Europäische Schuldenkrise

23.11.2014 | Von:
Thomas Mayer

Eine negative Inflationsrate ist noch lange keine Deflation

Für den Ökonomen Thomas Mayer ist eine Deflation sehr unwahrscheinlich, solange die Zentralbanken die umlaufende Geldmenge weiter erhöhen. Ein Verfall der Preise für Güter und Vermögenswerte sei im Euro-Raum nicht zu sehen. Kosten- und Preissenkungen in den Krisenländern seien wiederum wichtig, um deren Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen.

Thomas MayerThomas Mayer (© picture-alliance)
Droht der Eurozone die Gefahr einer Deflation? Meine Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Nein. Dies will ich im Folgenden begründen, indem ich eine Reihe von vorgelagerten Fragen diskutiere: Was verstehe ich unter Deflation? Wie kommt es zur Deflation? Was sind die Konsequenzen von Deflation? Warum ist die Inflation im Euroraum so niedrig? Warum ist trotz niedriger und zum Teil sogar negativer Raten für die Konsumentenpreisinflation eine Deflation in der Eurozone unwahrscheinlich?

Was ich unter Deflation verstehe

Das Gespenst der Deflation geht um in Europa. Auslöser ist der Fall der Konsumentenpreise weit unter den Zielwert der EZB, der unter, aber nahe bei zwei Prozent liegt. Doch macht eine Schwalbe bekanntlich keinen Frühling, und eine negative Inflationsrate ist noch lange keine Deflation. Diese tritt dann auf, wenn die Preise auf breiter Front und über einen längeren Zeitraum fallen, oder anders ausgedrückt, wenn die Kaufkraft des Geldes steigt. Es ist daher eine unzulässige Verkürzung, allein die Konsumentenpreise zu betrachten. In einer Deflation steigt die Kaufkraft des Geldes auch für reale Vermögenswerte, das heißt, die Preise für diese Werte sinken ebenfalls.

Wie es zur Deflation kommt

In unserem Kreditgeldsystem produzieren die Banken privates Schuldgeld, indem sie Kredite vergeben und den Kreditbetrag dem Girokonto des Kreditnehmers gutschreiben. Dieses von den Banken produzierte Schuldgeld wird auch Innengeld genannt. Daneben produziert die Zentralbank Bargeld und leiht den Banken Reservegeld für Zahlungen untereinander. Das von der Zentralbank produzierte Geld wird Außengeld genannt. Das Außengeld passt sich der Nachfrage an, die durch die Produktion von Innengeld getrieben wird.

Eine Finanzkrise entsteht, wenn Kredite massenweise ausfallen. Schreiben die Banken diese Kredite ab, vernichten sie das mit ihnen geschaffene Innengeld. Wenn nun die Zentralbank das Außengeld nicht aktiv ausweitet, schrumpft die gesamte Geldmenge. Wenn Geld knapper wird, steigt seine Kaufkraft. Dies drückt sich darin aus, dass die Preise für Güter und Vermögenswerte auf breiter Front sinken.

Die Konsequenzen von Deflation

Harmonisierte Verbraucherpreisindizes (HVPI)Harmonisierte Verbraucherpreisindizes (HVPI) (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (bpb)
Oft wird behauptet, dass Deflation die Konsumenten veranlasst, Ausgaben in Erwartung sinkender Preise zurückzuhalten. Dadurch entstünde eine Spirale von sinkenden Preisen und sinkender Nachfrage. Entsprechende Untersuchungen widerlegen allerdings diese Behauptung. Ein weiteres Indiz, das gegen diese Behauptung spricht, ist, dass in Japan auch in den Jahren der Deflation die Sparquote der privaten Haushalte fiel.

Unbestritten ist dagegen, dass Deflation ausstehende Schulden in preisbereinigter Größe gemessen steigen lässt. Wenn die realen Einkommen nicht gleichermaßen wachsen, kann es zu Schwierigkeiten beim Schuldendienst kommen. Im schlimmsten Fall brechen so viele Schuldner unter einer steigenden realen Schuldenlast zusammen, dass sie ihre Gläubiger mit in die Zahlungsunfähigkeit ziehen. Schulden werden dann in einem depressiven wirtschaftlichen Umfeld durch Bankrott abgebaut. Irving Fisher, ein bekannter Ökonom, der die Weltwirtschaftskrise miterlebte, prägte dafür den Begriff der Schuldendeflation.

Warum die Inflation im Euroraum so niedrig ist

Seit die Inflation im Euroraum auf neue Tiefstände gefallen ist, fürchten sich viele Beobachter vor Deflation. Ein breiter Verfall der Preise für Güter und Vermögenswerte ist aber nicht zu sehen. Im Gegenteil: Der 600 im Euroraum ansässige Unternehmen umfassende Aktienpreisindex EURO STOXX 600 ist seit Ende 2008 um rund 47 Prozent gestiegen. In Deutschland steigen zudem die Immobilienpreise. Auch ist der Rückgang der Konsumentenpreisinflation innerhalb der Eurozone recht unterschiedlich. So reichten im Juli 2014 die Inflationsraten im Vergleich zum Vorjahr von 1,7 Prozent in Österreich über 0,8 Prozent in Deutschland bis hin zu -0,8 Prozent in Griechenland. Ein wesentlicher Grund für niedrige oder negative Raten sind Kosten und Preissenkungen in den Krisenländern zur Wiederherstellung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Für Griechenland, Irland, Portugal und Spanien, also Länder mit Anpassungsprogrammen, betrug die durchschnittliche Inflationsrate im Juli 2014 minus 0,4 Prozent. Dadurch erreichen diese Länder eine Abwertung ihres sogenannten "inneren Wechselkurses" gegenüber anderen Ländern. Die Konsumentenpreisinflation in der gesamten Eurozone würde nur dann nicht fallen, wenn in diesen anderen Ländern zum Ausgleich die Inflationsrate kräftig steigen würde. Dagegen scheinen sich die Vertreter dieser Länder im Rat der Europäischen Zentralbank heftig zu wehren.

Warum trotz niedriger und zum Teil sogar negativer Raten für die Konsumentenpreisinflation eine Deflation in der Eurozone unwahrscheinlich ist

Wie eingangs beschrieben entsteht Deflation durch Geldmangel. In einem Kreditgeldsystem kann es zur Geldvernichtung kommen, wenn von den Banken über Kreditvergabe geschaffenes Innengeld durch den Ausfall fauler Kredite vernichtet und nicht durch die Zentralbank mit neuem Außengeld ersetzt wird. Dies war in den 1930er Jahren der Fall. In den USA sank die Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen) zwischen 1929 und 1933 um mehr als 25 Prozent. Dagegen haben die Zentralbanken heute ihre Bilanzen und damit das von ihnen produzierte Außengeld stark ausgeweitet. Seit 2007, dem Jahr in dem die Finanzkrise begann, hat sich das Bilanzvolumen der US-Zentralbank Federal Reserve und der Bank von England verfünffacht, das der Bank von Japan und der EZB hat sich immerhin verdoppelt.

Dank dieser Aktion ist die gesamte Geldmenge M3 (M1 und einige länger laufende Bankverpflichtungen) seit 2007 nicht wie in den 1930er Jahren gefallen, sondern gestiegen, und zwar um 55 Prozent in den USA und um 15 Prozent in der Eurozone. Jüngst hat sich die Inflation in den USA beschleunigt, im Euroraum aber verlangsamt. Die Reaktion der Zentralbanken bestand darin, dass die Federal Reserve einen weniger expansiven, die EZB dagegen einen expansiveren Kurs in der Geldpolitik eingeschlagen haben. Solange die Zentralbanken alles daran setzen, die umlaufende Geldmenge trotz Abschreibungen fauler Bankkredite weiter zu erhöhen, ist eine Deflation sehr unwahrscheinlich.

Peter Bofinger (© picture-alliance/dpa)
Standpunkt Peter Bofinger:

"Das Grundproblem des Euroraums besteht darin, dass die Austarierung der im vergangenen Jahrzehnt aufgetretenen Ungleichgewichte asymmetrisch erfolgt."

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Autor: Thomas Mayer für bpb.de
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