Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

25.7.2008 | Von:
Christopher Egenberger

Woran erkenne ich Rechtsextreme?

Rechtsextreme Musik

Für den modernen Rechtsextremismus ist Musik eines der wichtigsten Rekrutierungselemente. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) schreibt, dass "viele Jugendliche" explizit über Musik ihren "Einstieg in die rechtsextremistische Szene" gefunden haben. Einen detaillierten Überblick über die mittlerweile vielfältige rechtsextreme Musikszene zu geben, würde den Rahmen dieser Ausführungen sprengen. Es muss aber auf eine bereits angedeutete Entwicklung eingegangen werden, welche die rechte Musikszene in den letzten Jahren grundlegend verändert hat. Es ist augenscheinlich, dass neben der Skinhead-Musik-Kultur, die in den Neunziger Jahren die Szene geprägt hatte, rechtsextreme Inhalte Zugang zu zahlreichen anderen Jugendkulturen gefunden haben. Beispielhaft hierfür sind Dark Wave, Black Metal oder Hardcore. In diesen Zusammenhang schrieb der sächsische Verfassungsschutz 2005: "Durch die unterschiedlichen Musikrichtungen und die musikalische Qualität einiger Szenebands wird die rechtsextremistische Musik auch für bisher unpolitische Jugendliche und Anhänger anderer Sub- und Jugendkulturen interessant."

Neben einer Qualitätssteigerung in Produktion und Vertrieb ist mitursächlich für die erfolgreiche Ausbreitung rechter Musik, dass moderne und jugendkonforme Stilelemente übernommen worden sind. Hierbei wurden einige Tabus gebrochen, so "singen" deutsche NS-Hardcorebands heute überwiegend in englischer Sprache. Auch der lange verpönte Graffiti-Style ist längst keine Seltenheit mehr in der rechten Szene. So versucht die Marke "Rizist" mit szenetypischen weiten Jeans und Windbreakern und einem Graffiti-Schriftzug Kunden am rechten Rand der HipHop- und Skater-Szene zu erreichen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Nazis bestehende jugenkulturelle Symbole aufgreifen und mit einer eigenen Interpretation versehen ist die schwarze Billardkugel mit der 8. Der 8-Ball wurde erstmalig Anfang des letzten Jahrhunderts in den USA benutzt. Er hat keine politische Bedeutung und wird vornehmlich in der Rock-a-Billy-Szene und unter Rockern getragen. Heute erfreut er sich auch einer großen Beliebtheit insbesondere bei den stilistisch popkulturell orientierten Anhängern des neonazistischen Hardcore und erscheint häufig in den Logos derer Versände, Ladengeschäfte und Bands.

Auch bis vor wenigen Jahren noch eindeutig der linken Szene zugeschriebene Accessoires sind heute kein ausreichendes Indiz für die politische Zuordnung mehr. Das bekannteste Beispiel ist das sogenannte Palästinensertuch, das mittlerweile vornehmlich von Rechten getragen wird. Neonazis können sich somit hinter der Aufmachung fast jeder Jugendkultur verbergen. Dies gilt für den Kleidungs- und Musikstil, wie für den Internetauftritt, für Flyer oder Plakate. Oftmals wähnt man sich auf den ersten Blick auf der Seite eines Online-Shops für Streetwear und Graffitiutensilien oder einer links-autonomen Informationsseite. Den rechten Hintergrund erkennt man erst durch ein genaueres Betrachten der transportierten Inhalte. Und selbst die rechtsextreme Argumentation ähnelt vordergründig nicht selten linker Globalisierungs- oder USA-Kritik.

Fazit

Das Wissen um Symbole, Codes, Musik- und Kleidungsstil, in denen sich die Inhalte und Wertvorstellungen von Neonazis wiederfinden, ist eine wichtige Voraussetzung, um auf neonazistische Gefahren reagieren zu können. Doch die Fülle der Symbole, die Übernahme bzw. Verfremdung linker oder anderer jugendkultureller Stilelemente und die Benutzung von Codes und Abkürzungen macht es fast unmöglich, einen wirklichen Überblick über die rechtsextreme Szene zu bekommen. Viele Jugendliche wollen sich dem "klassischen" rechten Dresscode nicht unterwerfen. Obwohl auch sie rechtsextremen Gedankengut anhängen, bezeichnen sie sich als "Stinos" (stinknormal) und stufen sich selber nicht bei den Rechten ein. Auf der anderen Seite beugen sich in manchen Gegenden unpolitische Jugendliche dem Anpassungsdruck, der von den das Ortbild bestimmenden Rechtsextremen ausgeübt wird. Einer politischen Zuordnung vom Menschen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes sind enge Grenzen gesetzt und oftmals kommt es zu Fehleinschätzungen. In der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus muss man sich immer vor Augen halten, dass die wirklich gefährlichen Neonazis, die ausgebildeten Kader im Regelfall mit unauffälliger und seriöser Kleidung auftreten, einerseits aus Statusbewusstsein, aber auch, weil sie identitätsstiftende Kleidung nicht mehr nötig haben.

Auf eine eindeutige stilistische Abgrenzung zur restlichen Gesellschaft wird zunehmend verzichtet, und neue 'dezentrale Codes werden geschaffen. Unter diesen Rahmenbedingungen sind eine Reihe von Marken entstanden, die dieses neue Selbstverständnis zu bedienen versuchen. Gemein ist diesen Marken, dass sie nicht als eindeutig neonazistische zu erkennen sind und meist nur auf eine bestimmte Jugendkultur abzielen. Neu ist auch, dass nicht mehr nur T-Shirts oder Bomberjacken mit Markennahmen oder Slogans bedruckt werden, sondern sich anderer Moden wie HipHop- oder Raver-Styles bedient wird. Die vormals dominierende rechte Skinhead-Szene hat ihre Führungsrolle verloren. Neben ihr existieren verschiedene andere rechte Jugendkulturen. Durch diesen Wandel - weg von einer Szene hin zu einer Jugendbewegung - haben diverse Musikrichtungen und Dresscodes in die Neonazi-Bewegung Einzug gehalten.


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