Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Christian Kroll

Wir brauchen neue Indikatoren – und ein Glücks-Audit für die Politik! - Essay

Was bedeutet Ihnen im Leben etwas? Und was davon sollte Ihrer Meinung nach in Maßzahlen des nationalen Wohlergehens abgebildet werden? Diese Fragen stellte das britische Statistikamt im Jahre 2011 den Bürgerinnen und Bürgern im Rahmen der vom Premierminister David Cameron angestoßenen Initiative zur Neuvermessung des National Well-Being. Bei den über 34.000 Antworten kam heraus, dass den Menschen vor allem folgende Dinge am Herzen liegen: Gesundheit, intakte Beziehungen zur Partnerin oder dem Partner, Familie und Freunden, Zufriedenheit im Beruf und ökonomische Sicherheit, der Zustand der Umwelt sowie eine gute Ausbildung.[1]

Seit Veröffentlichung des Abschlussberichts der sogenannten Stiglitz-Kommission[2] (2008 von der damaligen französischen Regierung eingerichtet) hat sich so etwas wie eine globale Bewegung zur Neuvermessung des gesellschaftlichen Wohlergehens formiert, bestehend aus politischen Akteuren, statistischen Ämtern, internationalen Organisationen und Initiativen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft. In zahlreichen Ländern erörtern derzeit ganz offiziell nationale runde Tische, was für uns im 21. Jahrhundert Fortschritt bedeutet, und wie wir ihn messen können.[3] Solche Indikatoren sind wichtig, weil sowohl Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger als auch Bürgerinnen und Bürger einen akkuraten Kompass brauchen, um die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zu identifizieren und darauf aufbauend zu lösen. Erst mithilfe solcher Daten können wir erkennen, ob unsere Politikmaßnahmen Erfolg haben oder wir in die falsche Richtung steuern.

In der Vergangenheit war dieser Kompass zumeist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also die Summe an Gütern und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einem Land produziert werden. Das BIP hat tatsächlich den Vorteil, dass sich Elemente verschiedenster Mengeneinheiten kombiniert in einer einzigen, international vergleichbaren, monetären Zahl ausdrücken lassen. Weiterhin liegt der Indikatorenwahl die Annahme zugrunde, dass je mehr auf dem Markt produziert wird, desto besser können die Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen, ergo desto glücklicher sind sie. Allenfalls die Arbeitslosenrate wurde im Laufe der Jahre darüber hinaus noch als Leitindikator hinzugezogen, wenn es darum ging zu beurteilen, ob es im Land "bergauf“ oder "bergab“ ging.

Mehr und mehr setzte sich in den vergangenen Jahren jedoch die Einsicht durch, dass es damit nicht getan ist. Denn vor allem das BIP blendet zu viele wichtige Aspekte menschlichen Wohlergehens aus – wie die Antworten im eingangs zitierten britischen Beispiel gezeigt haben. Insbesondere ist unklar, wer eigentlich vom BIP-Wachstum profitiert: So kann das Median-Haushaltseinkommen in einem Land fallen, während das BIP pro Kopf steigt. Ein sogenannter Trickle-down-Effekt, bei dem auch die mittleren und unteren sozialen Schichten vom Wachstum profitieren, ist keineswegs garantiert. Außerdem steigt das BIP bei Naturkatastrophen an, es ignoriert Nachhaltigkeitsaspekte sowie sämtliche außerhalb des Marktes erbrachten Leistungen von Haushaltsarbeit bis hin zu ehrenamtlichem Engagement, die jedoch für unser Wohlergehen wichtig sind.

Zwar zeigen neuere Untersuchungen, dass das BIP als Indikator für gesellschaftlichen Fortschritt besser geeignet ist, als es so manche Kritik suggeriert. Zum einen schneidet es in einer internationalen Studie[4] besser ab als die Mehrzahl neuerer, alternativer Indizes der Lebensqualität, wenn es darum geht, die von den Menschen selbst bewertete Zufriedenheit mit ihrem Leben vorherzusagen. Lediglich der 2011 vorgestellte Better-Life Index der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist dem BIP hier überlegen. Zum anderen umfassen schon BIP und Arbeitslosenrate allein sehr viele Informationen, die alternative Indikatoren gesellschaftlichen Wohlergehens mitunter nur begrenzt ergänzen.[5]

Dennoch betonen auch diese neueren Studien, dass es jenseits des BIP noch genug Verbesserungspotenzial zur Abbildung der wahren Lebensqualität eines Landes gibt. Außerdem bleibt es schon aus prinzipiellen Gründen fraglich, ob wir unseren Fortschritt primär an einem so beschränkten Indikator wie der Gesamtmenge an produzierten Gütern und Dienstleistungen ausrichten wollen.

Fußnoten

1.
Vgl. Jil Matheson, National Statistician’s Reflections on the National Debate on Measuring National Well-being, London 2011.
2.
Vgl. Joseph E. Stiglitz/Amartya Sen/Jean-Paul Fitoussi, Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, Paris 2009.
3.
Vgl. Christian Kroll, Wie wollen wir zukünftig leben? Internationale Erfahrungen bei der Neuvermessung von Fortschritt und Wohlergehen, Berlin 2011.
4.
Vgl. Jan Delhey/Christian Kroll, A "happiness-test“ for the new measures of national well-being: How much better than GDP are they?, in: Hilke Brockmann/Jan Delhey (eds.), Is more always better? Human happiness and the limits of the maximization principle, New York–Heidelberg 2012.
5.
Vgl. Sonja C. Kassenböhmer/Christoph M. Schmidt, Beyond GDP and Back: What is the Value-Added by Additional Components of Welfare Measurement?, DIW SOEPpapers, Nr. 351, 2011.