Ahmadinedschad auf der Konferenz "The World without Zionism".
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Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen

Wir brauchen mehr Aufklärung!


13.11.2012
Im August 2012 verprügeln wahrscheinlich muslimische Jugendliche einen Berliner Rabbi auf offener Straße und verletzen ihn dabei schwer. Feige Attacken wie diese gelangen zwar regelmäßig zu medialer Aufmerksamkeit. Viel häufiger begegnet einem der Antisemitismus unter muslimischen Migranten aber im Alltag, auf Schulhöfen, in Schulklassen, Moscheen, auf Facebook, in Satellitensendern und in Foren.

Supermarkt mit koscheren Lebensmitteln in Berlin.Supermarkt mit koscheren Lebensmitteln in Berlin. (© AP)

Im Jahr 2003 stellt der gläubige Jude Dieter T. seinen Laden in Berlin Tegel auf koschere Lebensmittel um. Neben Kaffee und Brötchen gibt es jetzt auch Delikatessen aus Israel. Draußen weht die israelische Fahne, die Schaufenster beklebt er mit dem Davidstern. Vier Wochen geht das gut, dann beginnt der Terror. Fast täglich halten vor seinem Laden Autos, deren Fahrer ihn bedrohen: "Du Judenschwein” und "Du hättest schon längst in der Gaskammer sein können” oder "Mit deiner dreckigen Fahne putze ich mir die Schuhe!”. Täglich findet er bespuckte Fensterscheiben, dann Urin und andere menschliche Exkremente an der Hauswand. Als er schließlich immer weniger verdient und auch die Polizei ihn und seinen Laden nicht schützen kann, sieht der Ladenbesitzer keine andere Möglichkeit, als sein Geschäft zu schließen.[1]

Neun Jahre danach, im August 2012, wird Herr Alter, ein Rabbi aus Berlin Friedenau, auf offener Straße verprügelt und dabei schwer verletzt. Seine kleine Tochter, die mit ihrem Vater unterwegs war, wird ebenfalls bedroht und muss die Attacke auf ihren Vater miterleben. Was Dieter T. und Rabbi Alter eint: Ihre Peiniger haben wahrscheinlich einen muslimischen Hintergrund.

Zwar gelangen feige Attacken wie diese regelmäßig zu medialer Aufmerksamkeit. Viel häufiger begegnet einem der Antisemitismus unter muslimischen Migranten aber im Alltag, auf Schulhöfen, in Schulklassen, Moscheen, auf Facebook, in Satellitensendern und in Foren. Dieser Antisemitismus ist kaum erforscht, stellt aber eine der großen Bedrohungen für unsere Demokratie dar.

Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus findet in der muslimischen Community kaum Beachtung. Weder auf religiöser, noch auf traditioneller und schon gar nicht auf politischer Ebene. "Jude" ist unter muslimischen Jugendlichen ein Schimpfwort geworden. Verschwörungstheorien über die "Herrschaft der Juden" oder ihre aktive Rollen bei der Finanzkrise oder bei den Anschlägen am elften September und die Behauptung, die Juden steuerten die USA und ihre Politik, sind unter muslimischen Jugendlichen sehr verbreitet. Auch Stereotype wie "Juden sind dreckig, betrügerisch, manipulativ und geldgierig” sind nicht selten und werden zumeist durch die Familie, arabische Medien (besonders der Sender Al-Aqsa, der von der Terrororganisation Hamas betrieben wird, sowie der libanesische Hisbollah Sender El- Manar) und auch Moscheen vermittelt und verstärken sich dann in den Peer-Groups. Die pädagogischen Konzepte in den Schulen haben auf diese spezifische Problematik kaum Antworten. Es ist ein pädagogisches Umdenken notwendig, um diese antisemitischen Tendenzen wirkungsvoll zu bekämpfen.

Formen des Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen



Es sind vielfältige antisemitische Stereotype, die bei muslimischen Jugendlichen in Deutschland zu finden sind. So sind beispielsweise bei türkischen Jugendlichen seit ein paar Jahren verstärkt Verschwörungstheorien im Umlauf über die Herrschaft der Juden in der Finanz- und Weltpolitik. Auch wird den Juden eine einflussreiche und negative Rolle bei den innertürkischen Konflikten zugeschrieben. Serien und Filme wie "Tal der Wölfe” propagieren solche Stereotype unterschwellig. Die momentane neoosmanische Außenpolitik der Regierung Erdogan und ihre verstärkte Orientierung an den arabischen Ländern führt dazu, dass der Staat Israel zunehmend feindlich wahrgenommen und als Feindbild dargestellt wird. Diese Distanz der türkischen Regierung gegenüber Israel befördert eine unreflektierten Israel-Hass türkischer Jugendlicher auch hier in Deutschland.

Bei arabischen Jugendlichen macht sich der Antisemitismus meist anhand des Nahostkonfliktes bemerkbar. Man kann hier von antizionistischem Antisemitismus sprechen, denn es wird kaum zwischen Israelis und Juden unterschieden. Die Stimmung gegenüber Juden ist oft sehr aggressiv und die Klischees deutlicher ausgeprägt.

Darüber hinaus ist auch ein islamistisch argumentierender Antisemitismus auf dem Vormarsch. Radikale islamistische Gruppierungen sprechen oft von Juden als Feinden des Islams. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass sich rund ein Drittel des Korans mit Geschichten über Juden beschäftigt. Solche Geschichten werden oft aus ihrem historischen und lokalen Kontext gerissen und auf alle Juden und die Gegenwart übertragen. Ohne eine differenzierte, moderne, zeitgemäße und demokratieorientierte Koraninterpretation besteht so immer die Gefahr, Vorurteile über Juden zu verstärken und unreflektiert weiterzugeben. Anhänger extremistischer Strömungen wie die Salafisten beziehen sich zur Legitimation ihrer antisemitischen Positionen auch auf bestimmte religiöse Quellen neben dem Koran und seiner wörtlichen Interpretation: Sie verbreiten fragwürdige Hadithen (überlieferte Aussagen des Propheten Mohammad), in denen Gott die Juden verflucht oder in denen von der "Armageddon Schlacht" die Rede ist, in der die Muslime alle noch lebenden Juden umbringen werden. Darüber hinaus wird die im Koran beschriebene Auseinandersetzung zwischen dem Propheten Mohammed und den jüdischen Stämmen, die auf dem Gebiet des heutigen Saudi-Arabien lebten, auf die heutigen Juden übertragen.

Die Mobilisierung und Reproduktion pauschalisierender antiisraelischer Positionen bietet Anknüpfungspunkte für antisemitische Stereotype. Außerdem beobachtet man seit mehr als 20 Jahren eine Islamisierung des Nahostkonflikts. Vor allem Extremisten stellen den territorialen Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel als globales, islamisches Problem dar. Und leiten daraus eine Pflicht ab für alle Muslime, um das heilige Land zu kämpfen.

Wir brauchen eine innerislamische Auseinandersetzung mit Antisemitismus



Viele muslimische Institutionen und ihre Vertreter relativieren Antisemitismus als Problem unter Migranten. Das hilft nicht bei seiner Bekämpfung. Hier wird Antisemitismus zumeist nur als eine Form von Rassismus wahrgenommen, die anderen Erscheinungsformen des Antisemitismus hingegen werden klein geredet (wie zum Beispiel Weltverschwörungstheorien ). Hinzu kommt, dass Antizionismus oft pauschal als legitim gilt, selbst wenn er antisemitisch konnotiert ist. Eine wirkliche Analyse findet kaum statt. So sagte Ali Kizilkaya in seiner Funktion als Sprecher des Koordinationsrates der Muslime (KRM) 2012:" Wir sind aber auch überzeugt, dass neben der Bekämpfung des Antisemitismus hier vor allen die Anstrengung gegen den Kern des Übels wirksam sein kann. Und das ist klar Rassismus und Menschenfeindlichkeit". Damit geht er der Frage aus dem Weg, weshalb speziell "die Juden" eine Jahrtausende lange Anfeindung erlebt haben und erleben. Antisemitismus ist auch in der Mehrheitsgesellschaft vorhanden. Doch Antisemitismus unter Muslimen hat in der Regel andere Entstehungsgründe und Ausdrucksweisen.

Eine innerislamische Debatte und Auseinandersetzung mit diesem Thema ist deshalb unverzichtbar und könnte schnell zu positiven Änderungen führen. Dabei könnten muslimische Vorbilder eine entscheidende Rolle spielen: Sie gewinnen schnell das Vertrauen der Jugendlichen und zeigen ihnen eine innerislamische Alternative, die auf Toleranz, Respekt und Miteinander basiert und frei von Vorurteilen, Opfern oder Feinbildern ist.


Fußnoten

1.
Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg) (2008): Antisemitismus in Europa. Vorurteile in Geschichte und Gegenwart. Bonn. S. 44
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/

 
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