Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.7.2007 | Von:
Von Alex Rühle

Im Zangengriff von Rechtsextremen

Brandstifter und Biedermänner zugleich: Über Neonazis im Osten.

In Ostdeutschland tarnen sich rechtsextreme Brandstifter als Biedermänner. Die Mehrheit der Bevölkerung nimmt das einfach hin. Was sagt das über den Zustand der Zivilgesellschaft aus?

Sprengstoff. Mit der Bahn unterwegs in Ostdeutschland. Foto: KulickSprengstoff. Mit der Bahn unterwegs in Ostdeutschland. (© H. Kulick)

Rosental-Bielatal, ein Dorf in der Sächsischen Schweiz, früher gelegen im hintersten Winkel der DDR, heute tief in den blühenden Landschaften der NPD. Die Mühle Brausenstein liegt außerhalb des Dorfes, ein Anwesen am Ufer der Biela, das die vergangenen Jahrzehnte vor sich hin dämmerte. Im vorigen Jahr begannen junge Leute damit, das Grundstück aufzuräumen. Sie schrieben den Dorfbewohnern, dass sie einen Jugendtreff einrichten und eventuell ein Mühlenmuseum eröffnen wollen.

Wenn man heute im Dorf rumfragt, sagen die Leute, das sei völlig in Ordnung gewesen. "Aber waren das nicht Rechtsextreme, die da einen Szenetreff einrichten wollten?" "Extrem, extrem", ruft ein älterer Mann in einer Kneipe. "Rechte waren das. Na und? Die haben aufgeräumt, die tun was. Waren anständig, immer ruhig. Was ist dagegen zu sagen?!"

Die tun was. Die kümmern sich. Was ist dagegen zu sagen. Die Sätze begleiten einen mantraartig, wenn man in Sachsen über Land fährt. Was ist dagegen zu sagen, dass in Sangershausen ein NPD-Mitglied und ein Neonazi dem "Bündnis gegen Gewalt, Extremismus und Fremdenfeindlichkeit" beitreten wollten? Dass sich, als vor der Oberbürgermeisterwahl in Halle bei einer Diskussion die Kandidaten gefragt wurden, was sie im Falle ihrer Wahl gegen Rechtsextremismus unternehmen würden, als Erstes der NPD-Kandidat meldete, die Diskussion umdrehte und über die Überfremdungsgefahr sprach? Was ist dagegen zu sagen, dass es auf der Hauptstraße von Pirna einen Laden namens "The Store" gibt?

Bis vor kurzem hieß der Laden noch "Crime Store". Gegen den Besitzer Martin Schaffrath wird momentan in fünf Fällen ermittelt, unter anderem wegen Körperverletzung, Nötigung und Verbreitens von NS-Propaganda: Er wurde in Dresden aufgegriffen mit einem Karton Hakenkreuz-Shirts im Kofferraum. Schaffrath ist Kreisverbands-Vorsitzender der Jungen Nationaldemokraten (JN) und war treibende Kraft bei der Renovierung der Mühle Brausenstein. Jetzt sitzt er, einen kleinen Jungen auf dem Schoß, hinter dem Tresen seines Ladens. Wer sich nicht auskennt, muss denken, es sei ein normales Kleidergeschäft. An den Wänden freundliche Fashionposter, hinter der Kasse eine Auszeichnung "Breite Straße blüht auf".

Nur die Namen einiger Labels machen stutzig: Brachial, Hooligan, oh, und da hängen Pullis von Thor Steinar, des Erfinders der Designermode für deutsche Rechte. "Entschuldigung, das sind doch rechte Klamotten." Schaffrath springt auf: "Rechts? Nee. Das sind normale Kleider." "Aber Sie verkaufen doch Steinar-Jacken?" "Steinar hab ich nicht. Alles normal bei mir." "Na hier, Thor Steinar." "Ach so, das . . ." Den blauen Pulli muss er bei der Verwandlung des "Crime Store" in den Store übersehen haben. Eine junge Frau holt den Jungen zum Mittagessen ab: "Pizza? Apfelsaft?" "Juhu", sagt der Junge und springt in ihre Arme.

Knochenbrüche und Platzwunden

Zurück ins Hinterland von Pirna, ins Bielatal: Die Mühle Brausenstein sieht noch immer nach Niedergang aus, stockfleckig, mit blinden Fenstern gammelt sie vor sich hin. Im Hof steht eine rote Kinderrutsche, vor dem Eingang hängt ein verknülltes Laken. Am Gründonnerstag räumte ein massives Polizeiaufgebot die Mühle, es gab Hausdurchsuchungen bei einigen Rechtsextremen. Seither herrscht Baustopp. Ein Mann kommt die Straße runter, ein abgenüffelter Stoffbeutel baumelt am Handgelenk. Er sagt, die Razzia, das seien hundert gegen vierzig gewesen und zeige, dass "die da oben nichts in der Hand haben gegen die".

24 Stunden nach der Razzia hatten alle Rosental-Bielataler einen Handzettel im Briefkasten, auf dem vom brutalen Übergriff des "BRD-Repressionsapparates" gegen "Widerstandskämpfer" berichtet wird, deren "Rechte mit Füßen getreten" werden. Dazwischen ist ein Gandhi-Zitat fett gedruckt: "Zuerst wirst Du ignoriert. Dann wirst Du ausgelacht. Dann bekämpft man Dich. Und dann hast Du gewonnen." Gandhi! Ein dürrer, halbnackter Farbiger als Gewährsmann der Neonazis. Die Zeiten ändern sich.

Sehnsucht nach Verwurzelung

Einer der Hauptverantwortlichen für den neuen Sound der Rechten ist Jürgen Gansel, NPD-Abgeordneter im sächsischen Landtag. Gansel gründete in Abgrenzung von der Frankfurter Schule, die die Deutschen nur gelehrt habe, sich selbst zu verachten, die "Dresdner Schule", die vornehmlich aus ihm selbst besteht und die allen "Umvolkern" und "Demokratieverlängerern" den Kampf ansagt. Statt altbackenem Geschichtsrevisionismus predigt er Systemkritik, die Schlagworte seiner Pamphlete heißen Globalisierung, Hartz IV, Irak-Krieg, Gewährsleute sind neben Gandhi Ulrich Beck, Che Guevara und Antonio Gramsci. Gansel referiert zustimmend ganze Passagen aus ihren Werken, um sie dann scharf nach rechts zu biegen. So zitiert er die von Richard Sennett in "Der flexible Mensch" konstatierte "Sehnsucht des Menschen nach der Verwurzelung in einer Gemeinde" als Beleg für eine Politik der Scholle und des Blutes.

Tief im Vereinsleben

Im aktuellen Strategiepapier über den "Globalisierungsangriff auf den ländlichen Raum" schreibt er, die NPD müsse vor allem in die strukturschwachen Regionen, dorthin, wo Deindustrialisierung und Bevölkerungsschwund die tiefsten Wunden hinterlassen haben. Die Verwahrlosung ganzer Landstriche wird völkisch verbrämt: "Schon im 20. Jahrhundert haben Nationalisten auf dem Land ihre besten Ergebnisse erzielt, weil Menschen, die in intakte Kultur- und Traditionsverhältnisse hineingeboren werden, immer eine Ader für das Natürliche und Gewachsene also Nationale haben. Dörfer können im 21. Jahrhundert deshalb zum Kristallisationspunkt eines erd- und bluthaften Widerstandes gegen die Globalisierung werden."

Der bluthafte Widerstand. Gansel mag Sennett und Gandhi zitieren, am Ende geht es doch um Gewalt, Rassismus, Antisemitismus. Die Rechte mag smarter geworden sein. Ja, sie schwimmt mitten in der Popkultur. Es gibt Klingeltöne von Kraftschlag ("Ich liebe die Heimat") oder Sturmwehr ("Im Zeichen der Hämmer") und Handylogos von Wehrmachtspanzern. Kürzlich tauchte, wie schon 2004, an einigen Schulen eine "Schulhof-CD" auf. Sie trägt den Titel "60 Minuten Musik gegen 60 Jahre Umerziehung", die Gruppen tragen Namen wie Endlöser oder Racial Purity. An Schulen werden rechtsextreme Schülerzeitungen verteilt. Der "Nationale Widerstand" lädt zu Fußballturnieren, die JN Chemnitz zu ressentimentalischen Wanderungen mit dem "JN Wanderwind" ein. Bei allem Reden über diese Verankerung in der Mitte der Gesellschaft gerät die immer noch damit einhergehende flächendeckende Gewaltkultur oft aus dem Blick. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann konstatierte kürzlich, der rechte Mob habe "inzwischen keinerlei Hemmschwellen mehr".