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26.5.2002 | Von:
Martin Sabrow

Die Ohnmacht der Objektivierung Deutsche Historiker und ihre Umbruchserinnerungen nach 1945 und nach 1989

Zeitgeschichtliche biographische Rückblicke von Historikern erwachsen aus einer Konkurrenz von persönlicher Erinnerung und Fachwissenschaft. Nicht zuletzt die dokumentarische Evidenz und kausale Stringenz spielen im Schreibprozess eine wichtige Rolle.

Einleitung

Die Zeitgeschichte als fachliche Disziplin hat sich in Deutschland in einem mühseligen Institutionalisierungsprozess gegen den Einwand durchzusetzen vermocht, dass sie infolge von Zeitnähe, restringiertem Quellenzugang und fehlendem Epochenabschluss zu wissenschaftlich gesicherter Erkenntnis nicht hinreichend in der Lage sei. Auch gegenüber der gegenwärtigen Herausforderung durch eine Erinnerungskultur, die dem Zeithistoriker keinen höheren Rang mehr einräumen will als dem Zeitzeugen, besteht die professionellen Standards verpflichtete Geschichtsschreibung mit Paul Ricoeur auf ihrem kritischen Grundcharakter, der sich aus dem unabdingbaren Zwang zu dokumentarischer Evidenz und kausaler Stringenz ergibt [1] .

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  • Aber trifft diese kategorische Grenzziehung, so essenziell sie wissenschaftstheoretisch ist, ebenso kategorisch auch die Praxis der Historie? Dies soll im Folgenden an einer Schnittstelle erörtert werden, an der Zeitgeschichte und Zeitzeugenschaft personell zusammenfallen, aber inhaltlich in besonderer Spannung zueinander stehen: nämlich anhand der rückschauenden Selbstvergewisserung deutscher Historiker und der objektivierenden Darstellung ihres persönlichen Erlebens nach den Umbrüchen von 1945 und 1989. Im Mittelpunkt steht dabei eine vergleichende Zusammenschau, die ausdrücklich nicht einzelnen Standpunkten und Urteilen in der Sache gilt, sondern allein den verschiedenen Verarbeitungsformen und "Stilen" des "historiographischen Gedächtnisses" beruflich geschulter Fachhistoriker [2] . Mit dieser Betrachtung verknüpft sich angesichts der doppelten deutschen Diktaturerfahrung im 20. Jahrhundert zugleich die Frage, inwieweit die Objektivierungsmuster eigener Zeiterfahrung von Historikern in Ost und West nach 1945 und von ehemaligen DDR-Historikern nach 1989 überhaupt vergleichend miteinander in Beziehung gesetzt werden können.

    I. Zitierte Erfahrung

    Zeitgeschichtliches Erleben tritt im historischen Diskurs in zwei Hauptformen als unmittelbare Autorität zutage: als Citatio und als Narratio. Zitative Erinnerung liegt vor, wenn in der DDR der fünfziger Jahre bei den Beratungen des Autorenkollektivs für das "Lehrbuch deutsche Geschichte" ein 1909 geborener Historiker die wahlbeherrschende Macht der ostelbischen Junker in der Weimarer Republik mit seiner Erinnerung an die Landagitation des Kommunistischen Jugendverbandes zu stärken versuchte [3] oder ein siebzehn Jahre älterer Fachkollege "schon aufgrund meiner Tätigkeit in Süddeutschland" unterstreichen konnte, "welche ungeheure starke Tätigkeit die Kommunistische Partei in der Bauernfrage in den Jahren der Weimarer Republik entfaltet hat" [4] .

    Zitative Erinnerung ist ihrer Struktur nach selektiv und instrumentell; sie macht erlebte Geschichte zum beglaubigenden Argument. Im Kontext der von dem Hamburger Neuzeithistoriker Fritz Fischer (1910-1999) zu Beginn der sechziger Jahre ausgelösten Kontroverse um die deutsche Kriegsschuld 1914 verwiesen konservative Historiker in der Bundesrepublik ebenso gerne auf ihre Erinnerung an Fischers einstige Nähe zu Institutionen der NS-Historiographie [5] , wie in der DDR mancher parteifromme Wissenschaftler nicht müde wurde, an die einstige abtrünnige Haltung nachmals bedeutender SED-Historiker in der Weimarer Republik zu erinnern, oder altgediente Fachfunktionäre sich umgekehrt in vertrautem Kreise häufig gerne darauf besannen, dass Thälmann und Ulbricht noch in der USPD aktiv waren, als sie schon die KPD mitbegründet hätten [6] .

    Dennoch zeigen sich in der zitativen Verwendung historischen Erlebens charakteristische Unterschiede der drei deutschen Geschichtskulturen nach 1945 in Ost und West sowie nach 1989 in der vereinigten Bundesrepublik. In der westdeutschen Fachzunft spielte der beglaubigende, distanzierende oder werbende Rekurs auf die eigene Erfahrung nach dem Zusammenbruch von 1945 nur für kurze Zeit eine prominente Rolle, in der es um Positionsfindung und akademische Neuordnung ging. Hartnäckig konnte in dieser Zeit ein in der Zeit der NS-Herrschaft nicht kompromittierter Historiker wie Siegfried A. Kaehler (1885-1963) [7] an die "fast wahnsinnige" England-Rede des im "braunen Nebel" um "sein sonst gutes Urteil" gebrachten Zunftgenossen Karl Alexander von Müller (1862-1964) von 1939 erinnern [8] , der Hitlers Nähe bereits in den zwanziger Jahren gesucht, sich 1933 zur NSDAP bekannt und 1935 Friedrich Meinecke (1862-1956) aus der Herausgeberschaft der Historischen Zeitschrift hinausgedrängt hatte. Im gleichen Stil vermochte Kaehler sich über den noch 1943 unerschütterten Glauben des Posener und später Göttinger Universitätsprofessors Reinhard Wittram (1902-1973) an die den Überfall bemäntelnde Lüge vom unbeantworteten deutschen Ultimatum an Polen zu verwundern [9] . Analog weigerte sich in derselben Zeit der erste Vorsitzende des Deutschen Historiker-Verbandes nach dem Zweiten Weltkrieg, Gerhard Ritter (1888-1967), seinem 1945 suspendierten Marburger Fachkollegen Wilhelm Mommsen (1892-1966) den erbetenen Persilschein auszustellen, "weil ich eben zu wenig von Ihrer Lehrtätigkeit weiß" und weil es ihm unmöglich sei, Mommsen zu bescheinigen, "dass Sie ein ,tapferes Buch' geschrieben hätten oder sonstwie eine besonders tapfere Haltung gezeigt hätten" [10] .

    Die bald aufkommende Aversion gegen die "Naziriecherei" beendete diese Phase einer kritischen Durchleuchtung vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrung bekanntlich rasch. Es dauerte nur ein Jahr, bis Gerhard Ritter Wilhelm Mommsen doch die erbetene Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellte, und zehn Jahre später war auch Siegfried Kaehler geneigt, einem nationalsozialistischen Volkstumspropagandisten, dem er im Juli 1945 noch seine "stark hervorgekehrte" Parteimitgliedschaft verübelte [11] , die Abhängigkeit vom Zeitgeist zugute zu halten und die "Frucht seiner Lebensarbeit" zu rühmen [12] .

    Differenzierter stellt sich die Lage in der DDR dar. Der parteiamtlichen Ausforschungspraxis in der Zeit der Stalinisierung und des Kampfes gegen den "Kosmopolitismus" blieb kein Detail im Leben ,westemigrierter' Historiker verborgen. Sie zwang Hochschulprofessoren wie außeruniversitäre SED-Historiker, ihre Vergangenheit in ausführlichen Lebensläufen niederzulegen und gegebenenfalls die Erinnerung an die "elende Scharte in meiner Parteivergangenheit" in selbstkritischen Unterwerfungsschreiben an die Parteispitze selbst festzuhalten [13] . Fachöffentlich aber regierte auch in der DDR bis in die Zeit des Zusammenbruchs ein nur selten durchbrochener Schweigekonsens. So profitierte der entpflichtete Priester, Theologe und Historiker Eduard Winter (1896-1982) vom selbstverordneten Schweigen des ostdeutschen Fachbetriebs, in dem kaum jemand nach Winters Verhalten in Bezug auf die Gleichschaltung nach dem deutschen Einmarsch in Prag zu fragen wagte oder Näheres über seine Rolle in der dortigen Reinhard-Heydrich-Stiftung während des Krieges wissen wollte [14] .

    Wie Winter schützte das verordnete Schweigen auch andere NS-belastete Kollegen an der Akademie der Wissenschaften über ihre Vergangenheit, und es blieb einem sozialistischen Dissidenten wie Robert Havemann vorbehalten, sich darüber zu empören, dass an seinem Ausschluss aus der Akademie der Wissenschaften 1965 mit dem Rektor der Berliner Humboldt-Universität, dem Präsidenten der Akademie der Wissenschaften und dem zuständigen Staatssekretär gleich drei "ehrenwerte Herren" mitwirkten, die "ehemals Mitglieder der Nazipartei gewesen seien" [15] . Doch eisern wahrten in der DDR-Historiographie auch Opfer des Stalinismus ihr Schweigen. Nur sehr verdeckt wagte selbst ein so mächtiger Repräsentant der DDR-Geschichtswissenschaft wie der als Geschichtsfunktionär wie Fachhistoriker gleichermaßen einflussreiche Leo Stern (1901-1982) sich für die Rehabilitierung seines unter Stalin umgekommenen Bruders Manfred Stern einzusetzen, der als General Emilio Kléber eine herausragende Rolle im Spanischen Bürgerkrieg gespielt hatte [16] . Nie brachen erst nach Stalins Tod aus der Sowjetunion entlassene Kommunisten, die dann in der DDR als professionelle Historiker arbeiteten, das Schweigen über ihr Schicksal in Stalins Lagern, in denen sie fast zwanzig Jahre verbringen mussten. Als unbegründet erwies sich daher die Furcht von Einheitspartei und Staatssicherheit, der 1956 aus dem "Archipel GULAG" nach Deutschland zurückgekehrte und am Akademie-Institut für Geschichte tätige Neuzeithistoriker Wolfgang Ruge (geb. 1917) könne "seine doppelbödigen Auffassungen kund . . . tun" und "deutlich auf seine persönlichen Erlebnisse in 10-jähriger Haft in der UdSSR an(spielen)" [17] . Die Angst, dass das sozialistische Weltprojekt durch eine kritische Offenlegung seiner mörderischen Geschichte in Gefahr geraten könne, band Verfolger und Verfolgte dauerhafter als der Wunsch nach persönlicher Genugtuung.

    II. Erzählte Erfahrung

    Gerade weil sie punktuell und instrumentell ist, kann zitierte Erfahrung nur wenig über die kritische Kraft der historiographischen Objektivierung aussagen. Anders steht es um die zweite Form erzählter Historiker-Erinnerungen, wie sie in Form zahlreicher autobiographischer Äußerungen vorliegen. Als Lebensbeschreibungen in Umbruchszeiten waren sie gezwungen, biographische Kontinuität mit historischer Diskontinuität in Einklang zu bringen, also zwischen der gewachsenen Eigenidentität eines Individuums und dem System- und Identitätswandel der Gesellschaft zu vermitteln, der mit dem Übergang von der Diktatur zur Demokratie verknüpft ist.

    Der erste Befund bestätigt zunächst Ricoeurs Annahme, dass fachlich reflektierte Objektivierungen eigener Erfahrung "die Distanzierung der historischen Erklärung gegenüber den ,wilden' Erklärungen des alltäglichen Gesprächs" akzentuieren [18] . Durchgehend erörterten Historiker in West und Ost nach 1945 und nach 1989 den Quellen- und Erkenntniswert, aber auch die Erkenntnisgrenzen ihrer Darstellung. Gleichermaßen waren selbstbiographische Historikerzeugnisse in allen drei hier betrachteten Kulturen im Sinne Ricoeurs auf historische Erklärung angelegt. Nach 1945 stellten sie sich in den Worten Karl Alexander von Müllers die Aufgabe, "den Gang dieser ungeheuren Umwälzung" zwischen 1919 und 1945 "im kleinen Spiegel eines persönlichen Einzelschicksals aufzufangen" [19] , oder verstanden ihre Aufzeichnungen mit Gerd Tellenbach (1903-1999) als "unkonventioneller Versuch, Geschichte zu schreiben", um "einseitige, klischeehafte Urteile über unsere Zeit" zu überwinden [20] ; während in der DDR der achtziger Jahre der einflussreiche Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski (1904-1997) zu ergründen suchte, wie es möglich war, dass ein hochgebildeter Wissenschaftler "dem ,Stalinismus' erlag" [21] , und nach 1989 der Weimar-Spezialist Joachim Petzold (1933-1999) das "Spannungsverhältnis zwischen Politik und Wissenschaft in der DDR in einem ganz konkreten Fall aus eigenem Miterleben zu beschreiben" unternahm [22] . Dennoch zeigen sich in der Arbeit am individuellen Gedächtnis aufschlussreiche Unterschiede zwischen den Zunftgenossen in der alten Bundesrepublik, in der DDR und schließlich im vereinigten Deutschland.

    III. Die vergessene Erinnerung in der Bundesrepublik

    Jeder noch so flüchtige Blick auf das Verhältnis von Erinnern und Vergessen in der Bundesrepublik fördert ein bekanntes Phänomen zutage: Biographische Nachkriegszeugnisse nichtemigrierter Historiker sparen weithin die Zeit zwischen 1933 und 1945 und vor allem die eigene Beziehung zur nationalsozialistischen Herrschaft aus. Von 1862 bis 1901 bzw. von 1901 bis 1919 reichen die Bände "Erlebtes" und "Erinnerungen" des ,Vernunftrepublikaners' Friedrich Meinecke (1862-1956), der nach dem Zweiten Weltkrieg als über Achtzigjähriger seine 1932 beendete Lehrtätigkeit wieder aufnahm und 1948 erster Rektor der von ihm mitbegründeten Freien Universität Berlin wurde. 1932 brechen Karl Alexander von Müllers Erinnerungen unvollendet ab, aber sie waren nach dem Zeugnis seines Herausgebers von vornherein nur bis zum Jahr 1934 angelegt gewesen. Fritz Schachermeyr (1895-1987) wiederum nutzte in seinem Lebensabriss das Thema seiner Alexander dem Großen gewidmeten Antrittsvorlesung von 1931, um direkt zu seiner nach 1945 entstandenen Biographie Alexanders des Großen überzuleiten und so in kühnem Bogen über die ganze NS-Zeit hinwegzuspringen [23] .

    Wo nicht schon die zeitliche Begrenzung der Niederschrift das Verhältnis von Erinnern und Vergessen bestimmte, taten es Autor oder Herausgeber. Nicht immer ist der Schnitt der Schere im Kopf freilich so deutlich zu hören wie bei den noch vor Kriegsende verfassten Lebenserinnerungen des als nationalsozialistischer Parteigänger hervorgetretenen Tübinger Historikers Johannes Haller (1865-1947), die posthum erschienen und den Herausgeber Rainer Wittram zu Texteingriffen veranlassten, die sich im Nachwort etwas verklausuliert so lasen: Es "konnte nur ausnahmsweise vom Grundsatz abgewichen werden, daß stehenbleiben mußte, was sich an Maßstab und Denkhorizont als zeitbedingt zu erkennen gibt" [24] .

    Der Schweigekonsens zerbrach allerdings, wenn entweder eine ungebrochen in die postdiktatorische Gegenwart ragende biographische Identität jede Anpassung an den Zeitgeist überflüssig machte oder aber umgekehrt der zeitgenössische Kontext einen so starken Druck auf den Biografen ausübte, dass er der Stellungnahme nicht auszuweichen in der Lage war. Für den einen Fall steht der Verfechter einer rassenbiologischen Volksgeschichte Willy Helbok (1883-1968), dem noch in seinen 1963 erschienenen Erinnerungen Jazz wie selbstverständlich "Niggermusik", Adolf Hitler der "Führer" und der Untergang der Weimarer Republik erlösende Befreiung war [25] . Den anderen Fall verkörpern beispielsweise fachliche Themenstellungen, die den Berichterstatter zu einer Anmerkung in eigener Sache zwangen, um die Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen zu wahren. Als der ungeachtet seines Bekenntnisses zur nationalsozialistischen Machtergreifung und zu den Prinzipien einer "kämpfenden Wissenschaft" 1934 als Jude von seinem Königsberger Lehrstuhl für Neuere Geschichte verbannte und später ins englische Exil getriebene Hans Rothfels (1891-1976) 1965 in einer Vortragsreihe über "Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus" der Universität Tübingen über "Die Geschichtswissenschaft in den dreißiger Jahren" referierte, sah er sich gezwungen, darauf hinzuweisen, dass "ich selbst eine Zeitlang mitbefangen war" [26] . Einzuräumen, was jedermann bekannt war, fühlte sich auch der Bauernkriegsforscher Günther Franz (1902-1992) veranlasst, der infolge seiner Mitgliedschaft in NSDAP und SS nach 1945 zunächst ohne Professur geblieben war, als er 1981 über "Das Geschichtsbild des Nationalsozialismus und die deutsche Geschichtswissenschaft" zu sprechen hatte und vor dem Ende seines kursorischen Überblicks kurz verhielt: "An dieser Stelle ist es notwendig, von mir selbst zu sprechen, denn auch ich war damals Nationalsozialist." [27]

    Paul Ricoeurs Kriterium der dokumentarischen Evidenz erweist sich daher bei näherem Zusehen zumindest für den bundesdeutschen Fall als einigermaßen trügerisch. Nicht anders als andere Zeitgenossen richten sich auch Historiker so in ihrer Erinnerung ein, dass sie eine Brücke zwischen Welt und Vita zu schlagen erlaubt und die Distanzierung vom vergangenen Selbst möglichst vermeidet. Dieselbe Homogenisierungskraft zeigt sich auch in der erklärenden Deutungsstruktur, in die bundesdeutsche Nachkriegshistoriker ihre Lebenszeugnisse einbetteten. Als Ausgangspunkt können wieder die Lebenserinnerungen Johannes Hallers dienen, deren Herausgeber Wittram im Nachwort sibyllinisch anmerkte: "Es darf dabei nicht aus den Augen verloren werden, dass Haller die Erinnerungen vor dem Zusammenbruch von 1945 niedergeschrieben hat, ohne die Erfahrungen, die das nächstfolgende Jahrzehnt vermitteln konnte. In der individuellen Mischung von Befangenheit und Unbefangenheit ist doch unverkennbar, dass der Verfasser auf einem anderen Boden stand als das System, das damals der Katastrophe entgegenging." [28]

    Nicht weniger markant zeichnet sich die retrospektive Überschreibungsarbeit am individuellen Gedächtnis in autobiographischen Stellungnahmen ab, die nach dem Umbruch auf die Zeit vor 1945 zurückblickten. Als Gerhard Ritter in der ersten Nummer der neu gegründeten Zeitschrift Die Gegenwart im Dezember 1945 sich zu der Frage äußerte, wie man als Historiker in der NS-Zeit überhaupt eine unabhängige Meinung in Wort und Schrift hätte äußern können, führte er als Beispiel seine Vortragsreise in die Türkei von 1943 an. Er deutete sie rückblickend als einen von den Männern des 20. Juli ermöglichten Widerstandsakt, an dessen Spitze das Reichswissenschaftsministerium selbst stand [29] . Dass Ritters zeitgleiche Veröffentlichungen allerdings neben einer subversiven auch eine herrschaftsaffirmative Lesart zulassen, ist in der Forschung seit Jahrzehnten herausgearbeitet worden und ebenso die Ambiguität im Wirken eines Historikers, der damals eben auch in den Orient gereist war, um in Absprache mit Botschafter von Papen die neutrale Türkei gegen das Werben Englands bei der Stange zu halten. Sein Türkei-Vortrag galt unter dem Titel "Die geschichtliche Eigenart des deutschen Staatsdenkens" [30] der "Auseinandersetzung mit dem Angelsachsentum", wie Ritter schrieb [31] , und war in seinem Bemühen, dem Bild eines militaristischen und eroberungssüchtigen Deutschland entgegenzutreten, ebenso doppelsinnig auslegbar wie Ritters im selben Zusammenhang entstandene Denkschrift "Die geistige Abwehr britischer Geschichtsfälschungen", die Ribbentrop so gut gefiel, dass er Ritter zur Mitarbeit an einem amtlichen Europa-Buch auffordern ließ [32] .

    Folgerichtig inszenieren Lebensrückblicke westdeutscher Zunftgenossen auf die Zeit vor 1945 ihr Leben eher episodenhaft als stringent - und umso mehr, je stärker sie in die aus dem Rückblick fremd gewordenen Verhältnisse eingebunden waren. Ein seine unveränderte Regimedistanz betonender Autobiograph wie Gerd Tellenbach, der anders als die meisten seiner Fachkollegen ausführlich auf die NS-Zeit einging, gliederte seine Lebenserinnerungen vergleichsweise stärker in gewohnten Zeitzusammenhängen wie "Zeitgeschichtliche Jugenderinnerungen", "Hitlers Aufstieg" und "Im Dritten Reich", während die Erinnerungen Karl Alexander von Müllers hinter dem äußeren Gerüst von 1919-1923, 1924-1927 und 1928-1932 weit ausholende Vor- und Rückblenden an Orientierungsmarken wie "Im Beruf", "Familie und neue Freunde", "Druckerschwärze und Reden" hefteten. Immer wieder mit Formeln wie "Eine Szene kommt mir in den Sinn" [33] aneinander gereiht, stellen sie den Autor nicht als Handelnden vor, sondern als fast zufälliges Beobachtungsmedium. Doch so deutlich auch sich hierin gezielte Auslassungsstrategien manifestieren, trifft das Urteil, demzufolge "Biographien, in Deutschland . . . vor allem als Lückentexte der Erinnerung" erscheinen [34] , das Genre deutscher Historiker-Erinnerungen nach 1945 nur eingeschränkt. Der vor 1933 deutschnational eingestellte Siegfried Kaehler beispielsweise, der auch nach 1945 an einer preußischen Staatsidee festhielt, scheute sich gleichwohl auch in der Restaurationsblüte von 1951 nicht auszusprechen, was die allgemeine Öffentlichkeit erst Jahrzehnte später zu akzeptieren lernte - dass nämlich "die Untaten der so genannten Einsatzgruppen als Wehrmachtsangehörige" eine Schändung des "deutschen Namens auf unabsehbare Zeit" darstellten und auch die schlimmste alliierte Besatzungswillkür als Teil "einer unabwendbaren Vergeltung für fürchterliche Dinge" anzuerkennen sei, "die sich von den Pyrenäen bis zum Kaukasus in den Jahren 1940-1945 zugetragen haben" [35] .

    IV. Beherrschte und selbstbeherrschte Erinnerung in der DDR

    Ein fundamental anderes Bild der Vergangenheit zeichneten Fachkollegen, die ihre zeithistorischen Erinnerungen als Kommunisten in Ostdeutschland zu Papier brachten. Der normative Geschlossenheitsanspruch der DDR-Geschichtswissenschaft mochte keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Lebens- und Parteigeschichte gestatten und schuf so den Typus einer gleichsam kollektivierten Erinnerung, die den Doppelanspruch einer Übereinstimmung von historischer Objektivität und gelebter Authentizität erhob. Diese Konstellation schuf in der DDR-Historiographie eine eigene Gattung, das "Erinnerungs-Archiv" der SED-Vergangenheitsverwaltung, das persönliche Zeugnisse aus der Kampfzeit der Arbeiterbewegung als Vorbereitung für eine geplante Gesamtdarstellung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung sammelte [36] .

    Dieses "Erinnerungs-Archiv" fungierte als institutionalisiertes Parteigedächtnis, das seinen authentischen Erlebnisgehalt wahrte und doch frei war von "subjektvistischen Entstellungen". Interne Richtlinien legten fest, dass es bei der Aufnahme von Erinnerungen als geschichtliches Quellenmaterial auf eine "Schilderung der Ereignisse an(komme), wie sie dem Teilnehmer im Gedächtnis haften geblieben sind, und nicht, wie sie den vorhandenen Dokumenten entnommen wurden" [37] . Auch sollten die Befragten nach einem orientierenden Vorgespräch ihre Erinnerungen unbedingt selbst zu Papier bringen, um die Authentizität des Festgehaltenen nicht zu gefährden. Auf der anderen Seite wurden die nach ihrer Nähe zu "führenden Genossen" in der Weimarer und in der NS-Zeit ausgewählten Zeitzeugen sorgfältig überprüft, bevor sie ihre Aussagen nach einem detailliert ausgearbeiteten Fragenkatalog abgeben konnten, der zuvor vom Sektorleiter des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (IML) bestätigt werden musste. Die so gesammelten Lebenszeugnisse wurden anschließend vom parteiideologisch geschulten Kräften nach den Kategorien "allgemein zugängliches, vertrauliches oder gesperrtes Material" klassifiziert, was besonders dann zum Tragen kam, "wenn das Material voller Fehler ist und deshalb Verwirrung stiften kann" [38] .

    In dieser ,Reinigungsprozedur' treten die Formungskräfte einer beherrschten Erinnerung zutage. Eine besondere Verantwortung kam in der Arbeit am ,sozialistischen Gedächtnis' den sozusagen selbstbeherrschten Erinnerungen zu, in denen die Rollen des beteiligten Zeitzeugen und des fachlich geschulten Historikers - und manchmal auch des verantwortlichen Politikers - zusammenflossen. Dennoch waren selbst die Homogenisierungszwänge eines gleichsam kollektivierten Gedächtnisses nicht stark genug, um unterschiedliche Deutungen desselben Geschehens zu verhindern. In den Beratungen zur Schaffung einer ,sozialistischen Meistererzählung' in Gestalt der achtbändigen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, an denen neben Ulbricht selbst auch weitere Zeitgeschichtszeugen teilnahmen, wurden immer wieder individuelle Erfahrungen mobilisiert, um widersprechende Einschätzungen zu Protokoll zu geben, wie dies etwa ein zu den Beratungen hinzugegezogener Altkommunist demonstrierte, als er mit der Autorität eines Mitbegründers des Spartakusbundes die Rolle der Arbeiter-jugend in der Novemberrevolution stärker gewürdigt wissen wollte: "Ihr könnt beschließen was Ihr wollt, aber diese Darstellung, die 1958 durch die Presse ging, ist durch die Partei und durch die Wirklichkeit autorisiert." [39]

    Nur in der Person Ulbrichts freilich kamen eigene Erfahrung und historische Erkenntnis so weit zur Deckung, dass die Einlassungen des Parteichefs als Vorsitzender des Autorenkollektivs gleichsam einen weiteren Erinnerungstypus konstituierten, nämlich den der beherrschenden Erinnerung, die korrigierend in den historischen Ablauf selbst eingriff. Ein Beispiel bietet hier die Arbeit des Pariser Volksfrontausschusses, in dem Heinrich Mann die demokratische Dichtung repräsentierte und Ulbricht die Moskauer Linie der KPD. Der im Juni 1936 konstituierte Ausschuss verabschiedete im Dezember desselben Jahres einen gemeinsamen Aufruf an das deutsche Volk zur politischen Neugestaltung nach dem Sturz Hitlers, der in die Beratungen des Autorenkollektivs folgendermaßen Eingang fand: "Auf der Seite 197", so eröffnete Ulbricht seine Kritik, "ist das berühmte Dokument vom 21. Dezember. Was die Unterschriften betrifft, so beginnen sie mit den Kommunisten, dann kommen Sozialdemokraten und dann nach hierarchischer Ordnung die Intelligenz. Ich kann jetzt nicht genau sagen, wie die Reihenfolge der Unterschriften wirklich war." Daraufhin unterbrach der zuständige Bandautor mit einem Verweis auf die Quellen: "Sie waren in derselben Reihenfolge!", was Ulbricht zu der interessanten Replik veranlasste: "Dann haben wir einen Fehler gemacht. Ich würde die Sache anders machen. Ich würde hier sagen: Dieser Aufruf war gemeinschaftlich von Heinrich Mann, Wilhelm Pieck, Rudolf Breitscheid, Walter Ulbricht, Johannes R. Becher, Alfred Meusel vorbereitet worden - damit hier die Kommunisten nicht sozusagen allein stehen." [40] Der endgültige Text versuchte die Balance zwischen realem Geschehen und autoritativer Erinnerung zu halten, indem er erst Becher, Breitscheid und Mann nannte und am Schluss die beiden Kommunisten Pieck und Ulbricht [41] .

    Einen interessanten Sonderfall als Grenzgänger zwischen westlichem und östlichem Geschichtsdenken bilden die 1981 in der DDR erschienenen Lebenszeugnisse Eduard Winters. Als "bürgerlicher-demokratischer" Osteuropahistoriker, der sich aus freien Stücken für die sozialistische Geschichtswissenschaft entschieden hatte und von Prag über Wien nach Halle gekommen war, genoss er in der DDR eine gewisse Sonderstellung, ohne sich freilich den herrschenden Blickachsen auf die Vorgeschichte des sozialistischen Teilstaates entziehen zu können. Als er 1981 seine Erinnerungen vorlegte, vermochte er zwar den DDR-Teil seiner Biographie mit Hinweis auf einen - zu DDR-Zeiten nie erschienenen - Fortsetzungsband [42] auszuklammern, nicht aber die Jahre zwischen 1933 und 1945, denen er im Gegenteil nahezu die Hälfte seines Lebensberichtes widmete. In ihm schildert er sein Leben "Unter dem Hakenkreuz" als "Wagnis über dem Abgrund" und nicht abreißende Kette von Schwierigkeiten, die in rückblickender Perspektive auch durch seine Habilitation 1935 und die Berufung auf eine Professur für Geistesgeschichte in Prag 1941 nicht gemildert wurden [43] .

    V. Der Zwang zur Erinnerung im vereinigten Deutschland

    Gänzlich mussten schließlich ostdeutsche Historiker der heilenden Kraft des Vergessens nach 1989 entsagen. Hier zwang die sich vor den Augen einer selbst nicht betroffenen Westöffentlichkeit vollziehende Transformation der DDR-Gesellschaft im Grunde jeden arrivierten DDR-Historiker, sich mit einer in der Historiographiegeschichte einzigartigen Schonungslosigkeit privat oder öffentlich Rechenschaft über seine Leistung und sein Versagen zu geben. Öffentliches Schweigen über die eigene Rolle war unter diesen Umständen riskant, gezieltes Verschweigen angesichts der fast schrankenlos zugänglichen Akten gelegentlich geradezu selbstmörderisch. Kaum ein anderer Historiker konnte unter diesen Umständen so selbstbewusst auf seine Vita zurückblicken wie der sächsische Archivar und Landesgeschichtler Karlheinz Blaschke (geb. 1927), für den die "Wende" nicht Umbruch, sondern Befreiung aus jahrzehntelangen Zwängen bedeutete. Folgerichtig schrieb er seine Erinnerungen als eine fortlaufende Konfliktgeschichte in der fachlichen Diaspora und hatte lediglich Mühe, die seltenen Zeichen der Anerkennung durch die SED-Bürokratie in seine Erzählung zu integrieren [44] .

    Dass aber selbst in den unter dem grellen Licht öffentlicher Aufmerksamkeit und paralleler Aktenforschung zustande gekommenen Autobiographien von Historikern erzählerische Wahrhaftigkeit und historische Wahrheit nicht immer zusammenfallen, haben zuletzt die Reaktionen auf Joachim Petzolds ausführliche Darstellung seines beruflichen Werdeganges als Historiker in der DDR gezeigt. Ungeachtet ihres dokumentarischen Charakters und ihrer schonungslos selbstkritischen Grundhaltung zeichnen sie ein Bild des Historikers Petzold, das zahlreiche seiner früheren Weggefährten mit Unverständnis aufnahmen. Der Autor selbst nahm in seinen Lebensbericht die briefliche Stellungnahme zweier früherer Weggefährten auf, die Petzolds Darstellung für grundsätzlich misslungen erklärten, weil "Du verschiedene markante Episoden aussparst", andere "mit Zusätzen wie ,wider Willen' verharmlost" und überhaupt "in all den Jahren gemeinsamer Arbeit nicht (und auf jeden Fall weniger als andere Kollegen) geneigt warst, gegen den Stachel zu löcken" [45] .

    VI. Der Autoritätsanspruch der Zeitgeschichte und die Geltungskraft der Gegenwart

    Welche Übereinstimmungen ergeben sich aus diesem kursorischen Überblick über die Objektivierungsbemühungen deutscher Historikerbiographien in drei unterschiedlichen Gechichtskulturen? Der jede Erinnerung zu allen Zeiten prägende Überschreibungsdruck, durch den individuelle Vergegenwärtigung in die übergreifende Erinnerungsordnung sozialer Gruppen, Generationen und Kulturen eingefügt wird, steht in Lebenszeugnissen von Historikern in Umbruchzeiten vor der doppelten Herausforderung, mehr oder minder stark abweichende biographische Faktoren integrieren zu müssen und gleichzeitig den historiographischen Anspruch auf fachliche Lauterkeit und persönliche Wahrhaftigkeit zu wahren, der den Autoren "möglichst genaue und, soweit nötig, sogar rücksichtslose Lebenszeugnisse . . . zur Erkenntnis der Zeitgeschichte" abverlangt [46] . Gegen das absichtsvolle Vergessen und die gezielte Umschreibung der eigenen Vita steht bei Historikern dem Grundsatz nach schon das Ethos des eigenen Berufs, und es greift viel zu kurz, die Arbeit von Historiker-Biographen am eigenen Gedächtnis primär dem Willen zur gezielten Verdrängung zuzuschreiben. Für alle hier betrachteten Umbruchsmilieus gilt: Die Macht der jeweils geltenden Erinnerungsordnung teilte sich der individuellen Erinnerung in zahlreichen Fällen unbewusst mit; sie äußerte sich auch innerhalb der geltenden Fachstandards und hinter dem Rücken der Erinnernden, und sie gab gegebenenfalls die historische Wahrheit auch dort nicht preis, wo an der persönlichen Wahrhaftigkeit des Rückblicks nicht zu zweifeln ist.

    Besonders drei aufeinander bezogene Strategien zur Vermittlung zwischen biographischem Identitätsanspruch, sinnweltlichem Gegenwartsanspruch und fachlichem Objektivierungsanspruch lassen sich in allen hier betrachteten Erinnerungsmilieus deutlich ausmachen: nämlich erstens die teleologische Gegenwartsorientierung der erinnerten Tatbestände, zweitens ihre Einordnung in eine spannungsbehaftete, oft antagonistische Inszenierung der autobiographischen Beziehung von Ich und Umwelt und schließlich ihre authentifizierende Präsentation als glaubwürdige Erzählung.

    So besteht ein zentrales Organisationsprinzip der hier betrachteten Erinnerungen in der Projektion späterer Erkenntnis auf frühere Zeiten, der auch Historiker nicht entgingen, die dies in ihrer sonstigen Berufstätigkeit als Verstoß gegen die Standards der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung betrachteten. Teleologische Rückprojektion kommt etwa zum Ausdruck, wenn Eduard Winter, dem nach eigener Auskunft "das Ende seit 1938 klar" war [47] , im Umgang mit einem befreundeten Ehepaar das kommende Verhängnis schon zu spüren glaubte, in dessen Bann der jüdische Mann sich nachmals selbst den Tod geben sollte, um seine nichtjüdische Ehefrau zu retten [48] . Gleiches gilt für Gerd Tellenbach, der sich auch während der Olympischen Spiele von 1936 in der Brandungswelle der Hitlerbegeisterung einsam fühlte, weil er nach Lektüre von "Mein Kampf" wusste, dass Hitler Krieg bedeutete [49] .

    Auch Gerhard Ritter war sich im Dezember 1945 sicher, dass "wenigstens für mich vom 1. Tag des Krieges an kein Zweifel mehr gewesen ist, daß dieser Wahnsinn in einer außenpolitischen Katastrophe enden würde, und zwar in einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes" [50] , und überging im Nachhinein, dass er gegenüber seiner Mutter im Dezember 1941 "eine entscheidende Wendung der ganzen Kriegslage" nach dem Kriegseintritt Japans als zwar nicht wahrscheinlich, aber doch auch nicht ganz ausgeschlossen beurteilt hatte [51] . Für den ostdeutschen Teilstaat wiederum glaubte in der Rückschau etwa Karlheinz Blaschke schon in den sechziger Jahren vorgewusst zu haben, dass das kommunistische Regime über kurz oder lang untergehen müsse [52] , während Joachim Petzold in seiner Lebensbilanz die Kraft der deutenden Retrospektive nutzte, um seine Tätigkeit als SED-Parteisekretär in den sechziger Jahren mit dem von ihm entworfenen Selbstporträt eines auf Distanz und wissenschaftliche Arbeitsruhe bedachten Forschers zur Deckung zu bringen [53] .

    Erzählte Lebensgeschichten nach historischen Umbrüchen schließen die Lücke zwischen individueller Vita und gesellschaftlicher Gegenwart weiterhin regelmäßig, indem sie ihre Biographie in einen Rahmen stellen, der die Beziehung zwischen Ich und Umwelt als Konflikt inszeniert: In Form eines Kampfes gegen die wankenden Autoritäten des Kaiserreichs und gegen den Kurs der mehrheitssozialdemokratischen Parteiführung organisierte der Nestor der marxistischen Geschichtswissenschaft in der DDR, Alfred Meusel (1896-1960), seine Lebensgeschichte, die ihn zunächst 1926 zu einer Professur für Volkswirtschaft und Soziologie an der Technischen Hochschule in Aachen und 1934 ins Londoner Exil geführt hatte, als er nach der Rückkehr den SED-Parteiorganen Rechenschaft über seinen Werdegang abzulegen gezwungen war. Als endlose Konfliktgeschichte beschrieb von ganz anderer Warte auch Gerd Tellenbach sein Leben im Dritten Reich, das er mit "Meinungsverschiedenheiten" im akademischen Bekanntenkreis 1932 heraufziehen ließ, für den Januar 1933 zum geheimen Wunsch steigerte, plakatierte Hitlerbilder zu zerreißen, und später über die demonstrative Abscheu gegen braune Kritik am damaligen Heidelberger Rektor Willy Andreas und die Flucht in die freiwillige Grundausbildung bei der Wehrmacht bis zum Kampf gegen die Drangsal des Krieges in der Heimat und für die Rettung Gerhard Ritters aus der Gestapo-Haft weiterführte. Eduard Winter wiederum teilte seine Erinnerungen in Kapitel wie "Der drohende Sturm", "Die Auseinandersetzungen werden härter", "Dem Sturm entgegen", "Zwischen den Fronten" oder "Der Sturm bricht los".

    Eine relative Befreiung vom Zwang zu einer grundsätzlich konfliktfixierten Konstruktion der Beziehung zur politisch-gesellschaftlichen Umwelt genossen nach 1945 und nach 1989 allenfalls Historikerbiographien, die entweder ihrem Ich in gewissem Maße lebensgeschichtliche Selbstverantwortung abzusprechen fähig waren oder umgekehrt ihre Ich-Identität so stark aus einer familien- und geistesgeschichtlichen Verwurzelung ableiteten, dass der Wandel der politischen Systeme demgegenüber nahezu in den Hintergrund trat. Für den einen Fall mag ein ostdeutscher Nachwuchshistoriker stehen, der sein Fortkommen "Im Getriebe des DDR-Systems" trotz "weltanschaulicher Dissonanz" als eine im Nachhinein schwer begreifliche Anpassungsleistung beschreiben konnte, weil er sich selbst als Kind der DDR und ihrer Zwänge für sein Tun nur begrenzt verantwortlich sah; "Wer, wie ich, ganz und gar durch das Leben in der DDR geprägt wurde, trug notwendig eine Reihe von festen Vorstellungen in sich, deren Ausbildung bereits in frühester Kindheit begann." [54]

    Den anderen Typus verkörpert die Autobiographie des kritisch-loyalen DDR-Historikers Fritz Klein, in der die individuelle Lebensgeschichte so stark über die ostdeutsche Staatsgeschichte hinausragt, dass die Beschreibung von Herkommen und Aufwachsen in einem deutsch-nationalen Elternhaus fast ein Drittel der Darstellung einnimmt - und die wachsende Distanzierung des Autors von der DDR-Entwicklung seit den späten sechziger Jahren einen ebenso großen Teil. Kleins autobiographische Perspektive gründet in der betonten Freiheit der eigenen Entscheidung für "das Große Ja" einer sozialistischen Alternative [55] , und sie spannte sich vom freiwilligen Beitritt zur SED in Berlin-Zehlendorf 1946 über die immer wieder erprobte Zivilcourage im Fachbetrieb der DDR-Geschichtswissenschaft - und die ohne Bedrängnis gegebene Einwilligung zur Kooperation mit der Staatssicherheit in Auslandsfragen - bis hin zur öffentlichen Selbstbefragung nach dem eigenen Versagen als Historiker in der finalen Krise der DDR. Aus einer solchen Perspektive konnte Klein an den Beginn seiner Memoiren zwei eigene Reden im Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften vom Juli 1989 und vom Dezember 1991 stellen, zwischen denen kein geringeres Ereignis als der Untergang der DDR stand und die doch in ihrer frappierenden gedanklichen Übereinstimmung dokumentierten, wie sehr in seinem Falle historische Diskontinuität durch biographische Kontinuität überformt werden konnte.

    Ein drittes markantes Merkmal schließlich bildet der Historikerautobiographien eigene Hang zur empirischen Absicherung. Durchgängig legen sie besonderen Wert auf die Transparenz ihrer Aussagen; sie stützen sich auf Quellenbelege, zitieren zeitgenössische Aufzeichungen, verarbeiten zahllose Tagebücher und fügen nicht selten ihren Erinnerungen dokumentarische Anhänge bei. Der bis 1944 in Königsberg und nach dem Krieg in Köln lehrende Neuzeithistoriker Theodor Schieder (1908-1984), ein Schüler Karl Alexander von Müllers, brachte seinen autobiographischen Rückblick in einem "Probleme und Perspektiven bayerischer Geschichte" untertitelten Sammelband zu "Land und Reich. Stamm und Nation" unter, nicht ohne am Anfang für mannigfaltige Unterstützung bei der Quellenrecherche zu danken und am Ende ein thematisch geordnetes Literaturverzeichnis beizugeben [56] . Ein förmliches Privatarchiv diente Joachim Petzold als unangreifbare Basis seines Lebensrückblickes [57] , und die Ausdauer, mit der Eduard Winter seitenweise und fast unverbunden Tagebuchauszüge aneinanderreihte, sollte schließlich den Zusammenhang seiner Darstellung überhaupt untergraben. Hierin kommt ein Authentifizierungsdrang zum Ausdruck, der sich gelegentlich umso stärker zeigt, je stärker die aufgewendete Homogenisierungsanstrengung zutage tritt [58] .

    VII. Fazit

    In den untersuchten Beispielen zeigt sich immer wieder die "Doppelsinnigkeit" erinnerter Viten, die sich mit unterschiedlichen Schlüsseln dechiffrieren lassen. Bis zu welch schroff kontrastierenden Lesarten die Arbeit an der eigenen Vergangenheit auch und gerade unter Historikern gehen konnte, zeigte in den letzten Jahren die Kontroverse um den ersten deutschen Vorsitzenden des Comité International des Sciences Historiques Karl Dietrich Erdmann (1910-1990), in der auch nach einem in Repliken und Gegenstellungnahmen immer weiter fortgesetzten Schlagabtausch zwischen Schülern und Gegnern zwei fast gegensätzliche Biographien nebeneinanderstehen: zum einen das von Erdmann selbst geprägte und mit vielen Zeugnissen untermauerbare Bild eines Historikers, der die Vereinnahmungsversuche durch den Nationalsozialismus unter Inkaufnahme des Karriereabbruchs und in feindseliger Ablehnung Hitlers abwehrte, zum anderen die Kontur eines Schulbuchautors und Wehrmachtsoffiziers im Dienste des Dritten Reiches, der am 23. April 1945 in seinem Tagebuch dem Führer die Treue bis zu dessen Tod zusicherte und im Juni 1945 die "Endlose Propagandamühle über deutsche Greueltaten in Konzentrationslagern" als "Propagandistische Vorbereitung der . . . Versklavung Deutschlands" empfand [59] .

    Biographische Doppelsinnigkeit verweist auf historische Doppelbödigkeit. Die rekonstruierte Ambivalenz der Stellung Karl Dietrich Erdmanns oder auch Eduard Winters zum Dritten Reich ergibt sich aus der typischen Mischung von Konsens und Distanz, welche die Haltung von Millionen prägte, während die Biographie Joachim Petzolds in dem Gegensatz zwischen eifriger Loyalität nach außen und nagenden Zweifeln im eigenen Innern wurzelt und Fritz Kleins Erinnerungen, die nicht zufällig den Titel "Drinnen und Draußen" tragen, von der Grundspannung zwischen familienbiographischer und intellektueller Offenheit einerseits, staatlich-politischer Geschlossenheit und Enge der DDR andererseits, durchzogen sind.

    Das Ergebnis dieses vergleichenden Überblicks widerspricht keineswegs Ricoeurs noble dream einer kategorischen Kluft zwischen bloßer Erinnerung und überlieferungskritischer Historie. Autobiographische Historikerberichte sind keine wissenschaftlichen Texte. Sie sprechen - in den Worten Tellenbachs - überwiegend nicht von "miterforschter, sondern von erinnerter Zeitgeschichte" [60] . Ihre Aussagekraft ist seit jeher strittig genug, um etwa im Verständnis Gerhard Ritters "die memoirenhafte Behandlung eines wissenschaftlichen Lebens" für grundsätzlich "verfehlt" erscheinen zu lassen, weil das Leben eines Gelehrten "im wesentlichen in seinen Werken" Niederschlag zu finden habe [61] . Dennoch aber wurden sie im Selbstverständnis ihrer Autoren durchaus unter Beachtung der Regeln fachlich disziplinierender und objektivierender Geschichtsschreibung verfasst - und zeigen doch, dass der Historiker kein besserer Zeitzeuge ist. Mehr noch: Es sind nicht selten gerade die Historikern zugeschriebenen und von ihnen in Anspruch genommenen Objektivitätsstandards, welche die angestrengte Homogenisierungsarbeit am eigenen Gedächtnis kaschieren.

    Hinter der ,individuellen Erinnerungspolitik' und ihrer fachlichen Disziplinierung wird in allen Untersuchungsbeispielen die Macht einer Erinnerungsordnung fassbar, welche die jeweils geltenden autobiographischen Muster festlegt. Sie vor allem organisiert die Beziehung von Erinnern und Vergessen nach übergreifenden Regeln, die den selbstbiographischen Zeugnissen deutscher Historiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich voneinander abgrenzbare Erinnerungsmodi zuweist. Auch dies spricht dafür, dass die Wasserscheide zwischen wissenschaftlicher und persönlicher Erinnerung, von der das Selbstverständnis der Historikerzunft maßgeblich abhängt, doch eher eine fließende Grenze ist.
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    Fußnoten

    1.
    Vgl. Paul Ricoeur, Das Rätsel der Vergangenheit. Erinnern - Vergessen - Verzeihen (Essener Kulturwissenschaftliche Vorträge, Bd. 2), Göttingen 2000, S. 114 ff.; vgl. auch den Beitrag von Hans-Günter Hockerts in diesem Heft.
    2.
    Eine entsprechende Untersuchung zur autobiographischen Behandlung des Nationalsozialismus unter Konzentration auf die Erinnerungen von Johannes Haller, Hermann Heimpel, Friedrich Meinecke und Gerhard Masur unternimmt Nicolas Berg, Zwischen individuellem und historiographischem Gedächtnis. Der Nationalsozialismus in Autobiographien deutscher Historiker, in: BIOS, 13 (2000) 2, S. 1181-1207. Zum Begriff des autobiographischen "Stils": Jean Starobinski, Der Stil der Autobiographie, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Darmstadt 1989², S. 200-213.
    3.
    "Sie konnten nicht nur die Wahl machen, später zum Beispiel - ich gehe aus von eigenen Erinnerungen, als wir Landagitation machten - haben die Junker Schlägertrupps organisiert und haben uns zugesetzt, wenn wir aufs Land gingen. Das ist auch ein Ausdruck der tatsächlichen Macht, die die Junker hatten." Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen im Bundesarchiv, Berlin (SAPMO-BArch), NY 4198/96, Autorenkollektiv, Sitzung vom 12. Mai 1953, Äußerung Ernst Engelberg, S. 21/2.
    4.
    Ebd., Äußerung Albert Schreiner, S. 29/2.
    5.
    So etwa Alfred Heuß, Versagen und Verhängnis. Vom Ruin deutscher Geschichte und ihres Verständnisses, Berlin 1984, S. 168 f., 176. Diskreter in der Form, aber übereinstimmend in der Sache erinnerte sich auch der Freiburger Mediävist Gerd Tellenbach, es sei "immer verborgen geblieben, dass ein schon damals berühmter und später noch berühmterer Professor mit engen jüdischen Freunden brach, die ins Ausland emigrieren mussten. Die beiden Frauen trafen sich verabredet im Ausland an einem dritten Ort (welche Vorsicht!), wo die Frau des Berühmten der des Emigranten sagte: Du verstehst doch sicher, daß X. nicht mehr mit deinem Mann korrespondieren kann. X. schrieb dann aber bald nach Kriegsende dem Emigranten einen Brief im alten freundschaftlichen Ton, nicht ohne eine Liste von Sachen beizufügen, mit denen ihm und seiner Familie am besten geholfen werden könne." Gerd Tellenbach, Aus erinnerter Zeitgeschichte, Freiburg im Breisgau 1981, S. 35.
    6.
    SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/9.07, 155, Äußerung Rudolf Lindau, 27. 1. 1955. Vgl. Joachim Petzold, Parteinahme wofür? DDR-Historiker im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft, Potsdam 2000, S. 130.
    7.
    Zu Kaehlers Haltung im Dritten Reich und insbesondere zur Judenverfolgung vgl. Walter Bußmann, Siegfried A. Kaehler: Persönlichkeit und Werk. Ein Essay, in: Siegfried A. Kaehler, Briefe 1900-1963, hrsg. von Walter Bußmann/Günther Grünthal, Boppard 1993, S. 33-89, insbes. S. 67 ff.
    8.
    Siegfried A. Kaehler an Hans Rothfels, 29. 7. 1946, in: ebd., S. 346.
    9.
    Siegfried A. Kaehler an Hans Rothfels, 19. 12. 1946 , in: ebd., S. 353.
    10.
    Gerhard Ritter an Wilhelm Mommsen, 21. 12. 1945, in: Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker in seinen Briefen, hrsg. von Klaus Schwabe/Rolf Reichardt, Boppard 1984, S. 406 f.
    11.
    Es handelte sich um Johann Wilhelm Mannhardt. Vgl. Siegfried A. Kaehler an Anna Kaehler, 31. 7. 1945, in: ebd., S. 322.
    12.
    Siegfried A. Kaehler an Johann Wilhelm Mannhardt, 23. 2. 1959, in: ebd., S. 410.
    13.
    Zu einem solchen Unterwerfungsbekenntnis sah sich der zeitweilig zur KPD-Opposition übergegangene KPD-Mitbegründer Albert Schreiner gedrängt, der nach der Rückkehr aus dem erst französischen und dann nordamerikanischen Exil als Abteilungsleiter für die Zeit 1918-1945 im Museum für deutsche Geschichte und dann am Institut für Geschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin tätig war. Vgl. J. Petzold (Anm. 6), S. 90.
    14.
    Im Gegenteil: Als sich 1961 bei der Zusammenstellung eines Dokumentenbandes "Drang nach Osten", der die nationalsozialistische Verstrickung der westdeutschen Historikerzunft aufdecken sollte, ergab, dass Eduard Winter an einem Teil der zum Abdruck vorgesehenen Denkschriften der deutschen Ostforschung verantwortlich mitgearbeitet hatte, hielt die ZK-Abt. Wissenschaften in einem internen Vermerk fest: "Offenbar ist Prof. Winter in seinem Auftreten gegen die westdeutschen Ostforscher (die er teilweise als Mitarbeiter von früher kennt) gehemmt, solange er glaubt, daß uns seine Tätigkeit gegen den damaligen tschechoslowakischen Staat nicht bekannt ist." Um die Situation zu bereinigen und Winter diese Scheu zu nehmen, schlug die Abteilung Wissenschaften des ZK eine "Aussprache mit ihm und evtl. eine Erklärung von ihm selbst, die seine damalige und seine heutige Position klar zum Ausdruck bringt", vor. SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/9.04/41, Sektor Gesellschaftswissenschaften, Informationsbericht für die Zeit vom 9.-21. 1. 1961, 25. 1. 1961.
    15.
    Robert Havemann, Fragen, Antworten, Fragen. Aus der Biographie eines deutschen Marxisten, München 1970, S. 22.
    16.
    Vgl. Mario Keßler, Exilerfahrung in Wissenschaft und Politik. Remigrierte Historiker in der frühen DDR, Köln - Weimar - Wien 2001, S. 284 ff.
    17.
    Zit. nach ebd., S. 306.
    18.
    P. Ricoeur (Anm. 1), S. 121.
    19.
    Karl Alexander von Müller, Im Wandel einer Welt. Erinnerungen, Bd. 3: 1919-1932, hrsg. von Otto Alexander von Müller, München 1966, S. 11.
    20.
    G. Tellenbach (Anm. 5), S. 8.
    21.
    Jürgen Kuczynski, Dialog mit meinem Urenkel. Neunzehn Briefe und ein Tagebuch, Berlin (O) - Weimar 1987, S. 81.
    22.
    J. Petzold (Anm. 6), S. 17.
    23.
    Vgl. Fritz Schachermeyr, Ein Leben zwischen Wissenschaft und Kunst, Wien u. a. 1984, S. 174. Weitere Beispiele bei Karen Schönwälder, Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt/M.-New York 1992, bes. S. 12 f.
    24.
    Rainer Wittram, Nachwort, in: Johannes Haller, Lebenserinnerungen. Gesehenes, Gehörtes, Gedachtes, Stuttgart 1960, S. 277-279, hier S. 277. Zu Wittrams "sprechenden" Auslassungen vgl. N. Berg (Anm. 2), S. 187.
    25.
    Adolf Helbok, Erinnerungen. Ein lebenslanges Ringen um volksnahe Geschichtsforschung, Innsbruck 1963, S. 93 ff.
    26.
    Hans Rothfels, Die Geschichte in den dreißiger Jahren, in: Deutsches Geistesleben und Nationalismus. Eine Vortragsreihe der Universität Tübingen, hrsg. von Andreas Flitner, Tübingen 1965, S. 90-107, hier S. 95.
    27.
    Günther Franz, Das Geschichtsbild des Nationalsozialismus und die deutsche Geschichtswissenschaft, in: Geschichte und Geschichtsbewußtsein. 19 Vorträge, hrsg. von Oswald Hauser, Göttingen-Zürich 1981, S. 91-111, hier S. 106. Was der Leser allerdings im weiteren über Franz' fachliche Stellung zum Dritten Reich erfährt, beschränkt sich auf wenige Sätze zur Abwehr des Verdachts, der politische Nationalsozialist sei auch ein nationalsozialistischer Historiker gewesen: "Mein Buch ,Der deutsche Bauernkrieg' ist 1933 erschienen, aber bereits 1932 in Druck gegangen . . . 1943 habe ich in der Festschrift für Karl Alexander von Müller einen Aufsatz ,Geschichte und Rasse' veröffentlicht, der am Beispiel der deutschen Geschichte im Zeitalter der Glaubenskämpfe nachweist, dass für diesen Zeitraum mit dem Rassebegriff eigentlich nichts anzufangen ist . . . Diese Auseinandersetzung mit dem Rassebegriff war für mich eine Art Selbstbehauptung der Wissenschaft, aber, das möchte ich, um einen falschen Eindruck zu vermeiden, auch sagen, keine Sache des Widerstandes." Ebd., S. 106 f.
    28.
    R. Wittram (Anm. 24), S. 278.
    29.
    "Noch weiter traute sich das Ministerium heraus, als 1943 eine Einladung aus der Türkei zu akademischen Vorträgen an mich gelangte; ich wurde vom Reichsministerium geradezu gedrängt, ihr zu folgen, und mir wurde bereitwillig Reisekostenersatz angeboten. Wer hinter diesen Dingen steckte, habe ich nie erfahren; sehr wahrscheinlich ist mir aber, dass die mir befreundeten Legationsräte im Auswärtigen Amt von Haeften und Trott zu Solz, die beide nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 als ,Hochverräter' gehängt worden sind, ihre Hand im Spiel hatten; sie haben mir auch die Möglichkeit verschafft, mit dem Kurierflugzeug nach Stambul zurück zu reisen. Sie betrachteten mich als repräsentativen Vertreter jenes Teils der deutschen Geistigkeit, der im geheimen den Kampf gegen den Ungeist der Nazis führte." Gerhard Ritter, Der Professor im "Dritten Reich", in: Die Gegenwart, 4. 12. 1945, S. 23-26, hier S. 23.
    30.
    Ungedr. Ms., BArch Koblenz, NL. Ritter, 470. Der Vortrag ging in Ritters 1948 publiziertes Buch "Europa und die deutsche Frage" ein.
    31.
    Gerhard Ritter an Otto Heinrich von der Gablentz, 25. 5. 1944, in: Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker (Anm. 10), S. 382.
    32.
    Ebd., Anm. 2. Auch die NSDAP-Ortsgruppenleiter, bei denen Ritter sich nach Ankunft in Ankara und Istanbul vorstellte, kannten ihn natürlich als den Historiker, der seine jüngste Arbeit über "Machtstaat und Utopie" von 1940 selbst als Frucht einer erregenden Gegenwart verstanden wissen wollte, wie er im Vorwort vorausschickte: "Im übrigen brauche ich nicht erst noch zu sagen, wie sehr die Schau dieser Dinge durch das Miterleben ungeheuer erregender Zeitereignisse mitbestimmt wurde. Diese Schrift ist nicht zufällig mitten im Kriege und dicht hinter der Front unseres Westwalles entstanden. Den verantwortungsbewusßten Ernst und die strenge Sachlichkeit ihrer Forschung hat das, wie ich hoffe, nicht beeinträchtigt, sondern eher noch gesteigert." Gerhard Ritter, Machtstaat und Utopie. Vom Streit um die Dämonie der Macht seit Machiavelli und Morus, München-Berlin 1940, S. 4.
    33.
    K. A. von Müller (Anm. 19), S. 108.
    34.
    Wolfram Fischer-Rosenthal, Schweigen - Rechtfertigen - Umschreiben. Biographische Arbeit im Umgang mit deutschen Vergangenheiten, in: ders./Peter Alheit (Hrsg.), Biographien in Deutschland. Soziologische Rekonstruktionen gelebter Gesellschaftsgeschichte, Opladen 1995, S. 43-86, hier S. 79.
    35.
    Siegfried A. Kaehler an Frances Magnus von Hausen, 7. 3. 1951, in: S. Kaehler (Anm. 7), S. 376 f.
    36.
    Zum Folgenden vgl. Beate Viemeisel, Das Erinnerungsarchiv. Lebenszeugnisse als Quellengruppe im Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, in: Martin Sabrow (Hrsg.), Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 117-144.
    37.
    Zit. nach ebd., S. 122.
    38.
    Zit. nach ebd., S. 125.
    39.
    SAPMO BArch, DY 30, IV A 2/2.024/58, Stenografische Niederschrift der Beratung des Autorenkollektivs zur Ausarbeitung der drei dreibändigen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im Hause des ZK der SED, Sitzungssaal des Politbüros, am 12./13. November 1964, Äußerung Fritz Globig, Bl. 98.
    40.
    SAPMO BArch, DY 30, IV A 2/2.024/59, Stenografische Niederschrift der Beratung der Arbeitsgruppe zur Ausarbeitung der dreibändigen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im Hause des ZK der SED, Sitzungssaal des Politbüros, am 4. 2. 1965, Äußerung Walter Ulbricht, Bl. 65 f.
    41.
    Vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in acht Bänden, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Berlin (O) 1966, Bd. 5, S. 176.
    42.
    Er wurde nach dem Untergang der DDR unter dem Titel "Erinnerungen (1945-1976)" von Gerhard Oberkofler herausgegeben (Frankfurt a. M. 1994). Das im Nachlass liegende Manuskript Winters, das den Weg in die Wende infolge des Todes seines Autors nicht hatte mitmachen können, trägt hingegen ungeachtet der Versicherung des Herausgebers, an "dem von Eduard Winter mir anvertrauten Manuskript ... keine Änderungen vorgenommen" zu haben, noch den weit weniger neutralen Titel "Erfüllung in der deutschen demokratischen Republik" (sic!). Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Nl Winter.
    43.
    "In Prag gab es für mich in der Universität und im Institut nur Chosen. So nannte ich meine speziellen Schwierigkeiten. Es braute sich hier immer wieder etwas gegen mich zusammen . . . Die Gefahr konnte ich damals freilich nur ahnen. Ich hatte das Gefühl, über brüchiges Eis zu schreiten, das in allen Fugen kracht. Jeder weitere Schritt konnte den Untergang bringen." Die Viktimisierung durch Verdrängung konnte Winter in der DDR so weit treiben, dass in seinen Worten selbst die ihn nach 1945 besonders belastende Mitarbeit in der Heydrich-Stiftung als ein Akt staatlicher Verfolgung erschien: "In der ,Reichsstiftung für wissenschaftliche Forschung', die nach dem Tode Heydrichs dessen Namen erhielt, glaubte man mich sicher verwahrt." Eduard Winter, Mein Leben im Dienst des Völkerverständnisses. Nach Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Dokumenten und Erinnerungen, Bd. 1, Berlin 1981, S. 134 f.
    44.
    Vgl. Karlheinz Blaschke, Als bürgerlicher Historiker am Rande der DDR. Erlebnisse, Beobachtungen und Überlegungen eines Nonkonformisten, in: Karl Heinrich Pohl (Hrsg.), Historiker in der DDR, Göttingen 1997, S. 45-93.
    45.
    Helga Gotschlich und Wolfgang Ruge an Joachim Petzold, 12. 11. 1998, in: J. Petzold (Anm. 6), S. 386.
    46.
    G. Tellenbach (Anm. 5), S. 8.
    47.
    E. Winter (Anm. 43) S. 136.
    48.
    "Die Ahnung unendlichen Leids schwebte bereits über dieser Familie. Gerade dies hat mich zu ihr hingezogen." Ebd., S. 96.
    49.
    "Daß es mit Hitlers Vorstößen zehnmal scheinbar gut gehen, das elfte Mal mit einer Katastrophe enden würde, fürchteten immer weniger Menschen. Ich hatte jedoch 1930 den ,Kampf' gelesen und nahm den Inhalt immer noch ernst. Natürlich konnte ich es nicht einmal mir selbst strikt beweisen, daß Hitler den Krieg wollte . . . Doch viel später erhielt ich durch das sogenannte ,Hossbach-Protokoll' von 1937 die Gewissheit, daß meine Ahnungen nicht falsch gewesen waren." G. Tellenbach (Anm. 5), S. 48 f. Ebenso in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg: "An der deutschen Endniederlage habe ich mit Ausnahme der drei Monate nach dem Zusammenbruch Frankreichs, also von Juli bis September 1940, nie gezweifelt. Als es sich zeigte, daß England unter Churchill sich behauptete, mußte mit einem langen Krieg und seinem Verlust gerechnet werden. Die Rettung Deutschlands, Europas, der Welt vor Hitler war meine einzige Sehnsucht. Sein Sieg hätte jede Hoffnung vernichtet." Ebd., S. 54.
    50.
    Gerhard Ritter an Wilhelm Mommsen, 12. 12. 1946, in: Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker (Anm. 10), S. 406.
    51.
    Gerhard Ritter an seine Mutter, 22. 12. 1941, in: ebd., S. 372. Spätestens vom Sommer 1943 an zeigte Ritter sich allerdings auch brieflich unwandelbar davon überzeugt, dass die militärische Lage in "nicht allzu ferner Zukunft" "zum Ende" führen müsse. (Gerhard Ritter an seine Mutter, 17. 7. 1943, in: ebd., S. 384, Fn. 2). Dass die Gefahr der retrospektiven Projektion selbst Autobiographen ereilen kann, deren Beruf die Entschlüsselung von Autobiographien umfasst, belegt ein Lebensabriss der Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann, die sich rückblickend in einer Schilderung ihrer Affinität zum Nationalsozialismus zugleich ihres mangelnden Gespürs für den späteren Widerstand gegen Hitler beklagt: "So hätte ich von Hause aus alle Voraussetzungen gehabt, dem Nazi-Regime gründlich zu mißtrauen, aber das habe ich nicht geschafft, sondern ich ließ mich vom Wandervogelgeist des BDM, von Fahrtenglück und Jugendgemeinschaft faszinieren und mißverstand sowohl das Nationalistische wie das Pseudo-Sozialistische der Hitlerbewegung als positiv . . . Im Berliner Volkskundemuseum . . . bin ich auch dem 1944 hingerichteten Widerstandskämpfer Adolf Reichwein (1898-1944) begegnet, ohne daß mich auch nur der Schatten einer Ahnung über sein Schicksal gestreift hätte. Vieles mag zusammengewirkt haben bei dieser merkwürdigen Unsensibilität." Ingeborg Weber-Kellermann, Erinnern und Vergessen. Selbstbiographie und Zeitgeschichte, in: W. Fischer-Rosenthal/P. Alheit (Hrsg.) (Anm. 34), S. 14-30, hier S. 17 f.
    52.
    "Als tieferen Sinn meines Handelns sah ich das Überwintern an, das ja, wie der Begriff sagt, irgendwann einmal zu Ende gehen mußte. Niemand wußte, wie lange es dauern würde." K. Blaschke (Anm. 44), S. 72.
    53.
    "Rückschauend will mir scheinen, daß man mich und andere zwei Jahre lang in der Parteileitung geduldet hat, weil eine gewisse Unsicherheit über die weitere politische Entwicklung bestand." J. Petzold (Anm. 6), S. 216.
    54.
    Matthias Hahn, Im Getriebe des DDR-Systems. Als "Nachwuchswissenschaftler" zwischen Anpassungszwängen und Widerstehen, in: K. Pohl (Anm. 44), S. 113-146, hier S. 116. Analog verfuhr Günter Benser (geb. 1931), 1989 stellvertretender Abteilungsleiter am Institut für Marxismus-Leninismus und Mitglied im Rat für Geschichtswissenschaft, der auch als Erwachsener seine Ich-Identität fast ganz hinter der Staats-Identität der DDR verschwinden ließ und unter dem Titel "DDR - gedenkt ihrer mit Nachsicht" gleichsam eine Doppelbiographie von Staat und Autor vorlegte, in der erzählerisches Ich und SED-Staat einen imaginären Dialog führen und sich wechselseitig ergänzen oder auch ins Wort fallen: "Der IX. Parteitag war übrigens der erste, der in dem kurz zuvor eröffneten Palast der Republik stattfand", führte Benser etwa aus und fügte als Autobiograph in Kursivdruck hinzu: "Als ich im April 1976 wie Tausende andere DDR-Bürger auch freudig vom Palast der Republik Besitz ergriff - selbst nach mehrmaligem Bedenken bleibe ich bei dieser Formulierung -, richtete ich meine Erwartungen auch auf den Parteikongress, der hier bald tagen sollte. Er brachte ja nicht nur ein neues weitgestecktes Parteiprogramm, sondern auch realen Zugewinn für viele Menschen und somit auch für unsere Familie - zum Beispiel mit der schrittweisen Einführung der 40-Stunden-Arbeitswoche oder der Verlängerung des Schwangerschafts- und Wochenurlaubs." Günter Benser, DDR - gedenkt ihrer mit Nachsicht, Berlin 2000, S. 319 f.
    55.
    Fritz Klein, Drinnen und Draußen. Ein Historiker in der DDR, Frankfurt a. M. 2000, S. 8 f.
    56.
    Vgl. Theodor Schieder, Kleine und große Welt. Große Ereignisse im Spiegel der Erinnerungen an eine Jugend in Bayerisch-Schwaben, in: Andreas Kraus (Hrsg.), Land und Reich. Stamm und Nation. Probleme und Perspektiven bayerischer Geschichte. Festgabe für Max Spindler zum 90. Geburtstag, München 1984, S. 389-413, hier S. 388 u.413.
    57.
    Eine "Begründung einer Dokumentation" stellte Petzold seiner Darstellung voran, als deren Leitprinzip er formulierte: "Ich bin . . . von meinem lebenslangen Forscherprinzip ausgegangen, möglichst viel oder gar auschließlich mit Archivalien zu arbeiten . . . Mein Ziel war daher, möglichst wenig zu behaupten, was sich nicht direkt belegen ließ und einer Überprüfung standhalten würde." J. Petzold (Anm. 6), S. 18. Selbst ein so absichtsvoll leichthändig geschriebener Lebensbericht wie der von Fritz Klein verzichtet nicht darauf, detailliert aufzuführen, aus welchen Brunnen er seine Erinnerungen schöpfte: "Eine ergiebige Quelle für mein persönliches und berufliches Leben war meine Korrespondenz, aus der ich die mir wichtigen Stücke seit 1947 geschlossen aufgehoben habe. Schriftstücke zu einzelnen, besonderen Ereignissen und Zusammenhängen, die ich aufbewahrt hatte, waren nützlich." F. Klein (Anm. 55), S. 367.
    58.
    "Im folgenden sollen nur die Tagebuchaufzeichnungen sprechen", vermerkte Winter für Anfang 1940, als er die Härte seines Entschlusses zum Verzicht auf das Priesteramt schildert (E. Winter [Anm. 43], S. 123), und ebenso, als es unter Beweis zu stellen galt, dass er auch in der NS-Zeit ungebrochen "die persönliche Verbindung mit Tschechen auf der Grundlage der gegenseitigen Achtung" gepflegt habe; ebd., S. 121.
    59.
    Martin Kröger/Roland Thimme, Karl Dietrich Erdmann im "Dritten Reich". Eine Antwort auf Eberhard Jäckel und Agnes Blänsdorf, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU), 48 (1997), S. 462-478, hier S. 478. Vgl. auch Martin Kröger/Roland Thimme, Die Geschichtsbilder des Historikers Karl Dietrich Erdmann. Vom Dritten Reich zur Bundesrepublik, München 1996; Karl Dietrich Erdmann und der Nationalsozialismus. Diskussionsbeiträge von Winfried Schulze, Eberhard Jäckel und Agnes Blänsdorf, in: GWU, 48 (1997), S. 220-240; Martin Kröger/Roland Thimme, Karl Dietrich Erdmann: Utopien und Realitäten. Die Kontroverse, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 46 (1998), S. 603-621.
    60.
    G. Tellenbach (Anm. 5), S. 7.
    61.
    Zit. nach. N. Berg (Anm. 2), S. 184.