A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.
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8.5.2012 | Von:
Carolin Küppers

Soziologische Dimensionen von Geschlecht

Die Einteilung in zwei eindeutig voneinander zu unterscheidende Geschlechter strukturiert unseren Alltag. Sie erscheint als "natürliche" und selbstverständliche Tatsache, stellt sich aber aus soziologischer Perspektive sehr viel komplexer dar.

Einleitung

Sicherlich erinnern sich die meisten an die Szene im Spielzeugladen aus dem Loriot-Sketch "Weihnachten bei Hoppenstedts": Opa Hoppenstedt möchte ein Weihnachtsgeschenk für sein Enkelkind kaufen. Die Frage der Verkäuferin nach dem Geschlecht des Kindes gestaltet sich jedoch als etwas problematisch:[1]

Na, sie werden doch wohl wissen, ob Ihr Enkelkind ein Junge oder ein Mädchen ist.

Wieso?

Wie heißt denn das Kleine?

Hoppenstedt, wir heißen alle Hoppenstedt.

Und mit Vornamen?

Dickie, Dickie Hoppenstedt

Und es äh es ist ein Mädchen?

Nee ...

Also ein Junge?

Nee nee nee nee nee.

Nachdem auch die Frage nach der Kleidung nicht weiterführt, greift die Verkäuferin zu deutlicheren Mitteln: Wenn Ihr Enkelkind ein Zipfelchen hat, wüsste man ...

Zipfelchen?

Mein Gott, dann hat es eben kein Zipfelchen!

Mein Enkelkind hat alles, was es braucht! Gesunde Eltern, ein anständiges Zuhause und Zucht und Ordnung!

Loriot führt uns hier - wie so oft - die Absurditäten und Grotesken des zwischenmenschlichen Zusammenlebens vor Augen. Das Geschlecht des Kindes ist für die Verkäuferin relevant, um bei der Auswahl des Geschenkes angemessen zu beraten, die Zuordnung scheint jedoch für den Großvater nicht ganz so leicht zu sein und eigentlich auch nicht notwendig, da das Kind "alles hat, was es braucht". Hier wird zum einen die Problematik der eindeutigen geschlechtlichen Zuordnung angesprochen, und es zeigt sich zum anderen sehr deutlich, welche herausragende Rolle Geschlecht in unserem Alltag spielt. Die Existenz von zwei deutlich voneinander unterschiedenen Geschlechtern erscheint als zweifelsfreie und selbstverständliche Tatsache. Zwar beginnen geschlechtsspezifische Stereotypisierungen an Wirksamkeit zu verlieren, doch sind sie nach wie vor überall präsent. Fast alle alltäglichen Dinge beruhen auf der binären Geschlechtseinteilung - also der Einteilung in ausnahmslos zwei Geschlechter, angefangen damit, welche öffentliche Toilette wir benutzen. Doch ist diese Einteilung wirklich so eindeutig und "natürlich", wie sie alltagspraktisch erscheint? In der Soziologie ist zunächst nichts natürlich, sondern alles gesellschaftlich; interessant ist jedoch, was jeweils als "natürlich" gilt. Aufgrund der Omnirelevanz von Geschlecht in unserer Gesellschaft kann es hierfür nicht einen einzelnen Grund geben; in der Regel ist alles ein Stück komplexer als erhofft. Auch naturwissenschaftlich ist die Unterscheidung, was genau Männer und Frauen sind und wodurch der Unterschied zwischen ihnen festzumachen ist, mehr als uneindeutig. Es stellt sich also die Frage, wie ein verhältnismäßig kleiner anatomischer Unterschied so große soziale Folgen haben kann.[2] Daher wird es im Folgenden um eine Auseinandersetzung damit gehen, was gesellschaftlich als Geschlechterdifferenz betrachtet wird, wie daraus wissenschaftliche Tatsachen hergestellt werden und welche Konsequenzen dies für soziale Realitäten hat.

Warum Biologie kein Schicksal ist

Auf die Tendenz, die Differenzierung in zwei Geschlechter auf biologische Unterschiede zu reduzieren, haben angloamerikanische Feministinnen in den 1960er Jahren mit der Abgrenzung von sex und gender reagiert. Der Begriff sex wird in der Regel mit "biologisches Geschlecht" übersetzt und anatomisch definiert. Der Begriff gender wird meist in der Bedeutung von "sozialem Geschlecht" verwendet und zielt auf die soziale Konstruktion von geschlechtsspezifischen Rollen und Attributen ab. Die Trennung von sex und gender hat enorme Vorteile gebracht, um gegen einen Alleinerklärungsanspruch der Geschlechterunterscheidung durch biologische Determination argumentieren zu können. Sie enttarnte gender als soziales Konstrukt und deckte auf, dass dichotome Geschlechterzuschreibungen, Geschlechterrollen und Hierarchisierungen historisch entstanden sind und durch gesellschaftliche Strukturierungen, Aushandlungen und Bedeutungszuschreibungen zustande kommen.

In der aktuellen Geschlechtersoziologie wird die Unterscheidung in sex und gender jedoch kaum noch verwendet. Das, was zunächst einen argumentativen Vorteil darstellte, erwies sich recht schnell als zu undifferenziert und damit als Nachteil. Durch den Rückbezug auf sex konnten Geschlechterunterschiede nach wie vor auf den biologischen Unterschied reduziert werden. Dies ist unter anderem aus zwei Gründen problematisch. Zum einen zeigt sich schon die Biologie selbst als uneindeutiger und komplexer, als in der Lesart des Alltagsverständnisses. Zum anderen gerät damit aus dem Blick, dass es sich auch bei Naturwissenschaften um gesellschaftliche Unternehmungen handelt.

In der Biologie wird sex ausdifferenziert in chromosomales Geschlecht (XX, XY), gonadales Geschlecht (innere Fortpflanzungsorgane), hormonelles Geschlecht (Hormonkonzentrationen) und morphologisches Geschlecht (Genitalien und sekundäre Geschlechtsmerkmale). Die Beschreibung der Geschlechtlichkeit eines Menschen fällt also schon auf dieser Ebene sehr komplex aus und wird in der Regel mehr als ein Kontinuum denn als zwei klar zu unterscheidende Pole betrachtet.[3] Die Biologie stellt also kein eindeutiges, objektives Kriterium bereit, das die Geschlechterdifferenz jenseits der sozialen Kontexte ihrer "Entdeckung" festmachen kann.[4] Daher stellt sich anstelle der Frage nach Möglichkeiten der Geschlechterunterscheidung vielmehr die Frage, wie Geschlecht verwissenschaftlicht wird. Die Biologin Sigrid Schmitz betont hierzu die Reproduktion sozialer Geschlechternormen in vermeintlich objektiven biologischen Forschungsarbeiten, denn auch die Biologie erzeuge als sprachlicher Diskurs und als Praxis Geschlecht: "Die Naturwissenschaft ist nicht objektiver als andere Wissenschaften, nur weil sie ihre Befunde in einem quantitativ-experimentellen Design reproduziert. Denn auch dieses Design ist von bestimmten theoretischen Vorannahmen geleitet, welche die Auswahl der Daten, ihre Einschlüsse und Auslassungen und die Interpretationen der Befunde beeinflussen."[5] Wenn von Beginn der Untersuchung an nach Unterschieden gesucht wird, werden sie in der Regel auch gefunden. Warum scheint es so überaus wichtig zu sein, Geschlechterunterschiede binär und eindeutig festzuschreiben und biologisch zu begründen?

Auch die Biologie schließt nach Stefan Hirschauer an ein kulturell etabliertes Alltagswissen von Zweigeschlechtlichkeit an und nutzt Alltagsmethoden der Geschlechtszuschreibung, um ihren Untersuchungsgegenstand zu identifizieren: "Denn zur Feststellung von 'Geschlechtsunterschieden' und (biologischen) 'Geschlechtsmerkmalen' müssen immer bereits 'Geschlechter' unterschieden sein."[6] Die Beschreibung von Geschlecht ist also schon eine von gesellschaftlichen beziehungsweise politischen Vorstellungen geprägte soziale Praxis und kein direktes Abbild der Natur. Dass auch Naturwissenschaft nicht objektiv ist, heißt jedoch nicht, dass sie vollkommen beliebig ist, da "die Natur" ihrer Deutung materielle Grenzen setzt und eine unbestreitbare Wirksamkeit hat.[7] Dennoch ist die Art und Weise, wie bestimmte (körperliche) Merkmale interpretiert wurden und werden kontingent, das heißt, sie sind soziale Realität, die so geworden ist, aber nicht zwangsläufig genau so sein müsste.

Diskurs der Geschlechterdifferenz

Die Geschlechterordnung könnte also je nach historischer und räumlicher Konstellation etwas anderes bedeuten, und doch ist sie eine wirkmächtige, herrschaftsdurchtränkte soziale Realität. Durch die in unserer Gesellschaft vorausgesetzte, zweigeschlechtliche und heterosexuelle Normalität entsteht der Zwang, sich dieser Norm zu unterwerfen. Für Judith Butler, der bekanntesten Protagonistin der Diskurs- beziehungsweise poststrukturalistischen Theorie, ist jede Bezugnahme auf die biologischen und materiellen Bereiche des Lebens eine sprachliche: "Wenn auf das 'biologische Geschlecht' Bezug genommen wird als etwas, was dem sozialen Geschlecht vorgängig ist, wird es selbst zum Postulat, zu einer Konstruktion, die in der Sprache als das offeriert wird, was der Sprache und der Konstruktion vorhergeht."[8] Somit ist auch Geschlecht keine naturgegebene Tatsache, sondern ein Teil des sozialen Körperwissens und der Normen der Geschlechterdichotomie. Der Diskurs weist den Dingen einen Namen und damit eine Bedeutung zu, nicht umgekehrt. Wir können nur in Form von Sprache auf die Welt zugreifen, wodurch wir nie das rein Materielle benennen können, da es im Moment des Bezeichnens schon diskursiv überformt ist. Die diskursive Ordnung ist jedoch keine von außen einschränkende Barriere, sondern die Bedingung dafür, dass wir Begriffe haben.[9] Die Dinge sprechen nicht selbst, wir interpretieren sie. Dadurch ist jeder Blick auf die Welt durch eine zeithistorische, spezifische Brille begrenzt.

So kann auch Geschlecht keine ontologische Tatsache, keine vordiskursive Gegebenheit sein, sondern muss als Effekt von Diskursen verstanden werden. Das heißt nicht, dass es das Phänomen ohne den Begriff nicht gäbe. Es gibt keine Bezugnahme auf einen reinen Geschlechtskörper, die nicht zugleich eine Formierung dieses Körpers wäre.[10] Somit ist das biologische Geschlecht kein körperlich gegebenes, das dem sozialen Geschlecht auferlegt wird, sondern eine kulturelle Norm, welche die Materialisierung von Körpern regiert. Das heißt, die Diskurssetzung ist nicht völlig willkürlich oder beliebig, sondern es besteht eine Gleichzeitigkeit normativer Zwänge. Nur durch diese Normen werden Körper anerkennungsfähig und zu sozial sinnhaften (intelligiblen) Körpern. Laut Butler sind diejenigen Körper intelligibel, die eine Kohärenz von sex, gender und desire aufweisen. Politische Regulierungen und kulturelle Praxen, die Butler als "heteronormative Matrix" bezeichnet, halten diese Kohärenz aufrecht. Dabei handelt es sich jedoch um eine Matrix mit Ausschlusscharakter, die einen Bereich verworfener Wesen hervorbringt: Durch die diskursive Konstruktion dessen, was als "normal" gilt, wird kontinuierlich das, was als "anders" gilt, mit konstruiert. In der Benennung der Heterosexualität als Norm wird so Homosexualität als Abweichung stets mitgedacht und umgekehrt.

Intelligible und verworfene Körper sind zusammen das Ergebnis immer wieder performativ inszenierter Prozesse. Mit Performativität meint Butler die Macht der Diskurse, durch ständige Wiederholungen Wirkung zu produzieren. Dabei handelt es nicht um einen einzelnen absichtsvollen Akt, sondern um eine sich ständig wiederholende, zitierende Praxis, durch die der Diskurs die Wirkung, welche er benennt, selbst erzeugt.[11] Dies klingt zunächst so, als gebe es gar keine andere Möglichkeit, als Geschlechternormen permanent zu reproduzieren. Doch gerade in diesen permanenten Wiederholungen sieht Butler die Chance des Widerspruchs und der Parodie. Denn "es gibt nicht so etwas wie die perfekte Kopie, die ein Original unverfälscht wiederholt".[12] Wenn also durch die Kopie verdeutlicht werden kann, dass es ohne die Kopie das Original nicht gäbe, beziehungsweise es sich schon beim vermeintlichen Original um eine Kopie handelt, könnte die Geschlechterordnung als vermeintlich stabile Tatsache infrage gestellt werden. Ein solches Wiederstandspotenzial sieht Butler beispielsweise in der Travestie.

Was ist, ist geworden

Die Infragestellung der Natürlichkeit der Geschlechterdifferenzierung taucht allerdings nicht erst in (post)modernen Theorien auf. Die Philosophin Simone de Beauvoir stellt schon 1949 in ihrem Werk "Das andere Geschlecht" fest, dass Menschen nicht als Frauen zur Welt kommen, sondern zu Frauen werden.[13] Damit verweist sie auf die individuelle und biografische Gewordenheit von Geschlechtern, die von der frühen Frauenforschung in den 1970er Jahren aufgegriffen und unter dem Konzept der geschlechtsspezifischen Sozialisation weiterentwickelt wurde. Durch die Offenlegung individueller Erfahrungen und der Analyse persönlicher Lebensverhältnisse sollen gesellschaftliche Strukturen und darin enthaltene, historisch verfestigte Geschlechterverhältnisse sichtbar gemacht werden, was häufig mit der Feststellung einherging, dass das Private politisch sei. Der geschlechtertheoretische Diskurs ist hier eng mit der politischen Perspektive der Frauenbewegung verbunden und dadurch geprägt, dass die Frage nach gesellschaftlichen Machtverhältnissen mit der Frage nach dem Subjekt verknüpft ist.[14]

Sozialisation umfasst demnach den komplexen Prozess, in dem Menschen die Kultur, Normen und Regeln ihrer Gesellschaft lernen, reproduzieren und dadurch befähigt werden, gemäß ihrer Stellung in der Gesellschaft zu handeln.[15] Im Verlauf ihrer Sozialisation, die in einer Vielzahl von sozialen Institutionen stattfindet, lernen Menschen, was es vor dem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund bedeutet, eine Frau oder ein Mann zu sein. Sie entwickeln ein Gefühl und ein kognitives Konzept für die eigene Identität und lernen, den Regeln dieser Gesellschaft entsprechend mit anderen Personen zu interagieren. Von Beginn ihrer Biografie an lernen Mädchen und Jungen die von Erwachsenen vermittelten gesellschaftlichen Zeichen für Geschlechtszugehörigkeit. Sie lernen auch, dass den Normen unangemessenes Verhalten gesellschaftlich sanktioniert wird.

Auch wenn es eine Vielzahl von Lebensbedingungen gibt, wie beispielsweise Bildung, sozioökonomischer Status, Alter und Herkunft, welche die Sozialisation von Menschen beeinflussen, ist das Erlernen von Geschlechtlichkeit eine übergeordnete Entwicklungsaufgabe, die alle anderen Lernerfahrungen durchdringt. Geschlecht ist nach wie vor eines der dominantesten Ordnungskriterien in unserer Gesellschaft und bildet ein sehr handlungswirksames und grundlegendes gesellschaftspolitisches Strukturierungsprinzip. Um sozial überleben zu können, müssen wir einem Geschlecht zugeordnet und als solches erkennbar sein. Daher gehen Vergesellschaftung und Sozialisation immer auch mit Vergeschlechtlichung einher. Das kulturelle, soziale und politische System unserer Gesellschaft ist von der Annahme geprägt, dass sich Menschen eindeutig danach unterscheiden lassen, ob sie männlich oder weiblich sind. Mit dieser Klassifikation sind spezifische Wahrnehmungen, Zuschreibungen, Hierarchien und Vorannahmen verbunden, die wiederum weitere soziale Interaktionen beeinflussen.

Seit den 1990er Jahren wird die Vorstellung einer eindeutigen und stabilen geschlechtlichen Identität, die im Sozialisationsprozess erzeugt wird, hinterfragt. Der Perspektive vergeschlechtlichter Sozialisation wird vorgeworfen, das alltagsweltliche Modell von Geschlecht als binärer Kategorie durch die Voraussetzung eines geschlechtsspezifischen Unterschieds selbst zu reifizieren, indem es zum Ergebnis von Sozialisationsprozessen erklärt wird.[16] Zudem würden andere Zugehörigkeits- und Differenzdimensionen, die quer zu den Geschlechtern verlaufen, überblendet und die Perspektive dadurch auf Geschlecht reduziert. Carol Hagemann-White schlägt daher eine Abkehr vom Sozialisationsparadigma vor und formuliert in der "Null-Hypothese", "dass es keine notwendige, naturhaft vorgeschriebene Zweigeschlechtlichkeit gibt, sondern nur verschiedene kulturelle Konstruktionen von Geschlecht".[17] Diese Perspektive ermöglicht, die Verwobenheit von Geschlecht mit anderen symbolischen Differenzkategorien innerhalb derselben Kultur zu sehen.[18]

Was wir tun, um ein Geschlecht zu sein

In der mikrosoziologischen Perspektive richtet sich der Blick auf alltägliche Praktiken und Interaktionen, durch die Zweigeschlechtlichkeit nicht nur dargestellt, sondern - so ein zentrales Ergebnis dieser Perspektive - erst hervorgebracht wird.[19] "Geschlecht ist nicht etwas, was wir haben, schon gar nicht etwas, was wir sind. Geschlecht ist etwas, was wir tun."[20] Diese These hat unter dem Schlagwort des doing gender Eingang in die sozialwissenschaftliche Diskussion gefunden und betrachtet mit Hilfe von Handlungstheorien, wie sich die Akteur_innen innerhalb einer gesellschaftlichen Struktur aktiv und interaktiv die auf die jeweiligen Geschlechterrollen bezogenen Normen, Regeln und Strukturen aneignen und handelnd weitergeben. Die Geschlechterdifferenz kann somit als ein Resultat der Alltagspraktiken von Menschen verstanden werden, die sich kontinuierlich zu Frauen und Männern machen beziehungsweise gemacht werden.[21] Stefan Hirschauer betrachtet Geschlecht daher als Vollzugswirklichkeit, durch Gleichzeitigkeit von Darstellung und Zuschreibung (Attribution).[22]

Doing gender funktioniert also sowohl über das alltägliche Verhalten als auch über die alltägliche Wahrnehmung.

In ihrem alltäglichen Verhalten bringen Menschen permanent zum Ausdruck, in welche Geschlechtskategorie sie eingeordnet werden. Jedes Individuum ist dafür verantwortlich, das eigene Geschlecht "richtig" darzustellen und muss lernen, den eigenen Körper so darzustellen, als sei er natürlich so. Die Ressourcen dafür sind beispielsweise Kleidung, Mimik, Gestik, Stimme oder Nutzung von Räumen.[23] Über die alltägliche Handlungspraxis schreibt sich die Kultur in den Körper ein, wodurch die Darstellung zur Essenz der sozialen Wirklichkeit wird. Geschlecht ist somit selbst eine Repräsentation, wird aber so selbstverständlich dargestellt, dass es als natürlich angenommen wird. Durch die Verschleierung der Dar- und Herstellungspraxis kommt es zur Naturalisierung von Geschlecht. Dies geschieht in einem zirkulären Prozess: Lippenstift ist beispielsweise ein traditionellerweise von Frauen benutzter Körperschmuck und wird dadurch zu einem weiblichen Objekt, woraufhin Personen, die Lippenstift benutzen, weiblich beziehungsweise verweiblicht werden.[24] So wirkt es auf Betrachtende, als habe der Körper den Darstellungen zugrunde gelegen, und diese seien lediglich sein natürlicher "Verhaltensausdruck".[25]

Jeder alltäglichen Wahrnehmung von Menschen und jeder sozialen Interaktion geht zudem eine Geschlechtszuordnung der Interaktionspartner_innen voraus. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen der Geschlechtszuweisung, welche einmalig bei der Geburt erfolgt und sich an den Genitalien orientiert, und der Geschlechtszuschreibung (Geschlechtsattribution), bei der es sich um einen kontinuierlichen interaktiven Prozess handelt, der ebenfalls an gesellschaftlichen Normen und Regeln orientiert ist. Jedes Individuum ist als Interaktionspartner_in gleichzeitig verpflichtet und befähigt, einer anderen Person ein Geschlecht, das sozial und kulturell sinnhaft ist, zuzuschreiben. Wenn wir einer Person kein Geschlecht zuordnen können, bekommen wir gravierende handlungspraktische Probleme. Die Blamage einer Verwechslung grenzt situativ sowohl den_die Verwechselte_n aus der Ordnung anerkannt eindeutiger Geschlechter als auch den_die Sich-Irrende_n aus der Gemeinschaft kompetenter Teilnehmer_innen aus.[26] Das heißt, jede_r ist nicht nur für das eigene Geschlecht verantwortlich, sondern auch immer für das der anderen an einer Handlung beteiligten Personen.[27] Dadurch arbeiten Betrachtende mit den Darstellenden - meist unbewusst - zusammen. Ist die Zuschreibung erfolgt, werden die jeweiligen Einzelheiten der Interaktion eingeordnet und die richtigen Genitalien werden, da sie nicht sichtbar sind, unterstellt. Daraus folgt, dass "die kulturelle Wirklichkeit zweier Geschlechter aber (...) nicht aus einem Unterschied der Genitalien 'folgen' kann, da sie Geschlechtszeichen nur im bereits bestehenden Kontext dieser Wirklichkeit sind".[28] Geschlecht ist also ein Effekt sozialer Prozesse, und nicht deren Basis. Die Deplausibilisierung des Körpers als Essenz von Geschlecht rückt gesellschaftliche Geschlechternormen in den Bereich des Hinterfragbaren und eröffnet den Spielraum für nicht normative, geschlechtliche Existenzweisen (wie beispielsweise Trans* und Inter*), soziale Intelligibilität zu beanspruchen.

Mehrdimensionalität von Geschlecht

Nach Suzanne Kessler und Wendy McKenna gibt es einen common sense der Zweigeschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft. Dieser gehe davon aus, "dass es ausschließlich zwei Geschlechter gibt, dass diese zwei Geschlechter biologisch/natürlicherweise gegeben sind und sich im Laufe eines Lebens niemals ändern, dass alle Personen ausnahmslos und natürlicherweise einem Geschlecht angehören und dass die Genitalien als der objektive Beweis eines Geschlechts gelten".[29] Durch dieses alltagsweltliche Wissen um die Geschlechterdifferenz ist jedes Individuum genötigt, eine eindeutige Geschlechtsidentität zu haben und ein eindeutiges Geschlecht zu verkörpern.[30] Die Strukturen der Zweigeschlechtlichkeit lassen somit wenig Raum für geschlechtliche Existenzweisen jenseits der binären Kategorien. Welches Geschlecht wir haben beziehungsweise welches Geschlecht uns zugeordnet wird, spielt in unserer Gesellschaft nach wie vor eine große Rolle und beeinflusst unser alltägliches Leben, da mit der Bestimmung von Genus-Gruppen eine soziale Verortung von Männern und Frauen einhergeht. Die zweigeschlechtliche Ordnung hat ein erstaunliches Beharrungspotenzial und bestimmt nicht nur die gesellschaftliche Struktur, sondern auch unseren Handlungsrahmen (doing gender) und die Möglichkeiten sprachlicher Bezeichnung. Geschlecht kann als das Ergebnis eines langwierigen gesellschaftlichen Prozesses betrachtet werden, der sowohl den scheinbar natürlichen Geschlechtskörper als auch Geschlechterrollen, -normen und -identitäten umfasst.[31] Die verschiedenen Zugänge, Geschlecht aus soziologischer Perspektive zu analysieren (Handlungen, Sprache, Strukturen), sind äußerst vielschichtig und ergänzen sich wechselseitig. Nur eine Dimension zu berücksichtigen, würde der Komplexität und Wirkmächtigkeit des Phänomens nicht gerecht. In der aktuellen Geschlechtersoziologie mehren sich daher die Stimmen, nicht nur die Verwobenheit verschiedener Analyse-Ebenen zu berücksichtigen, sondern auch weitere, häufig mit Geschlecht verknüpfte, Positionen in den Blick zu nehmen. Geschlecht wird aus dem Zentrum der Analyse gerückt, dafür aber in den Kontext weiterer, soziale Ungleichheit generierender Strukturkategorien - wie Klasse/Schicht, Ethnizität, Nationalität, sexueller Orientierung - gestellt. Dadurch soll gezeigt werden, dass keine dieser Kategorien alleine steht, sondern sowohl für sich als auch im Bezug auf und Zusammenspiel mit den anderen reifizierend auf gesellschaftliche Diskurse wirkt und einen konstituierenden Effekt bei der Herstellung des gesellschaftlichen Körpers, und damit sozialer Ungleichheiten, hat.[32]
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Fußnoten

1.
Loriot, "Im Spielzeugladen", auf DVD Loriot 14 "Weihnachten bei Hoppenstedts", 01, Transkription C.K.
2.
Vgl. Paula Villa, Folien zur Vorlesung "Der große kleine Unterschied - Einführung in die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung", 28.4.2009, online: www.gender.soziologie.uni-muenchen.de/studium_lehre/lehrveranst/lehre_wise11_121/vorles_villa/index.html (7.4.2012).
3.
Vgl. Kerrin Christiansen, Biologische Grundlagen der Geschlechterdifferenz, in: Ursula Pasero/Frederike Braun (Hrsg.), Konstruktion von Geschlecht, Pfaffenweiler 1995, S. 13-28.
4.
Vgl. Carol Hagemann-White, Wir werden nicht zweigeschlechtlich geboren ..., in: dies./Maria Rerrich (Hrsg.), FrauenMännerBilder. Männer und Männlichkeit in der feministischen Diskussion, Bielefeld 1988, S. 224-235.
5.
Sigrid Schmitz, Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn? Über den Geschlechterdeterminismus in der Hirnforschung und Ansätze zu seiner Dekonstruktion, in: Forum Wissenschaft, (2005), online: www.linksnet.de/de/artikel/19193 (25.4.2012).
6.
Stefan Hirschauer, Die interaktive Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit, in: Zeitschrift für Soziologie, 18 (1989), S. 100-118, hier: S. 102.
7.
Vgl. Donna Haraway, Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt/M. 1995.
8.
Judith Butler, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Berlin 1995, S. 26.
9.
Vgl. Paula-Irene Villa, Judith Butler. Frankfurt/M.-New York 2003, S. 24.
10.
Vgl. Hannelore Bublitz, Judith Butler zur Einführung, Hamburg 2002.
11.
Vgl. J. Butler (Anm. 8), S. 22f.
12.
P.-I. Villa (Anm. 9), S. 33.
13.
Vgl. Alice Schwarzer, Simone de Beauvoir, Hamburg, 2007, S. 161.
14.
Vgl. Bettina Dausien, Geschlechterverhältnisse und ihre Subjekte. Zum Diskurs um Sozialisation und Geschlecht, in: Helga Bilden/dies. (Hrsg.), Sozialisation und Geschlecht. Theoretische und methodologische Aspekte, Opladen-Farmington Hills 2006, S. 17-44, hier: S. 22.
15.
Vgl. Helga Bilden, Sozialisation und Geschlecht, in: Andrea Bührmann et al. (Hrsg.), Arbeit, Sozialisation, Geschlecht, Opladen 2000, S. 137-146, hier: S. 137.
16.
Vgl. B. Dausien (Anm. 14), S. 23f.
17.
C. Hagemann-White (Anm. 4), S. 230.
18.
Vgl. auch Regine Gildemeister/Angelika Wetterer, Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung, in: Gudrun-Axeli Knapp/Angelika Wetterer (Hrsg.), Traditionen Brüche: Entwicklungen feministischer Theorie, Freiburg 1992, S. 201-254.
19.
Vgl. Paula-Irene Villa, Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper, Wiesbaden 20064, S. 81f.
20.
Gitta Mühlen Achs, Geschlecht bewusst gemacht. Körpersprachliche Inszenierungen, München 1998, S. 21.
21.
Vgl. Stefan Hirschauer, Dekonstruktion und Rekonstruktion. Plädoyer für die Erforschung des Bekannten, in: Feministische Studien, 11 (1993) 2, S. 55-67, hier: S. 56; P.-I. Villa (Anm. 19), S. 82.
22.
Vgl. S. Hirschauer (Anm. 6).
23.
Vgl. P.-I. Villa (Anm. 19), S. 91.
24.
Vgl. ebd.
25.
Vgl. S. Hirschauer (Anm. 6), S. 111.
26.
Vgl. ebd., S. 107.
27.
Vgl. P.-I. Villa (Anm. 19), S. 91f.
28.
S. Hirschauer (Anm. 6), S. 101.
29.
Zit. nach: P.-I. Villa (Anm. 9), S. 20.
30.
Vgl. P.-I. Villa (Anm. 19), S. 90.
31.
Vgl. Andrea Maihofer, Geschlecht als Existenzweise. Macht, Moral, Recht und Geschlechterdifferenz, Frankfurt/M. 1995.
32.
Vgl. Gabriele Winker/Nina Degele, Intersektionalität als Mehrebenenanalyse, Bielefeld 2009; Gudrun-Axeli Knapp, "Intersectionality" - ein neues Paradigma der Geschlechterforschung?, in: Rita Casale/Barbara Rendtorff (Hrsg.), Was kommt nach der Geschlechterforschung? Zur Zukunft der feministischen Theoriebildung, Bielefeld 2008, S. 33-53.