Akquisos

14.8.2013

"Fundraising muss noch professioneller werden."

Interview mit Hanneke Lenkens, Direktor des „Institut Fondsenwerving”

Das Fundraising-Institut „Institut Fondsenwerving” ist einer von zwei niederländischen Fundraising-Verbänden. Es konzentriert sich auf kleinere und neu gegründete Organisationen in den Bereichen Gesundheit, Kultur und zivilgesellschaftliches Engagement.

Weitere Informationen: www.instituutfondsenwerving.nl

Akquisos: Welchen Stellenwert hat Fundraising in den Niederlanden und wie sind die wesentlichen Entwicklungen?

Hanneke Lenkens (HL): Gerade in den letzten Jahren hat Fundraising in den Niederlanden deutlich zugenommen. Hintergrund dafür ist die Krise, die auch bei Unternehmen und beim öffentlichen Geldgeber Spuren hinterlassen hat. Das heißt, es gibt weniger Geld zu verteilen als bisher. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Organisationen zu – also wird der Konkurrenzdruck größer.

Akquisos: Was heißt das für die Organisationen, die Fundraising betreiben?

HL: Ich nehme – wenn wir mal von den großen Organisationen absehen, wo Fundraising natürlich schon lange etabliert ist – zwei Gruppen wahr: Die einen, bei denen wir auch als Verband immer wieder die Notwendigkeit von Fundraising darstellen müssen. Hier ist die Arbeit sehr grundsätzlich, diese Organisationen beginnen gerade erst, sich mit dem Thema auseinander zu setzen; beispielsweise auf Schulen trifft das häufig zu. Und dann haben wir – gerade im kulturellen Sektor – Organisationen, die schon mehr Erfahrung im Fundraising haben. Die wollen dazulernen und sind an weiteren Fortbildungen usw. interessiert. Aber auch die stehen meiner Ansicht nach noch ganz am Anfang. Freunde von mir arbeiten in Deutschland und in den Niederlanden. Sie sagen, dass die Entwicklung des Sektors in Holland ein wenig weiter wäre als in Deutschland. Aber sicherlich nicht viel und ich denke, dass auch hier noch viel Professionalisierung möglich ist.

Akquisos: Wo sehen Sie die größten Potentiale im Fundraising in den Niederlanden?

HL: Wie schon gesagt, es verschiebt sich gerade einiges aufgrund der Finanzkrise. Ich sehe da allerdings auch einen Vorteil gerade für unsere kleineren Organisationen. Denn sie arbeiten in der Regel wesentlich direkter und dichter mit den Spender/innen. Der Kontakt ist häufig intensiver als bei größeren Organisationen, deshalb kann ich mir vorstellen, dass sie erfolgreicher sind. Eine weitere wichtige Entwicklung ist die Vererbung von Geld. Wir haben in den Niederlanden mehr und mehr Leute, die ihr Geld – oder einen Großteil davon – schon zu Lebzeiten vererben bzw. stiften wollen. Die sind jetzt in einem Alter von ca. 40-60 Jahren und bisher beim Fundraising nur wenig beachtet worden. Das ändert sich gerade.

Akquisos: Welches war aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren die erfolgreichste Fundraising-Kampagne und warum?

HL: Das ist eine schwierige Frage, so auf die Schnelle. Da kommt mir eine Kampagne in den Sinn, die zwar nur teilweise mit Fundraising zu tun hatte, aber die ich trotzdem gut fand: 2011 hat die ALS-Stiftung Niederlande die Kampagne „Es geht nicht um mich. Ich bin schon gestorben.” durchgeführt. Sie sollte über die unheilbare Nervenkrankheit ALS aufklären (Amyotrophe Lateralsklerose, eine Nervenkrankheit, bei der Patienten/-innen die Kontrolle über die Muskeln verlieren. Sie gilt als unheilbar, ebenso ist die Ursache bisher unbekannt. Anm. d. R.). In Filmen und auf großen Plakaten sowie im Internet wurden Patienten vorgestellt, die zwischenzeitlich verstorben waren. Natürlich alles Freiwillige. Die Kampagne war sehr direkt und konfrontativ und hat eine große Diskussion ausgelöst. ALS kennen jetzt viele in Holland. (Neben dem Bekanntheitsgrad sind auch die Spenden bei der ALS-Stiftung um das Fünffache gestiegen. Die Kampagne hat verschiedene internationale Preise gewonnen, www.vechtmeetegenals.nl/home und http://osocio.org/message/i_have_already_died).

Akquisos: Wie beurteilen Sie die rechtlichen und steuerlichen Hintergründe für Fundraising?

HL: Das ist ein großes Thema, weil immer wieder Entscheidungen getroffen werden, von denen dann auch Fundraising und gemeinnützige Organisationen betroffen sind, an denen wir aber kaputt gehen können. Ein Beispiel ist das Verbot von Hausbesuchen oder Anrufen bzw. Mailings, wenn nicht ausdrücklich zugestimmt wird. Das ist ausgelöst worden durch die aggressive Werbung in Branchen wie dem Energiesektor. Jetzt sind wir von den negativen Entwicklungen auch betroffen, aber weil die Lobby der Gemeinnützigen so gering ist, könnten wir vielleicht eine Ausnahmeregelungen erreichen. Das versuchen wir gerade.

Akquisos: Herzlichen Dank für das Gespräch.


Noch ein paar Zahlen zum Fundraising in den Niederlanden

2009 wurden ca. 1,93 Mrd. Euro gespendet, dabei sind Sachspenden als Geldwert berücksichtigt. Unternehmen haben 1,64 Mrd. Euro gespendet. Die ersten drei Plätze der Fundraising-Branchen waren hier: Kirchen und Religionsgemeinschaften (891 Mio. Euro), Sport und Freizeit (715 Mio. Euro) und der Gesundheitssektor (644 Mio. Euro). Weitere Informationen von „Giving in the Netherlands 2011” (mit Zahlen von 2009): www.fsw.vu.nl/nl/Images/summary_gin2011_tcm30-255747.pdf.