Belgien: Statue "Europa" der belgischen Künstlerin May Claerhout vor dem Europäischen Parlament in Brüssel

23.3.2012 | Von:
Peter Knauer

Geld anders einrichten

Liquides Geld hat zu seinem Nennwert einen Mehrwert pro Zeit. Würde für dessen Genuss eine mit der Liquidität verbunden bleibende Bereitstellungsgebühr eingeführt, könnte niemand nur mit Geld mehr Geld machen.

Einleitung

Im Folgenden soll - vor dem Hintergrund der aktuellen Krise des Euro - im Wesentlichen die Geldtheorie von Dieter Suhr dargestellt werden.[1]

Geld ersetzt einen schwierigen Tausch zwischen Ware und Ware durch zwei einfache Tauschvorgänge: Ware gegen Geld und Geld gegen Ware. Es bietet auch den Vorteil, sich beliebig stückeln und wieder zusammensetzen zu lassen. Man kann damit transregional und transtemporal tauschen, ohne umständlich alles aufschreiben zu müssen. Bei einem Naturalientausch ist nach seiner Durchführung alles beendet. Dagegen bleibt nach einem Tausch von Ware gegen Geld und Geld gegen Ware der Tauschmittler Geld vorhanden und kann weitere Austausche vermitteln. Deshalb müssen immer neue Waren und Leistungen auf den Markt kommen. Sonst würde der Letzte in der Austauschkette für sein Geld nichts mehr erhalten. Ohne Geld kommen in einer arbeitsteiligen Gesellschaft Angebot und Nachfrage nicht zueinander. Der Anbieter bleibt auf seinen Waren sitzen, und der Bedarf des Nachfragers bleibt ungestillt.

Wie entsteht Geld?

Für die Entstehung von Geld genügt es, dass ein Staat Münzen und Geldscheine herstellt und sie zum allgemeinen Zahlungsmittel erklärt: Man kann mit ihnen Steuern und Abgaben bezahlen. Natürlich muss der Staat Sorge tragen, dass Geldmenge mal Umlaufgeschwindigkeit in einem sinnvollen Verhältnis zur volkswirtschaftlichen Leistungskraft des Landes bleibt. Neues Geld gelangt heute gewöhnlich kreditweise und gegen Sicherheiten in Verkehr, ausgegeben von der Zentralbank und von den Geschäftsbanken an ihre Kunden vermittelt. Da für dieses Geld noch niemand gespart hat, lassen sich die dafür von Anfang an geforderten Zinsen am besten als "Bereitstellungsgebühr" für den Liquiditätsvorteil des Geldes verstehen.

In einer Broschüre der Deutschen Bundesbank über "Geld und Geldpolitik" heißt es, dass nicht nur die Zentralbank Zentralbankgeld schaffen könne, sondern dass auch die Geschäftsbanken Giralgeld schafften: "Die Giralgeldschöpfung ist (...) ein Buchungsvorgang."[2] Es stellt sich dann die Frage: "Wie kann das Eurosystem sicherstellen, dass die Geschäftsbanken nicht übermäßig viel Giralgeld schaffen und darüber das Ziel Preisstabilität gefährden?" Ein wichtiges Instrument dafür ist nach dieser Broschüre die sogenannte Mindestreserve der Geschäftsbanken bei der Zentralbank, welche aber gegenwärtig nur zwei Prozent des verliehenen Geldes beträgt.

Für von Kunden eingebrachte Ersparnisse in Form von Zentralbankgeld kann eine Geschäftsbank also theoretisch als Giralgeld bis zum Fünfzigfachen an Krediten ausgeben und dafür Zinsen einnehmen. Man spricht hier vom Giralgeldschöpfungsfaktor, dem reziproken Wert der Mindestreserve. Faktisch wird dieser Giralgeldschöpfungsfaktor jedoch durch die Menge des umlaufenden Bargeldes im Verhältnis zu den Sichteinlagen mitbestimmt; er beträgt wohl für das Eurogebiet gegenwärtig nur zwischen dem Zwölf- bis Dreizehnfachen. Zu fragen ist, ob es sich bei der Giralgeldschöpfung mit einer Mindestreserve von nur zwei Prozent an Zentralbankgeld nicht genau deshalb in Wirklichkeit um eine Art legalisiertes Falschgeld handelt.

Fußnoten

1.
Dieter Suhr (1939-1990) lehrte Öffentliches Recht, Rechtsphilosophie und Rechtsinformatik an der Universität Augsburg und war eine Zeitlang Verfassungsrichter in Bayern. Vgl. Dieter Suhr, The Capitalistic Cost-Benefit-Structure of Money. An Analysis of Money's Structural Nonneutrality and its Effects on the Economy, Berlin u.a. 1989; ders., Netzwerk-neutrales Geld. Eine kritische Analyse des herkömmlichen Geldes und das Konzept einer Finanzinnovation für neutrales Geld, online: http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/suhr/nng.html (14.1.2012).
2.
Vgl. www.bundesbank.de/download/bildung/
geld_sec2/geld2_gesamt.pdf (14.1.2012), S. 67-72.