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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 25-26/2005)

Wer waren Einsteins Gegner?


Milena Wazeck
Inhalt

Einleitung

Die Academy of Nations

Einsteins Gegner in Deutschland

Einsteins Gegner in Europa

Relativitätstheorie und Weltanschauung

Ein Wahrheitsbund?

Einsteins Gegner in Deutschland
Seit etwa 1920 traf sich Gehrcke regelmäßig mit anderen Einstein-Gegnern aus dem Berliner Raum. Als Reuterdahl 1921 mit der Idee der AoN an ihn herantrat, sah Gehrcke darin sofort ein potenzielles Forum für Anti-Einstein-Aktivitäten: "Ueber Ihre Einladung zu einer Academy of Nations fand am 23. Oktober in meiner Wohnung eine Aussprache unter folgenden Personen statt, die Ihnen durch literarische Beiträge zu der Einstein-Angelegenheit bekannt sind: Fricke, Gehrcke, Glaser, Kühn, Riem. Die Aussprache ergab generelle Zustimmung zu dem Plan und der Beteiligung an dieser Academy of Nations, deren Begründung durch das amerikanische Komitee lebhaft begrüßt wird"[6], berichtete er Reuterdahl. Die deutsche Sektion der AoN wurde 1922 mit Hermann Fricke, Johannes Riem, Leonore Ripke-Kühn und Johannes Glaser als ersten Mitgliedern unter dem Vorsitz Gehrckes gegründet.[7]

Der Physiker Fricke war am Berliner Patentamt beschäftigt. Als Verfechter einer eigenwilligen Ätherwirbeltheorie gründete er - nachdem sich seine Hoffnung auf Weylands "Arbeitsgemeinschaft" zerschlagen hatte - die Deutsche Gesellschaft für Weltätherforschung und anschauliche Physik. Riem, Astronom in Potsdam, war ein engagiertes Mitglied des religiös geprägten Keplerbunds, für dessen Publikationen er eine Vielzahl populärer kosmologischer Abhandlungen schrieb. Als Astronom kritisierte er insbesondere die Bestätigung der Relativitätstheorie bei den Sonnenfinsternissen von 1919 und 1922 und warf Einstein vor, sich bei der bereits 1801 aufgestellten Formel zur Lichtablenkung von Johann Georg Soldner bedient zu haben.[8] Anfang der zwanziger Jahre erschienen mehrere oft mit nationalistischen und antisemitischen Untertönen versehene Artikel von Riem über die "Einsteinschen Phantasien"[9] zu den Forschungsergebnissen über die Sonnenfinsternisse in der Tagespresse.

Einziges weibliches Mitglied im Kreis von Gehrckes Einstein-Gegnern war Ripke-Kühn, ein hochrangiges Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Als Schriftstellerin und Journalistin war sie bereits im konservativen und antisemitischen Lager in Erscheinung getreten. In Gehrckes Netzwerk galt sie als Autorität für philosophische Einwände gegen die Relativitätstheorie. Sie verfasste 1920 die Schrift "Kant contra Einstein", in der sie Einstein die Relativierung der gesamten Wirklichkeit vorwarf. Glaser, ein Physiker, der bei Johannes Stark habilitiert hatte und die bekannten "Glasers Annalen" herausgab, komplettierte Gehrckes Anti-Einstein-Kreis. Glaser kritisierte insbesondere, dass der Nachweis eines weiteren experimentellen Testes der Allgemeinen Relativitätstheorie, die Gravitationsrotverschiebung, nach wie vor ausstand.

Was erhofften sich Gehrcke und sein Kreis von Einstein-Gegnern von der Allianz mit den amerikanischen Theisten? Es ging vor allem um finanzielle Unterstützung im Kampf gegen die Relativitätstheorie. In Deutschland herrschte Inflation, und die Einstein-Gegner hatten Schwierigkeiten, ihre Artikel in etablierten Zeitschriften und Verlagen unterzubringen. Immer öfter mussten eigene Wege der Publikation gefunden werden, aber Publizieren im Selbstverlag kostete auch damals schon erhebliche Summen.

Reuterdahls Verbindungen zum Automagnaten Henry Ford wurden von deutscher Seite begrüßt. Ford, Verfasser des weit verbreiteten antisemitischen Pamphlets "The International Jew", ließ Reuterdahl in seinem Hausblatt "Dearborn Independent" die Wissenschaftsseite "International Science Briefs" redigieren. Dort kamen Einstein-Gegner wie See und Reuterdahl selbst zu Wort, und auch über die deutschen Einstein-Gegner wurde berichtet. "The American public must be informed concerning the opposition to Einstein in Germany", war Reuterdahl überzeugt, und berichtete weiter: "Mr. Henry Ford has been a great help to my attack on Einstein. Most of the American scientific journals has been hoodwinked by Einstein - either by financial influences or by other means. I am enclosing a terrific attack on Einstein by Ford's paper 'The Dearborn Independent'."[10] Gehrcke antwortete: "Dass Sie mit dem Industriellen Ford in Verbindung sind, ist sehr gut, und hat mich sehr gefreut. Ford wird Interesse daran haben, den Einsteinismus zu entlarven. Einstein ist der Nationalheilige seiner Rasse."[11]

Auf den hier deutlich aufscheinenden Antisemitismus wird noch zurückzukommen sein. Gehrcke bat die Amerikaner um finanzielle Unterstützung für die deutsche Sektion der AoN.[12] Generalsekretär Browne lehnte dies in einem vertraulichen Schreiben allerdings ab.[13] Ob die Amerikaner tatsächlich finanzkräftige Förderer wie Ford im Hintergrund hatten, ist unklar.

In den Jahren 1923 und 1924 wuchs die Mitgliederzahl der deutschen Sektion. Die meisten Neumitglieder waren wie der Generalmajor a.D. Gerold von Gleich, der Lehrer Karl Friedrich Geissler, der Arzt Karl Vogtherr und der ungarische Philosoph Melchior Palagyi bereits als Einstein-Gegner in Erscheinung getreten und standen mit Gehrcke in Kontakt. Doch die bunte Truppe aus Physikern, Philosophen, Lehrern, Ingenieuren und Ärzten wurden von der akademischen Physik nur sehr begrenzt ernst genommen. Neben der Hoffnung auf finanzielle Hilfen aus den USA ging es den Einstein-Gegnern in Deutschland auch um moralische Unterstützung. Reuterdahl, der erklärte Einstein-Gegner und Wissenschaftsreformer mit Managerqualitäten, kam Gehrcke daher gerade recht, um neue Unterstützung zu finden. Reuterdahl hatte den Kreis der potenziellen Verbündeten großzügig gezogen, und auch Gehrcke kannte kaum Berührungsängste in seinem Kampf gegen Einstein. Sein guter Bekannter Fricke etwa publizierte aus Sicht der akademischen Physik wenig seriöse Abhandlungen, etwa über "Wind und Wetter als Feldwirkung der Schwerkraft"[14].

Gehrcke versuchte, auch Lenard für die deutsche Sektion der AoN zu gewinnen. Dieser war aber zum einen in der Wahl seiner Verbündeten in wissenschaftlicher Hinsicht zurückhaltender und zum anderen wesentlich stärker als Gehrcke von nationalistischen und antisemitischen Ressentiments geleitet. Mit der AoN wollte Lenard nichts zu tun haben: "Der Reuterdahl-Brief gefällt mir - offen zu sagen - nicht sehr. Seine 'Acad of N.' ist (...) Spielerei nach amerikanischer Art; nichts Deutsches."[15] Gehrcke ließ jedoch nicht nach in seinem Bemühen, weitere Mitglieder für die AoN zu werben, etwa bei dem Protest von Einstein-Gegnern aus Anlass eines Festvortrages über Relativitätstheorie bei der Hundertjahrfeier der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte in Leipzig.[16]

Während die amerikanische Sektion bis mindestens 1930 existierte, ist davon auszugehen, dass sich die deutsche Gruppe Mitte der zwanziger Jahre auflöste, denn es ist keine Korrespondenz zwischen Gehrcke und der AoN nach 1925 nachweisbar. Möglicherweise hat das seinen Grund darin, dass Gehrcke - obgleich bis an sein Lebensende überzeugter Einstein-Gegner - zu diesem Zeitpunkt von öffentlichen Stellungnahmen gegen Einstein Abstand nahm und seine wissenschaftlichen Interessen auf das medizinische Gebiet verlagerte.

Reuterdahl hielt jedoch weiter Kontakt zu deutschen Einstein-Gegnern. Als 1931 in Deutschland "100 Autoren gegen Einstein" erschien, ein Sammelband mit kurzen Stellungnahmen gegen die Relativitätstheorie, versuchten Erich Ruckhaber, einer der Herausgeber, und Reuterdahl, in den USA eine englische Übersetzung des Buchs auf den Markt zu bringen.[17]
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10. Februar 2012
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Einstein
Editorial
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Von Ulm nach Princeton
Wer waren Einsteins Gegner?
Wissenschaft und Politik: Einsteins Berliner Zeit
Prophet des Friedens
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