Akquisos

11.6.2014

Crowdfunding in der Praxis

Interview mit Axel Kersten von Stör/Element

Stör/Element ist ein neuer YouTube-Channel, der politische Bildung für junge Menschen unabhängig von klassischen Medien anbietet. Das Publikum beziehungsweise die "Community" entscheidet demokratisch über Themen, die sie interessieren und Stör/Element produziert dann dazu Beiträge. Diese können bei YouTube kommentiert und diskutiert werden. Der erste Film zum europäisch-amerikanischen Freihandelsabkommen TTIP ging im März 2014 online.

Vor der Produktion der ersten Folge führte Stör/Element von Dezember 2013 bis Februar 2014 eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform Startnext durch. Das Funding-Ziel von 2.500 Euro wurde erreicht – 65 "supporter" unterstützten das Projekt mit insgesamt 2.774 Euro.

Akquisos sprach mit Axel Kersten, einem der drei Gründer von Stör/Element. Seine Rolle im Team ist die des Producers & Channel Managers. Er ist Kaufmann für audiovisuelle Medien und Medienwissenschaftler (B.A.).

Akquisos: Wie entstand die Idee zu Stör/Element?

Axel Kersten: Die Idee hatten meine Kollegen Frederik Nelting, Arne Fleckenstein und ich schon vor eineinhalb Jahren. Wir fanden, dass auf YouTube noch ein Format für politische Bildung fehlte, das Themen kritisch hinterfragt und kontrovers verschiedene Standpunkte dazu darstellt. Wir dachten, dass das – wenn es gut gemacht ist, inhaltlich und visuell – bei einer jungen Zielgruppe auch gut ankommen könnte. Da sehen wir eine Nische, Leute anzusprechen, die durch das klassische lineare Fernsehen nicht erreicht werden.

Akquisos: Warum haben Sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet?

A.K.: Wir haben Crowdfunding nicht so sehr als Mittel gesehen, um an große Einnahmen zu kommen, sondern eher als eine Art Marketing-Tool. Uns ging es vor allem um Aufmerksamkeit. Für uns war Crowdfunding ein Test, um den Marktwert unserer Idee abzuschätzen. Und die Resonanz war wirklich super.

Akquisos: Wissen Sie, wer Ihre Unterstützerinnen und Unterstützer beim Crowdfunding sind?

A.K.: Ich schätze, dass wir etwa die Hälfte unserer Unterstützer persönlich kennen. Ein weiteres Viertel sind Leute, die uns über jemand anders kennen, also Bekannte von Bekannten. Es sind aber auch einige Leute, also etwa das verbleibende Viertel, die uns vorher nicht kannten. Sie sind über die Startnext-Plattform oder Facebook auf uns aufmerksam geworden, fanden die Idee gut und haben auch etwas gegeben. Wir konnten unser bestehendes Netzwerk durch die Kampagne erweitern. Das war schon ein Erfolg, denn ohne prominente Fürsprecher oder bekannte Gallionsfiguren ist es nicht so leicht, schnell große Aufmerksamkeit zu erhalten.

Akquisos: Wie sind Sie konkret vorgegangen, als Sie die Kampagne gestartet haben?

A.K.: Wir haben zunächst unsere eigenen Bekannten und Freunde auf Facebook informiert und gebeten, unsere Kampagne zu verbreiten und die Sache bekannt zu machen. Und das immer wieder. Man kommt dann allerdings relativ schnell an den Punkt, dass die Leute sagen: "Hey, ich weiß es jetzt, ich finde es gut, aber jetzt nervt nicht weiter!" Da muss man vorsichtig sein. Wir haben auch versucht, an Blogger und Prominente heranzutreten und diese von unserem Projekt zu begeistern. Aber da läuft es auch eher so, dass die auf dich aufmerksam werden müssen.

Akquisos: Wie haben Sie Ihr Funding-Ziel festgelegt und wofür setzen Sie das Geld ein?

A.K.: Wir haben die Summe unseres Funding-Ziels bewusst niedrig gehalten, um zu sehen, ob wir es schaffen, Leute dafür zu begeistern. Und das hat geklappt. Die Produktionskosten für die Videos liegen eigentlich viel höher – die können wir mit den Mitteln aus dem Crowdfunding nicht komplett finanzieren. Die Crowdfunding-Beiträge werden eher für Extra-Kosten eingesetzt. Wir setzen bisher vor allem unsere eigene Arbeitskraft und unser eigenes technisches Equipment ein. Wenn man dauerhaft professionell arbeiten will, muss man das Team aber auch bezahlen. Es ging hier vor allem um eine Anschub-Finanzierung.

Akquisos: Was wäre denn passiert, wenn Sie das Crowdfunding-Ziel nicht erreicht hätten – es gilt ja das "Alles oder nichts-Prinzip"?

A.K.: Es kommt darauf an, wieviel noch gefehlt hätte – wenn es nur noch ein kleiner Betrag gewesen wäre, hätten wir selbst noch etwas draufgelegt. Wenn nur ein kleiner Teil zusammengekommen wäre, hätten wir uns gesagt: "Okay, wir haben es nicht geschafft" und nach anderen Wegen der Finanzierung gesucht. Das Projekt hätten wir trotzdem weiterverfolgt. Es wäre aber ein klassischer Fehlstart gewesen.

Akquisos: Zum Crowdfunding gehören ja die Dankeschöns, die die Unterstützer als Gegenleistung für ihren Beitrag erhalten. Was gab es bei Ihnen als "Dankeschön" und welche Rolle spielen diese aus Ihrer Sicht?

A.K.: Bei uns gab es Nennungen im Abspann, Postkarten, Buttons und bedruckte T-Shirts. Unterstützer mit besonders hohen Beträgen wären als Assistant Producer oder Co-Produzent in einer Folge im Abspann genannt worden. Mit den Dankeschöns bzw. "Goodies" ist es bei einem Online-Videoformat nicht so einfach.

Bei Leuten, die etwas produzieren wie etwa ein Buch und das via Crowdfunding finanzieren, ist das etwas anderes – da erhalten die Unterstützer am Ende ein Produkt. Sie bekommen wirklich etwas in die Hand, oft auch mit dem Gegenwert ihrer Unterstützungssumme. Bei uns als Online-Bildungsformat geht es ja eher darum, dass die Leute etwas fördern, was sie gut und wichtig finden. Viele unserer Unterstützer wollten auch die Goodies gar nicht haben, das war ihnen nicht wichtig. Die fanden einfach die Idee gut und wollen das sehen. Ich würde die Rolle der Goodies in unserem Fall nicht überbewerten. Aber die Unterstützer werden durch das Crowdfunding direkt Teil der Community und werden stärker gebunden – und das ist für beide Seiten ein Plus.

Akquisos: Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

A.K.: Aktuell produzieren wir die zweite Stör/Element-Folge mit dem Titel "Lobbyismus – eine Gefahr für die Demokratie?". Sie wird etwa Mitte Juni 2014 online gehen. Und zwischen den Folgen produzieren wir Kurzbeiträge zur Europawahl. Die werden nicht mit so hohem Aufwand produziert, kommen aber auch gut an. Wir bewerben uns bei verschiedenen Förderprogrammen und Stiftungen und hoffen, unser Projekt langfristig sichern zu können.

Akquisos: Viel Erfolg dabei und Danke für das Gespräch!

Weitere Informationen: www.stoerelement.de/
Youtube-Channel von Stör/Element: www.youtube.com/user/stoerelement