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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 36/2001)

Digitale Unterwanderungen: Der Wandel im Innern des Wissens


Jeanette Hofmann
Inhalt

I. Nach den rauchenden Schloten

II. Erschütterung der Wissenschaftsordnung

III. Verteilungskonflikte um Wissen

I. Nach den rauchenden Schloten
Großformatige Gesellschaftsbegriffe sind ohne Zweifel attraktiv. Wie ein gelungenes Markenimage spielen sie mit dem Zeitgeist und prägen kollektive Befindlichkeit. Unter dem Signum der Wissensgesellschaft lassen sich Forschungsprogramme ansiedeln, Konferenzen organisieren und Kontroversen austragen. Wie zuvor die Dienstleistungsgesellschaft kann auch die Wissensgesellschaft gefördert, verschlafen oder in Abrede gestellt werden. Kurz, ein jedes "Gesellschaftsparadigma" versammelt ein Spektrum von Ideen, Trends und Experten, die versprechen, die augenblickliche Lage der Gesellschaft auf den Begriff zu bringen. Und wovon kündet die Wissensgesellschaft?

  • PDF-Version: 42 KB


  • Zur Person
    Jeanette Hofmann
    Dr. rer. pol., geb. 1960; Internetforscherin, Leiterin des Verbundprojekts "Internet und Politik" am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) für Sozialforschung und NEXUS.

    Anschrift: WZB, Reichpietschufer 50, 10785 Berlin.
    E-Mail: jeanette@medea.wz-berlin.de

    Veröffentlichungen zum Thema im Internet: http://duplox.wz-berlin.de/people/Jeanette

    Der Terminus selbst ist nicht neu. Bei allen Veränderungen im Detail, welche die inzwischen rund 40 Jahre alte Vision der Wissenschaftsgesellschaft durchlaufen hat [1] , ist die These doch im Kern die gleiche geblieben. Die Erzeugung und Verteilung von Wissen wird künftig eine vorrangige Bedeutung in der Wertschöpfung wie auch im gesellschaftlichen Bewusstsein einnehmen. Die Zeit der rauchenden Schlote, der Massenproduktion und monotonen Handarbeit ist vorbei, die Zukunft gehört der Wissensverarbeitung, den intelligenten und sauberen Jobs. Demnach befinden wir uns inmitten eines Strukturwandels, an dessen Ende die Wissensgesellschaft das Industriezeitalter abgelöst haben wird, so wie jenes einst die Agrargesellschaft verdrängte. Der Rohstoff Information tritt gleichsam an die Stelle von "Gusseisen und Schweinebäuchen" [2] .

    Das Bestechende dieser Vision liegt nicht zuletzt in der Schlichtheit ihrer Annahmen. Je größer das allgemeine Aufheben um die Wissensgesellschaft, desto verschwommener mutet ihr eigentlicher Gegenstand an. Gleichgültig, welcher Definition von Wissen man sich anschließt, ob man dieses als Handlungskompetenz oder eher als geistige, auf wahre Aussagen zielende Größe auffasst, gemeinhin wird Wissen als universales, sozusagen allgegenwärtiges Phänomen verstanden. Wenn Wissen jedoch weder ein historisch neues noch ein knappes Gut ist, dann stellt sich die Frage, worin das Charakteristikum der Wissensgesellschaft besteht.

    Je unbestimmter der Wissensbegriff, den die Wissensgesellschaft zugrunde legt, desto problematischer gestaltet sich ihre Abgrenzung von den Gesellschaftsformationen, die sie nun ablösen soll. Lässt sich denn im Ernst behaupten, Wissen habe bei der Industrialisierung, etwa der Entstehung der Elektro- oder Chemiebranche, keine oder eine untergeordnete Rolle gespielt? Und worin bestünde der kategoriale Unterschied zwischen den Kompetenzen eines Maschinenbauers und der Webdesignerin? Mehr noch, selbst der im 15. Jahrhundert entstandene Buchdruck ist bereits als Prototyp neuzeitlicher Wissensproduktion beschrieben worden. [3] Aus historischer Perspektive besehen verhalten sich Industrialisierung und Wissenserzeugung weniger als Konkurrenten, denn als eine Art Ehegemeinschaft, in der kein Part ohne den anderen auskommt.

    Die Vorstellung einer Ablösung der Industrie - durch die Wissensgesellschaft verkennt, wie eng, ja symbiotisch die Beziehungen zwischen dem Industrie- und dem Wissensgewerbe seit jeher sind. Entsprechend könnte sich die Verkündung des bevorstehenden Paradigmenwandels als vorschnell erweisen. Der augenblickliche Strukturwandel lässt sich auch unter entgegengesetzten Vorzeichen interpretieren. Diese, zugegeben weniger populäre Sichtweise prophezeit eine durchgreifende Industrialisierung der Wissenserzeugung. Professionelles Wissen wäre demzufolge nicht länger primär Ressource, sondern selbst Gegenstand der Automatisierung. Anzeichen dafür sind die Standardisierung und Programmierung menschlicher Entscheidungsvorgänge in Form von Expertensystemen. Schenkt man den nanotechnologischen Visionen von Ray Kurzweil [4] Glauben, bewegen wir uns bereits auf das Zeitalter maschineller Intelligenz zu, in dem menschliche Vernunft durch Hybride erweitert werden wird.

    Verantwortlich für die Industrialisierung des Wissens sind, so Matthias Wingens [5] , ein wachsender Funktionalisierungsdruck, der durch die steigende Verschränkung der Wissenschaft mit ihren Verwertungskontexten hervorgerufen wird. Erkennbar ist dieser im Autonomieverlust der Forschung und dem Landgewinn ökonomischer Produktivitätsmaßstäbe in der Wissenserzeugung. Selbst die Sozialwissenschaften sind unterdessen gehalten, ihre "Produkte" mithilfe betriebswirtschaftlicher Kosten- und Leistungsrechnung zu erfassen.

    Alles in allem kann das Modell einer nachindustriellen Wissensgesellschaft nicht wirklich überzeugen. Weil es mit paradigmatischen Gegensätzen spielt, verstellt es den Blick auf Veränderungen, die sich in der Konstitution, gewissermaßen im Inneren des Wissens, vollziehen. Diese aber lassen sich nur verstehen, wenn man den medialen Umbruch in der Formierung von Wissen berücksichtigt.
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    09. Februar 2012
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    Wissensgesellschaft
    Editorial
    Digitale Unterwanderungen: Der Wandel im Innern des Wissens
    Moderne Wissensgesellschaften
    "Spätkapitalismus" oder "Wissensgesellschaft"?
    Das Zeitalter des permanent unfertigen Menschen: Lebenslanges Lernen nonstop?
    Bildung - kein Megathema
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