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Informationen zur politischen Bildung (Heft 281)

Vom Kiewer Reich bis zum Zerfall der UdSSR


Hans-Henning Schröder
Inhalt

Einleitung

Aufstieg zur europäischen Großmacht

Staat und Gesellschaft in der Sowjetzeit

Aufstieg zur europäischen Großmacht
Eine politische und gesellschaftliche Organisation formierte sich im Raum des späteren Russland zunächst unter dem Einfluss anderer Kulturkreise. Mitte des neunten Jahrhunderts entstand entlang der Handelsrouten zwischen Ostsee und Schwarzem Meer ein System von bald slawisierten, verwandschaftlich verbundenen, normannisch-skandinavischen Herrschaften, die sich im Lauf der Zeit zu einer festeren politischen Organisationsform, der Kiewer Rus, entwickelten. Stützpunkte wurden städtische Siedlungen wie Kiew - der Hauptort, der dem Herrschaftsverband auch seinen Namen gab -, Wladimir oder Susdal, die zugleich als Herrschaftssitz, Festung, Tributverwaltung, kirchliches Zentrum und Fernhandelsbasis fungierten. In dieser Phase gewann das Herrschergeschlecht der Rjurikiden, dem später - bis 1598 - die russischen Zaren entstammten, die Oberhand.

Unter dem Kiewer Großfürsten Wladimir I., dem Heiligen (978-1015), setzte sich von Byzanz aus das Christentum in der Rus durch. Die Einbindung in den orthodoxen Missionierungsraum bedeutete auf lange Sicht die Separation vom lateinisch-christlichen Teil Europas, der mit Reformation, Renaissance und Aufklärung eine Entwicklung nahm, die in Russland nicht mitvollzogen wurde. Der Austausch mit dem Westen kam gänzlich zum Erliegen, als die Kiewer Rus unter den Mongolenstürmen der Jahre 1223, 1237/38 und 1239/40 zerbrach und die Teilfürstentümer für anderthalb Jahrhunderte unter die Oberhoheit des westlichen Mongolenkhanats, der "Goldenen Horde" mit ihrem Sitz in Sarai an der unteren Wolga, gerieten. In dieser Phase wurde Moskau zum neuen Machtzentrum der Rus. Im Jahr 1380 war es soweit erstarkt, dass es in einer siegreichen Schlacht auf dem "Schnepfenfeld" am Don der mongolischen Oberhoheit ein Ende setzen konnte. In der Folge dehnte Moskau sein Territorium aus.

Ivan III. (1462-1505) bezeichnete sich erstmals als "russischer Großfürst und Zar" und betonte mit diesem von der Bezeichnung "Caesar" abgeleiteten Titel seinen Anspruch auf Gleichrangigkeit mit dem Kaisertum im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation". 1510 entwickelte in Pskow der Mönch Filofej die Idee von Moskau als "Drittem Rom" - als dem dritten Zentrum der Christenheit nach Rom und Byzanz.

Eine Generation später ließ sich Ivan IV. (der Schreckliche, 1547-1584) als "Zar und Selbstherrscher des ganzen großen Russland" krönen - ein Titel, der den Anspruch auf die Nachfolge der byzantinischen Kaiserwürde einschloss. Unter seiner Herrschaft wurde das Reich im Kontext imperialer Machtpolitik nach Osten und Süden ausgedehnt. Im Innern folgte einer Phase der Reformen das Schreckensregiment, die Opritschnina. Mit seinem Sohn Fjodor, der 1598 ohne Nachfolger starb, endete die Dynastie der Rjurikiden. Nach einer Phase der smuta, der Wirren, wurde 1613 mit der Wahl des Bojaren Michail Romanow (1613-1645) ein Neuanfang gemacht. Die Bojaren waren Angehörige des Hochadels in der altrussischen Geschichte. Es war dann sein Nachkomme Peter I. (1682/1689-1725), der Russland mit harter Hand modernisierte und die "Pforten nach Europa" aufstieß.

Autokratische Modernisierung

Bereits im 16. Jahrhundert war die Zarenmacht mit den europäischen Mächten in Kontakt gekommen. Mit Schweden und Polen führte sie in wechselnden Koalitionen Krieg um den Besitz der baltischen Region. Im 17. Jahrhundert gewann die Verbindung mit West- und Mitteleuropa an Bedeutung. Die russische Politik konnte die wirtschaftlichen Entwicklungen und Verschiebungen der Machtverhältnisse im westlichen Europa nicht länger ignorieren.

Zar Peter baute eine seegängige Flotte auf, vergrößerte das Heer und schulte es nach westlichen Vorbildern. Er gestaltete die Zentralverwaltung um, indem er schwedischem Vorbild folgend nach Fachaufgaben strukturierte Kollegien (Ministerien) schuf, und er betrieb eine merkantilistische Wirtschaftspolitik, indem er den Handel und die heimische Produktion durch Errichtung von Manufakturen förderte. Ausländische Fachkräfte wurden ins Land geholt, Russen zum Studium ins Ausland entsandt. Zum 1. Januar 1700 ließ der Zar auch die alte byzantinische Zeitrechnung abschaffen, an deren Stelle nach dem Vorbild der protestantischen Länder der Julianische Kalender trat. (Der genauere Gregorianische Kalender, der in den katholischen Regionen galt und nach dem wir uns heute noch richten, wurde in Russland erst am 14. Februar 1918 eingeführt.)

Doch große Teile der Gesellschaft, insbesondere die Bauernschaft, blieben von dem petrinischen Modernisierungsversuch unberührt. Der Widerspruch zwischen der traditionsorientierten Bevölkerungsmehrheit und dem modern-absolutistischen Regime bestimmte bis weit ins 20. Jahrhundert das soziale und geistige Leben Russlands. Doch Peters Reformen schufen die Voraussetzungen für den Aufstieg des Landes zur europäischen Großmacht. Nach dem Sieg über die Schweden 1709 in der Schlacht bei Poltawa, Ukraine, nahm der Zar den Kaisertitel an, der von Preußen und den Generalstaaten der Niederlande sofort, von den meisten anderen europäischen Mächten im Lauf der nächsten 50 Jahre anerkannt wurde.

Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich Russland zu einem wichtigen Faktor europäischer Politik. Unter den Nachfolgern Peters dehnte sich das Reich in Kriegen mit dem Osmanischen Reich nach Süden und durch die polnischen Teilungen nach Westen aus. In den Napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielte das Zarenreich als Gegner des napoleonischen Frankreich, dann als Verbündeter und schließlich als Mitglied der antinapoleonischen Allianz eine entscheidende Rolle, die auch bei der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1815 zum Tragen kam. In den Folgejahren schloss sich Russland im Rahmen der "Heiligen Allianz" eng mit den konservativen Mächten Habsburg und Preußen zusammen und erlangte als "Gendarm Europas" eine bestimmende Rolle auf dem Kontinent. Die zarische Regierung betrieb eine restaurativ-konservative Politik und wandte sich gegen alle Freiheitsbewegungen jener Zeit.

Gesellschaftliche Spannungen

Russlands Position im Konzert der großen europäischen Mächte brachte die russischen Oberschichten in engen Kontakt mit dem geistigen und politischen Leben des Kontinents. Die Rezeption von Ideen aus der Welt der französischen Revolution und des nationalstaatlichen Erwachens in West- und Mitteleuropa führte zu einer Entfremdung zwischen Teilen der europäisierten Oberschicht und dem autokratischen Regime. Die Spannungen fanden Ausdruck in der Debatte zwischen "Westlern" und "Slawophilen". Während erstere die Öffnung gegenüber dem "Westen" guthießen und Russlands Heil vom Hineinwachsen in diesen "Westen" erwarteten, betonten die Slawophilen slawische und orthodoxe Traditionen und sahen die Zukunft des Landes in der Rückkehr zu diesen Wurzeln.

In dieser Auseinandersetzung trat erstmals eine Gruppe hervor, die den gesellschaftlichen Konflikten in Russland bis weit in das 20. Jahrhundert Form und Ausdruck gab - die Intelligenzija. Dieser Begriff bezeichnet eine Ideengemeinschaft, die ihre soziale und politische Identität aus der gemeinsamen Weltsicht gewann. Ihr Selbstverständnis stützte sich auf drei Leitgedanken: den Willen, die autokratische Zarenherrschaft zu stürzen, das Bewusstsein der Verantwortung für sozial Schwächere und den Glauben, über eine wissenschaftlich fundierte Weltanschauung zu verfügen. Aus der Intelligenzija heraus formten sich jene politischen Gruppierungen, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts den Kampf mit dem zarischen System aufnahmen.

Sturz der Zarenherrschaft

Im Krimkrieg (1853-1856), den Russland gegen das Osmanische Reich, Frankreich und Großbritannien führte, erwies sich das Zarenreich gegenüber den europäischen Großmächten als militärisch und wirtschaftlich hoffnungslos rückständig. Die Regierung Alexanders II. (1855-1881) nahm daher eine umfassende Reform von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in Angriff. Kern der Neuordnung war die Bauernbefreiung im Jahre 1861, die die Leibeigenschaft beseitigte und von Umgestaltungen der Justiz, der Streitkräfte, des Bildungswesens und der Kommunalverfassung flankiert wurde.

Die Reformen führten nicht zu einer politischen Beruhigung im Innern. Aus der Intelligenzija heraus entwickelte sich eine politische Bewegung, die "Volkstümler", die einen Sturz des Zarismus durch Aufklärung der bäuerlichen Massen anstrebten. Einige Gruppierungen setzten auf individuellen Terror. 1881 wurde Alexander II. durch ein Bombenattentat getötet.

Die Regierung seines Nachfolgers Alexander III. (1881-1894) schränkte die Reformen teilweise wieder ein, verfolgte den Kurs wirtschaftlicher Modernisierung aber weiter. Der Ausbau der Industrie, der in den siebziger Jahren in Gang kam, gewann in den neunziger Jahren hohes Tempo. Im Gefolge der Industrialisierung wandelte sich auch die Gesellschaft. Wiewohl Russland immer noch ein Agrarstaat war und 1897 über 86 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande lebten, wuchsen die Städte rasch und wurden zu sozialen Brennpunkten. Die Einwohnerschaft Moskaus etwa stieg zwischen 1867 und 1914 von 350000 auf 1,7 Millionen, die von St. Petersburg von 500000 auf 2,2 Millionen.

Die Unzufriedenheit der Industriearbeiterschaft, die unter unerträglichen Bedingungen lebte und arbeitete, das wachsende Selbstbewusstsein des entstehenden Bürgertums, die verbreitete Missstimmung auf dem Dorfe, die sich aus der Landarmut und der hohen Steuerlast nährte, und nicht zuletzt wachsende nationale Spannungen im Vielvölkerstaat Russland bedrohten jedoch zunehmend die überkommene Ordnung. Das Regime erwies sich als unfähig, die auseinander strebenden Interessen der gesellschaftlichen Gruppen zu integrieren und die scharf hervortretenden sozialen und nationalen Konflikte zu mildern.

Die Revolution von 1905 bis 1907, bei der sich neben dem Industrieproletariat und der Intelligenz erstmals auch große Teile der Bauernschaft gegen den Zaren wandten, war ein letztes Warnzeichen. Durch den Einsatz von Militär gelang es noch einmal, das Zarenregime zu retten. Die Einrichtung eines Parlaments, der Duma, mit sehr beschränkten Rechten - Max Weber sprach von einem "Scheinkonstitutionalismus" - und eine Agrarreform setzten neue Veränderungen in Gang. Der Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 verhinderte, dass diese Maßnahmen zur Entfaltung kamen.

1914 erwies sich rasch, dass das russische Reich allen Modernisierungsschritten zum Trotz in einem Krieg technisierter Massenheere dem Deutschen Reich nicht gewachsen war. Die russischen Armeen erlitten katastrophale Niederlagen. In Reaktion auf den Bankrott des Versorgungssystems kam es 1916 in den Städten zu Streiks und Unruhen, die an Schärfe zunahmen und schließlich im Februar 1917 in Petersburg zum Zusammenbruch der Ordnung führten. Zar Nikolaus II. dankte am 15. März 1917 ab. Mit seiner Familie wurde er nach Jekaterinburg gebracht, wo sie im Juli 1918 von den Bolschewiki ermordet wurden.

Die Macht ging in die Hände einer Provisorischen Regierung über, die den Krieg fortsetzte und die Lösung der Landfrage an eine noch zu wählende Verfassunggebende Versammlung verwies. Damit stellte sie sich der bäuerlichen Bevölkerung entgegen, die mehrheitlich eine Vergrößerung ihrer Bodenanteile durch eine Aufteilung der Gutsländereien forderte. Neben der Regierung entwickelte sich der Petersburger Sowjet - der Arbeiter- und Soldatenrat - rasch zu einer eigenständigen Kraft. In ihm gewannen die Vertreter der Bolschewiki, des radikalen Flügels der russischen Sozialdemokratie, an Bedeutung und Profil, insbesondere nachdem Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924), die politische und ideologische Leitfigur dieser Gruppe, aus dem Schweizer Exil zurückgekehrt war.

Die Weigerung der Provisorischen Regierung, den Boden umzuverteilen und den Krieg zu beenden, spielte ihren Gegnern in die Hände. Am 6. November 1917 (24. Oktober nach dem Julianischen Kalender) initiierte die Sowjetmehrheit unter Führung der Bolschewiki einen Umsturz, der die Provisorische Regierung beseitigte und einen Rat der Volkskommissare installierte. Indem die neue Führung Friedensverhandlungen einleitete und die Landnahme der Bauern legitimierte, verschaffte sie sich den notwendigen landesweiten Rückhalt, der es ihr erlaubte, die eben gewählte Konstituierende Versammlung am 18. Januar 1918 gewaltsam aufzulösen.
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10. Februar 2012
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