Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++
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Sprache und Ungleichheit


16.4.2012
Das Treffen von Unterscheidungen und damit das Potenzial zur Diskriminierung ist Kernfunktion und Strukturprinzip von Sprache. Diskriminierende Sprache lässt sich nicht ganz vermeiden; umso wichtiger ist ein bewusster Umgang mit ihr.

Einleitung



Guns don't kill people, people kill people", lautet ein Motto der waffenfreundlichen National Rifle Association (NRA) in den USA - Menschen werden nicht von Schusswaffen getötet, sondern von anderen Menschen. Es ist offensichtlich, warum die NRA Gewehre und Pistolen auf ihren Status als Werkzeug reduzieren möchte: In verantwortlichen Händen stellen sie aus dieser Perspektive keine Gefahr dar, sodass es für eine Regulierung oder gar ein Verbot keine Grundlage gibt. Aber die scheinbar simple Logik dieses Mottos täuscht über die Tatsache hinweg, dass Schusswaffen zum Töten konstruiert und zu nichts anderem zu gebrauchen sind. Wer über Sprache und Diskriminierung schreibt und spricht, bekommt häufig eine Abwandlung des NRA-Mottos zu hören: Nicht die Sprache selbst sei diskriminierend, sondern bestenfalls diejenigen, die sie in diskriminierender Absicht verwenden (oder noch besser: diejenigen, die sie als diskriminierend empfinden). Diese Logik ist aber im Falle menschlicher Sprache genauso falsch wie im Falle von Schusswaffen. Wer eine Waffe zweckgemäß einsetzt, tötet oder verletzt damit, und wer Sprache zweckgemäß einsetzt, kann gar nicht anders, als mit ihr zu diskriminieren.

Sprache beruht auf Unterscheidungen



Um das zu verstehen, hilft es, sich Herkunft und Bedeutungsgeschichte des Verbs diskriminieren zu vergegenwärtigen: Es stammt aus dem Lateinischen, wo es wertfrei "trennen" oder "unterscheiden" bedeutete. Mit dieser Bedeutung wurde es im 17. Jahrhundert ins Deutsche (und in andere europäische Sprachen) entlehnt; in einigen Sprachen (etwa im Englischen und Französischen) hat es diese Bedeutung neben anderen bis heute, und auch im Deutschen ist sie in Wörtern wie Diskriminante erhalten geblieben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam die heutige Bedeutung "herabwürdigen", "benachteiligen" hinzu, und diese Bedeutungsentwicklung ist nicht zufällig. Sie zeigt die innere Logik jeder diskriminierenden Handlung im modernen Wortsinne: Zunächst wird eine Unterscheidung getroffen, dann wird diese mit einer negativen Bewertung (Herabwürdigung) oder einer Ungleichbehandlung verknüpft. Interessanterweise finden sich die ersten Belege für die moderne Bedeutung von diskriminieren in Diskussionen um amerikanische Gesetze, die zwischen "Weißen" und "Schwarzen" unterschieden und damit die Grundlagen für eine Ungleichbehandlung schufen.

Das Treffen von Unterscheidungen ist aber sowohl Kernfunktion als auch grundlegendes Strukturprinzip von Sprache.[1] Jedes Wort (und auch jede grammatische Struktur) unterscheidet die Welt schon auf den ersten Blick in zwei Kategorien: eine, die alles das enthält, was durch das Wort bezeichnet wird, und eine, die alles das enthält, was nicht durch das Wort bezeichnet wird. Auf den zweiten Blick ist es noch komplizierter: Da das Vokabular menschlicher Sprachen hierarchisch gegliedert ist, haben bei jeder Unterscheidung vor allem diejenigen Kategorien eine besondere gegenseitige Prominenz, die unter eine gemeinsame Oberkategorie fallen, die sie durch immer feinere Unterscheidungen ausdifferenzieren.

Solche Unterscheidungen können harmlos sein. Nehmen wir das Wort Stuhl: Es unterscheidet eine Klasse von Objekten wie die, auf denen die meisten von uns heute beim Frühstück gesessen haben, vom Rest des bekannten Universums. Alles, was uns begegnet, kann dahingehend kategorisiert werden, ob es ein Stuhl ist oder nicht. Das geschieht anhand von Merkmalen wie "hat eine feste horizontale Fläche, auf der eine Person sitzen kann", "hat eine feste vertikale Fläche, an die man sich anlehnen kann" und "hat (typischerweise vier) Beine". Mittels solcher Merkmale können wir die Mitglieder der sprachlichen Kategorie Stuhl nicht nur identifizieren, sondern auch von eng verwandten Kategorien abgrenzen. Ein Hocker zum Beispiel unterscheidet sich von einem Stuhl durch die Abwesenheit einer Lehne, ein Sessel dadurch, dass Sitzfläche und Lehne nicht fest, sondern weich sind, und eine Bank unterscheidet sich von Stühlen und Hockern dadurch, dass sie eine Sitzfläche hat, auf der mehr als eine Person sitzen kann (ob sie eine Lehne hat oder nicht, spielt dabei keine Rolle).

Man übersieht leicht, dass auch Unterscheidungen, die anhand scheinbar objektiver Merkmale getroffen werden, rein sprachlicher Natur sind; schließlich gibt es keinen zwingenden Grund, ausgerechnet diese Merkmale zur gegenseitigen Abgrenzung von Wortbedeutungen zu machen. Um das zu erkennen, reicht schon ein Blick in eine eng verwandte Sprache wie das Englische, in der zwar mit stool und chair eine ähnliche Unterscheidung getroffen wird wie zwischen Hocker und Stuhl, in der aber keine Unterscheidung zwischen Stuhl und Sessel getroffen wird (letzterer ist hier eine Unterkategorie des ersteren: chair/armchair). Überhaupt liefert die objektive Wirklichkeit keinen Anlass, Wörter für Dinge bereitzustellen, auf denen man sitzen kann: Diese Kategorie ist für uns Menschen nur aus kulturellen Gründen von Bedeutung. Aber wenn solche Kategorien einmal sprachlich kodiert und muttersprachlich erworben wurden, erscheinen uns die zugrunde liegenden Unterscheidungen als selbstverständlicher Teil der Wirklichkeit.


Fußnoten

1.
Meinen Betrachtungen zur Struktur von Sprache liegt die kognitive Linguistik zugrunde. Vgl. George Lakoff, Women, Fire and Dangerous Things, Chicago 1987.