A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.

8.5.2012 | Von:
Eckart Voland
Johannes Johow

Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte

Biologische Varianz und Rolle der Umwelt

Die Vielfalt der Verhaltensstrategien der beiden Geschlechter hat zwei, in ihrer Bedeutung allerdings sehr unterschiedliche Quellen. Einerseits können individuelle Unterschiede auf genetische Polymorphismen, das heißt auf Unterschiede in den genetischen Anlagen von Männern und Frauen zurückgehen, die beispielsweise hormonelle Mechanismen beeinflussen und relativ unsensibel auf Umgebungsvariation reagieren. Andererseits hat die Umwelt einen bedeutenden Einfluss auf die individuelle Entwicklung dieser Anlagen. Bei kaum einem anderen Thema wird die Anlage-Umwelt-Debatte in der breiteren Öffentlichkeit so leidenschaftlich wie ergebnislos geführt wie im Bereich von sex und gender, und dies, obwohl die Debatte im Kern theoretisch weitgehend gelöst ist.[17] Wenn dennoch "Kulturisten" und "Biologisten" unversöhnlich aufeinandertreffen, dann deshalb, weil nicht gut verstanden wird, dass Anlage und Umwelt nicht additiv den Phänotyp hervorbringen, sondern synergetisch. Damit ist gemeint, dass sich die in den Genen festgeschriebenen Baupläne für die Entwicklung der Phänotypen mehr oder weniger konditional nach Maßgabe der Umwelt realisieren und im Bereich von Psyche und Verhalten Strategien hervorbringen, die ihrerseits konditional auf Umgebungsvariation reagieren. In seinen Folgen für das menschliche Miteinander nicht zu überschätzen ist allerdings der häufig übersehene Umstand, dass in den biologischen Informationsträgern die "Reaktionsnorm" des Organismus auf je verschiedene Umweltfaktoren festgeschrieben ist. Deshalb kann die Umwelt den sich entwickelnden Organismus auch nicht gleichsam "nach eigenen Regeln" konstruieren. "Das letzte Wort" in dieser Angelegenheit hat die Erbinformation, weshalb Verhaltensgenetiker folgerichtig von den "Genen der Umwelt" sprechen.[18]

Soziobiologie ist eine Milieutheorie menschlichen Verhaltens, allerdings eine auf genetischer Basis, denn die für die Entwicklung eines Organismus wichtige Umwelt ist notwendigerweise Bestandteil des evolutionären Erbes.[19] Im Verlauf der Stammesgeschichte wurde gleichsam getestet, welche Eigenschaften der Umwelt nützliche Information für eine erfolgreiche Ontogenese beinhalten und welche nicht. Die spezifischen Umweltbeziehungen eines Organismus, also die Frage, von welchen Eigenschaften der Umwelt er sich in seiner ontogenetischen Entwicklung in welcher spezifischen Weise beeinflussen lässt, ist so gesehen genauso Produkt des evolutionären Erbes wie die Gene selbst. Fazit: Die Faktoren "Anlagen" und "Umwelt" lassen sich nicht unabhängig voneinander betrachten. Letztlich sind sie funktional identisch, auch wenn dies zu denken ein wenig der Intuition entgegenlaufen dürfte.

Ein einfaches Beispiel mag dies verdeutlichen: Beide Geschlechter reagieren eifersüchtig, wenn sie den Verlust reproduktiver Ressourcen befürchten müssen. Beließe man es bei dieser Feststellung, bliebe Geschlecht als erklärende Variable in diesem Zusammenhang überflüssig. Ein genauerer Blick zeigt aber, dass - soziobiologisch gut nachvollziehbar - die psychische Tiefenstruktur von Eifersucht sich zwischen Männern und Frauen im Mittel unterscheidet. Männer reagieren besonders eifersüchtig, wenn ihre Partnerinnen leidenschaftlichen Sex außerhalb der Beziehung pflegen. Für Frauen hingegen ist die Angst vor der emotionalen Abwendung des Partners im Mittel der bedeutendere Anlass, eifersüchtig zu reagieren.[20] Der evolutionäre Grund für diese Differenz liegt in der strategischen Rolle des Partners/der Partnerin für die eigene Reproduktion. Eifersucht der Männer ist evolutionär gewachsener Reflex auf das Problem der Vaterschaftsunsicherheit, während Eifersucht der Frauen evolutionär gewachsener Reflex auf Unterstützungsunsicherheit und Versorgungsfluktuation ist, nicht nur in historischen Milieus wesentlichen Hindernissen für Fitnessmaximierung. An diesem Beispiel wird auch deutlich, was Robert Wright gemeint hat, wenn er formuliert: "Die männliche Psyche ist das den Frauen von der Evolution ausgestellte Führungszeugnis über ihr Verhalten in der stammesgeschichtlichen Vergangenheit. Und umgekehrt."[21]

Fußnoten

17.
Vgl. u.a. Adolf Heschl, Das intelligente Genom, Berlin 1998.
18.
Vgl. Hermann Faller, Verhaltensgenetik. Was bringt die Genetik für das Verständnis der Entwicklung von Persönlichkeitseigenschaften und psychischen Störungen?, in: Psychotherapeut, 48 (2003), S. 80-92.
19.
Vgl. Harald Euler/Sabine Hoier, Die evolutionäre Psychologie von Anlage und Umwelt, in: Franz J. Neyer/Frank M. Spinath (Hrsg.), Anlage und Umwelt, Stuttgart 2008.
20.
Vgl. David M. Buss/Martie Haselton, The evolution of jealousy, in: Trends in Cognitive Science, 9 (2005), S. 506 -507.
21.
Robert Wright, Diesseits von Gut und Böse. Die biologischen Grundlagen unserer Ethik, München 1996, S. 118.