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Mythos der Vollbeschäftigung und Arbeitsmarkt der Zukunft


29.3.2012
Vollbeschäftigung verkörpert den Traum von einem sozial gerechten Kapitalismus, erwies sich in der Vergangenheit jedoch als Ausnahme. Würde sie künftig Wirklichkeit, so wäre sie wohl mit einer tiefen Spaltung des Arbeitsmarktes verbunden.

Einleitung



Seit etwa 2005 sinkt die Arbeitslosenquote in Deutschland. Im Jahresmittel 2011 waren nach offizieller Zählung noch rund drei Millionen Menschen beziehungsweise 7,9% aller abhängigen Erwerbstätigen arbeitslos.[1] Besser als noch vor einigen Jahren, aber beileibe kein Grund zum Feiern. Zumal unklar ist, welche Folgen die frühere Banken- und jetzige Staatsschuldenkrise für die Realwirtschaft und den Arbeitsmarkt noch zeitigen wird. Doch parallel dazu rückt das Thema Vollbeschäftigung leise, aber beharrlich auf die Tagesordnung. So ließ sich im März 2008 - nur wenige Wochen vor dem Einsetzen der Krise - der damalige Bundespräsident Horst Köhler bei einem Besuch des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg darüber informieren, ob Vollbeschäftigung möglich ist.[2] Im Mai 2011 veröffentlichte das Hamburger Institut für Weltwirtschaft im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft sein Gutachten über "Wege zur Vollbeschäftigung",[3] welches in der Öffentlichkeit breit beachtet wurde und das Vollbeschäftigungsziel, auf das sich die Bundesrepublik im Wachstums- und Stabilitätsgesetz von 1967 verpflichtet hatte, mittelfristig für erreichbar hält. Das sind nur zwei von zahlreichen Beispielen.

Doch was ist da wirklich dran? Ist Vollbeschäftigung nur ein schöner Traum aus der glücklichen Kindheit der Bundesrepublik oder tatsächlich eine ernstzunehmende Chance darauf, dass die geschwundenen Inklusionskräfte der Arbeitsgesellschaft wieder wachsen? Zunächst soll geklärt werden, was unter Vollbeschäftigung zu verstehen ist und in welchen sozioökonomischen und historisch-politischen Rahmenbedingungen ihr Entstehen wahrscheinlich ist - eine Betrachtung, die in der gegenwärtigen Diskussion vernachlässigt wurde. Auffällig an der oft kontrafaktischen Vollbeschäftigungsdiskussion ist ihr illusionärer oder mythischer Charakter; um ihn und seine politischen Funktionen sowie um die sozialen Risiken und Probleme künftiger Vollbeschäftigungsarbeitsmärkte wird es im Anschluss daran gehen - denn dass die Vollbeschäftigung wieder so aussieht wie in den "goldenen Jahren" von 1958 bis 1974 scheint wenig wahrscheinlich. Doch welche arbeitsmarktpolitischen Aufgaben hält eine von entlasteten Arbeitsmärkten geprägte Zukunft bereit?



Fußnoten

1.
Hierbei handelt es sich um registrierte Erwerbslose, die nicht an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen und binnen zwei Wochen eine Erwerbstätigkeit von mindestens drei Stunden täglich aufnehmen könnten. Nimmt man Maßnahmeteilnehmer, Unterbeschäftigte und Angehörige der Stillen Reserve hinzu, ergibt sich eine geschätzte Erwerbslosenzahl von rund 5 Millionen für Januar 2012.
2.
Vgl. Nürnberger Zeitung vom 4.3.2008, S. 3.
3.
Vgl. Thomas Straubhaar (Hrsg.), Wege zur Vollbeschäftigung. Gutachten im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Hamburg 2011.