Europäische Schuldenkrise

23.11.2014 | Von:
Roland Döhrn

Noch ist kein Normalzustand erreicht

Auch wenn die Entwicklung in einzelnen Ländern noch unstet verläuft, ist für den RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn ein Aufwärtstrend in der Eurozone unverkennbar. Um wieder zum Normalzustand zu gelangen, müssten die Krisenstaaten aber wettbewerbsfähig werden - etwa durch sinkende Löhne. Laxere Schuldenregeln lehnt er ab.

Roland DöhrnRoland Döhrn (© picture-alliance)
Das Bruttoinlandsprodukt des Euroraums, das schon bis zum ersten Quartal 2014 vier Mal in Folge gestiegen war, blieb auch im zweiten Quartal stabil. Zwar sind die Zuwächse immer noch bescheiden. Ein Aufwärtstrend ist aber unverkennbar. Die Entwicklung in den einzelnen Ländern verläuft immer noch sehr unstet. Doch selbst am Arbeitsmarkt zeigen sich inzwischen bescheidende Erfolge, insbesondere wenn man bedenkt, wie deutlich die Wirtschaftsleistung zuvor gesunken war: Die Erwerbstätigkeit steigt etwas, die Arbeitslosigkeit geht leicht zurück. Ist die Euro-Krise also vorbei – und der Euroraum auf dem Weg zur Normalität?

Dem einstigen US-Präsidenten Harry Truman schreibt man den Ausspruch zu, er wünsche sich einen einarmigen Ökonomen, damit er nicht ständig ein "einerseits – andererseits" hören müsse (im Englischen "on the one hand – on the other hand"). Ich bekenne mich hier dazu, ein zweiarmiger Ökonom zu sein – und biete deshalb auch zwei Antworten an: Einerseits ist die wirtschaftliche Lage im Euroraum vielleicht besser als die Zahlen suggerieren. Andererseits wäre es jedoch eine sehr verkürzte Sicht, allein auf gesamtwirtschaftliche Indikatoren gestützt eine Ende der Euro-Krise auszurufen.

Zunächst zum ersten Punkt: Warum sollte die Lage besser sein als sie aussieht? Es wäre ein großer Fehler, die derzeitige Entwicklung im Euroraum mit den Maßstäben eines normalen Konjunkturzyklus zu messen. Das gilt vor allem für jene Länder, in denen die Krise besonders tief und gravierend ausgefallen ist. Diese Volkswirtschaften waren lange von Entwicklungen angetrieben worden, von denen wir heute wissen, dass diese nicht nachhaltig waren. So hatte in Spanien ein Bauboom den Anteil dieses Sektors an der gesamtwirtschaftlichen Produktion zeitweise auf fast 20 Prozent steigen lassen – im internationalen Vergleich ein sehr hohes Niveau. In Irland war neben dem Bau- außerdem der Finanzsektor übermäßig ausgeprägt. Letzterer war auch die Quelle des Booms in Zypern. Und in Griechenland hatte der Staat mit immer neuen Schulden den Konsum angeheizt.

"Dass die Wirtschaft im Euroraum insgesamt wieder langsam wächst, signalisiert gleichwohl kein Ende der Krise."

Wachstumsrate des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP)Wachstumsrate des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (bpb)
Nun kann niemand genau wissen, wie groß nachhaltige Bau-, Finanz- oder Staatssektoren in diesen Ländern künftig sein werden. Eines scheint jedoch ziemlich sicher zu sein: Sie dürften kleiner sein, als es jeweils vor 2008 der Fall war. Das Jahr hat mit dem Crash der US-Investmentbank Lehman Brothers den Beginn der weltweiten Finanz- und Staatsschuldenkrise markiert. Bei Banken und Finanzinvestoren arbeitet die Politik sogar gezielt daran, die dort lauernden Risiken zu begrenzen, was auf einen kleineren Sektor hinausläuft.

Insofern haben viele der Euro-Mitgliedstaaten in den vergangenen Jahren keinen "normalen" Konjunktureinbruch erlebt, sondern in erster Linie eine mitunter drastische Anpassung ihrer Produktion an ein geringeres Produktionspotenzial. Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass in diesen Ländern die Beschäftigung noch deutlich niedriger ist als vor der Krise. Vor diesem Hintergrund sollte man nicht gering schätzen, dass es trotz anhaltender Belastungen durch die strukturellen Anpassungsprozesse wieder aufwärts geht.

Dass die Wirtschaft im Euroraum insgesamt wieder langsam wächst, signalisiert gleichwohl kein Ende der Krise. Noch ist kein Normalzustand erreicht. Die Inflation ist ungewöhnlich niedrig und die Arbeitslosigkeit in vielen Ländern weiter hoch. Um wieder in einen Normalzustand zu gelangen, müssen die Krisenstaaten wettbewerbsfähig und attraktiv für Investoren werden. Ein Weg dahin führt über sinkende Lohnstückkosten, sei es, indem Löhne sinken, sei es, indem die Produktivität steigt. Beides läuft aber darauf hinaus, dass das Preisniveau in den Krisenländern entweder sinkt oder zumindest kaum steigt. Als Konsequenz liegt derzeit die Teuerung im Euroraum deutlich unter der Zielrate der Europäischen Zentralbank. Will man insgesamt wieder die von der EZB gewünschte Inflationsrate nahe zwei Prozent erreichen, muss die Inflation in den Nicht-Krisenländern wie Deutschland über dieser Marke liegen: Die Inflationserwartungen dort müssten also steigen. Dann liefe man allerdings Gefahr, sie später wieder schwer zurückdrehen zu können.

"Eine kurzfristige, schuldenfinanzierte Besserung der Lage könnte sich schnell als kontraproduktiv erweisen."

Der andere Weg zu mehr Investitionen und steigender Wirtschaftsleistung in den Krisenländern besteht in Strukturreformen. Also in Deregulierung der Arbeits- und Gütermärkte, Reformen der Sozialsysteme und Schritten zur Verbesserung der Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen. Dieser Weg ist freilich mühsam – und es ist für Politikerinnen und Politiker daher bequemer, nach mehr Spielraum bei den Staatsausgaben und noch größeren Hilfen seitens der EU zu rufen.

Diesen Ansinnen sollte jedoch nicht nachgegeben werden. Eine kurzfristige, schuldenfinanzierte Besserung der Lage könnte sich schnell als kontraproduktiv erweisen. So wird nämlich suggeriert, das Schlimmste sei vorüber und man könne bei den Reformen nachlassen. In diesem Sinne halte ich die auf dem EU-Gipfel im Juni 2014 auf Druck einiger Südländer beschlossenen laxeren Schuldenregeln für überaus schädlich[1].

Jens Berger (© Privat)
Standpunkt Jens Berger:

"Wer soll künftig eigentlich die Produkte kaufen, die mit immer geringeren Löhnen im Euroraum produziert werden, wenn sie sich niemand mehr leisten kann?"

Fußnoten

1.
Die Staats- und Regierungschefs betonten, dass Flexibilität in den Bestimmungen des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts auf "beste Weise" genutzt werden soll. Vor allem Frankreich und Italien hatten gefordert, dass EU-Länder im Gegenzug für Strukturreformen mehr Zeit für das Erreichen ihrer Defizitziele bekommen.
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Autor: Roland Döhrn für bpb.de
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