt werden. Die Kooperation mit außerschulischen Partnern - Gewerkschaften, Unternehmen, zivilgesellschaftliche Akteure - ist in einer demokratischen Schulkultur unverzichtbar.

    Praxisbeispiel: Die bis heute einflussreichste Konzeption politischer Bildung, die kategoriale Konfliktdidaktik nach Hermann Giesecke, hatte in den 1960er Jahren ihren erfahrungsbezogenen Ursprung in Wochenseminaren im Jugendhof Steinkimmen in Niedersachsen. Lehrlinge und Gymnasiasten begegneten sich dort in einem nicht-schulischen Lernraum, um ihre aktuellen Fragen und Themen zu bearbeiten und eine gemeinsame Sprache und Verständigungsbasis für die Artikulation von Erfahrungen zu finden.

  5. Der Lernort Betrieb ist die wirksamste Instanz politischer Sozialisation in der Altersgruppe junger Erwachsener (Wolfgang Lempert). Über ergänzende Schulungen und Weiterbildungen mit Bezug zur politischen Bildung ist wenig systematisch bekannt.


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