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Besser Fernsehen – mit dem Internet?


10.8.2015
Neue Gerätetechniken, Plattformen und Video-on-Demand-Dienste verändern das Verständnis von Fernsehen. Die Bewegtbildangebote werden individueller und Fernsehinhalte vermischen sich mit professionell produzierten Videos. Die Zuschauer von heute schauen in der Summe mehr fern.

Im Fernseher gefangen - Karikatur des Pressezeichners, Comiczeichners und Karikaturisten Willy Moese (1927-2007).Im Fernseher gefangen - Karikatur des Pressezeichners, Comiczeichners und Karikaturisten Willy Moese (1927-2007). (© picture-alliance, Willy Moese)


Einleitung



Unter Fernsehen verstand man jahrzehntelang das Ausstrahlen und Konsumieren eines von Fernsehsendern offerierten Programms am heimischen Fernsehapparat. Es wurde über Satellit, Kabel oder Antenne übertragen. Durch die "Digitalisierung von Inhalten" und die Entwicklung hybrider Gerätetechnik[1] hat sich Fernsehen zunehmend verändert:
  • Es kann zeitunabhängig genutzt werden, z. B. unterwegs auf dem Tablet-PC oder Smartphone.
  • Es wird ergänzt durch neue Inhalte im Internet, die nicht mehr nur von Fernsehsendern stammen.
  • Zudem werden heutige Fernsehapparate zunehmend internetfähig. Damit verlieren die Fernsehsender ihren vormals exklusiven Zugang auf das Endgerät und konkurrieren nun mit Inhalte-Anbietern aus dem Internet am selben Apparat.
Was für Inhalte offerieren jedoch die neuen Anbieter des Internetfernsehens? Welche Probleme, aber auch Chancen bedeutet das für die etablierten Fernsehsender? Und in welcher Form kann der Zuschauer von dieser Entwicklung profitieren? Ist Internetfernsehen am Ende wirklich das 'bessere' Fernsehen? Diese und auch rechtliche Fragen zur Regulierung, die sich im Zusammenhang mit dem Internetfernsehen stellen, werden im Folgenden erörtert.

Internetfernsehen – was ist das?



Die Verknüpfung von Fernsehen und Internet ist eine Entwicklung, die sich in mehreren Stufen vollzogen und unterschiedliche Formen hervorgebracht hat (siehe folgende Abbildung).

 
Ausdifferenzierungsformen des Internetfernsehens
 
Internetfernsehen
Video-on-DemandIPTVSmart-TV
Entstehungszeitseit 2005seit 2006seit 2009
BeispieleVideo-Sharing-Plattformen (z. B. YouTube); Mediatheken (z. B. ARD Mediathek); Submarken von Print-, Fernseh- und Radiomarken (z. B. spiegel.de, zdf.de); Unternehmens-TV (z. B. bmw.tv); Online-Videotheken (z. B. Maxdome, Amazon Prime Instant Video, Netflix) Alice TV (bis 2012); Telekom EntertainGerätehersteller wie Philips, Samsung etc.
EndgerätePC/Laptop, Tablet, Smartphone, internetfähiger a/v-Player, internetfähige Spielekonsole, internetfähiger FernseherFernseher mit Zusatzgerät (Set-Top-Box); PC/Laptop, Smartphone, Tablet (z. B. Entertain to Go)internetfähiger Fernseher
AngebotOnline Video-Angebote, die nicht mehr nur von klasssischen Fernsehsendern stammen; frei verfügbare Inhalte (z. B. Video-Sharing-Plattformen) und bezahlpflichtige Inhalte (z. B. Online-Videotheken) lineares Fernsehprogramm der Fernsehsender; zusätzlich ggf. auch Zugriff auf Online-Videotheken (z. B. Telekom Videoload); nur für beschränkten Nutzerkreis (z. B. Telekom Entertain-Abonnenten) lineares Fernsehprogramm der Fernsehsender und Video-on-Demand-Angebote
Quelle: C. Gerhards / eigene Darstellung

In einem ersten Schritt gelangten Videos über das Web auf den Computerbildschirm – als Video-on-Demand-Angebote (in der Literatur oftmals auch als Web-TV bezeichnet). Als Startpunkt für diese Form des Internetfernsehens kann das Gründungsjahr von YouTube 2005 angesehen werden. Ein Jahr später entstanden in Deutschland sog. IPTV-Dienste (Internet Protocol Television). Darunter ist Internetfernsehen am Fernsehgerät zu verstehen, das mit einem internetfähigen Zusatzgerät, der sog. Set-Top-Box, ausgestattet ist. Hier wird lineares Fernsehprogramm, das von Fernsehsendern stammt, mittels des Internet-Protokolls einem eingeschränkten Nutzerkreis (z. B. Telekom Entertain-Abonnenten) gegen ein Entgelt zur Verfügung gestellt.

Mittlerweile können die Fernsehprogramme im IPTV-Angebot auch mit mobilen Endgeräten und der entsprechenden App abgerufen werden (z. B. Entertain to Go). Zudem bieten IPTV-Anbieter neben dem linearen Fernsehprogramm auch eigene On-Demand-Portale an (z. B. Telekom Videoload). Die Nutzung bleibt auch hier Abonnenten vorbehalten (z. B. Telekom Entertain Abonnenten). Video-on-Demand-Angebote hingegen umfassen nicht mehr nur Angebote von klassischen Fernsehsendern (z. B. ARD Mediathek), sondern auch nutzergenerierte Inhalte (z. B. bei YouTube), Videoangebote von Zeitungshäusern (z. B. spiegel.de) oder Online-Videotheken (z. B. Netflix). Die Inhalte sind entweder frei verfügbar und können ohne eine Entgeltzahlung von jedermann genutzt werden oder sind bezahlpflichtig (wie bspw. die Online-Videotheken Netflix, Maxdome, Watchever, Amazon Prime Instant Video).

Die neueste Entwicklungsstufe des Internetfernsehens ist das sog. Smart-TV (auch Hybrid-TV oder Connected-TV genannt), das im Fernsehgerät unterschiedliche Empfangswege vereint und in Deutschland im Jahr 2009 auf den Markt kam. Damit ist neben dem digitalen Kabel-, Satelliten- oder Antennenempfang auch der Zugang zum Internet möglich. Und das nicht nur für Abonnenten, wie beim IPTV, sondern für alle, die solch einen internetfähigen Fernsehapparat besitzen.

Einige Fernsehgerätehersteller ermöglichen lediglich einen eingeschränkten Zugriff auf das Internet, indem sie eine vorinstallierte App-Galerie, wie man sie vom Smartphone her kennt, anbieten. Darüber sind dann z. B. die Seiten von YouTube, Facebook, Twitter und die Mediatheken der Fernsehsender anzusteuern. Andere Gerätehersteller ermöglichen neben den vorinstallierten Apps auch die freie Eingabe von Internetadressen, so dass alle im Netz verfügbaren Inhalte abgerufen werden können. Die Vorinstallation von Apps erfolgt aus einem einfachen Grund: Der Zuschauer hat am Fernsehgerät nur die Fernbedienung zur Verfügung, welche das Eintippen einer Internetadresse zurzeit noch umständlich macht.

Smart-TV-Geräte sind erst seit 2009 auf dem deutschen Markt erhältlich. Im Jahr 2014 gaben laut Digitalisierungsbericht der Medienanstalten 16 % der deutschen TV-Haushalte an, über mindestens ein sogenanntes Smart-TV-Gerät im Haushalt zu verfügen. Insgesamt 35 % der TV-Haushalte verfügen hiernach über mindestens eine Möglichkeit, ihr Fernsehgerät mit dem Internet zu verbinden, wovon aber lediglich 15 % tatsächlich auch die Internet-Funktionen nutzen. In nur 9,5 % der Haushalte ist das TV-Gerät selbst auch direkt mit dem Internet verbunden und kann als 'smart' bezeichnet werden kann[2].

Auch wenn Internetfernsehen am TV-Gerät noch nicht flächendeckend in den Wohnzimmern Einzug gehalten hat, dürfte sich dies in naher Zukunft ändern, da Fernsehapparate zunehmend standardmäßig als Smart-TV-Geräte ausgeliefert werden. Während 2010 der Anteil von Smart-TV-Geräten unter den verkauften Fernsehgeräten in Deutschland bei nur 5 % lag, stieg die Zahl ein Jahr später bereits auf 23 % und im Jahr 2015 waren es mehr als die Hälfte, nämlich 60 %.

Anteil Smart-TVs unter den verkauften TV-GerätenAnteil Smart-TVs unter den verkauften TV-Geräten, bis 2015. Quelle: statista.de 2015. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Deutsche Haushalte liegen beim Anteil von Smart-TV-Geräten über dem europäischen Durchschnitt. Allerdings liegen sie was die Frage des Anschlusses dieser Geräte an das Internet betrifft unter dem europäischen Durchschnitt[3]. Besonders hoch ist der Anteil der Smart-TV-Geräte bei Fernsehern mit einer Bildschirmdiagonale von 50 Zoll und mehr, hier waren bereits 2011 90 % der Geräte internetfähig[4] (siehe Abb. unten).

Anteil Smart-TVs nach Bildschirmgröße 2011Anteil Smart-TVs nach Bildschirmgröße 2011. Quelle: Sewczyk/Wenk S. 181. PDF-Icon Grafik zum Download. Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Bevor die Möglichkeiten, die Smart-TV dem Zuschauer bietet, näher beschrieben werden, sei zunächst der Blick auf die Video-on-Demand-Angebote gerichtet. Denn von den drei genannten Formen des Internetfernsehens ist das Video-on-Demand jenes, welches bis dato die höchsten Nutzerzahlen beim Internetfernsehen aufweist.

Video-on-Demand-Angebote



Video-on-Demand ermöglicht es, dass neue Anbieter und Angebote auf den Markt treten, die sich in Konkurrenz zu etablierten, klassischen Fernsehsendern positionieren. Deren Kerngeschäft, die Entwicklung, Produktion und Verbreitung von Bewegtbild-Formaten, wird von den neuen Anbietern aufgegriffen und in das Web übertragen. Zeitungsunternehmen wie bspw. der Verlag M. Dumont Schauberg offerieren eigene Online-Nachrichtensendungen ("köln tv") im Rahmen der Online-Auftritte der Printmarken "Express" und "Kölner Stadt-Anzeiger", werbetreibende Unternehmen wie Weight Watchers Deutschland produzieren eigene Webserien ("Mein Ziel, mein Traum", 2011), und Online-Versandhäuser wie Amazon bieten Online-Videotheken (Amazon Prime Instant Video) mit z. T. eigens für diese Plattformen produzierten Serien an.

Im Jahr 2015 gab es laut des »BLM/LFK-Web-TV-Monitor 2015« insgesamt 1.044 Web-TV-Sender, ein deutlicher Rückgang gegenüber 2010 (1.275). Zu den Angeboten zählt der "BLM/LFK-Web-TV-Monitor" u. a. Video-Sharing-Plattformen, Mediatheken und Videocenter (Online-Videotheken wie maxdome), Submarken klassischer TV-, Print- und Radiomarken (z. B. zdf.de, spiegel.de), Unternehmens-TV (z. B. BMW.tv) und nicht-kommerzielle Anbieter (z. B. bundesregierung.de). 42 % der Angebote stammte 2015 von klassischen Medienanbietern, wobei die Submarken von Printmedien mit 25 % am stärksten vertreten waren. Video-Sharing-Plattformen wie YouTube stellten laut dieser Studie zwar nur 1 % des Angebots dar, doch gerade YouTube stellt mit 7.953 YouTube-Channels eine Vielzahl von Kanälen (siehe folgende Abb.).

Verteilung der Web-TV-Angebote nach KategorienQuelle: BLM/LFK-Web-TV-Monitor 2015, BLM/LFK-Web-TV-Monitor 2010- Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Von 166 Mio. Video-Abrufen, die in Deutschland im Jahr 2011 getätigt wurden, entfielen 88 % auf sie[5]. (siehe folgende Abb.: Video-Abrufe pro Tag der Web-TV-Angebote in Deutschland).

Video-Abrufe pro Tag (in Mio.) der Web-TV-Angebote in Deutschland 2010–2011Video-Abrufe pro Tag (in Mio.) der Web-TV-Angebote in Deutschland 2010–2011. Quelle: Bayerische Landeszentrale für neue Medien / Goldmedia (2011), S. 33. PDF-Icon Grafik zum Download. Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Wählt man die Abrufzahlen als Kriterium, sind Video-Sharing-Plattformen wie YouTube und die dort offerierten Videos als zentraler Wettbewerber für die Online-Angebote klassischer Fernsehsender (Mediatheken) zu sehen. Auch wenn die o. g. Zahlen aus dem Jahr 2011 stammen und für den deutschen Markt keine neueren Erhebungen auf der Basis von angebotsbezogenen Abrufzahlen vorliegen, so ist davon auszugehen, dass Video-Sharing-Plattformen nach wie vor eine dominante Rolle bei der Nutzung von Video-on-Demand-Angeboten einnehmen.

Diese Vermutung wird gestützt durch die Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2014, die Onlinenutzer ab 14 Jahren nach ihrem Online-Video-Nutzungsverhalten befragte. Die Studie unterteilt die Video-on-Demand-Angebote zwar nach anderen Rubriken als der oben zitierte "BLM Web TV-Monitor 2012", doch wird auch hier die dominante Stellung von Videoportalen (also: Video-Sharing-Plattformen wie YouTube) im Nutzungsportfolio von Usern deutlich. 62 % der befragten Onliner gaben 2014 an, schon einmal Videoportale genutzt zu haben, ein Zuwachs von 5 % gegenüber 2013[6]. Die 14- bis 29-Jährigen nutzten sogar zu 88 % Videoportale.

Die Nutzungszahlen für die Online-Angebote von Fernsehsendern bzw. Fernsehsendungen fielen hingegen deutlich geringer aus: 36 % der Onliner schauten schon einmal Video-on-Demand-Angebote von Fernsehsendern, bei den 14- bis 29-Jährigen waren es immerhin 49 %[7]. Bemerkenswert ist auch die wichtige Rolle von Online-Communities (wie Facebook) als Nutzungsort für Video-on-Demand: 64 % der 14- bis 29-Jährigen haben hier bereits Online-Videos geschaut. Damit rangieren sie als Ort für den Videokonsum bei der jungen Zielgruppe auch deutlich vor den Online-Angeboten der klassischen Fernsehsender (Mediatheken und Websites der Fernsehsender).

Nutzungsorte Bewegtbild 2013 und 2014

 
Abb. 2: Nutzungsorte Bewegtbild 2013 und 2014
schon genutzt, absteigend sortiert nach Gesamt 2014, in %
Gesamt14-29 J.
2013201420132014
Videoportale im Internet57628588
Onlineangebote eines Fernsehsenders/Fernsehsendungen33364149
innerhalb einer Online-Community29296664
Onlineangebot einer Tageszeitung20222328
Onlineangebot eines Unternehmens15201828
Onlineangebot einer Wochenzeitschrift bzw. eines Wochenmagazins12181623
Onlineangebot eines Radiosenders14132115
Onlineangebot einer Privatperson8111215
Basis:Deutsch sprechende Onlinenutzer ab 14 Jahren (2014: n=1434; 2013: n=1389).
Quelle: ARD/ZDF Onlinestudie 2014 in Koch/Liebholz 2014, S.399


Wie Fernsehsender ihr Programm im Web ausweiten



Da Video-Sharing-Plattformen zu den am häufigsten genutzten Video-on-Demand-Angeboten zählen, verwundert es nicht, dass die klassischen Fernsehsender sich mittlerweile verstärkt auch auf YouTube engagieren, indem sie dort bspw. eigene YouTube-Kanäle anbieten (z. B. WDR#3 sechzich) oder sog. Multi-Channel-Netzwerke betreiben. Darunter versteht man Netzwerke, die zahlreiche YouTube-Kanäle bündeln und vermarkten[8]. ProSiebenSat.1 betreibt das Netzwerk "Studio71" mit rd. 360 Kanälen, und die RTL-Group übernahm im Jahr 2014 die Mehrheitsanteile an "StyleHaul", einem auf Mode und Schönheit spezialisiertem US-amerikanischem Multi-Channel-Netzwerk mit mehr als 3.500 YouTube-Kanälen.

Alle großen Fernsehsender bieten zudem seit Jahren Mediatheken an, in welchen der Zuschauer die Sendungen nachschauen kann, die er bei der regulären Fernsehausstrahlung verpasst hat. Der TV-Konzern ProSiebenSat.1 hat zudem mit MyVideo ein Video-on-Demand-Angebot, das neben der Bereitstellung von bereits ausgestrahlten Fernsehsendungen auch eigens für das Web produzierte Serien anbietet.

Darüber hinaus experimentieren zahlreiche Fernsehsender mit Sendungen, die im Fernsehen starten und dann ihre Handlungen im Web weiterführen[9]. Am 9. und 16. November 2014 strahlte beispielsweise der Sender ZDFneo den zweiteiligen Fernsehkrimi "Dina Foxx – Tödlicher Kontakt" aus. Um die einwöchige Pause zwischen den beiden Ausstrahlungsterminen zu überbrücken, wurde eine siebenteilige Webserie produziert, die ausgewählte Handlungsstränge aus dem ersten TV-Teil aufgriff und dem Onlinenutzer tiefere Einblicke in die Erzählwelt des Krimis gab. Ein anderes Beispiel ist das Format "Berlin – Tag & Nacht" (RTL II), in welchem das Leben der jungen Bewohner einer Wohngemeinschaft in Berlin dargestellt wird und Facebook genutzt wird, um dort einzelne Handlungsstränge durch Video-Posts im Anschluss an die Fernsehausstrahlung weiterzuerzählen.

Der Zuschauer wird somit rund um die Uhr über die neuen Geschehnisse in der WG auf dem Laufenden gehalten, also selbst dann, wenn das werktägliche Fernsehformat gerade nicht auf Sendung ist.

Smart-TV – das neue Internetfernsehen



Die Online-Verlängerung von Fernsehformaten wird für Fernsehsender erst recht interessant, wenn der Zuschauer zur Nutzung dieser Inhalte nicht auf einen zweiten Bildschirm (Screen) umsteigen muss, sondern sie unmittelbar am Smart-TV-Gerät abrufen kann. Die Ergänzung des klassischen Fernsehprogramms um Online-Inhalte erfolgt dann folgendermaßen: Im laufenden Programm wird der Zuschauer durch einen Hinweis darauf aufmerksam gemacht, dass er weitere Online-Infos aktivieren kann. Mit der Wahl des roten Knopfes der Fernbedienung kann er dann in die Online-Welt des jeweiligen Senders wechseln. Dort hat er die Möglichkeit, z. B. an Live-Abstimmungen bei Casting-Shows teilzunehmen oder, wenn die Sender z. B. mit Versandhäusern kooperieren, das Kleid der Moderatorin unmittelbar per Fernbedienung zu erwerben. Zeitgleich kann er sich parallel zu seiner Lieblingssendung ebenfalls mit seinen Freunden in sozialen Netzwerken austauschen.

Doch nicht nur Fernsehsender bieten auf dem Fernsehgerät Online-Inhalte an. Andere Anbieter wie z. B. YouTube, Facebook, Twitter, bild.de oder Internetradiosender sind mit vorinstallierten Applikationen vertreten, wobei im Prinzip die Anzahl der Inhalteanbieter und die Vielfalt an Diensten unbegrenzt sind: "Das können lokale Anbieter sein, das Tierheim oder der Pizza-Bring-Dienst oder auch das Bürgerbüro"[10]. Für Fernsehsender bedeutet diese Entwicklungsstufe des Internetfernsehens, dass sie ihren vormals exklusiven Zugang auf das Fernsehendgerät verlieren.

Welche Möglichkeiten bietet das Internetfernsehen dem Nutzer?



dGründe für die Nutzung des Internets am Smart-TV-Gerät. Quelle: Smart-TV-Effects 2014-II, Tomorrow Focus Media und Goldbach Audience 2014. PDF-Icon Grafik zum Download. Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Für den Zuschauer hingegen entsteht erstens die Möglichkeit, sich "Fernsehen à la carte"[11] zusammenzustellen. Internetfernsehen hat im Vergleich zum ‚alten‘ Fernsehen auch einen weiteren, entscheidenden Vorteil: die zeitsouveräne Nutzungsmöglichkeit. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, wann er sich im Online-Bereich etwas anschaut, ohne an die Ausstrahlungszeiten des klassischen Fernsehprogramms gebunden zu sein.

Der Wunsch, verpasste Fernsehsendungen nachzuschauen, ist mit 28,5 % schließlich auch ein zentrales Nutzungsmotiv von Besitzern eines Smart-TV-Geräts in Deutschland, so das Ergebnis einer Studie von Tomorrow Focus Media (2014)[12] (siehe Abbildung oben). Zudem hat der Zuschauer die Möglichkeit, auch weitere Video-on-Demand-Angebote (wie Video-Sharing-Plattformen, Online-Videotheken etc.) abzurufen. Um spezielle Filme zu sehen, die nicht im TV-Programm laufen, nutzen laut der Studie 29,2 % der befragten Deutschen die Internetfunktion an ihrem Smart-TV-Gerät. In der Hauptsache (29,6 %) wird das Internet jedoch dann am Fernsehapparat aktiviert, wenn dem Zuschauer das Programm der Fernsehsender als nicht genügend interessant und ansprechend erscheint.

Danach befragt, welche Angebote mit der Internetfunktion am Smart-TV-Gerät in der Hauptsache genutzt werden, geben 55,4 % der deutschen Haushalte an, Videos zu schauen (siehe Abbildung unten). Danach folgen komplette Filme oder Serien (50,7 %) und Sendungen aus den Mediatheken von Fernsehsendern (41,6 %).

Angebote, die mit der Internetfunktion auf dem Smart-TV-Gerät genutzt werden. Quelle: Tomorrow Focus Media, S. 24.Angebote, die mit der Internetfunktion auf dem Smart-TV-Gerät genutzt werden. Quelle: Tomorrow Focus Media, S. 24. Grafik zum Download. Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Mit dem Internetfernsehen wird somit ein alter Traum vieler Medienkritiker wahr: Der Zuschauer wird sein eigener Programmdirektor. Er kann sich sein eigenes Programm selbst zusammenstellen oder das von ihm favorisierte Fernsehprogramm um ergänzende Online-Informationen erweitern. So gesehen, bietet das Internetfernsehen die Möglichkeit zum individuell angepassten und deswegen ‚besseren‘ Fernsehen.

Angebotsvielfalt und Zeitsouveränität können jedoch auch anders, nämlich als Last interpretiert werden. Der Nutzer muss nun selbst aus einem ständig verfügbaren, unüberschaubaren Online-Programmangebot auswählen. Eine Vorselektion des Programms fehlt für die im Internet frei verfügbaren Inhalte. Dies mag bei Unterhaltungsangeboten weniger bedeutsam sein, bei journalistischen Nachrichteninhalten hingegen schon: Beim traditionellen ‚alten‘ Fernsehen verhält es sich so, dass der Sender (genauso wie die klassischen Medien Zeitung und Radio) mit seinem begrenzten Programmangebot eine filternde "Schleusenwärter"-Funktion (Gatekeeper) wahrnimmt. Er entscheidet darüber, was seinem Publikum aus der Fülle des Weltgeschehens dargeboten wird.

Negativ formuliert ist dies als eine Einschränkung des Souveräns 'Publikum' zu betrachten. Positiv gesehen geht mit der berufsjournalistischen Selektion und Informationsaufbereitung aber auch eine Qualitätssicherung einher. Journalistische Qualitätsstandards wie die Unabhängigkeit und Ausgewogenheit der Berichterstattung sind hier gewährleistet. Dies kann einerseits nicht bei all den Online-Inhalten vorausgesetzt werden, die von Privatpersonen, werbetreibenden Unternehmen, Parteien oder anderen nicht-journalistisch arbeitenden Anbietern bereitgestellt werden. Andererseits ermöglicht das Fehlen der "Schleusenwärter" zugleich auch, dass nun jeder seine eigenen Videos oder Kommentare veröffentlichen kann. Sie werden so einem Massenpublikum zugänglich gemacht – von belanglosen Alltäglichkeiten bis hin zu relevanten gesellschaftlichen Missständen.


Fußnoten

1.
vgl. Sewczyk/Wenk S. 178
2.
vgl. Fuchs/Hamann: Digitalisierungsbericht 2014, S. 41ff.
3.
vgl. Studie der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationstechnik (gfu) 2013
4.
Sewczyk/Wenk S. 181
5.
BLM/Goldmedia 2011, S. 33; Video-Abrufe 2012: 194 Mio., keine Vergleichszahl in Prozent beim Anteil an den Gesamt-Abrufzahlen
6.
vgl. Koch/Liebholz 2014: 399
7.
vgl. Koch/Liebholz 2014: 399
8.
vgl. Gugel
9.
Zu den besonderen erzählerischen Herausforderungen von sog. transmedialen TV-Formaten, die sich über verschiedene Medien erstrecken, vgl. Gerhards 2013
10.
vgl. Gottberg/Graubner S. 59
11.
vgl. Gottberg/Graubner S. 56
12.
vgl. Tomorrow Focus Media S. 30

 

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