Zuflucht Gesucht

20.7.2017 | Von:
Katharina Reinhold

Navid aus Iran: Handreichung für Pädagoginnen und Pädagogen

Die Handreichung bietet - angelehnt an das Arbeitsblatt - Anregungen mit Schülerinnen und Schülern über die Situation der kurdischen Minderheit im Iran zu diskutieren und diese als Fluchtursache zu kontextualisieren. Die Kinder erarbeiten sich dabei nicht nur inhaltliches Wissen, sondern entwickeln über die Geschichte Navids Empathie für die Lebensrealitäten geflüchteter Kinder.

Gesamtlänge des Films: 4:34 min (incl. Abspann)

Altersempfehlung: ab 10 Jahren

Fächer: Deutsch, Sachunterricht, Politik, Kunst, Religion/Ethik

Schwerpunkte: Fluchterfahrung, Meinungsfreiheit, Minderheit, Sprache

Ziele: Annäherung an das Thema Flucht, Kennenlernen von Fluchtgründen, Entwicklung von Empathie, Kennenlernen von Menschen- und Kinderrechten (besonders Meinungsfreiheit und Gleichheit, Minderheitenschutz)

Allgemeiner Hinweis zum Einsatz des Arbeitsblattes: Die Übungen können auch unabhängig voneinander bearbeitet werden.

Übung 1: Vor dem Sehen des Films: Wer ist Navid?

Fächer: z.B. Deutsch, Sachunterricht, Politik, Religion/Ethik

Dauer: ca. 20 min.

Angestrebte Kompetenzen: Informationen aus Texten und Bildern entnehmen, sich Hintergrundwissen über Iran und Kurden aneignen, eine unbekannte mit der eigenen Lebenssituation vergleichen, Bezüge herstellen, sich mit Religionsfreiheit beschäftigen.

Hinweis: Die Aufgabe kann mündlich in der ganzen Gruppe oder in Kleingruppen besprochen werden, oder auch schriftlich auf dem Arbeitsblatt gelöst werden.

Die Kinder lernen Navid, die Hauptfigur des Films, kennen. Er ist iranischer Kurde. Zunächst beschreiben sie, wie Navid dargestellt ist und was ihnen an ihm auffällt.

Eine mögliche Antwort:

Navid hat einen großen Kopf und sehr große Augen. Er hat einen kurzen Oberkörper und lange Beine. Er sieht freundlich/schüchtern/zufrieden/erwartungsvoll aus. Er steht in der Sonne.


In zwei Kurztexten erhalten die Kinder Informationen zum Iran und über Kurden, um zu verstehen, was dies bedeutet. Sie vergleichen die Informationen mit dem, was sie über das Leben und die Rolle der Religion in Deutschland wissen. Sicherlich wird das Wissen darüber sehr unterschiedlich sein. Im Unterrichtsgespräch sollten Sie daher noch einige Denkanstöße geben und Informationen ergänzen. Möglicherweise sind auch Kinder aus kurdischen Familien in der Klasse. Diese könnten Sie vorab fragen, ob sie etwas beitragen möchten. Dies sollte unbedingt auf freiwilliger Basis erfolgen, die Kinder dürfen nicht in eine Repräsentationsrolle gedrängt werden.

Aufgabenstellung: Lest die Texte über den Iran und die Kurden in Partnerarbeit. Vergleicht das, was ihr dort erfahrt, mit eurem Leben in Deutschland. Was ist hier anders?

Mögliche Ergänzung: Denkt besonders über die Rolle der Religion und die Rechte von kleineren Volksgruppen nach.

Antwortmöglichkeiten (Beispiele):

Vergleich zum Iran: Deutschland liegt in Europa. Hier leben etwa 82 Mio. Menschen, die Amtssprache ist Deutsch. Die meisten Menschen sind Christen (röm.-katholische Christen ca. 30%, evangelische Christen ca. 29%, orthodoxe Christen, ca. 1,5%, Muslime ca. 5%, Konfessionslose ca. 33%, siehe Grafik). Staat und Religion sind ziemlich stark getrennt (mit einigen Ausnahmen, dass es z.B. Religionsunterricht in den staatlichen Schulen gibt und dass der Staat die Kirchensteuer einzieht). Die demokratisch gewählte Regierung kann unabhängig von den Religionsgemeinschaften Entscheidungen treffen.
Grafik: Religionszugehörigkeit, Anteile in Prozent der GesamtbevölkerungGrafik: Religionszugehörigkeit, Anteile in Prozent der Gesamtbevölkerung (© 2012 Bundeszentrale für politische Bildung)

Vergleich mit den Kurden: Die meisten Deutschen leben in Deutschland und sprechen Deutsch. Es gibt auch in Deutschland ethnische Minderheiten wie zum Beispiel Dänen oder Sorben. Auch Menschen aus vielen anderen Ländern leben hier. Sie dürfen ihre Sprachen sprechen, ihre Religion und Kultur leben. Es gilt die Religionsfreiheit und das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Alle, die in Deutschland leben, müssen sich an die deutschen Gesetze halten. Manche Menschen aus anderen Ländern haben (noch) keine Aufenthaltsgenehmigung. Für sie ist es schwieriger, manche ihrer Rechte sind eingeschränkt, z.B. Freizügigkeit oder Arbeitserlaubnis (siehe auch Film und Arbeitsblatt über Rachel).

Weitere vertiefende – allerdings teilweise nicht mehr aktuelle – Informationen über Iran finden Sie hier:

http://www.bpb.de/internationales/asien/iran/

Weitere Informationen über den Kurdenkonflikt finden Sie hier:

http://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54641/kurdenkonflikt

http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/islam-lexikon/21504/kurden

Im Anschluss könnten Sie ein Unterrichtsgespräch führen, anhand folgender Leitfragen:
  • Kennst du Menschen, die aus dem Iran kommen?
  • Kennst du Kurden oder kommst du selbst aus einer kurdischen Familie (siehe oben, es sollte vorab mit den Kinder geklärt werden, ob sie dies thematisieren möchten oder nicht)?
  • Weißt du etwas über das Leben im Iran oder über die Lage der Kurden?
  • Ist das, was du gehört hast, ähnlich wie in den Texten beschrieben oder anders?
Im Gespräch sollte deutlich werden, dass es hier schwierig ist, von richtig oder falsch zu sprechen, da jeder Mensch Situationen anders erlebt und es viele verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen geben kann.

Übung 2: Den Film sehen und verstehen

Fächer: z.B. Deutsch, Sachunterricht, Politik, Religion/Ethik

Dauer: ca. 20 min.

Angestrebte Kompetenzen: Informationen aus Bewegtbildern und Texten entnehmen und verstehen, eine Karte lesen und Wege einzeichnen, Inhalte zusammenfassen, Empathie und Verständnis für Kinder mit Fluchtgeschichte entwickeln.

Zum besseren Verständnis des Films wird vorgeschlagen, den Film in kurzen Abschnitten zu zeigen und jeweils im Anschluss Verständnisfragen zu stellen. Vielleicht haben die Kinder auch selbst Fragen zu dem Gesehenen, die sie sich gegenseitig oder mit Ihrer Unterstützung beantworten können. Alternativ ist es auch möglich, den Film zunächst ganz anzuschauen und im Anschluss die Fragen zu beantworten oder nur auf einzelne Szenen nochmals einzugehen.

Möglicherweise ruft der Film bei einigen Kindern starke emotionale Reaktionen hervor. Die Kinder sollten Gelegenheit haben, ihre Gedanken und Gefühle spontan äußern zu können. Alle Äußerungen sollten gleichwertig akzeptiert werden.

Die Ausschnitte starten jeweils bei der angegebenen Stelle, stoppen müssen Sie jedoch selbst. Wir empfehlen, dies vor dem gemeinsamen Anschauen in der Klasse auszuprobieren. Die Fragen können Sie gemeinsam mündlich im Gespräch erörtern, oder die Kinder beantworten sie schriftlich auf dem Arbeitsblatt.

Aufgabenstellung: Schau dir nun den Film an. Beantworte dabei folgende Fragen:

Navid im Iran, Der Vater muss fliehen (0:00 - 0:56 min.)

Warum verlässt Navids Vater den Iran?

Eine mögliche Antwort:

Er war unzufrieden mit der Situation im Land und er war gegen die Regierung. Andere Mitglieder der Familie wurden getötet, weil sie Kurden waren. Er war in Lebensgefahr und floh aus dem Land, um sich zu schützen.


Die Flucht (0:57 - 2:18 min.)

Auf welchen Wegen und mit welchen Verkehrsmitteln fliehen Navid und seine Mutter von Iran nach Großbritannien? Welche Gefühle hat Navid während der Flucht?

Eine mögliche Antwort:

Sie fliegen nach Italien, kommen über Slowenien und Frankreich nach Großbritannien. Sie sind mit dem Flugzeug, zu Fuß und mit einem Lkw unterwegs. Navid hat einige Male große Angst, zum Beispiel vor den Hunden der Polizisten in Italien, als sie nachts von der Hütte losgehen und als sie im Laster mit den Metallstangen fahren.


Zeichne den Fluchtweg in etwa auf folgender Karte ein:
Europakarte FluchtwegEuropakarte Fluchtweg (© TUBS, Wikimedia Commons, Bearbeitung: Katharina Reinhold )

Hinweis: Dies ist eine mögliche Lösung – im Film werden nur die Stationen Iran, Slowenien, Italien und Frankreich genannt, Ziel ist Großbritannien.

Das Wiedersehen mit dem Vater (2:18 - 2:51 min.)

Wie geht es Navid, als er nach so langer Zeit seinen Vater wiedersieht?

Eine mögliche Antwort:

Navid erkennt seinen Vater zunächst gar nicht, so lange hat er ihn schon nicht mehr gesehen. Er ist ihm fremd geworden. Er beobachtet ihn lange. Erst nach und nach gewinnt er mehr Zutrauen zu ihm.


Neuanfang in der Schule (2:52 - 4:34 min.)

Beschreibe Navids Gefühle während seiner ersten Tage in der Schule. Was löst diese Gefühle bei ihm aus? Mögliche Antworten: Die ersten Schultage sind schwer für Navid. Er versteht die Sprache nicht und ist ein Außenseiter. Alles ist für ihn fremd und neu. Das macht ihm Angst.

Was hilft ihm, sich besser zu fühlen?

Eine mögliche Antwort:

In der Schule gibt es Kinder aus verschiedenen Ländern, es gibt außer ihm noch mehr Flüchtlingskinder. Nach der Schule können sie in einem speziellen Zentrum zusammen sein. Das hilft Navid, Freunde zu finden und sich besser zu fühlen.

Ich verstehe gar nichts! (Nicht auf Arbeitsblatt enthalten)

Um Empathie mit Kindern zu üben, die neu zu einer Gruppe hinzukommen und deren Regeln, Schrift oder Sprache nicht verstehen, bietet sich die Übung „Spielkulturen“ an (Unterrichtsmaterialien von Planet Schule (SWR), für Deutschunterricht in der Grundschule:

https://www.planet-schule.de/wissenspool/seeking-refuge/inhalt/einsatz-im-deutschunterricht-grundschule.html

Hier geht es direkt zu den Arbeitsblättern zur Übung „Spielkulturen“:

Anweisungen für Lehrkräfte: https://www.planet-schule.de/fileadmin/dam_media/swr/seeking_refuge/pdfdoc/zuflucht_grundschule_ab1a.pdf

Spielregeln (für die Schüler/-innen): https://www.planet-schule.de/fileadmin/dam_media/swr/seeking_refuge/pdfdoc/zuflucht_grundschule_ab1b.pdf

Auswertungs-/ Beobachtungsbogen (für Lehrkräfte): https://www.planet-schule.de/fileadmin/dam_media/swr/seeking_refuge/pdfdoc/zuflucht_grundschule_ab1c.pdf

Um speziell das Phänomen: „Nichts lesen können“ nachzuvollziehen, eignet sich die Übung „Sprachlos“ sehr gut : https://www.planet-schule.de/fileadmin/dam_media/swr/seeking_refuge/pdfdoc/zuflucht_grundschule_ab2.pdf

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Autor: Katharina Reinhold für bpb.de
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