Polizeifahrzeuge stehen am Mittwoch (09.11.2011) vor einem durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau. Die Explosion soll im Zusammenhang mit weiteren Verbrechen stehen. In dem Haus in Zwickau lebten zwei mutmaßliche Bankräuber und eine 36 Jahre alte Frau, die derzeit von Ermittlern befragt wird. Die beiden Männer hatten sich nach Angaben der Polizei am vergangenen Freitag selbst getötet. Sie werden verdächtigt, etwas mit dem Mord an der Polizistin Michele K. zu tun gehabt zu haben. Sie war 2007 in Heilbronn erschossen worden, ihr Kollege wurde schwer verletzt. Foto: Jan Woitas dpa/lsn
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Zur Rolle der Schule bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus

30.4.2012

(Schul-)Pädagogische Möglichkeiten



Die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten ist ein zentraler pädagogischer Auftrag. In der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus und auch dem historischen Vorläufer Nationalsozialismus gehen die gesellschaftlichen Erwartungen an die Schule darüber hinaus: Schule soll gegen den Rechtsextremismus "immunisieren"; sie soll moralische Standards und soziale Kompetenzen vermitteln, die dazu führen, dass Jugendliche für rechtsextremes Gedankengut nicht empfänglich sind. Sie soll mithin in den Prozess der politischen Überzeugungsbildung von Jugendlichen eingreifen und Partei nehmen für Demokratie und Menschenrechte und gegen Rassismus und Nationalismus. Das Thema Rechtsextremismus in der Schule ist also nicht nur Wissensvermittlung, sondern es umfasst auch vielfältige Aspekte des sozialen Lernens.

Politische Einstellungen und Überzeugungen bilden sich etwa im Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Sie sind bei Jugendlichen noch nicht verfestigt und in aller Regel zugänglich für Interventionen. Politische Äußerungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen haben häufig vorläufigen und experimentellen Charakter, mit ihnen werden Grenzen und Handlungsspielräume ausgetestet. Untersuchungen zeigen, dass auch 14- bis 17-Jährige hohe Anteile an rechtsextremen Einstellungen aufweisen, die über dem Durchschnitt der Bevölkerung liegen.[2] Die Behandlung der Thematik Rechtsextremismus im Unterricht hat daher unmittelbar praktische Bezüge, auch dann, wenn es innerhalb oder außerhalb der Schule kaum direkte rechtsextreme Provokationen gibt. Denn die Einstellungs- und Orientierungsebene der Schülerinnen und Schüler muss sich nicht in rassistischen oder rechtsextremen Handlungen äußern, sie kann auch hinter vielfältigen Formen des angepassten Verhaltens verborgen bleiben. Bei der Behandlung des Themas Rechtsextremismus im Schulunterricht lassen sich im Wesentlichen vier verschiedene Zugänge unterscheiden.

Direkte Thematisierung:
Aktuelle politische Entwicklungen oder bedrohliche Ereignisse im eigenen Umfeld können Gründe sein, die NPD als Partei, andere Organisationen, Aktivisten oder Ereignisse mit rechtsextremem Hintergrund zu thematisieren. Das Verteilen von rassistischen CDs auf Schulhöfen durch NPD-Funktionäre und die Existenz rechtsextremer Gruppen in der Schülerschaft selbst oder im Umfeld der Schulen sind zum Beispiel Anlässe, die pädagogisch durchdachte Reaktionen von Schulleitung, Lehrpersonal, Schülern und gegebenenfalls auch Eltern erfordern. Es gibt mittlerweile nützliche Ratgeber für derartige Probleme.[3] Künftig werden hate crime und Rechtsextremismus im Internet und sozialen Netzwerken wichtige Themen sein.[4] Um Schüler - zumal in der Oberstufe - einzubeziehen, die (noch) offen sind für rechte und rechtsextreme Deutungsangebote oder schon mit ihnen sympathisieren, wäre es hier wichtig, die Thematik im Unterricht sachlich zu präsentieren und moralisierende Ansätze zurückzudrängen. Zu dieser Sachlichkeit gehören Erklärungsansätze für das Verhalten von Menschen in bestimmten Situationen, Informationen und Einsichten über rechtsextreme Inhalte und demokratische Alternativen zu ihnen. Eine Reihe vorliegender Unterrichtsmodelle zeigt, wie ein solcher didaktischer Ansatz umgesetzt werden kann.[5]

Indirekte Thematisierung:
Zentrale Werte und Inhalte des Rechtsextremismus wie etwa Kameradschaft, Volksgemeinschaft, Nation oder "Überfremdung" sollten in unterschiedlichen Zusammenhängen Gegenstand des Schulunterrichts sein. Die mit solchen Begriffen bezeichneten Sachverhalte sind typische Anknüpfungspunkte für die Werbung und Rekrutierung durch rechtsextreme Gruppen. Auf CDs und DVDs, bei direkten Ansprachen im Umfeld der Schulen und bei Veranstaltungen spielen sie eine zentrale Rolle. Sie tauchen auf in Liedtexten, politischen Reden, Diskussionen und Agitationen und bei politischen Forderungen. In Schulfächern wie Deutsch, Geschichte, Sozialkunde, aber auch anderen, sollten diese Zusammenhänge bekannt sein und besonders sensibel reflektiert werden. Jenseits dieser aktuellen Themen sind Vorurteile insbesondere gegenüber ethnischen Gruppen und gesellschaftlichen Minderheiten dauerhafter Gegenstand pädagogischer Reflexion. Die indirekte Thematisierung ist ein Beitrag zur Stabilisierung und Verfestigung demokratischer Überzeugungen, und sie sollte zur Infragestellung rechtsextremer Deutungen führen. Auf Nachhaltigkeit bedacht, sät sie permanente Zweifel in die Selbstgewissheiten rechtsextremer Überzeugungen.

Historisierung:
Die Behandlung des Nationalsozialismus in der Schule ist seit Jahrzehnten mit der Erwartung verknüpft, dass Kenntnisse über die NS-Verbrechen und die historisch-politischen Hintergründe (wie das Scheitern der Weimarer Republik) zu einer "Immunisierung" gegen aktuelle rechtsextremistische Versuchungen beitragen. Das Wissen kann erworben werden durch alltägliche Kommunikation, Lektüre von Texten, Diskussion von Filmmaterial, aber auch durch Besuche von Museen, Gedenkstätten oder Gespräche mit Zeitzeugen. Moderne pädagogische Ansätze werden einen didaktischen Mix aus diesen Möglichkeiten bevorzugen und aktivierende Lernansätze einbeziehen. Sie müssen auch in Rechnung stellen, dass in der modernen Mediengesellschaft die Informationsmöglichkeiten für die Schüler enorm gestiegen sind. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und seiner Vorgeschichte kann heute aber gewiss nicht mehr als Schlüssel zu demokratischen, antinazistischen Orientierungen gesehen werden. Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass persönlichkeitsprägende Faktoren mit der Lebenswirklichkeit von Schülern verbunden sind. Hier ist die Zeit des "Dritten Reiches" zu weit weg. Gleichwohl ist die pädagogische Auseinandersetzung mit diesem Teil der deutschen Geschichte unerlässlich.[6] Es kommt hinzu, dass rechtsextreme Orientierungsmuster auch verkehrte Sichtweisen auf die NS-Geschichte offerieren, denen es zu begegnen gilt.

Demokratische Gegenpraxis:
Auf der kognitiven Ebene wäre die Beschäftigung mit der Demokratie als Idee, mit demokratischen Werten, Grund- und Menschenrechten ein eher kontemplativer Ansatz, der rechtsextremen Ideen buchstäblich im Wege steht und eine andere, demokratische Praxis fördert. Dieser thematische Rahmen muss nicht auf der kognitiven Ebene bleiben, er kann umgesetzt werden auf verschiedenen Handlungs- und Erfahrungsebenen: Lehrer entwickeln fächerübergreifende Projekte, fördern interkulturelle Kompetenzen, ermutigen zu politischer Reflexion und Partizipation. Schüler erfahren und erproben demokratische Modelle in ihrem unmittelbaren Umfeld. Sie wirken mit bei Entscheidungen, die den Unterricht oder die Schule betreffen, sie planen zivilgesellschaftliche Aktionen, Ausstellungen, Projekttage, sie machen Erkundungen im lokalen Umfeld und beteiligen sich an politischen Diskussionen - all dies wäre der handlungsbezogene Aspekt einer Praxis, die den Werten des Rechtsextremismus zuwiderläuft. Schlerwettbewerbe bündeln solche Aktivitäten und versprechen Einzelnen oder Gruppen die Aussicht auf Anerkennung und Gratifikationen.[7] Am Modell der demokratischen Gegenpraxis sollten sich alle Schulfächer beteiligen. Demokratische Entscheidungen, gleichberechtigtes Miteinander und andere Werte werden im Physik- oder Mathematikunterricht genauso gelebt wie im Sozialkundeunterricht.

Die Gewichtung und Anwendbarkeit der hier skizzierten Ansätze richtet sich nach Schulformen, Adressaten und örtlichen Gegebenheiten. Berufsschulen, gymnasiale Oberstufen oder der Primarbereich erfordern unterschiedliche Konzepte und Didaktiken. Die Umsetzung hängt allerdings auch von weiteren strukturellen Gegebenheiten ab, etwa der Verankerung in den schulischen Lehrplänen und dem Aus- und Fortbildungsstand der beteiligten Pädagogen.[8]


Fußnoten

2.
Vgl. Richard Stöss, Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 2010, S. 61ff.
3.
Vgl. etwa Fabian Virchow/Christian Dornbusch (Hrsg.), 88 Fragen und Antworten zur NPD, Schwalbach/Ts. 2008; Holger Kulick/Toralf Staud (Hrsg.), Das Buch gegen Nazis, Köln 2009, dort vor allem die Beiträge "In meiner Klasse haben Nazis Oberwasser - was kann ich tun?" und "Was ist die richtige Reaktion auf die 'Schulhof-CD' der NPD?", S. 209ff.
4.
Vgl. Marc Coester, Das Konzept der Hate Crimes aus den USA unter besonderer Berücksichtigung des Rechtsextremismus in Deutschland, Frankfurt/M. u.a. 2008. Siehe auch den Beitrag von Stefan Glaser und Christiane Schneider in dieser Ausgabe.
5.
Vgl. Michael May/Andreas Dietz, Thema "Rechtsextremismus" im Unterricht: Verstehen vs. Moralisieren, in: Gesellschaft - Wirtschaft - Politik (GWP), (2005) 2, S. 221-230. Zahlreiche Handreichungen für Sekundarstufe 1 und 2 finden sich in: Stefan Glaser/Thomas Pfeiffer (Hrsg.), Erlebniswelt Rechtsextremismus, Bonn 2007, S. 145-178.
6.
Zur Kritik des "Aufklärungsparadigmas" vgl. Hans-Gerd Jaschke, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, Opladen 2001, S. 160ff.
7.
Aktuelles Beispiel ist der "Schülerwettbewerb gegen Rechtsextremismus" des Bundesjustizministeriums, vgl. online: www.gerechte-sache.de (21.3.2012).
8.
Kritisch dazu: Albert Scherr, Pädagogische Antworten auf Rechtsextremismus, in: Julius H. Schoeps et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus in Brandenburg, Berlin 2007, S. 321ff.