Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Meinhard Miegel

Welches Wachstum und welchen Wohlstand wollen wir? - Essay

Beim derzeitigen Wissens- und Könnensstand der Menschheit führen Wirtschaftswachstum und materielle Wohlstandsmehrung dazu, dass immer mehr Länder die Tragfähigkeitsgrenze der Erde durchbrechen und dadurch die Grundlagen ihres bisherigen Erfolges zerstören. Dieser Befund ist ebenso ernüchternd wie besorgniserregend. Von den 158 datenmäßig erfassten Ländern haben etwa 250 Jahre nach Anbruch der Moderne und dem Beginn der Industrialisierung erst 43 einen Entwicklungsstand erreicht, der hinsichtlich der Lebenserwartung und des Bildungsstands der Bevölkerung sowie der pro Kopf erwirtschafteten Gütermenge den heutigen Vorstellungen und Erwartungen von Westeuropäern, Nordamerikanern oder Japanern entspricht. In diesen 43 Ländern lebt mit etwa einer Milliarde Menschen recht genau ein Siebentel der Weltbevölkerung. Soweit der ernüchternde Befund.

Der besorgniserregende Befund ist, dass sich kein einziges dieser Länder innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der Erde befindet. Soll heißen: Sie verbrauchen Regenerierbares schneller, als die Erde es zu regenerieren vermag, erzeugen mehr Schadstoffe, als von Luft, Wasser und Böden abgebaut werden können und setzen bei allem Nicht-Regenerierbarem darauf, dass dem Menschengeschlecht schon etwas einfallen werde, wenn dieses zur Neige geht. So wirtschaften sie munter drauf los und kümmern sich nicht darum, dass die Weltbevölkerung, wirtschaftete sie wie beispielsweise die US-Amerikaner, vier Globen benötigen würde – und folgte sie den angeblich so ressourcen- und umweltbewussten Deutschen immerhin noch 2,6.

Diesen Reichen stehen jene gegenüber, welche die Erde nicht überfordern, dafür aber materiell arm sind. Ihnen können derzeit 57 Länder zugerechnet werden, unter ihnen so bedeutende wie Indien. Insgesamt leben in diesen Ländern mit rund 2,7 Milliarden Menschen knapp zwei Fünftel der Weltbevölkerung. Die Kehrseite für ihren zumeist nicht freiwillig schonlichen Umgang mit Umwelt und Ressourcen ist neben einem niedrigen materiellen Lebensstandard eine im weltweiten Vergleich geringe Lebenserwartung und Bildung.

Zu einer dritten Gruppe gehören gegenwärtig 58 Länder, unter ihnen ein Schwergewicht wie China, mit einer Gesamtbevölkerung von rund 2,5 Milliarden Menschen.[1] Kennzeichnend für diese Gruppe ist, dass sie zwar mehrheitlich noch weit von der Wohlhabenheit der Arrivierten entfernt ist, aber dennoch schon jetzt die Tragfähigkeitsgrenzen der Erde zum Teil erheblich überschreitet und mit jedem weiteren Schritt in Richtung Wohlhabenheit weiter hinter sich lässt.

Ist das also die Alternative, welche die Menschheit 250 Jahre nach ihrem großen Aufbruch hat: lange, gesunde Leben bei guter Bildung und einem im internationalen und historischen Vergleich hohen Wohlstandsniveau bei gleichzeitiger Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen oder Wahrung eben dieser Grundlagen bei Leben, die in den Worten des britischen Philosophen Thomas Hobbes zumeist elend, brutal und kurz sind?

Das ist die eigentliche Wachstums- und Wohlstandsfrage, die der Menschheit auf den Nägeln brennen müsste – und nicht, ob mehr Wachstum und materieller Wohlstand wünschenswert seien, nicht zuletzt, weil dadurch möglicherweise zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, Renten leichter zu finanzieren sind oder Staatshaushalte besser ausgeglichen werden können. Denn diese Fragen sind banal. Die Antwort auf sie steht nämlich von vornherein fest: Es ist ein eindeutiges Ja – zumindest auf kurze Sicht.

Aber was ist mit dieser Antwort gewonnen? Oder anders gewendet: Was nutzt es gut beschäftigten Erwerbstätigen, auskömmlich versorgten Rentnern und Politikern, die aus dem Vollen schöpfen können, wenn zugleich eine überforderte Erde unter ihren Füßen zerbröselt?

Menschliche Schöpferkraft vs. rigorose Ausbeutung der Natur

Das jedoch ist die unbequeme Wahrheit: Mit jedem Promille, das die Güter- und Dienstemenge weltweit zunimmt, schwinden unwiederbringlich Bodenschätze sowie Tier- und Pflanzenarten, steigt die Umweltbelastung und werden weithin Gesellschaften zermürbt. Stagniert die Güter- und Dienstemenge hingegen oder sinkt sie sogar, atmet die Natur messbar auf, der CO2-Anstieg in der Atmosphäre verlangsamt sich und der Säuregehalt der Meere nimmt etwas verhaltener zu. Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass die historisch einzigartige Wachstums- und Wohlstandsexpansion, von der seit 250 Jahren immer größere Teile der Welt erfasst werden, nicht in erster Linie Triumph menschlicher Schöpferkraft, sondern Folge einer rigorosen Ausbeutung der Natur und in gewisser Weise auch des Menschen ist, wäre er durch diesen engen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltbelastung schlagend erbracht. Beide sind Seiten ein und derselben Medaille, welche die Aufschrift trägt: menschlicher Fortschritt.

Nun soll nicht verkannt werden, dass Viele – die einen mehr, die anderen weniger – seit geraumer Zeit erhebliche Anstrengungen unternehmen, diese fatale Verbindung zwischen Wachstum und materieller Wohlstandsmehrung auf der einen sowie Verschleiß von Umwelt und Mensch auf der anderen Seite zu durchtrennen oder wenigstens zu lockern, und unbestreitbar gibt es auch Erfolge. Doch alles in allem sind die Ergebnisse mager. Von einer wirklichen Entkopplung kann nirgendwo die Rede sein. Noch marschieren materielle Wohlstandsmehrung und Zerstörung der Lebensgrundlagen im Gleichschritt nebeneinander, wobei noch nicht einmal mehr sicher ist, ob nicht letztere gerade dabei ist, an ersterer vorbeizuziehen.

Das heißt nicht, dass nicht eines Tages der große Durchbruch gelingt – in den Worten der Bundesregierung – eine Art des Wirtschaftens gefunden wird, die nicht die Grundlagen ihres eigenen Erfolges zerstört. Ob dieser Durchbruch allerdings bereits in der laufenden Dekade stattfinden wird, wie die Bundesregierung meint hoffen zu dürfen, darf füglich bezweifelt werden.[2] Wer weiß das schon? Zurzeit spricht jedenfalls nichts dafür und niemand vermag zu sagen, ob ein solcher Durchbruch überhaupt jemals kommt. Aber selbst wenn sich das Großartige irgendwann ereignen sollte, ändert dies nichts daran, dass wir vorerst – ohne absehbares Ende – in einer Welt leben, in der Wirtschaftswachstum und materielle Wohlstandsmehrung ambivalent, das heißt zugleich Segen und Fluch sind.

Sie sind wie bestimmte Medikamente oder Strahlentherapien, deren heilsame Wirkungen außer Frage stehen, die aber auch äußerst bedenkliche Neben- und Folgewirkungen haben. Sie können Leben retten, aber auch zu Siechtum und Tod führen. Das klingt schrill und dramatisch, trifft aber recht genau den Sachverhalt. Denn was bedeutet es für die Bewohner von Inselstaaten im Indischen Ozean, deren Lebensraum infolge des globalen Wirtschaftswachstums im Meer versinkt, oder von afrikanischen Savannen, die aus demselben Grund zur Wüste werden? Für sie bedeutet dieses Wachstum den Verlust ihrer Heimat, ihrer Existenz und vielleicht sogar ihres Lebens.

Fußnoten

1.
Vgl. United Nations Development Programme (UNDP), Human Development Report 2011, New York 2011, S. 127; Global Footprint Network, National Footprint Accounts, 2011, online: http://www.footprintnetwork.org/en/index.php/GFN/page/footprint_data_and_results (11.6.2012).
2.
Vgl. Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 10.11.2009, online: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Regierungserklaerung/2009/2009-11-10-merkel-neue-Regierung.html (11.6.2012).