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Rudi Dutschke und die nationale Frage

Matthias Stangel

/ 16 Minuten zu lesen

Rudi Dutschke war die Gallionsfigur der studentischen Proteste innerhalb der Außerparlamentarischen Opposition (APO) in der Bundesrepublik. Als „Abhauer" aus der DDR stellte sich die nationale Frage für ihn auf eine besondere Art und Weise. Matthias Stangel skizziert in seinem Beitrag die Bedeutung nationaler Elemente in den sozialistischen Konzeptionen Dutschkes.

Rudi Dutschke spricht in der Technischen Universität Berlin auf einem internationalen Vietnam-Kongress, 1968 (© Bundesregierung / Klaus Lehnartz, B 145 Bild-00048336)

„Der Hauptfeind ist das eigene Land!“, „No love for a Deutschland!“, „Nationalismus. Patriotismus. Rassismus. Deutschland ist tödlich!“ oder „We love Volkstod! Für etwas Besseres als die Nation!“ – dies sind nur schnell zusammengetragene Beispiele für Parolen und Slogans, unter denen in der Bundesrepublik im Laufe der letzten Jahre ausdrücklich als „antinational“ angekündigte Demonstrationen stattfanden. Die Reihe solcher Fälle ließe sich weiter fortführen und verdeutlicht damit das Spannungsverhältnis vieler politisch Linker zur Kategorie der Nation. Ein nicht unbedeutender Teil von ihnen vertritt eine nahezu bis dezidiert anti-nationale Haltung. Diese lässt sich in verschiedenen Abstufungen auch bei Teilen der parlamentarisch etablierten Parteien feststellen. Viel eindeutiger und aggressiver tritt diese Haltung bei der linksextremen Ausformung des „Schwarzen Blocks“ auf der Straße hervor. Weiterhin gilt ein antinationales Einstellungsmuster auf dem publizistisch-kulturellen Sektor als Markenzeichen der „antideutschen“ Fraktion im Dunstkreis der Zeitschriften „bahamas“, „konkret“ oder „jungle world“.

Jedoch ist das Verhältnis der Linken zur Nation keineswegs durchgängig negativ, handelt es sich doch zum einen bei der „Linken“ um ein sehr heterogenes Spektrum. Zum anderen sind die Debatten in Bewegung: So liegt ein Motiv für die Zwiespältigkeit im Bezug zur Nation darin, dass sich das heutige linke Spektrum mit der fortschreitenden Entmachtung der Nationalstaaten durch supra- und internationale Institutionen, wie der EU-Kommission, der Welthandelsorganisation, dem Internationalen Währungsfonds, oder dem Treffen der 20 wichtigsten Industrienationen, dem „G20“-Treffen, konfrontiert sieht. Für viele sind diese Organisationen mit einer immanenten Gefahr einer Entdemokratisierung von Strukturen verknüpft, die ehemals die Domäne nationalstaatlich legitimierter Politikprozesse waren, und ihre Existenz wird als epochaler Wandel hin zu einer Postdemokratie begriffen. Dies führt zwar (noch) nicht dazu, dass die Linke die Nation als historische Bezugsgröße, als ausschlaggebende, Schutz gewährende und Legitimität stiftende Einheit sowie als Kristallisationspunkt der eigenen Identität begreift. Gleichwohl könnte der Teil der politischen Linken, der sich nicht zur eingangs zitierten Fraktion der Antinationalen zählen lässt oder sich sogar aktiv von dieser Gruppe absetzt, auf eine zentrale Frage stoßen: Muss vor diesem Hintergrund die Verteidigung der nationalstaatlichen Souveränität nicht zumindest als Verteidigung der Demokratie begriffen werden und somit eine Aufgabe der politischen Linken sein?

Rudi Dutschke: Emotionale und politische Haltung zur nationalen Frage

Die Frage nach dem Verhältnis der Linken zur Nation ist daher ein wichtiger Untersuchungsgegenstand und offenbart eine stets von Widersprüchen, Kontroversen und historischen Prozessen geprägte Debatte. Bei der Suche nach Beispielen für eine dezidiert linke Annäherung an das Wesen der Nation lohnt sich der Blick zurück auf Rudi Dutschke (1940 bis 1979). Dutschke war die Gallionsfigur der studentischen Proteste innerhalb der Außerparlamentarischen Opposition (APO) in der Bundesrepublik und gewissermaßen der „68er“ schlechthin. Seine fortwährende Beschäftigung mit der Situation des eigenen Landes ist eine Facette seines Lebens, die teilweise ausgeblendet oder aber falsch dargestellt wird und im Zuge ihrer Thematisierung nicht selten mit einem hohen Grad an Emotionalität sowie politischer Brisanz einhergeht.

Zunächst lässt sich feststellen, dass dieser Aspekt tief in seiner Biografie verwurzelt ist. Bereits im Jahre 1958 hatte Dutschke in der DDR anlässlich einer Generalversammlung an seiner Oberschule in seiner Funktion als Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und Leiter der Sportabteilung eine Rede gehalten, in der er „die herrschende Bürokratie“ in der DDR angegriffen sowie sich „gegen die Spaltung des Landes“ ausgesprochen hatte. Nahezu zeitgleich verweigerte er den „freiwilligen“ Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR und erläuterte hierzu im Jahre 1968 rückblickend seine patriotische Motivation für diesen Schritt:

„Ich bekannte mich zur Wiedervereinigung, bekannte mich zum Sozialismus, aber nicht zu dem Sozialismus, wie er betrieben wurde, und sprach mich gegen den Eintritt in die ‚Nationale Volksarmee‘ aus. Ich war nicht bereit, in einer Armee zu dienen, die die Pflicht haben könnte, auf eine andere deutsche Armee zu schießen, in einer Bürgerkriegsarmee, und zwar in zwei deutschen Staaten, ohne wirkliche Selbständigkeit auf beiden Seiten, das lehnte ich ab.“ Für den Beginn seines Studiums zog Rudi Dutschke nach West-Berlin und wurde durch den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 abrupt von seiner Familie im brandenburgischen Luckenwalde abgeschnitten. Durch diesen Schritt zählte der Ostdeutsche Dutschke, wie auch Bernd Rabehl, später im westdeutschen Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) zur Gruppe der „Abhauer“. Vor allem aber markierte dies den Beginn seiner lebenslangen Beschäftigung mit der „deutschen Frage“. Dabei ist vor den Ereignissen der Jahre 1958 und 1961 frühzeitig die „existenzielle Schärfe“ in seinen deutschlandpolitischen Überlegungen herauszulesen: Den Bau der Mauer, der die schmerzliche Trennung von seiner alten Heimat bedeutete, empfand er als „Verewigung des Spaltungszustandes“. Weiterhin erklärte Dutschke, der sich stets als „Deutscher und deutscher Sozialist“ verstand, zu seiner Übersiedelung nach West-Berlin:

„Die ‚deutsche Frage‘ war mir nie fremd, ich verließ die DDR nicht, um in ein ‚Exil‘ zu gehen. Zwar in fremde Verhältnisse, aber nicht in ein fremdes Land“. Bei Dutschke zeigte sich im Folgenden einerseits die Ablehnung der politischen Systeme in beiden Teilen Deutschlands und andererseits die tiefe Verbundenheit mit dem ganzen Land:

„Mir fiel die Anerkennung der Bundesrepublik Deutschland ebenso schwer wie die der DDR. Ich verstand darunter eine Verewigung des Spaltungszustandes. Sollten meine Brüder ihren Geburtsort Koblenz nie kennenlernen, sollte ich als einer aus dem Brandenburgischen den Rhein nie sehen? Das wollte ich nicht hinnehmen“. Demzufolge kam der Wiedervereinigung eine große Bedeutung und der nationalen Frage ein zentraler Stellenwert in seinen politischen Konzeptionen zu. Mit dem Begriff „nationale Frage“ ist in diesem Kontext, stark verkürzt, die spezielle Situation der Teilung Deutschlands nach 1945 umschrieben worden.

Gleichwohl mögen Dutschkes emotionale und politische Haltung zur nationalen Frage zwar nicht zuletzt durch die Studien von Wolfgang Kraushaar und Bernd Rabehl einem eingeweihten Kreis bekannt sein, in das allgemeine Bewusstsein scheinen sie noch nicht gedrungen sein. Die linke tageszeitung wird bei der von ihr initiierten Umbenennung einer Straße in Berlin eher das Idealbild des hundertprozentigen Internationalisten Rudi Dutschke vor Augen gehabt haben. Doch durch einen neuen Quellenfund ist nun erstmals eine in emotionaler und pathetischer Hinsicht noch tiefere Ebene in seinem Heimatgefühl deutlich geworden. Im Nachlass hat sich das gleichermaßen patriotische wie auch differenzierende Urteil des Sozialisten Dutschkes zur eigenen Nation gefunden – auf einem Zettel, lose in ein Buch gesteckt, notierte er handschriftlich:

„Die Schwierigkeit ein Deutscher zu sein: (Warum ich aber dennoch stolz bin) Wie jedes Volk das Recht, die Pflicht und das Bedürfnis hat, auf sein Land stolz zu sein, und mögen noch so viel Rückschläge gewesen sein.“

Tiefer Wunsch nach deutscher Normalität

Diese, nun erstmals archivalisch erschlossene Quelle ist von hohem Stellenwert: Rudi Dutschke schreibt hier in einer eindeutigen Weise seine Haltung zu seinem Vaterland nieder. In diesem Zusammenhang wird zwar auch wieder die historisch bedingte Ambivalenz deutlich („Die Schwierigkeit ein Deutscher zu sein“), gleichwohl fordert Dutschke in deutlicher Form, dass eben auch den Deutschen das Recht auf eine patriotische Haltung zugestanden werden sollte – Patriotismus war für ihn ein Bedürfnis, ja sogar die Pflicht eines jeden Volkes. Verdeutlicht wird dies an gleicher Stelle, denn Dutschke benutzt hier zur Klassifizierung seiner Verbundenheit zu Deutschland erstmals den Begriff „Stolz“.

Diese Notiz ist damit aus mehreren Gründen bedeutsam:

Erstens handelt es sich hier um ein emotionales, gar pathetisches Bekenntnis Dutschkes, verdeutlicht durch die Kategorie des „Stolzes“, das sich in dieser Form nicht in seinen bekannten Publikationen zur nationalen Frage findet. Erst aus dieser neuen Perspektive heraus lässt sich besser verstehen, weshalb Dutschke sich hin- und hergerissen fühlte in seiner Haltung zum gleichermaßen „geliebten, aber auch verachteten Deutschland".

Zweitens dürfte dieses Bekenntnis selbst seiner eigenen Familie gänzlich unbekannt oder zumindest unverständlich gewesen sein. Für diese Annahmen spricht zum einen, dass Dutschkes Sohn Marek, der seinen Vater nie persönlich kennengelernt hat, in offensichtlicher Unkenntnis von dieser Äußerung seines Vaters strikt ausgeschlossen hatte, dass Rudi Dutschke ein ebensolches Bekenntnis des Stolzes auf Deutschland je hätte kundtun können. Zudem hat Gretchen Dutschke-Klotz das Engagement ihres Mannes in der nationalen Frage zwar nie gänzlich abgestritten, aber gleichzeitig auch nie verhehlt, dass sie persönlich gegenüber einer Wiederherstellung der nationalen Einheit Deutschlands „sehr skeptisch [war], denn die Teilung war aus amerikanischer Sicht eine Notwendigkeit, um den Faschismus zu zerschlagen und seine Auferstehung zu verhindern“.

Drittens ist davon auszugehen, dass Dutschke mit dieser eindeutig formulierten Forderung sowie dem Festhalten an einer deutschen Einheit auch bei seinen politischen Mitstreitern auf Desinteresse, Unverständnis oder sogar Widerstand gestoßen wäre: Hatte doch etwa der SDS mit großer Mehrheit seine deutschlandpolitische Position von einer strikten Befürwortung der deutschen Einheit aus den 1950er Jahren zu einer sukzessiven Akzeptanz der Zweistaatlichkeit in den 1960er Jahren gewandelt. Dutschke brachte daher zur Blütezeit der APO seine nationalen Konzeptionen nur vereinzelt und dann auch vielfach in verklausulierter Form zum Ausdruck. Erst im Nachhinein äußerte er sich zur Überbetonung des Internationalismus und der damit unabwendbar einhergehenden Zurückdrängung der nationalen Frage in den Konzeptionen der Protestbewegung. So stellte Dutschke im Rahmen seiner posthum erschienenen Autobiographie aus dem Jahre 1981 fest:

„Zu der fundamentalen Frage der nationalen Geschichte und Identität, zur Rekonstruktion deutscher Klassenkampfgeschichte stießen wir noch nicht vor; der abstrakte und dennoch historisch noch unvermeidliche, tief moralisierende Internationalismus hatte zweifellos Elemente der Fremdbestimmung und der Sehnsucht nach einer echten Identität in sich“. Vor diesem Hintergrund stellten auch seine Überlegungen zu einer „Freien Stadt West-Berlin“ aus dem Jahre 1967 eine der wenigen Ausnahmen dar, in denen sich seine Zielsetzung einer möglichen Wiedervereinigung andeutete. Im Rahmen seiner Konzeptionen dachte er zum einen die nationale Frage auch immer als soziale Frage, weshalb nur die sozialistische Wiedervereinigung eine Option für die zukünftige Einheit der Nation sein konnte. Zum anderen sollte dieses Ziel durch nationale Klassenkämpfe, ohne jedwede Einmischung von außen und verbunden mit einer notwendigen Auflehnung gegen die Supermächte erreicht werden – Gegen einen westlichen Kapitalismus und besonders aber auch gegen den real existierenden Sozialismus sowjetischer Prägung, den Dutschke vor allem in den 1970er Jahren immer schärfer kritisierte und für den er den Begriff der „allgemeinen Staatssklaverei“ prägte. In diesem Zusammenhang attestierte er beiden Siegermächten eine vorrangig von eigenen Interessen geprägte Politik im europäischen Machtvakuum nach 1945. Als Folge dieser Politik waren für ihn die Loslösung und Unabhängigkeit der beiden deutschen Staaten von den jeweiligen Besatzungsmächten und Bündnissystemen ein wichtiger Schritt zur Lösung der deutschen Frage. Damit stellte sich diese bei Dutschke in einer erweiterten Dimension als komplexe Frage nach Selbstständigkeit, Emanzipation und nationaler Souveränität:

„Daß die systematische Spaltung Deutschlands für das Weltmachtverständnis der herrschenden Klasse Amerikas und Russlands von elementarer Bedeutung war, bedarf keiner weiteren Erklärung. Ein gespaltenes Dasein, eine weitere Eliminierung eines geschichtlichen Klassenbewußtseins der deutschen Arbeiterklasse, die Verhinderung einer Wiedergewinnung, - dies war das Ziel und die Folge der Politik der Großmächte. Wir wurden befreit und gleichzeitig neu besetzt. Sich dieser Dimension bewußt zu werden, fällt den meisten von uns noch heute schwer.“

Die Kenntnis der eigenen Geschichte ist unerlässlich

In diesem Rahmen betonte Dutschke auch immer die für ihn elementare Bedeutung der eigenen Geschichte und Identität, die er als maßgebliches Moment im Emanzipationsprozess betrachtete:

„Die deutsche Sozialismusfrage ist auch eine Frage der Identifikationsgeschichte. Sozialisten und Kommunisten aus anderen europäischen Nationen haben einen ungeheuren Vorteil: Sie haben noch eine nationale Identität, nicht die Identität der Bourgeoisie, sondern eine nationale Identität des Volkes und der Klasse, in Relation zur sozialen Bewegung. Durch die Zerstörung der deutschen Kultur- und Produktionszone nach dem 2. Weltkrieg, durch die Teilung des Landes, ist eine Situation entstanden, wo die Arbeiterklasse in diesem Land einen besonderen Identitätsverlust erlitten hat.“ Ein allumfassendes und differenziertes Geschichtsbewusstsein war demnach auch für eine Wiedervereinigung „von links“ essentiell. Dutschke benannte dabei die jeweils eigene Lebens- und Kulturgeschichte sowie Klassenkampferfahrung eines Landes explizit als „nationale Identität“ – ein Begriff, den viele seiner Weggefährten ablehnten und den auch ein Großteil der Linken bis heute meidet. Zum Zusammenhang der Rolle der Supermächte und der eigenen Identität stellte er dann übergreifend fest:

„Wir sind ein gespaltenes Volk, ein gespaltenes Land, ein identitätsloses Volk geworden, ein geschichtsloses Volk, auch ohne Klassenkampfkontinuität, und wir haben auf der einen Seite Russifizierung und auf der anderen Seite jene Amerikanisierung an der Oberfläche, die aber nicht authentische Selbstständigkeit möglich gemacht hat nach dem zweiten Weltkrieg. Das sind Realitäten, die ich nicht ignorieren kann.“ Gleichwohl verstieg sich Dutschke nie zu einer Verabsolutierung der Nation, sondern sah die nationale Revolution immer nur als, jedoch notwendiges, Kettenglied der internationalen Revolution. Dies wurde auch noch einmal Ende der 1970er Jahre deutlich, jedoch hatte sich zu diesem Zeitpunkt ein gewisser Perspektivwechsel bei ihm vollzogen. Nach dem Zerfall der APO und im Zuge einer allgemeinen Ernüchterung in Bezug auf internationalen Fragen innerhalb der Neuen Linken sowie durch seine Aufenthalte im europäischen Ausland bezog Dutschke seinen konkreten Internationalismus nun weniger auf die Dritte Welt, sondern akzentuierte eher einen europäisch-kontinentalen Zusammenhang. Er bettete seine Konzeptionen in den europäischen Einigungsprozess und formulierte sein Bekenntnis zu Europa wie folgt:

„Sozialismus in einem Land ist immer ein Nonsens. Die Diskussion bei Stalin über den Sozialismus in einem Land war reiner Unsinn und eine Diktatur von oben nach unten. […] Heute kann man Sozialismus nur als ein kontinentales Problem auffassen, also ein europäisches. Europa als Tradition der Geschichte der Produktion, der Geschichte der Kultur und der Erfahrung der Klassenkämpfe“ Gleichwohl hielt Dutschke aber auch in diesem Rahmen an der Dialektik von nationaler und internationaler, das heißt europäischer, Frage fest. Folglich hatte er schon zu Beginn seiner europäischen Betrachtungen konsequenterweise festgestellt:

„Die scheinbar internationale Unvermeidlichkeit eines ‚gemeinsamen Europas‘, auch wenn es ‚rotes Europa‘ heißt, verdrängt die historisch gewachsenen und noch lange nicht beseitigten Elemente der nationalen Besonderheiten.“ So sehr Dutschke also ein gesamteuropäisches Ziel betonte, hatten diese „nationalen Besonderheiten“ für ihn mindestens eine gleichrangige Bedeutung, wenn nicht gar Priorität. Hierunter verstand er konkret die nationale Identität eines jeden Landes sowie natürlich auch die Aufhebung der deutschen Teilung. Dieses Ziel vor Augen, konnte für Dutschke dann aber auch ein Sozialismus erörtert werden „der, auf der einen Seite westeuropäisch orientiert, auf der anderen Seite die nationale Variante in Richtung DDR nicht außer acht lassen darf“.

In diesem Zusammenhang würde dann „die deutsche Wiedervereinigung als Glied des gesamteuropäischen Sozialismus denkbar“ werden. Dabei war für ihn stets klar, dass ein so konzipiertes Europa eigenständig und unabhängig von den USA und der UdSSR war:

„Ich kann keine nationale Identität echt gewinnen, wenn nicht gleichermaßen ich einen Blick habe auf den europäischen Kontinent, und europäischer Kontinent heißt ja nichts anderes als europäische Entwicklung von Produktivkräften, Kultur, gleichermaßen aber auch Klassenkampferfahrung. Die europäische Erfahrung ist nicht die amerikanische Erfahrung, ist auch nicht die russische Erfahrung“. Rudi Dutschke implizierte damit in seinen Konzeptionen eine Emanzipation der deutschen Teilstaaten wie auch des europäischen Kontinents von den Großmächten.

Rudi Dutschke und die deutsche Linke

Daher dürfen der hohe Stellenwert der nationalen Frage in Dutschkes Konzeptionen sowie sein ureigenes Nationalbewusstsein nicht verkannt werden. Und es war Dutschke, der ebenfalls die nationale Geschichtslosigkeit der politischen Linken zu seiner Zeit kritisierte:

„Warum denken deutsche Linke nicht national? Die sozialistische Opposition in der DDR und in der Bundesrepublik müssen zusammenarbeiten. Die DDR ist zwar nicht das bessere Deutschland. Aber sie ist ein Teil Deutschlands.“ Insgesamt stehen die hier dargelegten Positionen Rudi Dutschkes natürlich in einem schroffen Gegensatz zu der eingangs dargelegten Haltung des antinationalen Teils der heutigen Linken. Es lohnt sich daher, die dezidiert linke Annäherung an das Wesen der Nation – und die damit verbundene Bedeutung nationaler Elemente in den sozialistischen Konzeptionen Rudi Dutschkes – wiederzuentdecken. Trotz mancher Einschränkungen, die historische Vergleiche immer mit sich bringen, sind seine Betrachtungen nach wie vor aktuell. Die Betonung eines souveränen Nationalstaates, ohne dabei das höhere Ziel einer gesamteuropäischen Partnerschaft aus den Augen zu verlieren, sowie die Forderung Dutschkes nach einem selbstbewussten Umgang mit der eigenen, nationalen Identität, der keineswegs deckungsgleich mit Nationalchauvinismus ist, könnten die hier erwähnten Gruppierungen, wenn auch nicht zu einem Umdenken, so doch zumindest zu einem Nachdenken über die eigenen Positionen anregen.

Rudi Dutschke kann in diesem Kontext bis heute als Beispiel für einen expliziten Linkspatriotismus angesehen werden. Seine Konzeptionen könnten damit in der aktuellen Auseinandersetzung als Beleg dafür dienen, dass sich die nationale Frage eben nicht nur entweder als Souveränitäts- oder als Identitätsfrage stellen kann: Rudi Dutschke stellte sie auf beiden Ebenen.

Zitierweise: Matthias Stangel, Rudi Dutschke und die nationale Frage, in: Deutschland Archiv, 28.12.2017, Link: www.bpb.de/262189