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A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.

8.5.2012 | Von:
Rainer Herrn

Ver-körperungen des anderen Geschlechts - Transvestitismus und Transsexualität historisch betrachtet

Erste Versuche operativer Geschlechtsumwandlung

Der Berliner Chirurg Richard Mühsam, dem in der Diskussion eine Schlüsselposition zukommt, operierte 1912 einen ersten von ihm so bezeichneten weiblichen Transvestiten, die sich, 35-jährig, Brüste und Gebärmutter entfernen ließ, "da sie diese Organe als nicht zu ihr gehörig empfand. Sie hielt sich für einen verkappten Mann und wollte auch äußerlich wie ein Mann aussehen. (...) (Sie) war (...) eine nicht unbegabte Malerin, trug Männerkleider und klagte über (...) das Gefühl, Fremdkörper im Leibe zu haben. Als diese (...) sah sie die Eierstöcke an, um deren Entfernung sie dringend bat." Nachdem er ihr auch die Ovarien entfernt hatte, schreibt Mühsam "fühlte sie sich (...) freier und betrieb die Umschreibung ihres Personalstandes".[27] Außer diesen kolportierten Operationswünschen führt Mühsam keine Argumente zur Begründung der Eingriffe an, obgleich sie nach den medizinethischen Standards schon damals als problematisch galten, weil es keine Indikation dafür gab. Und obwohl die Eingriffe aus heutiger Sicht als erste ärztlich ausgeführte Geschlechtsumwandlung von Frau-zu-Mann gelten dürfen, wurden sie damals nicht als solche betrachtet. Auch Hirschfeld erwähnte 1918 zahlreich geäußerte Bedürfnisse und Versuche körperlicher Umgestaltung.[28] Nachdem er 1919 sein Institut für Sexualwissenschaft eröffnet hatte, teilte der dort als Psychotherapeut tätige Arthur Kronfeld mit, dass allein im ersten Jahr zwölf Männer um eine Kastration baten; zehn von ihnen konnte er davon abbringen.[29]

Ausschlaggebend für die ersten mitgeteilten Wünsche nach Operationen ist folgender Kontext: Im Zuge der nach 1900 einsetzenden Forschung zur Wirkung von Geschlechtshormonen wurden experimentelle Geschlechtsumwandlungen an Haus- und Labortieren vorgenommen. Über die vom Wiener Physiologen Eugen Steinach realisierten berichtete die deutschsprachige Fach- und Tagespresse als wissenschaftliche Sensation. Wie solche Berichte bei einigen Transvestiten Wünsche nach analogen Eingriffen wachriefen, lässt sich am Beispiel eines 1916 vom Sexualwissenschaftler Max Marcuse beschriebenen Mannes illustrieren: "Die im Mai v.J. durch die Presse gegangene Notiz (...) veranlasste Herrn A., mich darüber zu konsultieren, ob eine derartige Operation nicht auch am Menschen mit Erfolg ausgeführt und er auf diese Weise zu einem Weibe gemacht werden könnte."[30] Ihn bringe das "Vorhandensein des Gliedes und der Hoden oft zur Verzweiflung", er sei völlig beherrscht von der "Idee der Verweiblichung und ihrer Herbeiführung auf operativem Wege". Deutlich zeigt sich hier, auf welch direkte Weise die Medialisierung der Geschlechtsumwandlung auf diesen Personenkreis wirkte.

Die erste komplett dokumentierte Mann-zu-Frau-Geschlechtsumwandlung erfolgte 1920/1921 bei einem Patienten des Hirschfeld-Instituts. Bei diesem Medizinstudenten, der mit der Pistole in der Hand mit Suizid drohte, wurde von Arthur Kronfeld eine "schwere Sexualneurose" diagnostiziert. Sie diente als medizinische Indikation für die Eingriffe, während die Suiziddrohung eine sogenannte Notoperation rechtfertigte, wie ein weiterer Hirschfeld-Mitarbeiter später ausführlich darlegte.[31] Die von Mühsam ausgeführten Operationen umfassten zunächst die Kastration, die Vernähung des Penis im Damm und die Ausformung einer Neovagina; später wurde auch ein Eierstock implantiert. All diese Behandlungsschritte waren in anderen medizinischen Kontexten entwickelt worden und wurden nun zur Lösung einer bislang unbekannten Problematik zusammengeführt. Man könnte das Vorgehen als Experiment mit ungewissem Ausgang charakterisieren, das der individuellen Notlage eines Patienten und medizinischen Omnipotenzphantasien entsprang, das "natürliche" Geschlecht medizinisch ändern zu können.[32]

Mit Unterstützung des Instituts für Sexualwissenschaft erfolgten bis 1931 eine ganze Reihe weiterer Umwandlungen. Über die Routine der Operationen berichtet Felix Abraham in einer ersten medizinischen Veröffentlichung im selben Jahr. Die bekannteste dieser frühen Geschlechtsumwandlungen ist die des dänischen Malers Einar Wegener, der sich aufgrund des Operationsortes Dresden "Lili Elbe" nannte.[33]

Obgleich es nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 keine einheitliche Strategie im Umgang mit Transvestiten gab, standen diese unter dem Generalverdacht der Homosexualität. Zur Verfolgung der Homosexuellen wurde 1935 der entsprechende Paragraf 175 RStGB verschärft und die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung eingerichtet. Transvestiten standen unter der Beweislast ihrer Heterosexualität; für einige, denen dies gelang, wurden Transvestitenscheine aus der Weimarer Zeit verlängert oder sogar neue ausgestellt. Und obgleich der Berliner Charité-Psychiater Karl Bonhoeffer 1941 berichtete, dass ihm Wünsche nach Geschlechtsumwandlung - wie aus der Weimarer Zeit - nicht mehr begegnet seien, lässt sich zumindest eine ausgeführte Operation bei einem Mann-zu-Frau Transsexuellen für die NS-Zeit nachweisen. Über das Schicksal der vor 1933 Operierten liegen keine systematischen Forschungen vor.

Erst in den 1950er Jahren setzte in den USA erneut eine medizinische Diskussion über die Geschlechtsumwandlung ein, allerdings nicht mit direkten Bezug auf die deutsche Vorläuferschaft, ohne die sie freilich nicht zu denken ist. Harry Benjamin nahm für sich in Anspruch, den Begriff transsexuality eingeführt zu haben. Ähnlich wie Hirschfeld den Wunsch nach Geschlechtsumwandlung bei "extremen Transvestiten" als "stärkste Form des totalen Transvestitismus"[34] bezeichnete, beschrieb Benjamin "den Transsexualismus als höchsten Grad des Transvestismus" (sic) oder die "Transvestiten als die mildeste Form unter den Transsexuellen".[35]

In Deutschland bezeichnete man Personen mit dem Wunsch nach Geschlechtsumwandlung noch bis in die 1950er Jahre als Transvestiten. Erst mit der Rezeption von Benjamins Arbeiten in den 1960er Jahren wurde, ohne Bezug zur hier beschriebenen Vorläuferdiskussion um Hirschfeld, in beiden deutschen Staaten von "Transsexualismus", später von "Transsexualität" gesprochen.

Fußnoten

27.
Richard Mühsam, Chirurgische Eingriffe bei Anomalien des Sexuallebens, in: Therapie der Gegenwart, 67 (1926), S. 451-455, hier: S. 455.
28.
Magnus Hirschfeld, Sexualpathologie, Bd. II, Sexuelle Zwischenstufen, Bonn 1918, S. 132.
29.
Vgl. Arthur Kronfeld, Kastration bei einer besonders schweren Sexualneurose, in: Mitteilungen aus dem Institut für Sexualwissenschaft, Sexualreform, Beiblatt zu Geschlecht und Gesellschaft, 10 (1920) 3, S. 37f.
30.
Max Marcuse, Ein Fall von Geschlechtsumwandlungstrieb, in: Zeitschrift für Psychotherapie und medizinische Psychologie, 6 (1916), S. 176-192, hier: S. 176.
31.
Vgl. Felix Abraham, Genitalumwandlung an zwei männlichen Transvestiten, in: Zeitschrift für Sexualwissenschaft, 18 (1931), S. 223-226.
32.
Vgl. Rainer Herrn, Geschlecht als Option: Selbstversuche und medizinische Experimente zur Geschlechtsumwandlung im frühen 20. Jahrhundert, in: Nikolas Pethes/Silke Schicketanz (Hrsg.), Sexualität als Experiment? Körpertechniken zwischen Wissenschaft, Bioethik und Science Fiction, Frankfurt/M. 2008, S. 45-70.
33.
Vgl. Lili Elbe, Ein Mensch wechselt sein Geschlecht. Eine Lebensbeichte, hrsg. von Niels Hoyer, Dresden 1932.
34.
Magnus Hirschfeld, Geschlechtskunde, Bd. 1, Stuttgart 1926, S. 592.
35.
Harry Benjamin, Transsexualismus, Wesen und Behandlung, in: Der Nervenarzt, 35 (1964) 11, S. 499f., hier: S. 499.