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Informationen zur politischen Bildung (Heft 287)
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Umweltbewusstsein und Umweltverhalten |

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Udo Kuckartz
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Umweltprobleme müssen, um gelöst werden zu können, zunächst einmal als solche von den Menschen wahrgenommen werden. Diese Aussage klingt auf den ersten Blick selbstverständlich. Sie lohnt aber eine nähere Betrachtung, wie die Geschichte des Umweltbewusstseins zeigt. Denn verschmutzte Flüsse und Seen, kontaminierte Böden und stark belastete Luft gab es bereits, lange bevor die Begriffe Umweltproblem, Umweltkrise und Umweltbewusstsein in der öffentlichen Diskussion eine Rolle spielten. Als der spätere Bundeskanzler Willy Brandt 1961 mit dem Slogan "Blauer Himmel über der Ruhr" in den Wahlkampf zog, wurde dies zunächst kaum ernst genommen - Luftverschmutzung galt damals nicht als dringliches politisches Problem, obwohl der Himmel über der Ruhr in einem heute kaum mehr vorstellbaren Maße rußgeschwärzt war. Es sollte noch fast 20 Jahre dauern, bis das Thema Umweltschutz Mitte der 1980er Jahre auf Platz 1 der Rangliste der aktuell bedeutsamsten politischen Probleme kletterte.
Heute ist in Deutschland ein Umweltbewusstsein weit verbreitet. 2006 hielten 93 Prozent der Bevölkerung den Umweltschutz für eine wichtige politische Aufgabe. 62 Prozent waren der Meinung, dass wir auf eine Umweltkatastrophe zusteuern, wenn wir so weiter machen wie bisher (siehe auch www.umweltbewusstsein.de). Überwältigend - zwischen 82 Prozent und 88 Prozent, mit steigender Tendenz in den letzten Jahren - ist die Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger, wenn es um die Grundprinzipien der nachhaltigen Entwicklung (schonender Ressourcenverbrauch, Generationengerechtigkeit und fairer Handel zwischen reichen und armen Ländern) geht.
Nachhaltige Entwicklung ist das Leitbild der internationalen Umweltpolitik seit dem "Erdgipfel" der Vereinten Nationen von Rio de Janeiro 1992. Damals hatten die Unterzeichnerstaaten der dort verabschiedeten Agenda 21 bereits unterstrichen, dass es ohne ein Umweltbewusstsein und ohne eine Veränderung der Konsummuster in den hoch entwickelten und in starkem Maße Ressourcen verbrauchenden Industrieländern keine Lösung der globalen Umweltprobleme geben könne. Dabei bestand Einigkeit, dass staatliche Steuerung allein keine Wende zu einer nachhaltigen Entwicklung bewirken kann. Denn die Demokratien des Westens garantieren die Freiheit des Einzelnen: Innerhalb des gesetzlichen Rahmens sind die Individuen berechtigt, frei zu handeln und zu konsumieren, was sie bezahlen können. Sie bestimmen selbst, welche Autos sie fahren, wie viel Benzin sie pro Monat verbrauchen oder wie häufig sie eine Flugreise zu weit entfernten Ländern unternehmen wollen. Hier sind also Umweltbewusstsein und freiwilliges Handeln gefragt, wenn es Veränderungen geben soll.
Aber was ist eigentlich unter Umweltbewusstsein zu verstehen? Der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen definierte schon 1978 Umweltbewusstsein als "Einsichten in die Gefährdungen der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen durch diesen selbst" und als "Bereitschaft zur Abhilfe". Diese Begriffsbestimmung ist auch heute noch aktuell, wurde aber inzwischen differenziert. Heute werden verschiedene Komponenten des Umweltbewusstseins unterschieden - an vorderster Stelle Umweltwissen, Umwelteinstellungen, Umweltverhalten und Verhaltensintentionen:
- Umweltwissen beschreibt den Kenntnis- und Informationsstand einer Person über Umwelt und Natur, über Trends und Entwicklungen in ökologischen Aufmerksamkeitsfeldern.
- Unter Umwelteinstellungen werden neben Einstellungen zu Fragen des Umweltschutzes im engeren Sinne auch Ängste, Empörung, Zorn und Betroffenheit sowie persönliche Grundorientierungen und auf die Umwelt bezogene Werthaltungen verstanden.
- Mit Umweltverhalten wird das individuelle Verhalten in relevanten Alltagssituationen bezeichnet.
- Davon zu unterscheiden sind Handlungsbereitschaft und Verhaltensintentionen, das heißt Bekundungen, sich in Zukunft so und nicht anders verhalten zu wollen.
Der wissenschaftliche Begriff Umweltbewusstsein umfasst in der Regel alle genannten Komponenten, während in der politischen Diskussion üblicherweise lediglich eine Unterscheidung von Umweltbewusstsein und Umweltverhalten vorgenommen wird. Es wird also zwischen Wissen, Einstellungen sowie Verhaltensintentionen einerseits und dem tatsächlichen Umwelthandeln andererseits unterschieden.
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Quellentext
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Hintergründe moderner Umweltsorgen Die stärksten Antriebe erwachsen aus einem Zusammenwirken von Liebe und Angst. Auch das Umweltbewusstsein wird dann zur drängenden Leidenschaft, wenn sich die Liebe zur Natur [...] mit der Angst verbindet. Die Angst um die Natur wird dann am heftigsten, wenn sie auch eine Angst um das eigene Wohlergehen ist; und sie wird dann zu einer öffentlichen Macht, wenn sich die Objekte der individuellen Sorgen glaubwürdig zu einer großen volks- und menschheitsbedrohenden Gefahr kombinieren lassen. Eine derartige Vernetzung der Ängste steht am Anfang der modernen Umweltbewegung.
Der Umwelthistoriker Donald Worster behauptet, das "Zeitalter der Ökologie" habe am 16. Juli 1945 bei Alamogordo begonnen, als der erste Atomblitz die Wüste von New Mexico in gleißendes Licht tauchte und der erste Atompilz in die Atmosphäre quoll. Aber für die Weltöffentlichkeit wurden Alamogordo und Hiroshima erst ein Jahrzehnt darauf oder noch später zum Signal einer neuen Ära. [...]
Bis weit in die 50er Jahre war das Inferno von Hiroshima in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht sehr konkret, da Japan bis 1952 der amerikanischen Militärzensur unterlag. Erst im Laufe der 50er Jahre bekam man eine Ahnung von dem Ausmaß der nuklearen Spätschäden. [...]
Da erkannte man, dass das atomare Unheil kein einmaliges und örtlich begrenztes Ereignis war, sondern eine dauernde Gefahr, die alle bedrohte, ja selbst künftige Generationen. Und da verband sich die Angst vor der atomaren Rüstung mit einer neuen großen Angst: der Angst vor Krebs. Auf diese Weise wurde sie anschlussfähig gegenüber einem ganzen Bündel zukunftsträchtiger Zivilisationssorgen. [...]
Als Begründerin der amerikanischen Öko-Bewegung gilt Rachel Carson (1907-1964), wobei jedoch der prompte und durchschlagende Erfolg ihres "Silent Spring" (1962) [...] darauf hindeutet, dass die Öffentlichkeit für diese Botschaft bereit war. Als das Buch herauskam, litt die Verfasserin bereits tödlich an Krebs, und ihr Leben war schon seit langem von Krebsangst überschattet. Wenn der "Stumme Frühling" eine bei weitem größere Wirkung ausübte als alle Naturschutz-Bücher davor, dann lag das wohl nicht zuletzt daran, dass sich die Autorin, obwohl sie auf ein breites Spektrum moderner Umweltgifte hinwies, doch auf eine Zielscheibe konzentrierte: das Insektizid DDT, das seit dem Zweiten Weltkrieg großflächig versprüht worden war; und dabei war der springende Punkt für viele Leser wohl der, dass das DDT in den Verdacht geraten war, beim Menschen Krebs auszulösen. Carson argumentierte, der Mensch sei sogar besonders bedroht, da sich das DDT in den Nahrungsketten anreichere und der Mensch an der Spitze der meisten Nahrungsketten stünde. [...]
Das Nahrungsketten-Argument spielte auch in der frühen Kritik an der Kerntechnik eine Schlüsselrolle: als Warnung vor der Anreicherung radioaktiver Substanzen in Organismen, die der menschlichen Ernährung dienen. [...]
Die Atomwaffen machten es real und sehr konkret vorstellbar, dass die Menschheit sich selbst ausrottet - nicht durch archaische Instinkte, sondern durch ihren nicht zu bremsenden Erfindergeist. Dieses gedankliche Grundmuster förderte ähnliche Denkfiguren in anderen Problembereichen. Heute wird manchmal behauptet, das Neue der modernen Öko-Bewegung sei der Respekt vor der Natur um ihrer selbst willen. Das war jedoch schon ein altes Element des Naturschutzes und der Naturromantik; neu dagegen war die Sorge, dass die Naturzerstörung auf die Dauer die physische Existenz der Menschheit bedroht. Vor allem dadurch entstand ein auch von Politikern empfundener Handlungsdruck. [...]
Joachim Radkau, Natur und Macht, München 2000, S. 299 ff.
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10. Februar 2012
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