Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Isabel Enzenbach

Antisemitismus als soziale Praxis

Sich öffentlich judenfeindlich zu äußern ist in Deutschland zwar tabuisiert. Trotzdem zeigt sich in Meinungsumfragen, im politischen Diskurs und in der Alltagskultur, wie weit verbreitet und aktuell antisemitische Denkmuster sind.

Einleitung

Etwa eine Viertelmillion Abstimmungsberechtigte unterschrieben die "Antisemitenpetition" (1880/1881).[1] Vier Forderungen wurden an den damaligen Reichskanzler gerichtet: Die Einwanderung von Juden solle "wenn nicht gänzlich verhindert, so doch wenigstens eingeschränkt werden", Juden sollten "aus allen obrigkeitlichen (autoritativen) Stellungen ausgeschlossen werden", die Volksschulen dürften zwar von jüdischen Schülerinnen und Schülern besucht werden, doch ihr christlicher Charakter müsse "streng gewahrt" bleiben, daher dürften jüdische Lehrer "nur in besonders motivierten Ausnahmefällen zur Anstellung gelangen". In einer amtlichen Statistik sollte schließlich die jüdische Bevölkerung erfasst und gezählt werden. Begründet wurde der Vorstoß mit dem Bedrohungsszenario, "daß das Überwuchern des jüdischen Elementes die ernstesten Gefahren für unser Volksthum in sich birgt".[2] Im Kern ging es darum, die im Laufe des Jahrhunderts mühsam errungene rechtliche Gleichstellung rückgängig zu machen und antisemitische Welterklärungen zu verbreiten. Zur Konsensfähigkeit des Textes trug bei, dass die antisemitische Bewegung hier auf ihre sektiererischen Gewohnheiten verzichtete und religiös motivierte Judenfeindschaft mit biologisch-rassistischen, völkischen, nationalen und wirtschaftlichen Argumentationsweisen kombinierte.

Die "Antisemitenpetition" zeigt in den Entstehungsjahren des (modernen) Antisemitismus das typische Zusammenspiel von weltanschaulichen Deutungen, Emotionen, Kommunikationsweisen und sozialer Praxis der Exklusion. Gestützt auf eine Rhetorik der Ungleichheit wird ein unversöhnlicher Widerspruch zwischen Christen und Juden beschworen, eine maximale Distanz zwischen dem "arischen deutschen Boden" und "den Juden" fabuliert, sodass sich Herkunft, Blut, deutsche Sitte und christliche Weltanschauung zu einem mythischen Ganzen verweben. Die rechtliche Gleichstellung von Juden stellt sich vor diesem Hintergrund als "höchste Gefahr" dar. Auf diese Weise bietet die "Antisemitenpetition" scheinbare Erklärungen für neue ökonomische und politische Phänomene an, schürt Neid und Hass gegen "die jüdischen Herren", in deren Händen "der größte Teil des Kapitals" liegen würden. Die Forderung nach der "Emanzipation des deutschen Volkes" stellt schließlich die Verhältnisse auf den Kopf und legt nahe, die imaginierte Fremdherrschaft der Juden tatkräftig zu bekämpfen. In einer schweren Krise der bürgerlich-liberalen Gesellschaft, an der Zäsur der antiliberalen Wende von 1878/1879 gelang dem Weltbild, das der Kampfbegriff transportierte, eine steile Karriere.

Auch das Ende der "Antisemitenpetition" nimmt das Problem der gesellschaftlichen und politischen Reaktion auf den Antisemitismus in gewisser Hinsicht vorweg. Zwar intervenierten prominente Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft im "Manifest der Berliner Notabeln gegen den Antisemitismus": Sie wiesen darauf hin, "daß im Volksbewußtsein der Deutschen das Gefühl der nothwendigen Zusammengehörigkeit den Sieg über die Stammes- und Glaubensgegensätze" schon davontragen habe und forderten "Achtung jedes Bekenntnisses, gleiches Recht, gleiche Sonne im Wettkampf, gleiche Anerkennung tüchtigen Strebens für Christen und Juden".[3] Linksliberale Parlamentarier versuchten vergeblich im preußischen Abgeordnetenhaus eine Stellungnahme gegen die "Antisemitenpetition" zu erreichen. Doch bestätigte der Vizepräsident des preußischen Ministerrats wenigstens, dass eine Änderung der "Gleichberechtigung der religiösen Bekenntnisse in staatsbürgerlicher Beziehung (...) nicht beabsichtigt"[4] sei. Diese Interventionen konnten die Verbreitung antisemitischer Weltanschauung nicht aufhalten. Das aus jüdischen Honoratioren bestehende, zur Bekämpfung des Antisemitismus gegründete "Comite vom 1. Dezember 1880" stellte aus Furcht, durch selbstbewusstes Auftreten die Antisemiten zu bestätigen, bald seine Tätigkeiten wieder ein.[5] So verfestigte sich in den folgenden Jahrzehnten der Antisemitismus zu einem "kulturellen Code": Eine Vielzahl von antimodernen, anti-emanzipatorischen, geschlechterstereotypen, antidemokratischen, aggressiv nationalistischen Überzeugungen kumulierte in einem "vertrauten Bündel von Auffassungen und Einstellungen",[6] in dem "die Juden" zum verhassten "Symbol der modernen Welt" wurden.

Fußnoten

1.
Das entsprach rund zwei Prozent der stimmberechtigten Bevölkerung Deutschlands, darunter 18 Prozent aller Universitätsstudenten. Vgl. Massimo Ferrari Zumbini, Die Wurzeln des Bösen, Frankfurt/M. 2003, S. 197ff.
2.
Zit. nach: Karsten Krieger, Der "Berliner Antisemitismusstreit" 1879-1881, München 2004, S. 535ff.
3.
Zit. nach: ebd., S. 551ff.
4.
Zit. nach: ebd., S. 568.
5.
Vgl. Avraham Barkai, "Wehr dich!", München 2002, S. 21.
6.
Shulamit Volkov, Antisemitismus als kultureller Code, München 2000.