Deutschland in den 70er/80er Jahren
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Gesellschaft und Alltag in der DDR


4.4.2002
Der Alltag in der DDR ist stark von den besonderen Bedingungen des Herrschafts- und Wirtschaftssystems im real existierenden Sozialismus bestimmt. Veraltete Produktionsmaschinen, Materialengpässe, dadurch ausgelöste Produktionsausfälle sowie der Export höherwertiger Waren in den Westen verschlechtern die Versorgungslage. Die Politisierung der Öffentlichkeit und Bespitzelungen führen zum verstärkten Rückzug ins Private.

In Ostdeutschland besuchen am 19. Juli 1988 zahlreiche Jugendliche das einzige Konzert Bruce Springsteens in Ostberlin.In Ostdeutschland besuchen am 19. Juli 1988 zahlreiche Jugendliche das einzige Konzert Bruce Springsteens in Ostberlin. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Auch in der DDR der Honecker-Ära ist das Leben und Arbeiten der Menschen von Grunddeterminanten wie etwa Geschlecht, Alter, gesundheitlichem Zustand, intellektuellen und praktischen Fähigkeiten bestimmt worden. Abhängig von diesen individuell oft sehr unterschiedlichen Voraussetzungen wurde der Alltag darüber hinaus vom politischen und wirtschaftlichen System des "real existierenden Sozialismus" dieser Jahre geprägt, in das die Menschen eingebunden waren.

Ideologischer Anspruch

Die politische Herrschaftsstruktur der DDR ist in diesem Zusammenhang als "moderne Diktatur" (Jürgen Kocka) bezeichnet worden. Demnach war Herrschaft einerseits durch den fortwährenden Anspruch der SED gekennzeichnet, auf der Grundlage einer umfassenden, einzig "richtigen" Weltanschauung in allen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen über die alleinige Entscheidungskompetenz zu verfügen. Andererseits hat die Partei mittels moderner Medien sowie über Bildungsinstitutionen und Massenorganisationen einschließlich entsprechender Überwachung permanent versucht, die Gesellschaft von der Richtigkeit dieser Ideologie und ihrer daraus "notwendig" resultierenden Führung zu überzeugen – und wenn nötig, auch zu deren Akzeptanz zu zwingen. Nicht zu Unrecht ist deshalb von der DDR auch als einer "Erziehungsdiktatur" gesprochen worden. Diese umfassende Zielsetzung bedingte auch die (Um-)Erziehung jedes Einzelnen, da auf der Grundlage des Sozialismus eine neue Gesellschaft entstehen sollte. Über die traditionellen Erziehungs- und (Aus-)Bildungsinstitutionen wie Kindergarten, Schule, Lehrwerkstätten oder Universitäten hinaus waren die Menschen deshalb diesem politisch-ideologischen Anspruch ausgesetzt, der zum Teil bis ins Privatleben hineinwirkte.

Sehr viel stärker als in der Bundesrepublik waren die gesellschaftlichen Bedingungen der DDR daher mit dem politischen System verknüpft. Die Reaktionen hierauf waren unterschiedlich. Nach dem Bau der Mauer 1961 hatte sich die große Mehrheit der Bevölkerung auf das Regime einlassen und sich mit ihm arrangieren müssen. Im täglichen Leben kam es daher immer wieder zu Situationen, in denen man sich zum Nachsprechen von politisch-ideologischen (Leer-)Formeln gezwungen sah, da andernfalls kein sozialer Aufstieg, kein Erreichen von einigermaßen befriedigenden Berufspositionen möglich war. Dieser häufig unvermeidlichen Doppelzüngigkeit lag fortwährend die Unterscheidung zwischen propagierter, politisch-ideologischer Fiktion einerseits und der erlebten, täglich erfahrenen Realität andererseits zugrunde.

Neben diesem Verhalten einer breiten Mehrheit gab es aber auch das aktive Mitmachen einer Minderheit überzeugter Parteigänger wie es ebenso die Verweigerung und den Widerstand Einzelner bzw. einzelner Gruppen gegeben hat, wobei Letztere meist den unterschiedlichsten Repressionen ausgesetzt waren und dies mit persönlichen und individuellen Nachteilen zu bezahlen hatten.

Bedeutung der Betriebe

Ein weiterer Prägungsfaktor für die Menschen in der DDR entstand aus den spezifischen Strukturen, Organisationsformen und nicht zuletzt Anforderungen einer sozialistischen Industriegesellschaft. Sie ist deshalb in der Forschung auch als eine besondere Form der "Arbeitsgesellschaft" (Martin Kohli) bezeichnet worden. Denn einerseits vollzog sich die Arbeit als Hauptbeschäftigung der DDR-Bürger unter den Bedingungen einer zentralen Planverwaltungswirtschaft; immer wieder wurden die Beschäftigten mit Organisationsproblemen, fehlendem Material und Maschinenverschleiß konfrontiert. Andererseits besaßen die Betriebe, in denen die überwiegende Mehrheit arbeitete, über den Ort der rein technisch-ökonomischen Produktion von Waren und Gütern auch die "Funktion als Versorgungs-, Bildungs- und Gesellungsort, als Ressource für viele andere Lebensbereiche und als Zentrum des politischen Lebens" (Evemarie Badstübner, S. 668). Da es keine betriebliche Mitbestimmung gab, wurden die Brigaden teils zu Netzwerken enger, sozialer Beziehungen, die über das übliche Maß von industriellen Arbeitsbeziehungen hinausgingen, teils zu Austragungsorten von Arbeits- und persönlichen Konflikten innerhalb des "Kollektivs", teils zu Verteilungsstationen betrieblicher Sozialleistungen, in denen unter anderem über das Wann, Wo und Wie des Jahresurlaubs entschieden wurde.

Diese im Vergleich zur Bundesrepublik erheblich größere und gesellschaftlich-sozial umfassendere Bedeutung der Betriebe in der DDR hatte beträchtliche Auswirkungen auf Arbeitsgruppen und Individuen. Sie wurde noch verstärkt durch eine "arbeitszentrierte Ideologie" seitens Partei und Staat, in der menschliche Arbeit eine besondere, in der Propaganda permanent hervorgehobene Wertschätzung erfuhr. Aus dem Anspruch heraus, dass sich die SED als Vorhut der Arbeiterklasse verstand und damit letztlich aller Werktätigen, suchte die Partei ihre Führungsposition für die gesamte DDR-Gesellschaft zusätzlich zu legitimieren.

Hinzu kam ein dritter Faktor: Der angestrebten sozialistischen Gesellschaft lag ein aus der marxistisch-leninistischen Ideologie resultierendes, egalitär ausgerichtetes Modell zugrunde. Danach war die Partei langfristig bestrebt, durch konkrete gesellschaftspolitische Maßnahmen nach wie vor bestehende soziale Unterschiede und Ungleichheiten in der DDR im Hinblick auf die Schaffung einer tatsächlich sozialistischen Gesellschaft zu beseitigen, etwa durch eine schrittweise Anpassung von Löhnen und Gehältern oder die Zuteilung von Wohnraum. Obgleich es nicht gelang, dieses egalitäre Modell durchzusetzen, waren in der DDR-Gesellschaft doch Tendenzen einer "sozialen Entdifferenzierung" (Sigrid Meuschel) zu erkennen; zumindest ist es in Ansätzen zu einer gewissen Nivellierung etwa zwischen Angehörigen der "Intelligenz" aus akademischen Berufen und der Arbeiterschaft gekommen.

Kontrolle und Überwachung

Trotz der von der SED fortwährend angestrebten "Durchherrschung" der Gesellschaft in der DDR und ihrer Kontrolle und Überwachung durch ein massiv ausgebautes, weit verzweigtes Bespitzelungssystem gelang es ihr jedoch nie, die Menschen vollständig zu beherrschen. Bei aller versuchten politisch-ideologischen Beeinflussung – auch und nicht zuletzt gerade deswegen! – traf diese bei einer breiten Mehrheit von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern auf den ausgeprägten, häufig nicht einmal besonders reflektierten Willen, sich dem überall gegenwärtigen politisch-ideologischen Anspruch der Partei möglichst zu entziehen. So verkörperte der ebenso überall zum Vorschein kommende "Eigensinn" (Alf Lüdtke) der Menschen und damit der Gesellschaft gleichsam ein Widerlager, an dem sich die Intentionen der SED und ihrer Massenorganisationen letztlich brachen.

Vor diesem weit gespannten Hintergrund ist das Leben in der DDR, der Alltag der Menschen zu sehen: Arbeit und Freizeit, Versorgung und Urlaub, Wohnung und Kleidung, Essen und Trinken, Sexualität, individuelles und kollektives Sozialverhalten als Elemente des täglichen Lebens bildeten ein eigenes Ganzes und konnten doch gleichzeitig individuell höchst unterschiedlich sein. Insgesamt war das "ganz normale Leben" jedoch, erheblich stärker als etwa in der Bundesrepublik, den besonderen Bedingungen des Herrschafts- und Wirtschaftssystems im real existierenden Sozialismus unterworfen.

Ohne Anspruch auf umfassende Repräsentativität suchen die folgenden Beispiele charakteristische Begebenheiten des Alltags in der DDR wiederzugeben.



 

Mediathek

Deutscher Alltag: Was sie voneinander wissen

1983: Filmaufnahmen in einer polytechnischen Oberschule in Luckenwalde südlich von Berlin und einer Realschule in Bergheim bei Köln. Wie spiegeln sich die politischen Systeme wider? Welches Bild wird den Schülern vom anderen Teil vermittelt? Weiter...