Titelkleingrau

9.7.2007 | Von:

Wenn der Investor klingelt

Viele abgewählte Politiker bieten sich den Investoren als Türöffner an

Eine alte Idee ist auf diese Weise in München wiederbelebt worden: die des genossenschaftlichen Wohnungswesens. Einige der geretteten Häuser sind heute Genossenschaftseigentum. Vor allem die noch recht junge Genossenschaft Wogeno hat sich darauf spezialisiert. Acht Häuser mit 150 Wohnungen besitzt sie inzwischen. Voraussetzung war allerdings stets, dass mindestens drei Viertel der Mieter bereit waren, einer Genossenschaft beizutreten. Auch durften bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschritten werden.

Um von Hausverkäufen zu erfahren, hat die Wogeno eine "genossenschaftliche Immobilien Agentur" (Gima) gegründet. Sie soll als Frühwarnsystem funktionieren und rechtzeitig den Kontakt zwischen Eigentümer, Mietern und Genossenschaft herstellen. Selbst beim Münchner Haus- und Grundbesitzerverein findet die Idee Anklang. "Nicht jeder Eigentümer will den Höchstpreis erzielen", sagt der Münchner Haus-und-Grund-Chef Rudolf Stürzer. Vielen sei es wichtiger, ihre Immobilie nach dem Verkauf in guten Händen zu wissen.

Ein regelrechter Coup ist den Genossenschaften im Jahr 2004 gelungen. Die Münchner Rückversicherung hatte den so genannten Dankl-Block im Stadtteil Sendling im Internet zum Verkauf angeboten, zehn Häuser mit 134 Wohnungen und 12 Gewerbebetrieben. "Trendforschungen zufolge soll dieser Bezirk gute Entwicklungschancen haben und zu einer gehobenen Wohngegend werden", hieß es in der Ausschreibung. Genau das wollten die Mieter, kleine Angestellte und Arbeiter und viele Rentner, eben nicht. Denn was das bedeutete, konnten sie sich ausmalen: Luxussanierung, Umwandlung und Vertreibung der Alteingesessenen. Oberbürgermeister Ude appellierte an die soziale Verantwortung der Münchner Rück und bat das Unternehmen um eine sozial verträgliche Lösung.

Für eine einzelne Genossenschaft war das Projekt zu groß. Der Wogeno gelang es jedoch, ein Bieterkonsortium aus fünf Genossenschaften zu bilden, die sich die Übernahme teilen wollten. Die Münchner Rück erklärte sich bereit, sie nachträglich ins Bieterverfahren aufzunehmen. "Eine rein politische Lösung" wollte das Unternehmen jedoch nicht akzeptieren, das Angebot sollte schon "auch wirtschaftlich interessant" sein. Am Ende erhielt das Genossenschaftskonsortium den Zuschlag – zu welchem Preis, wollen sie nicht verraten.

Die Genossenschaften teilten die zehn Häuser untereinander auf. Das Haus Danklstraße 11 ging an die Wogeno. Derzeit ist es eingerüstet, die Haustür steht ständig offen, Handwerker gehen aus und ein. Im Parterre wohnen die Eheleute Hauer, beide bald 70 Jahre alt. An den Wänden ihres kleinen Wohnzimmers hängen Schwarz-Weiß-Fotos, sie zeigen einen älteren Mann auf der Bühne in verschiedenen Kostümen, Ernst Hauers Vater. "Der alte Herr war Opernsänger in München und in Wien", sagt er stolz. Er selbst war kaufmännischer Angestellter, ebenso wie seine Frau Helga. "Ich bin 1937 hier drin geboren", sagt sie. In ihrem ganzen Leben hat sie noch nie woanders gewohnt. Als ihre Mutter starb, hat sie den Mietvertrag übernommen, und nach der Hochzeit zog ihr Mann mit ein. Zwei Töchter haben sie hier großgezogen.

"Wir haben am Anfang schon Angst gehabt, dass wir hier rausmüssen", sagt er. Die Unannehmlichkeiten der Sanierungsarbeiten nehmen sie nahezu freudvoll auf sich: "Hier ist ja 20 Jahre nichts mehr repariert worden", sagt sie. Die Wogeno investiert nun kräftig in neue Fenster, eine neue Heizung, neue Leitungen – keine Luxusmodernisierung, sondern Instandsetzungen.

Der Hauerschen Wohnung gegenüber hat Schuhmacher Vogel seinen kleinen Laden. In seinem dahinter gelegenen "Sozialraum" hat ihm die Wogeno eine Dusche eingebaut, erzählt der 64-Jährige freudig. Mit der Genossenschaft als Vermieterin fürchtet er sich nun weniger vor Mieterhöhung, zumal die Geschäfte schon lange nicht mehr gut laufen und seine Frau vor kurzem ihren Job als Schuhverkäuferin verloren hat. Vogel selbst hat sich eine Nische geschaffen, sich mehr und mehr auf die Reparatur von Kletterschuhen spezialisiert. Die Hausgemeinschaft in der Danklstraße 11 hat die Zitterpartie und die Überführung in Genossenschaftseigentum zusammengeschweißt. Abendelang saßen sie zusammen, überredeten zögerliche Mieter, der Genossenschaft beizutreten. Immerhin musste dafür jede Mietpartei einen Obolus von 100 Euro pro Quadratmeter zahlen. Wer das nicht konnte, zahlt vier Prozent dieser Summe pro Jahr in Form einer Mieterhöhung – für eine 50 Quadratmeter große Wohnung steigt die Miete also um 200 Euro pro Jahr.

"Aus den eigenen vier Wänden nicht vertrieben werden zu können ist ein elementares soziales Bedürfnis", sagt Christian Ude. "In seinem Viertel verankert zu sein, zu Fuß einkaufen oder zum Arzt gehen zu können – das alles vermittelt ein Gefühl von Heimat und Sicherheit. Die Ökonomisierung geht genau in die andere Richtung." Und sie schreitet munter voran. Noch nie seien so viele "abgewählte und abgehalfterte Politiker" bei ihm vorstellig geworden wie im vergangenen Jahr, um sich als Türöffner für Finanzinvestoren zu betätigen, sagt Ude, darunter sogar "der 44. Vizepräsident der USA", wie er sich anmelden ließ, Dan Quayle sein Name. "Und leider auch Sozialdemokraten."

Die Zeit, 05. 01.2006, Nr. 2