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23.3.2010 | Von:
Ulrich Brinkmann
Oliver Nachtwey

Krise und strategische Neuorientierung der Gewerkschaften

Neujustierungen im Verhältnis von Gewerkschaften und Wissenschaft

Die ersten systematischen Erfahrungen mit Organizing-Kampagnen in Deutschland schreiben auch den Trend fort, dass Gewerkschaften heutzutage immer stärker auf der Basis betriebswirtschaftlicher und wirtschaftssoziologischer Kenntnisse agieren (müssen). So identifizieren sie in den Kampagnen Schwachstellen der Unternehmen in Zuliefererketten, gesellschaftlichen Netzwerken oder ihrer öffentlichen Reputation. Auch die Strategie der IG Metall "Besser statt billiger" setzt auf die fachlich und wissenschaftlich fundierte Kompetenzerweiterung von Betriebsräten und Gewerkschaftern. Diese partielle Verwissenschaftlichung der Gewerkschaften ist in Deutschland jedoch kein Novum. So sind Arbeitskämpfe seit der Änderung des Paragraphen 116 des Arbeitsförderungsgesetzes in den 1980er Jahren, die die Neutralität der Arbeitslosenversicherung in Arbeitskämpfen garantiert - unter Berücksichtigung von Wertschöpfungs- und Zuliefererketten -, oft komplex und strategisch geplant.

Im gleichen Zuge fällt auf, dass die Spitzen der Gewerkschaften und ihre Stäbe immer höhere Bildungsabschlüsse aufweisen, sich geradezu professionalisieren und akademisieren. Sowohl der Ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske als auch der IG Metall-Vorsitzende Bertold Huber haben studiert, und in ihren Stäben gibt es eine Reihe von Akademikern, die auch außerhalb der Gewerkschaftsöffentlichkeit erfolgreich publizieren und gesellschaftliche Debatten prägen. Vorstandsmitglieder der IG Metall führen auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Debatten mit der wissenschaftlichen Zunft oder edieren Bücher zur Rückgewinnung gewerkschaftlicher Macht in Australien.

Dazu passt, dass vom Vorstand der IG Metall seit einiger Zeit neue Gesprächsofferten an die Arbeitswissenschaften ausgehen - wohl wissend, dass eine Forschung zu Gewerkschaften oder gewerkschaftlich interessanten Themen keine Selbstverständlichkeit im heutigen Universitätsalltag mehr ist. Auf beiden Seiten setzt dies natürlich ein tiefes Verständnis für die Funktionslogik des Gegenüber in dessen gesellschaftlichem Umfeld voraus - auch dies war nicht immer selbstverständlich.