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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 29-30/2002)

Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit


Integrationsdiskurse zwischen Hyperindividualismus und der Abdankung des Staates
Sebastian Braun
Inhalt

I. Einleitung

II. Soziales Kapital als Fundament gesellschaftlichen Zusammenhalts

III. Soziales Kapital als Basiselement sozialer Ungleichheit

IV. Putnam und Bourdieu - die politische Wirkung zweier Konzepte

V. Soziales Kapital, soziale Ungleichheiten und die Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts

III. Soziales Kapital als Basiselement sozialer Ungleichheit
Dreht man die beiden Worte in Putnams Erfolgsbegriff um und spricht sie französisch aus, dann befindet man sich unversehens in einer anderen Welt: Capital social ist jenseits des Rheins Bestandteil eines breiten öffentlichen Diskurses über wachsende soziale Ungleichheiten und Deklassierungen, die den sozialen Zusammenhalt moderner Gesellschaften massiv gefährdeten.

Hintergrund dieses Diskurses bildet die mittlerweile klassische Gesellschaftstheorie von Bourdieu, die längst zur "culture générale" im französischen Bildungssystem gehört. Bourdieus Thema sind die Mechanismen der Erzeugung und Erhaltung gesellschaftlicher Strukturen durch das Handeln der Menschen in der alltäglichen sozialen Praxis.

Um diese Mechanismen zu analysieren, führt Bourdieu den Kapitalbegriff in unterschiedlichen Erscheinungsformen ein. Neben dem ökonomischen Kapital (Geld, Landbesitz etc.) und dem kulturellen Kapital (Diplome, Zeugnisse, kognitive Kompetenzen etc.) unterscheidet er das soziale Kapital. Letzteres entstehe durch ständige "Beziehungsarbeit" und umfasse all jene Ressourcen, die aus einem Netz dauerhafter Beziehungen, gegenseitigen Kennens und Anerkennens resultieren; "oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen" [14] .

Bourdieu entwirft soziales Kapital also nicht wie Putnam als kollektives Gut von Gesellschaften, sondern als individuelle Ressource. [15] Diese Ressource konzipiert er auf theoretischer Ebene als eigenständige Kapitalsorte. In der sozialen Wirklichkeit käme soziales Kapital aber nur gemeinsam mit den beiden anderen Kapitalsorten vor. Da es stets in Verbindung mit dem verfügbaren ökonomischen und kulturellen Kapital und deren Ungleichverteilung zwischen den Individuen wirke, trage soziales Kapital immer auch zum Erhalt oder zur Verstärkung sozialer Ungleichheiten bei.

In zweifacher Hinsicht, so Bourdieu, bestehe aber prinzipielle Gleichwertigkeit zwischen den drei Kapitalsorten: Zum einen dienten sie alle dazu, die soziale Position des Einzelnen in der Hierarchie der gesellschaftlichen Klassen zu erhalten oder zu verbessern. Zum anderen ließen sich die Kapitalsorten ineinander umwandeln. So könne z. B. das erworbene Bildungskapital in Berufspositionen und damit in ökonomisches Kapital umgewandelt werden. Ökonomisches Kapital ließe sich wiederum in Geld umtauschen oder in Eigentumsrechten festschreiben. Darüber hinaus könne es die beiden anderen Kapitalsorten verstärken, etwa das soziale Kapital, da derjenige, der das notwendige Geld besitze, auch über ein umfangreiches Beziehungsnetz verfüge. Kurzum: Bourdieu versucht "die Gesetze zu bestimmen, nach denen die verschiedenen Arten von Kapital (oder, was auf dasselbe herauskommt, die verschiedenen Arten von Macht) gegenseitig ineinander transformiert werden" [16] .

Exemplarisch dafür stehen Bourdieus Arbeiten über die Eliten Frankreichs, die über informelle und fest etablierte Assoziationen verfügen wie die Eliten in keinem anderen Land der westlichen Welt. [17] Hoher Korpsgeist, fast identische Königswege im Bildungssystem und eine ähnliche soziale Herkunft zumeist aus der "Bourgeoisie" erhalten die homogene, sich selbst reproduzierende Elite, die über politische Zugehörigkeiten hinaus Klassencharakter annimmt. [18]

Das soziale Kapital einer solchen Elite manifestiert sich nicht nur in Förderungs- und Solidaritätsverpflichtungen oder im abgestimmten Ausschluss Gruppenfremder. Es trägt auch dazu bei, Transaktionskosten in Staat und Wirtschaft zu senken. Denn innerhalb des Eliten-Netzwerks erzeugt es Vertrauen, das unabhängig von der jeweils bekleideten Spitzenposition als Loyalitätsgarantie dient. Außerhalb des begünstigten Netzwerks kann dieses soziale Kapital aber auch Misstrauen erzeugen; denn die Grenze sozialen Kapitals wird durch normative Regeln und den öffentlichen Diskurs gezogen, der in Gefälligkeitsbanknoten, Vetternwirtschaft oder Seilschaften eine Verletzung universaler Normen sieht, die schlimmstenfalls in Korruption endet. [19]

Ganz in diesem Sinne haben Erwin und Ute Scheuch mit ihrer Analyse des wieder hochaktuellen "Kölner Klüngels" den Eliten in Deutschland ein Denkmal gesetzt [20] - "Cliquen" und "Connections", die seit den neunziger Jahren abermals die gesellschaftspolitische Diskussion prägen. Denn die hohe Empfindlichkeit in Medien und Öffentlichkeit gegenüber der Vorteilsnahme in den Topetagen von Politik und Wirtschaft resultiert nicht zuletzt aus dem verbreiteten Misstrauen in der Bevölkerung, dass das Leistungsprinzip gerade von denjenigen unterlaufen wird, die versprechen, dass man durch mehr Leistung seine individuelle Lage und das hinkende Wirtschaftswachstum verbessern könne. Das Stichwort der "politischen Verdrossenheit" entstand nicht zufällig in einer Zeit, als sich die Skandale um die Kohls, Landowskis und Rüthers im Zeitraffertempo aneinander reihten. [21]
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10. Februar 2012
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Zustand der Gesellschaft - Armut und Reichtum
Editorial
Die phantasielose Gesellschaft
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Erosion des sozialstaatlichen Konsenses und die Entstehung einer neuen Konfliktlinie in Deutschland?
Armut und Reichtum in Deutschland
Armut und soziale Ausgrenzung im europäischen Kontext
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