Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

11.10.2007 | Von:
Birk Meinhardt

Die ganz harten Weichspülerinnen

Rechtsradikale Frauen - Weiblich, smart und extrem

Sie geben sich sanft, familienfreundlich und behalten ihre Gesinnung erstmal für sich. Nicht nur die NPD setzt verstärkt auf artig auftretende Aktivistinnen. Ein Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung.

Rechte Mitläuferin aus dem niedersächsischen Verden bei einer Demonstration in Rostock 2006.Rechte Mitläuferin aus dem niedersächsischen Verden bei einer Demonstration in Rostock 2006. (© H.Kulick)

So auffällig nationalistisch geben sich die modernen NPD-Frauen nicht - sie sind in ihrem Umfeld perfekt assimiliert.

Nicole Florczak trug ein Schlüsselband mit dem Aufdruck "Kein Sex mit Nazis". Als Stella Palau es entdeckte, sagte sie, "das ist ja was ganz Lustiges". Aber bei sich dachte sie, "ach Mädel, wenn du nur wüsstest".

Das war im Familienzentrum von Hohen Neuendorf, an der Peripherie Berlins. Florczak betreut hier mit ihrer Kollegin Susanne Mosch jeden Vormittag Kleinkinder, und Palau war regelmäßig mit ihrer Tochter und ihrem Sohn dort.

Sympathische Frau, meinten die beiden, die dem grünen Milieu nahestehen. Kauft wie sie im Bioladen. Schenkt Kaffee aus für andere Mütter. Eine Freundin im Grunde.

Beim Kaffeeausschenken hat ein Fotograf der Regionalzeitung Stella Palau abgelichtet, und nachdem das Bild erschienen war, fasste ein Redakteur der Zeitung, der etwas Ahnung von der rechtsextremen Szene hat, sich an den Kopf: Diese Mutter ist im Vorstand der NPD und ist Pressesprecherin des Rings Nationaler Frauen (RNF), der jener Partei nahesteht. Vater ihrer Kinder ist Jörg Hähnel, ein NPD-Aktivist und rechter Liedermacher.

Der Redakteur lief ins Frauenzentrum und fragte Florczak und Mosch, ob sie davon wüssten. Großer Gott, nein. Woher denn. Sagen Sie, dass das nicht wahr ist.

Spricht man Nicole Florczak jetzt darauf an, verhärten sich ihre Züge. Wenn sie Stella Palau begegnet, grüßt sie nicht, so wie auch Palau sie nicht grüßt.

Susanne Mosch hingegen wird traurig, so wie man eben traurig wird, wenn man sich verraten und verkauft fühlt. "Ich habe sie in mein Herz gelassen", sagt sie, "und nun braucht es einfach Zeit."

"Haben Sie sich nochmal mit ihr auseinandergesetzt?"

"Nein. Um ehrlich zu sein: nicht nur wegen der Enttäuschung. Ich fühle mich ihr nicht gewachsen. Sie ist bestimmt gut geschult. Ich habe Angst, nicht gegen ihre Argumente anzukommen."

Sie hat der Tagesmutter Bescheid gegeben, bei der sie selber und Stella Palau ihre älteren Kinder untergebracht haben, und die Tagesmutter hat Palau sofort gekündigt.

In den Stunden, in denen die ihre Tochter bei mir abgibt, macht die vielleicht ihre politische Arbeit, und das kann ich nicht akzeptieren, sagte sie zu Mosch. Aber das war Tage später. Sie hatte etwas Zeit gebraucht, nach Gründen für ihre spontane Reaktion zu suchen.

Angeblich 22 Prozent Frauen in der NPD

Komplizierte Lage: Einerseits ist die NPD eine noch immer zugelassene Partei. Andererseits werden die Kinder ihrer Aktivistin aus gemeinnützigem Verein und privater Initiative geworfen.

Verein und Initiative haben das Recht dazu. Und doch wirkt das alles, wie jedes stumme Abschotten, hilflos, fast zittrig. Werden nicht so, gerade so, Dämonen aufgebaut?


Stella Palau erscheint zum Gespräch in Cordhose und Jack-Wolfskin-Hemd, wer hätte nun auch noch anderes, Martialisches vermutet. Sie schiebt ein Rad mit Kindersitz und lächelt, weder verdruckst noch aufgesetzt, sondern sehr natürlich, und am Ende des Treffs wird sie ebenso natürlich sagen: "Wissen Sie eigentlich, dass Sie eine angenehme Stimme haben?"

Der Impuls, jetzt zurückzulächeln. Der Gedanke, die ist wirklich nett, das ist doch nicht gespielt oder nicht mehr, als wir alle bei Gelegenheit spielen.

Dann die Erinnerung an die Sachen, die sie zwischendurch gesagt hatte, etwa, dass es mit den Rassen wie mit der Knete sei, jede Farbe für sich genommen habe ja durchaus ihre Berechtigung, das Rot, das Gelb, das Braun, aber zusammengemengt, igitt. Verblüffung über diese Gleichzeitigkeit, über dieses Verwobensein von sympathischem Wesen und abstoßendem Denken.

Palau ist ein Segen für die NPD und die ganze rechte Szene; andere Frauen sind es ebenso. Sie treten sanfter auf als die Männer, und ob man will oder nicht, man begegnet ihnen auch sanfter, und all die Gewalt, die von der Szene ausgeht, erscheint in ihrer Nähe auf einmal unwirklich, zumindest weit weg.

Aber das ist sie nicht. Man muss, als Stichprobe, nur einmal an einem beliebigen Wochenende in einer Zeitung für Berlin und Brandenburg blättern und Meldungen über rechte Gewalttaten ankreuzen: drei Kreuze an einem Tag, nur in diesem Raum.

Im Verfassungsschutzbericht steht, dass 2006 bundesweit 1047 rechte Gewaltdelikte verübt worden sind, 9,3 Prozent mehr als 2005.

Das ist ja das ausschließliche Bild, das die NPD bis vor kurzem abgegeben hat: eine Partei von Bierbüchsenglatzen. Sie hatte sich selbst stigmatisiert. "Die kamen so nicht weiter", sagt Bernd Wagner vom Zentrum Demokratische Kultur in Berlin.

Dann aber setzten sie auch auf Frauen; etwa 100 sind jetzt im RNF versammelt. Ihr Anteil in der NPD: 22 Prozent. Klaus Beier, Pressesprecher der Partei, sagt, man denke, eines Tages 35 Prozent zu erreichen.

Auch Wagner hält das für realistisch. Er lacht, ein Schuss Heiterkeit, ein Schuss Bitterkeit, und ruft, er wundere sich, dass es überhaupt so lange gedauert habe, bis sie auf den Dreh gekommen seien; und ohne dass er es hinzufügte, schwingt mit: die Dummköpfe, die.

Aber war es wirklich ein Dreh? Oder war es eher etwas Absichtloses?

Beides. Längst hat sich ein rechter Lifestyle entwickelt, mit einer Musik, die nicht mehr ganz so arm an Akkorden ist wie vor einem Jahrzehnt, und mit Modelabels, die professionell gestaltete Ware anbieten. Warum sollten nicht auch Mädchen darauf fliegen?

Es war gewünscht, aus merkantilen und ideologischen Gründen. Und warum sollten diese Mädchen nicht zugleich vom Feminismus geprägt sein? Sie lehnen ihn ab, halten ihn für ein Verderben, doch ist er so sehr Allgemeingut, dass er sie, selbst sie mit ihrem alten Ideal vom Gebären und von Aufzucht und Heim und Herd, in die Lage versetzt, halbwegs eigenständig zu handeln.

"Leistungsprinzip"

Klaus Beier, der NPD-Pressesprecher, wartet in der Parteizentrale in Berlin-Köpenick, einem gesichtslosen Bau in einer unauffälligen Häuserzeile. Eine dicke Stahltür, ein Spion. Ein Bursche mit Bodybuilder-Figur als Einlasser. Eine schäbige Sitzgelegenheit mit Polstern, die daliegen wie schrumpelige Pilzköpfe, das ist das Erste, was zu sehen ist.

Dann eine weitere Tür, die von einer an der Wand befestigten Schnur offengehalten wird. Dies, so scheint es, ist eine Männerhöhle, der Hort von Jungs, die unter sich sind.

"Wir brauchen keine Frauenquote wie andere", sagt Beier, "denn bei uns zählt das Leistungsprinzip. Jeder arbeitet da, wo er das meiste leisten kann."

"Und Anja Zysk?"

Er schweigt einen Moment.

Die Geschichte von Anja Zysk ist im Internet ausgebreitet. Sie, Zysk, war bis Anfang 2007 Hamburger Landesvorsitzende der NPD, dann ist sie von Männern, die schon länger als sie in der Szene sind, verunglimpft und von ihrem Posten verdrängt worden.

Sie schrieb in einem offenen Brief, in dieser Partei hätten wohl einige ein Problem damit, einer Frau auf Augenhöhe gegenüberzutreten. Einer habe ihr ins Gesicht gesagt, Frauen sollten Kinder kriegen, und basta. Mittlerweile hat sie, obwohl politisch noch immer extrem rechts, den Laden verlassen.

"Da haben wohl beide Seiten versagt", erklärt Klaus Beier nun ausweichend.

"Beide Seiten? Kennen Sie die Wortmeldungen zu dem Fall im Störtebecker-Netz?" Es ist das größte rechte Netz, und es waren weit mehr als 100 Einträge.

"Ach", winkt er ab, "in diesen Foren ist so viel Dreck, da gucke ich nicht rein."

"Dann lese ich mal eine Stimme vor, einen Satz: Frau Zysk wird zu geeigneter Zeit in das FKL eingeliefert."

Er schweigt abermals.

"FKL, das könnte Frauenkonzentrationslager heißen, oder was heißt es?"

Beier wackelt stumm mit dem Kopf.

Was soll er sagen. Diese Messerschärfe in Teilen der Szene droht ihm alles zu verderben, die ganze Strategie, in der Frauen eine hervorragende Rolle spielen und die er so beschreibt: "Drei Säulen. Erstens, der Kampf um die Straße, wobei man nicht denken soll, dass wir mit Hauruck marschieren. Da gehören Infostände dazu oder Gespräche bei Festivitäten. Das überschneidet sich im Grunde schon mit zweitens, dem Kampf um die Köpfe. Dass man an mehr neue Menschen herankommt, sich in der Mitte des Volkes in Vereinen betätigt, aber nicht, um die Vereine zu unterwandern, das geht ja nicht."

Sieglinde kommt in Rage

Nein, auch Stella Palau hat im Familienzentrum nie ein Wort über Rassen gesagt, allenfalls über Knete. Sie ist da schlicht Privatperson geblieben.

"Es geht um die Präsenz. Dass man da ist. Denn sobald die Leute merken, mit der oder dem kann man ja ein Gläschen trinken, schmeißen sie einen auch nicht mehr raus, wenn sie mitkriegen, dass man in der NPD ist. Und genau das ist dann der Punkt, an dem der Kampf um die Parlamente beginnen kann, Säule drei."

Bei Stella Palau hat es nicht funktioniert. Sie ist ja rausgeschmissen worden.

Aber bei Manuela Kokott deutet alles darauf hin, dass es funktioniert. Sie ist nicht so eloquent wie Palau, eher unbedarft, sie ist ja auch erst drei Jahre dabei.

Während der Begrüßung tritt sie von einem Bein aufs andere und sagt, ach, wenn ich es doch bloß hinter mir hätte, ich bin überhaupt nicht geübt in Interviews.

Plötzlich hört man sich beruhigende Worte sprechen: Es wird schon nicht so schlimm werden. Dummer Beschützerinstinkt. Wieso beschützt du sie denn? Also härter: Da müssen Sie jetzt eben durch.

Sie wohnt in Groß Schauen, einem nahe Berlin gelegenen 350-Einwohner-Ort, und ist Steuerfachfrau. Sie hat eine Tochter, aber nicht deretwegen hat sie ein Kinderfest veranstaltet, mit Hüpfburg und Sänger, denn die Tochter ist schon 18.

Sondern?

"Na, wenn hier sonst niemand was macht, mach ich es eben, als Manuela."

Vor den Wahlen zum Ortsbeirat hat sie, gemeinsam mit Klaus Beier, überlegt, ob die Zeit nun reif wäre, sich zu outen, also mit dem Zusatz NPD anzutreten oder nicht. Sie wagte es. Und kriegte 19 Prozent.

2008, das steht seitdem fest, wird sie im nahen Storkow fürs Stadtparlament kandidieren, und Beier erklärt, es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie nicht auf mindestens acht Prozent käme.

So weit die Oberfläche. Bisher war es nichts als das Drehen und Wenden eines Phänomens. Jetzt ins Innere.

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Autor: Birk Meinhardt für bpb.de
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