Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Yasemin Shooman

Das Zusammenspiel von Kultur, Religion, Ethnizität und Geschlecht im antimuslimischen Rassismus

Der erste Beitrag beschreibt, was Intersektionalität ist, und mit welchen Problemen dieser Ansatz verbunden ist. Der zweite Beitrag untersucht das Zusammenspiel von Kultur, Ethnizität und Geschlecht im antimuslimischen Rassismus.

Yasemin Shooman

Am 7. Februar 2012 kam es zu einem Tumult in der französischen Nationalversammlung. Parlamentarier der Regierungspartei UMP verließen aus Protest den Saal, während der Schwarze Abgeordnete Serge Letchimy aus Martinique den Innenminister Claude Guéant scharf angriff: "Sie, Monsieur Guéant, (...) bringen uns Tag um Tag zurück zu jenen europäischen Ideologien, welche die Konzentrationslager hervorbrachten am Ende einer langen Kette der Sklaverei und des Kolonialismus."[1] Zuvor hatte der Innenminister erklärt, dass nicht alle Kulturen gleichwertig seien und Frankreich seine Kultur vor "minderwertigen" Kulturen schützen müsse. Guéant verwies dabei auf französische Muslime, die aus Platzmangel in Moscheen auf der Straße gebetet hatten, was die französische Regierung im September 2011 verboten hatte.[2]

Letchimys Rede provozierte, weil sie einen Zusammenhang zwischen den historischen rassistischen Ideologien im Kontext von Sklaverei, Kolonialismus und Nationalsozialismus sowie Guéants Postulat der Ungleichwertigkeit von Kulturen herstellte. Die damit berührte Frage nach Kontinuität und Wandlungsfähigkeit von Rassismen spielt auch in deutschen Debatten eine wichtige Rolle, wo der Begriff des Rassismus im medialen und politischen Diskurs nach wie vor gemieden wird. Seine Benutzung beschränkt sich oft auf die Thematisierung des Nationalsozialismus und heutigen Rechtsextremismus - womit das Problem des Rassismus gleichsam historisiert und als gesellschaftliches Randphänomen marginalisiert wird. Neu geprägte Begriffe und Hilfskonstruktionen wie Ausländerfeindlichkeit führen dazu, dass historische Traditionslinien aktueller Rassismen unsichtbar gemacht werden. Dabei richtet sich das als Ausländerfeindlichkeit beschriebene Phänomen weder per se gegen Ausländerinnen und Ausländer (sofern es sich beispielsweise um weiße US-Amerikanerinnen und -Amerikaner handelt), noch sind davon nur Menschen nicht-deutscher Staatsangehörigkeit betroffen.

Biologistische Rassentheorien, die von der Existenz von "Menschenrassen" ausgehen, sind zwar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa offiziell diskreditiert. Doch verschwanden keinesfalls rassistische Denk- und Handlungsweisen, die Menschen kategorisieren und diese Kategorien mit unterschiedlichen Wertungen versehen. Im Alltagsrassismus wie auch auf der strukturellen Ebene spielen Ausgrenzungsmechanismen aufgrund der Hautfarbe weiterhin eine zentrale Rolle. Das soziale und politische Konstrukt der "Rasse" wirkt implizit fort und ist mittlerweile untrennbar mit kulturellen und religiösen Zuschreibungen verbunden. Zugleich wird seit mindestens zwei Jahrzehnten unter dem Schlagwort vom "Rassismus ohne Rassen" (Étienne Balibar/Stuart Hall) eine zunehmende Verschiebung vom biologistisch argumentierenden Rassismus zu einem Neo- beziehungsweise Kulturrassismus diskutiert.[3] Dieser lässt sich als eine Modernisierungsstrategie verstehen, mit deren Hilfe die Inhalte des biologistischen Rassismus weitertransportiert werden können, ohne den "Rasse"-Begriff zu bemühen.

Kultureller Rassismus

Grundlage ist der Glaube an eine historisch gewachsene Inkompatibilität und Hierarchie der Kulturen (und der Religionen als Bestandteil von Kulturen), die als essenzialistische, also als nach innen und nach außen abgeschlossene, unwandelbare Gebilde gedacht werden. Damit geht eine Naturalisierung kultureller Eigenschaften einher: Bestimmte Merkmale werden allen Personen einer kulturell homogen definierten Gruppe zugeschrieben, und das soziale Verhalten der Mitglieder dieser Gruppe wird vorrangig oder gar ausschließlich aus der Gruppenzugehörigkeit und den damit verbundenen unterstellten Eigenschaften abgeleitet. Im Falle des antimuslimischen Rassismus bedeutet dies, dass jedes (negative) Verhalten von Menschen, die als Muslime markiert sind, auf "den Islam" zurückgeführt wird. In diesem Zuschreibungsprozess, der auf ein vermeintlich zeitloses "Wesen" des Islams abhebt, aus dem sich das Denken, Fühlen und Handeln jedes Muslims und jeder Muslimin ableiten ließe, wird die Selbstverortung des Individuums ausgeblendet. Zudem treten seine sonstigen Identitäten - die sich etwa aus dem Geschlecht, dem Alter, der politischen Einstellung oder dem Beruf ergeben - in den Hintergrund. Dieser Auffassung nach determiniert die Kultur das Dasein des Individuums aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Kollektiv ("Kulturkreis"), die wiederum genealogisch über eine gemeinsame "Abstammung" hergeleitet wird.

Konstitutiv für den antimuslimischen Rassismus, wie er im Verhältnis von nicht muslimischen Mehrheitsgesellschaften und muslimischen oder als solchen wahrgenommenen Minderheiten bedeutsam wird, ist eine dichotome Konstruktion von "westlicher" ("christlich-abendländischer") und "islamischer" Kultur, die einander als statische Entitäten gegenüberstehen und als unvereinbar angesehen werden. Üblicherweise wird bei einer solchen bipolaren Sicht auf den "Islam" und den "Westen" Letzterer als emanzipativ, aufgeklärt, demokratieaffin und fortschrittlich beschrieben, während "der Islam" als rückständig, frauenfeindlich, unwandelbar, irrational und gewaltbereit gilt. Die Traditionen einer solchen Konstruktion des "Orients" als kulturelles Gegenbild des "Westens" reichen bis in koloniale Diskurse zurück, die der Literaturwissenschaftler Edward Said in seinem Konzept des Orientalismus nachgezeichnet hat. Viele Elemente des heutigen Islam-Diskurses speisen sich aus diesen tradierten Vorstellungen.[4] Während sich orientalistische Diskurse an einem externen Anderen abarbeiten, fokussiert der aktuelle antimuslimische Rassismus jedoch das Andere im Inneren der heutigen europäischen Migrationsgesellschaften.

Seinen Niederschlag findet dieser Rassismus unter anderem in der Diskussion um die "Integrierbarkeit" der Musliminnen und Muslime. Dabei lässt sich in Deutschland eine Wahrnehmungsverschiebung ausmachen, im Zuge derer aus den ehemaligen "Gastarbeitern" oder "Türken" zusehends "Muslime" geworden sind. Die Kategorien "Kultur" und "Religion" spielten in der Argumentationsfigur einer drohenden Überfremdung, aber auch schon Anfang der 1980er Jahre im Diskurs über "Gastarbeiter" und Ausländer eine entscheidende Rolle. So beklagte eine Reihe deutscher Professoren im "Heidelberger Manifest" vom 17. Juni 1981 beispielsweise "die Unterwanderung des deutschen Volkes durch Zuzug von vielen Millionen von Ausländern und ihren Familien, die Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums" und forderte "die Erhaltung des deutschen Volkes und seiner geistigen Identität auf der Grundlage unseres christlich-abendländischen Erbes".[5] Auch in gegenwärtigen Debatten wird das christliche Abendland (das gelegentlich um den Zusatz "jüdisch" erweitert wird) in Abgrenzung zum Islam beschworen. Nicht nur "die Muslime" erscheinen dabei oft als ein monolithischer Block, der einen Fremdkörper in der Gesellschaft bildet. Auch in den Reihen der Mehrheitsgesellschaft wird Homogenität suggeriert, wodurch Gegensätze im Inneren überdeckt werden.

Das Thema Islam und Muslime scheint auch auf supranationaler Ebene eine integrierende Funktion bei der Anrufung einer gemeinsamen europäischen (abendländischen) Identität zu besitzen. Dies zeigt die Rhetorik zahlreicher rechtspopulistischer Parteien Europas. Bei "Anti-Islamisierungskongressen" und "Anti-Minarettkonferenzen" kommen Vertreter der deutschen Pro-Bewegungen mit Mitgliedern des belgischen Vlaams Belang, der Schweizerischen Volkspartei, der italienischen Lega Nord und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) zusammen. Da die politische Rechte auf die Anschlussfähigkeit ihres Feindbilds Islam in der breiten Bevölkerung setzt, dient die religiös aufgeladene antimuslimische Rhetorik als Modernisierungsstrategie und hat die alte Parole "Ausländer raus" vielfach abgelöst. Erinnert sei hier beispielsweise an den Slogan "Abendland in Christenhand", den die FPÖ wiederholt in ihrem Wahlkampf nutzte und der 2010 von ProNRW für den Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen entliehen wurde. Ein Unbehagen angesichts des Vorhandenseins muslimischer Minderheiten verspüren aber nicht nur Rechtspopulisten: Insgesamt stimmten bei einer 2011 veröffentlichten repräsentativen Untersuchung in acht EU-Mitgliedsstaaten über 44 Prozent der Befragten der Aussage zu, in ihrem Land lebten zu viele Musliminnen und Muslime.[6] In solchen Ländern, in denen der Anteil der muslimischen Bevölkerung unter einem Prozent liegt, wie in Polen oder Ungarn, lagen die Werte sogar noch höher, was zeigt, dass antimuslimische Ressentiments nicht an die reale Präsenz ihrer Objekte (und damit auch nicht an reale Erfahrungen) gebunden sind.

Fußnoten

1.
Mitschnitt der Rede online: http://tempsreel.nouvelobs.com/election-presidentielle-2012/20120207.OBS0782/video-un-depute-evoque-gueant-et-le-nazisme-a-l-assemblee.html (12.3.2012).
2.
Vgl. Le Monde vom 5.2.2012.
3.
Vgl. Nora Räthzel (Hrsg.), Theorien über Rassismus, Hamburg 2000; Sebastian Friedrich (Hrsg.), Rassismus in der Leistungsgesellschaft, Münster 2011.
4.
Vgl. Iman Attia (Hrsg.), Orient- und IslamBilder, Münster 2007.
5.
Abdruck in: Peter Dudek/Hans Gerd Jaschke (Hrsg.), Entstehung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, Bd. 2, Opladen 1984, S. 302.
6.
Vgl. Andreas Zick et al., Die Abwertung der Anderen, Berlin 2011, S. 70.