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Die Ohnmacht der Objektivierung Deutsche Historiker und ihre Umbruchserinnerungen nach 1945 und nach 1989


26.5.2002
Zeitgeschichtliche biographische Rückblicke von Historikern erwachsen aus einer Konkurrenz von persönlicher Erinnerung und Fachwissenschaft. Nicht zuletzt die dokumentarische Evidenz und kausale Stringenz spielen im Schreibprozess eine wichtige Rolle.

Einleitung



Die Zeitgeschichte als fachliche Disziplin hat sich in Deutschland in einem mühseligen Institutionalisierungsprozess gegen den Einwand durchzusetzen vermocht, dass sie infolge von Zeitnähe, restringiertem Quellenzugang und fehlendem Epochenabschluss zu wissenschaftlich gesicherter Erkenntnis nicht hinreichend in der Lage sei. Auch gegenüber der gegenwärtigen Herausforderung durch eine Erinnerungskultur, die dem Zeithistoriker keinen höheren Rang mehr einräumen will als dem Zeitzeugen, besteht die professionellen Standards verpflichtete Geschichtsschreibung mit Paul Ricoeur auf ihrem kritischen Grundcharakter, der sich aus dem unabdingbaren Zwang zu dokumentarischer Evidenz und kausaler Stringenz ergibt [1] .

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  • Aber trifft diese kategorische Grenzziehung, so essenziell sie wissenschaftstheoretisch ist, ebenso kategorisch auch die Praxis der Historie? Dies soll im Folgenden an einer Schnittstelle erörtert werden, an der Zeitgeschichte und Zeitzeugenschaft personell zusammenfallen, aber inhaltlich in besonderer Spannung zueinander stehen: nämlich anhand der rückschauenden Selbstvergewisserung deutscher Historiker und der objektivierenden Darstellung ihres persönlichen Erlebens nach den Umbrüchen von 1945 und 1989. Im Mittelpunkt steht dabei eine vergleichende Zusammenschau, die ausdrücklich nicht einzelnen Standpunkten und Urteilen in der Sache gilt, sondern allein den verschiedenen Verarbeitungsformen und "Stilen" des "historiographischen Gedächtnisses" beruflich geschulter Fachhistoriker [2] . Mit dieser Betrachtung verknüpft sich angesichts der doppelten deutschen Diktaturerfahrung im 20. Jahrhundert zugleich die Frage, inwieweit die Objektivierungsmuster eigener Zeiterfahrung von Historikern in Ost und West nach 1945 und von ehemaligen DDR-Historikern nach 1989 überhaupt vergleichend miteinander in Beziehung gesetzt werden können.

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    Fußnoten

    1.
    Vgl. Paul Ricoeur, Das Rätsel der Vergangenheit. Erinnern - Vergessen - Verzeihen (Essener Kulturwissenschaftliche Vorträge, Bd. 2), Göttingen 2000, S. 114 ff.; vgl. auch den Beitrag von Hans-Günter Hockerts in diesem Heft.
    2.
    Eine entsprechende Untersuchung zur autobiographischen Behandlung des Nationalsozialismus unter Konzentration auf die Erinnerungen von Johannes Haller, Hermann Heimpel, Friedrich Meinecke und Gerhard Masur unternimmt Nicolas Berg, Zwischen individuellem und historiographischem Gedächtnis. Der Nationalsozialismus in Autobiographien deutscher Historiker, in: BIOS, 13 (2000) 2, S. 1181-1207. Zum Begriff des autobiographischen "Stils": Jean Starobinski, Der Stil der Autobiographie, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Darmstadt 1989², S. 200-213.