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Deutschlands Eliten zwischen Kontinuität und Wandel

Empirische Befunde zu Rekrutierungswegen, Karrierepfaden und Kommunikationsmustern


1.3.2004
Trotz sozialer Öffnungsmechanismen bestehen weiterhin privilegierte Zugangschancen zu Elitepositionen. Neu ist, dass Eliten aus intermediären Organisationen an Einfluss verloren und Bürokratieeliten an Einfluss gewonnen haben.

Begriffsverwirrungen



Unter dem Eindruck gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Wandlungsprozesse scheint das Interesse an den Eliten der Bundesrepublik neu entfacht. Das belegt nicht nur eine Vielzahl fachwissenschaftlicher Publikationen.[1] Auch die öffentliche Aufmerksamkeit zeigt sich angesichts von "Pisa-Schock", anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und permanenten Haushaltsproblemen sowie wachsender politischer Unzufriedenheit bei gleichzeitigem Reformdruck für das Elitenthema sensibilisiert. Dennoch halten vor allem in Deutschland Unbehagen, Irritationen und Missverständnisse um den Elitenbegriff aufgrund seiner historischen Vorbelastung bis heute an. Darüber hinaus konkurrieren unterschiedliche Vorstellungen von Eliten -je nach zu Grunde gelegter Begriffsdefinition - miteinander und gegen zahlreiche Alternativbegriffe.[2]




Die allgemeinste Vorstellung von Eliten zielt auf Minderheiten von Personen, die sich in einem Prozess der Auslese und Konkurrenz herausgebildet haben, der ihre herausgehobene Stellung in der Gesellschaft zugleich rechtfertigt und begründet.[3] Doch obwohl sich die frühesten Zeugnisse eines derart einfachen Elitenbegriffs anhand der Bibel auf die Zeit vor 3000 Jahren datieren lassen,[4] ist noch immer kein Konsens darüber gefunden, wer zu den Eliten einer Gesellschaft zählt und warum jemand zum Mitglied dieses Kreises wird. Dabei ist insbesondere umstritten, was eine Person zum Angehörigen einer Elite qualifiziert. Sind Leistung oder Erfolg maßgeblich, Reputation oder Selbstzuschreibung, Bildung oder Expertenwissen? Bestimmen Eigentum und Besitz, Herkunft und Stand darüber, wer zu den Eliten gehört? Möglicherweise ist auch ein bestimmtes Wertebewusstsein das zentrale Merkmal, auf dem der Elitestatus beruht. Oder sind es die Mächtigen einer Gesellschaft, die jenen Personenkreis definieren, der als Elite bezeichnet wird?

Das Kriterium der Macht ist in erster Linie für politikwissenschaftliche Fragestellungen zentral, die sich mit dem Elitenproblem im Kontext von Herrschaft, Konflikt und Konsens beschäftigen und an der Rolle von Eliten in politischen Willensbildungsprozessen interessiert sind.[5] Dabei wird den Mächtigen einer demokratischen Gesellschaft die Funktion zugeschrieben, politische Führungs- und Steuerungsleistungen wahrzunehmen.[6]

Die vor diesem Hintergrund auch als Funktionseliten etikettierten Mitglieder einer Führungsschicht sind in Demokratien in der Regel diejenigen Personen, die in allen relevanten Gesellschaftssektoren Führungspositionen innehaben, von wo aus sie regelmäßig und maßgeblich an zentralen Entscheidungsprozessen mitwirken.[7] Die daher auch als Positionseliten bezeichneten Führungskräfte besitzen entweder politische Macht, indem sie allgemein verbindliche Entscheidungen treffen. Dieses Recht steht in freiheitlichen Ordnungssystemen nur den über demokratische Wahlen legitimierten politischen Eliten zu. Oder sie üben Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse aus, indem sie mit Hilfe bestimmter Ressourcen wie ökonomisches Kapital, Informationen oder Organisationskraft gesellschaftliche Macht erzeugen.

Der friedliche und freie Wettbewerb unterschiedlicher Führungsgruppen - etwa aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Interessenorganisationen und Massenmedien - um Macht und Einfluss bildet somit die zentrale Annahme des pluralistischen Paradigmas der modernen, empirisch orientierten Elitenforschung.[8] Vor allem politikwissenschaftliche Forschungsbeiträge über die Führungsschicht der Bundesrepublik basieren auf diesem theoretischen Zugang, der wesentlich von modernisierungstheoretischen Einsichten inspiriert wurde und auch den Ausgangspunkt des folgenden Beitrages bildet.[9]



Fußnoten

1.
Vgl. z.B. die Übersicht bei Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten, Frankfurt/M.-New York 2002, S. 13; außerdem Klaus M. Kodalle (Hrsg.), Der Ruf nach Eliten, Würzburg 2000; Beate Krais (Hrsg.), An der Spitze, Konstanz 2001; Viktoria Kaina, Elitenvertrauen und Demokratie, Wiesbaden 2002; Stefan Hradil/Peter Imbusch (Hrsg.), Oberschichten - Eliten - Herrschende Klassen, Opladen 2003.
2.
Vgl. Wolfgang Schluchter, Der Elitebegriff als soziologische Kategorie, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 15 (1963), S. 233 - 256; Günter Endruweit, Elitebegriffe in den Sozialwissenschaften, in: Zeitschrift für Politik, 26 (1979), S. 30 - 46; Peter Imbusch, Konjunkturen, Probleme und Desiderata sozialwissenschaftlicher Elitenforschung, in: Stefan Hradil/ders. (Anm. 1).
3.
Vgl. Heinz Bude, Auf der Suche nach Elite, in: Kursbuch, (2000) 139, S. 9 - 16, hier S. 10.
4.
Vgl. G. Endruweit (Anm. 2), S. 32.
5.
Vgl. u.a. Otto Stammer, Das Eliteproblem in der Demokratie, in: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, 71 (1951), S. 513 - 540; Suzanne Keller, Beyond the Ruling Class. Strategic Elites in Modern Society, New York 1963; Ursula Hoffmann-Lange, Eliten, Macht und Konflikt in der Bundesrepublik, Opladen 1992; Wilhelm Bürklin/Hilke Rebenstorf u.a. (Hrsg.), Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration, Opladen 1997.
6.
Vgl. O. Stammer, ebd., S. 15; Dietrich Herzog, Brauchen wir eine politische Klasse?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 50/1991, S. 3 - 13; Hans-Dieter Klingemann/ Richard Stöss/Bernhard Wessels, Politische Klasse und politische Institutionen, in: dies. (Hrsg.), Politische Klasse und politische Institutionen, Opladen 1991, hier S. 24.
7.
Vgl. z.B. U. Hoffmann-Lange (Anm. 5), S. 19; Wilhelm Bürklin, Die Potsdamer Elitestudie von 1995: Problemstellungen und wissenschaftliches Programm, in: ders./H. Rebenstorf (Anm. 5), S. 16; M. Hartmann (Anm. 1), S. 25. Aktuelle Eliten werden danach mit Hilfe eines mehrstufigen Verfahrens über zuvor bestimmte, zentrale Führungspositionen in allen gesellschaftlichen Bereichen ermittelt. Ausführlicher zu dieser Identifizierungsmethode von Elitemitgliedern U. Hoffmann-Lange (Anm. 5), S. 86 - 90.
8.
Vgl. dies., Das pluralistische Paradigma der Elitenforschung, in: S. Hradil/P. Imbusch (Anm. 1); dies., Eliten, in: Ludger Helms/Uwe Jun (Hrsg.), Politische Theorie und Regierungslehre, Frankfurt/M.-New York 2004 (i.E.).
9.
Vgl. dies., Das pluralistische Paradigma, ebd., S. 111ff.