Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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11.6.2012 | Von:
Dieter Rucht

Massen mobilisieren

Wenn Menschenmassen zusammenkommen, rückt dieser Vorgang unweigerlich in den Blickpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Massen lassen sich schwerlich übersehen. Sie beeindrucken durch ihre schiere Präsenz – unabhängig davon, ob sie als bedrohlich oder willkommen gelten. Massen versammeln sich zu kirchlichen Feiern und nationalen Gedenktagen, zur freiwilligen oder kommandierten Huldigung von politischen Führern, zu friedlichen Demonstrationen und gewaltsamen Aufständen. Dass viele Menschen spontan zusammenkommen und gleichsam als Masse sich selbst erzeugen, ist ein seltener Fall. In der Regel werden Massen mobilisiert. Es bedarf eines Agenten, der kraft seiner Initiative und dank besonderer Mittel und Umstände die Massen produziert, der Menschen aufruft, motiviert und überzeugt, sich auf einen gemeinsamen Auftritt beziehungsweise ein gemeinsames Handeln einzulassen. Insbesondere die Massenpsychologie am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert unterstellte diese Konstellation einer von innen beziehungsweise von außen aktivierbaren und zudem formbaren Masse. Diese Vorstellung entspricht der etymologischen Wurzel des Ausdrucks Masse, der sich aus dem altgriechischen Begriff maza ableitet und so viel wie Teig bedeutet. Später wird das französische Wort masse buchstabengetreu in das Deutsche übernommen. Es bezeichnet einen ungestalteten Stoff, einen Klumpen beziehungsweise Haufen oder auch schlicht eine große Menge von Dingen oder Menschen.

Mit Blick auf soziale Phänomene ist diese doppelte Bedeutung bis heute erhalten geblieben. Masse meint einerseits, und zumeist mit abschätziger Konnotation, einen Haufen von Menschen, der sich durch Strukturlosigkeit oder gar Abwesenheit von individuellem Denken und Handeln auszeichnet. Als Masse gilt dann das gemeine Volk, der Pöbel oder Mob, von dem sich die politischen und kulturellen Eliten abgrenzen. Andererseits kann Masse aber auch eine neutrale oder gar anerkennend gemeinte Bezeichnung für eine große Zahl von Menschen sein, denen, zumal in demokratischen Systemen, eine legitimierende Kraft zugesprochen wird.

Das ebenfalls aus dem Französischen entlehnte Verb mobilisieren ist abgeleitet vom lateinischen movere. Es bedeutet, etwas in Bewegung versetzen beziehungsweise zum Handeln anregen. Wenn also von Massenmobilisierung gesprochen wird, so geht es nicht um ein statistisches Aggregat unverbundener Elemente, sondern um eine große Zahl von Menschen, die dazu bewegt wurden, sich für oder gegen etwas einzusetzen, wie es insbesondere im Rahmen von Protestkampagnen und sozialen Bewegungen der Fall ist. Davon soll im Weiteren die Rede sein.

Charakteristika von Protestmobilisierung

Protestgruppen und soziale Bewegungen wollen auf gesellschaftliche Verhältnisse und/oder politische Entscheidungen Einfluss nehmen. Allerdings verfügen sie in der Regel weder über institutionalisierte Macht noch über formelle oder informelle Einflusskanäle, um ihre Positionen unmittelbar zur Geltung zu bringen. Ihr „Kapital“ sind vielmehr Menschen, die von einer Sache überzeugt sind und dafür gemeinschaftlich eintreten, dies teilweise über lange Zeit und unter persönlichen Opfern. Ein wichtiges Mittel dieses Einsatzes ist der kollektive Protest, mit dem die Akteure um öffentliche Aufmerksamkeit und möglichst auch Zustimmung ringen. Erst über den Umweg öffentlicher Anteilnahme können die Protestierenden hoffen, auf das politische Entscheidungszentrum Druck auszuüben und ihre Sache voranzubringen. Demgegenüber spielen andere Formen der Einflussnahme (wie etwa Lobbying, Parteispenden, Bestechung, Mitarbeit in Beiräten und Erstellung von Fachgutachten) eine randständige oder gar keine Rolle.

Als Faustregel kann gelten, dass eine Protestkampagne oder soziale Bewegung umso höhere Sichtbarkeit erlangt und umso mehr Druck zu entfalten vermag, je größer und einsatzfreudiger die Zahl ihrer Anhänger und Aktivisten ist. Dies bedeutet zumeist eine Konzentration auf quantitative Mobilisierung in Form von Massenauftritten und Massenaktionen. Es geht also um Power in Numbers.[1] Allerdings lässt sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine Vielzahl von Menschen nur kurzzeitig und zudem nur für wenig aufwändige beziehungsweise wenig riskante Formen des Protests mobilisieren, wie es für sogenannte political change movements typisch ist. Derartige Massenproteste, etwa eine Unterschriftensammlung oder eine Kundgebung, signalisieren vor allem die Breite manifester Unterstützung. Aber sie sagen nichts über die Intensität und Nachhaltigkeit des Engagements aus. Folglich können Massenproteste auch als Ausdruck von sich womöglich rasch verändernden Stimmungslagen begriffen und ad acta gelegt werden.

Aus diesem Grund setzen andere Protestgruppen und insbesondere solche, die eher den personal change movements zugerechnet werden können, auf qualitative Mobilisierung.[2] Hier steht das intensive, riskante und/oder opferbereite Engagement im Vordergrund. Es signalisiert starke Betroffenheit und große Ernsthaftigkeit. Damit vermag es beim Publikum einen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Beispiele für ein solches Tun reichen vom tagelangen Ausharren von Platzbesetzern bei Wind und Kälte über den kollektiven Hungerstreik bis zur Opferung des eigenen Lebens. Es liegt auf der Hand, dass sich dazu meist nur wenige Menschen in ganz besonderen Situationen bereitfinden.

Weder eine enorme quantitative Mobilisierung noch ein auf andere Weise eindrucksvolles qualitatives Engagement garantieren jedoch, dass das letztlich angestrebte Ziel erreicht wird. Massenmobilisierungen finden zwar große mediale Beachtung, können aber zuweilen von politischen Entscheidungsträgern ungerührt ausgesessen werden. Man erinnere sich an die Massenproteste in den Jahren 1983/84 gegen die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen, die der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl mit demonstrativer Gelassenheit hinnahm. Ebenso kann die handlungspraktisch bewiesene Opferbereitschaft kleiner Gruppen mit Blick auf das angestrebte Hauptziel folgenlos bleiben, wie es das Beispiel der Kali-Kumpel von Bischofferode zeigte, die erfolglos versuchten, mit einem 81-tägigen Hungerstreik im Jahre 1993 die Schließung ihres Schachts zu verhindern.

Nicht Erfolg oder Scheitern von Massenprotest, sondern vielmehr die Bedingungen, unter denen er zustande kommt, stehen im Zentrum des vorliegenden Beitrags. Es wäre jedoch naiv, eine allgemein gültige Rezeptur für gelingende Massenmobilisierung vorlegen zu wollen – eine Rezeptur, die sich ungeachtet der jeweiligen thematischen Besonderheiten, der sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen sowie möglicherweise hinzutretender zufälliger Konstellationen und Ereignisse anwenden ließe. Vielmehr ist auch hier die Komplexität sozialer Phänomene in Rechnung zu stellen, die sich aus dem Zusammenspiel vielschichtiger Faktoren und Prozesse ergibt. Entsprechend können selbst erfahrene Protestorganisatoren immer wieder überrascht werden. Mal kommt trotz intensiver Vorbereitung und eines beachtlichen logistischen Aufwands die erhoffte Massenmobilisierung nicht zustande; ein anderes Mal sind die Organisatoren von der großen Resonanz auf selbst kleine Stimuli geradezu überwältigt. Aus diesen schwer zu kalkulierenden Effekten von Mobilisierungsanstrengungen ergibt sich ein gewisses Drohpotenzial von Protestbewegungen, die nicht nur Einfluss auf die öffentliche Meinung und das Wahlverhalten gewinnen, sondern ein ganzes Regime zu Fall bringen können.

Fußnoten

1.
Vgl. James DeNardo, Power in Numbers, Princeton 2005.
2.
Vgl. zur Unterscheidung von qualitativer und quantitativer Mobilisierung: Dieter Rucht, Themes, logics and arenas of social movements: A structural approach, in: Bert Klandermans/Hanspeter Kriesi/Sidney Tarrow (eds.), From Structure to Action: Comparing Social Movement Participation Across Cultures, Greenwich 1988, S. 305–328.