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1. Festival // Prolog – Bremen 1988

1. Festival // Prolog – Bremen 1988

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Vom 23. September bis 2. Oktober 1988 fand in Kooperation zwischen der bpb und der Landeszentrale für politische Bildung in Bremen das 1. Festival Politik im Freien Theater statt. Es sollten Produktionen mit politischer Dimension präsentiert werden, die sich mit politisch-staatlicher Herrschaft und deren gesellschaftlichen und individuellen Folgen auseinandersetzten.

Vom 23. September bis 2. Oktober 1988 fand in Kooperation zwischen der bpb und der Landeszentrale für politische Bildung in Bremen das 1. Festival Politik im Freien Theater statt. Man wollte dort Produktionen präsentieren, „die sich mit der Ausübung politisch-staatlicher Herrschaft befassen und ihre konkreten gesellschaftlichen und individuellen Rückwirkungen kenntlich machen. Diese politische Dimension muss einem breiten Publikum beim Stück selbst unmittelbar deutlich werden. Dabei ist nicht an die Vermittlung von politischen Lehren gedacht, sondern an die Erregung des Publikums durch überraschend bearbeitete politische Themen aktueller Bedeutung“. So die Pressemitteilung der bpb aus dem Frühjahr desselben Jahres.

Grafik: Claudia Becker

Zu den aktuellen Fragen der Zeit wie Aufrüstung, Atomkraft, Umwelt oder Massenarbeitslosigkeit gab es in der Freien Szene jedoch kaum eine Produktion. Die Theaterrealität sah anders aus. Als Schwerpunkte des Festivals kristallisierten sich vielmehr Themen heraus wie Diktatur und Befreiungskriege in Lateinamerika („Der Kuss der Spinnenfrau“, „Der Konsul und die Terroristin“, „Nachtgespräch mit Fidel“), Auseinandersetzung mit der deutschen Faschismusaufarbeitung („Gestapo Akte Karl S.“, „Schuldig geboren“, „Der kroatische Faust“) oder Gewalt in der Gesellschaft („Othello“, „Klassenfeind“, „Oui“). Und auch die beiden auf DDR-Erfahrungen basierenden Stücke nahmen nur sehr vermittelt Bezug auf die aktuelle Situation im Ostblock, den politischen Wandel durch Perestroika und Glasnost. In „Jacke wie Hose“ schlüpft die Protagonistin – eine Hosen- und zugleich Paraderolle für eine Schauspielerin – im Kampf um einen Arbeitsplatz in den 20er bis 40er Jahren in die Rolle ihres verstorbenen Mannes; in „Kassandra“ dreht sich alles um ein Staatswesen, in dem das Patriarchat die Macht hat und Gewalt gegen Andersdenkende, Bespitzelung und Schikane als Herrschaftsmittel eingesetzt werden, kurz um die Einschränkung von Freiheitsrechten.

Othello
Foto: Clemens Dinkloh

In der Mehrheit handelte es sich um Stücke von Autorinnen und Autoren, die auch auf den Spielplänen der Stadt- und Staatstheater zu finden waren: Gabriel Arout, Peter Handke, Manfred Karge, Manuel Puig, Nigel Williams, Christa Wolf oder William Shakespeare. In der Theaterarbeit selber entwickelte Textvorlagen oder Projekte, wie für das Freien Theater jener Jahre typisch, waren in der Minderzahl. Ausnahmen bildeten „Die Zeit zwischen Hund und Wald“ des Theater Mahagoni aus Hildesheim, eine Collage aus Handke-Texten über das Leben in dörflichen Strukturen, oder „Die mechanische Bauhausbühne“ des Moholy-Nagy von 1923, die Rekonstruktion eines Formexperiments mit Körper, Farbe, Musik und Bewegung durch das Theater der Klänge aus Düsseldorf.

Die Zeit zwischen Hund und Wolf
Foto: Detlef Overmann

Die noch tastende Suche nach einem eigenen, der politischen Bildung und dem professionellen Freien Theater gleichermaßen verpflichtetem Profil spiegelte sich auch in der Unschärfe dessen, was unter Freiem Theater denn zu verstehen sei. So trafen im Wettbewerb Freie Theater im eigentlichen Sinn aufeinander mit Privattheatern, soziokulturellen Einrichtungen, Stadttheatern und Amateurensembles.

Eröffnet – wenn auch am Wettbewerb nicht beteiligt – wurde das Festival vom Theater an der Ruhr aus Mülheim, einem Stadttheater, das in seinen Produktionsweisen und seiner Organisationsform als GmbH sich zwar von den herkömmlichen Stadttheaterbetrieben deutlich unterschied, ein neues Theatermodell zu praktizieren versuchte, aber dennoch alles andere als ein Freies Theater war.

Die mechanische Bauhausbühne
Foto: Sascha Hardt

In seiner Inszenierung von Slobodan Šnajders „Der kroatischen Faust“ setzte Roberto Ciulli ästhetische Kompromisslosigkeit gegen postmoderne Beliebigkeit. Gerade mit dieser Produktion zu eröffnen, war für die bpb gewissermaßen politisch-ästhetisch programmatisch. Denn das Festival sollte – wie es im Programmheft hieß – politisch unverbindlichen modischen Trends entgegenwirken: „Anliegen der bpb ist es, [...] Impulse zu geben, Stücke mit starkem politischem Charakter engagiert aufzunehmen, sich schriftstellerisch wieder mit politischen Themen auseinanderzusetzen und dabei möglichst hohe Qualität anzubieten, die den Zuschauer in die Spielstätten lockt. Aus Sicht politischer Bildung ist es natürlich ein besonderes Anliegen, Theater ähnlich wie Film als attraktiven Ansatzpunkt für die Diskussion politischen Geschehens zu verstehen, um somit Offenheit für andere Maßnahmen politischer Bildung zu erzeugen.“

Schuldig geboren
Foto: Petra Logemann

Das in mehrerer Hinsicht noch diffuse Profil des Festivals, die offensichtlichen Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit und die unreflektierte Begrifflichkeit des ‚Professionelles‘, ‚Freien‘ und ‚Politischen‘ im Theater erforderte einen internen Klärungsprozess unter Einbeziehung von Experten wie Kulturdezernenten, Autoren, Dramaturgen, Theaterpädagogen, Verlegern, Wissenschaftlern und nicht zuletzt der Freien Szene, so dass die bpb erst nach fünf Jahren (Interner Link: 1993) wieder mit Politik im Freien Theater an die Öffentlichkeit trat – seit diesem Zeitpunkt dann regelmäßig durchgeführt als Triennale.

Festivalbeiträge:

  • „Der Konsul und die Terroristin“ von Omar Saavedra Santis, Erzähler Bühne Berlin, Regie: Victor Tapia

  • „Der kroatische Faust“ von Slobodan Šnajder, Theater an der Ruhr, Mülheim, Regie: Roberto Ciulli

  • „Der Kuss der Spinnenfrau“ von Manuel Puig, Comedia Colonia, Köln, Regie: Meinhardt Zanger

  • „Die mechanische Bauhausbühne“ von Kurt Schmidt und Laszlo Moholy-Nagy, Theater der Klänge, Düsseldorf, Regie: Jörg U. Lensing

  • „Die Zeit zwischen Hund und Wolf. Ein Stück für Peter Handke“, Theater Mahagoni, Hildesheim, Regie: Stephan Müller

  • „Gestapo Akte Karl S.“ von Kurt Matenia, Gelsenkirchener Theater-Leute, Regie: Kurt Matenia

  • „Jacke wie Hose“ von Manfred Karge, Echo Theater Saarbrücken, Regie: Monika John

  • „Kassandra“ von Christa Wolf, Theater im Packhaus, Bremen, Regie: Evelyn Fuchs

  • „Klassenfeind“ von Nigel Williams, Werkstatt Theater Unna, Regie: Wolfram Lenssen

  • „Nachtgespräch mit Fidel“ nach einem Interview von Frei Betto, Schauspielhaus Zürich, Regie: Res Bosshart (Die Inszenierung ist im Programmheft ausgewiesen als eine Produktion der „Theatergruppe Baden/Schweiz“, die allerdings nie existierte; es handelte sich vielmehr um eine Produktion des Schauspielhaus Zürich.)

  • „Othello“ von William Shakespeare, bremer shakespeare company, Regie: Chris Alexander

  • „Oui“ von Gabriel Arout, Theater Kohlenpott, Herne, Regie: Rüdiger Brans

  • „Plastik“ von Barbara Karger, Thomas Stich, Carsten Itterbek, Antagon Pantomimen-Theater, Essen

  • „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke, OFF-TAT-Frankfurt, Regie: Birgitta Linde

  • „Schuldig geboren“ von Peter Sichrovsky, Jubiläumsensemble, Bonn, Regie: Christoph Pfeiffer

Jury:

  • Kurt Hübner (Vorsitzender), Schauspieler, Regisseur und Intendant, Bremen

  • Hanna Hurtzig, Kampnagel, Hamburg

  • Karl Reichmann, Theateragent/Theater-Forum, Köln

  • Siegfried Schiele, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart

  • Rainer Schweinfurth, Theaterkritiker, Berlin

  • Cornelia Weiblen, Theaterkritikerin, München

Preisträger:

  • Jubliläumsensemble, Bonn („Schuldig geboren“)

  • Theater Mahagoni, Hildesheim („Die Zeit zwischen Hund und Wolf“)

Fussnoten