Der Fremde als der unbekannte Andere
Rede von Thomas Krüger zur Eröffnung des 8. Festivals "Politik im Freien Theater" – Fremd am 27.10.2011 in Dresden, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden
17.11.2011
Rede von Thomas Krüger zur Eröffnung des 8. Festivals "Politik im Freien Theater" – Fremd am 27.10.2011 in Dresden, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden. Seit 1988 richtet die Bundeszentrale für politische Bildung alle drei Jahre diese Werkschau des Freien Theaters aus und zeigt herausragende Inszenierungen, die politisch relevante Themen aufgreifen und mit ästhetisch innovativen Formen vereinen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
"Theater besteht darin, dass lebende Abbildungen von überlieferten oder erdachten Geschehnissen zwischen Menschen hergestellt werden, und zwar zur Unterhaltung." So hat Bertolt Brecht das Theater beschrieben – derselbe Brecht, der Theater als eine Schule für gesellschaftliches Engagement begriff, und dem es darum ging, mit Hilfe des V-Effekts den Dingen das "Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen" und sie somit "auffällig" zu machen.
In diesem Sinne darf ich Sie sehr herzlich begrüßen zu der achten Ausgabe unseres Festivals "Politik im Freien Theater". Der, die und das Fremde stehen in den nächsten zehn Tagen im Fokus: Der Fremde als der unbekannte Andere, die Fremde als Gebiet außerhalb des heimatlichen Nahbereiches und das Fremde als Summe des Andersartigen.
Seit 1988 richtet die Bundeszentrale für politische Bildung alle drei Jahre eine Werkschau des Freien Theaters in wechselnden Städten aus und zeigt herausragende Inszenierungen, die politisch relevante Themen aufgreifen und mit ästhetisch innovativen Formen vereinen.
Wir veranstalten das Festival natürlich nicht ganz uneigennützig, sondern weil wir glauben, dass sich durch das Kommunikationsforum Theater auch für uns wichtige, neue Denk- und Rezeptionsräume politischer Bildung eröffnen. Die ausverkauften Vorstellungen und engagierten Diskussionen beim letzten Festival 2008 in Köln haben uns einmal mehr bestätigt, dass sich der ästhetische und der politische Diskurs im Medium des Theaters verschränken und dadurch auch eher politikferne Menschen einen Zugang zu den Themen finden, die wir innerhalb unserer Gesellschaft gegenwärtig zu verhandeln haben.
Wir haben den Austragungsort des Festivals für die aktuelle Ausgabe zum ersten Mal öffentlich ausgeschrieben. Die gemeinsame Bewerbung vom Staatsschauspiel Dresden und Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste hat uns sofort überzeugt. Das von den beiden Theatern für das Festival konzipierte Leitmotiv "fremd" bietet für viele gesellschaftlich relevante Diskurse zentrale Anknüpfungspunkte und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich Dresden damit gegen eine Vielzahl von Mitbewerbern durchgesetzt hat.
Für dieses Festival hat eine sechsköpfige Jury über 350 Produktionen gesichtet und zwölf deutschsprachige sowie vier internationale Produktionen ausgewählt. Ein herzlicher Dank geht daher an die Jurorinnen und Juroren für die vielen Abende, die sie auf vermutlich manches Mal harten Theatersesseln verbracht haben.
Vor fast 20 Jahren waren wir schon einmal hier in Dresden zu Gast. Wir freuen uns, wieder in dieser kulturell so reichen Stadt zu sein. Barock, Aufklärung, Moderne: Dresden hat diese Epochen maßgeblich geprägt. Für die Moderne stehen nicht zuletzt die wirkmächtigen, reformorientierten Ansätze in den Werkstätten Hellerau zu Beginn des 20. Jahrhunderts – nicht umsonst ist das Festspielhaus eine der Spielstätten des Festivals. Die Liste wegbereitender Künstler, die aus Dresden stammen oder hier gearbeitet haben – und arbeiten – ist lang. Ich will nur an die Worpswede-Malerin Paula Modersohn-Becker erinnern. Sie wurde in Dresden geboren, ebenso wie Gerhard Richter. Beide waren lange "fremd" in Dresden und auf beide hat man sich in ihrer Heimatstadt zwar erst später, dafür aber umso intensiver besonnen. Und derzeit wird der "Turm" verfilmt, Uwe Tellkamps preisgekrönter Roman über die Rolle des Dresdner Bürgertums unter den Bedingungen der zweiten deutschen Diktatur. All dies zeigt: Dresden war – und ist es bis heute – ein Ort der kritischen, künstlerischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Realitäten.
Spätestens seit Brecht ist das Fremde eine formal-ästhetische Kategorie des Theaters. Was aber meint "fremd", wenn man den Begriff politisch denkt? Etwas erscheint uns fremd, wenn es uns nicht vertraut ist. Ausgangspunkt ist dabei immer das Individuum in seiner Lebenswelt: "Fremd" ist ein relationales Konzept. Fremd ist das Andere, in Abgrenzung zum Eigenen. Die Sprache, das Essen, Umgangsformen und Mode – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Mir als Fan vom FC Union Berlin ist offengestanden auch Dynamo Dresden ziemlich fremd.
Der Rahmen zur Bestimmung dessen, was fremd ist, wird gebildet durch das jeweilige soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Umfeld. Normen, Werte und Traditionen markieren ein soziales Ordnungsgefüge, das auf Devianz mit Fremdheitszuschreibungen reagiert. Das Gegensatzpaar vertraut/fremd ist eng verknüpft mit einer anderen Kontrastkonstellation, nämlich Nähe und Ferne. Der Soziologe Georg Simmel beschrieb 1908 den Fremden im Bild des Wanderers: Der Fremde sei "der, der heute kommt und morgen bleibt". Fremdsein bedeutet, so Simmel weiter, "dass der Ferne nah ist".
Die Migrationsbewegungen des 20. und 21. Jahrhunderts haben dafür gesorgt, dass dieses Bild aktuell geblieben ist. Im Jahr 2010 hatten 19,3 Prozent der Einwohner in Deutschland einen Migrationshintergrund. Auch wenn mehr als die Hälfte der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, gelten sie doch zu oft noch immer als "fremd". Nur langsam setzt sich die Einsicht durch, dass die deutsche Gesellschaft auch eine Einwanderungsgesellschaft ist, geprägt von Menschen, die gekommen sind, um zu bleiben.
Die Nähe des Fernen sorgt bei der Mehrheitsgesellschaft nicht selten für Abwehrreaktionen. Auch hier in Sachsen ist Fremden- und Ausländerfeindlichkeit leider eine soziale Tatsache, die bei gedanklichen Mitläufern beginnt und bei konkreten rassistisch motivierten Straftaten endet.
Dass sich der Ausländeranteil im Freistaat Sachsen lediglich zwischen zwei und drei Prozent bewegt und damit unter dem Durchschnitt liegt, ändert daran nichts. Im Gegenteil: Fremdenfeindlichkeit ist oft dort größer, wo es weniger interkulturelle Begegnungen und Berührungspunkte gibt.
Hier ist die politische Bildung gefordert, einen Diskurs anzuregen – eine Auseinandersetzung, die im Übrigen über die Zuwanderungsdebatte hinausgehen muss. Unser Ziel muss eine Verständigung darüber sein, wie sich soziale und kulturelle Vielfalt konstruktiv nutzen lässt. Eine integrationsfähige Gesellschaft muss Grundprinzipien des Zusammenlebens wie Toleranz, Fairness, Solidarität und Gerechtigkeit jeden Tag neu lehren und lernen. Aber es gilt ebenso, faktisches Wissen zu vermitteln, um Orientierung in einer zunehmend komplexer werdenden Gegenwart zu ermöglichen. Undurchschaubar wirkende Prozesse einer globalisierten Wirtschaft lösen gegenwärtig viele Unsicherheiten und Ängste aus – Marx hätte das Entfremdung genannt –, Ängste, die Abwertungs- und Ausgrenzungspraktiken gegenüber Normabweichungen nach sich ziehen. Diesen affektiven Reaktionen eine Sach- und Handlungskompetenz entgegenzusetzen, ist eine der ersten Aufgaben politischer Bildung.
Die Bürgerinnen und Bürger aus Dresden sind hier insofern im Vorteil, als ihnen nachgesagt wird, dass sie über das Selbstbewusstsein verfügen, sich überall auf der Welt zurechtzufinden. Der Schriftsteller Thomas Brussig notierte: "Dresden war ein Schmelztiegel, hat immer von außen aufgenommen und hat immer nach außen abgegeben."
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