Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.
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Wir brauchen neue Indikatoren – und ein Glücks-Audit für die Politik! - Essay

27.6.2012

Von der Theorie zur Praxis



Der Politik bietet sich dieser Tage vor allem jedoch eine Chance, die auch die Enquete-Kommission bis zum Ende ihrer Arbeit noch mehr forcieren muss. Wenn wir verstärkt fragen, was uns im Leben etwas bedeutet und wie die Politik diese Faktoren befördern oder zumindest nicht behindern kann, kommt uns die neue akademische Glücksforschung wie gerufen. Eine rasch wachsende Zahl von Forschungsarbeiten erkundet, was Menschen zufrieden macht (vgl. Abbildung in der PDF-Version). Die Glücksforschung ermittelt in Umfragen, wie glücklich oder auch wie zufrieden die Befragten mit ihrem Leben sind. Glück und Lebenszufriedenheit werden dabei in der Literatur oft synonym verwendet, so auch in diesem Text. Es ist jedoch anzumerken, dass streng genommen Fragen nach der Lebenszufriedenheit ein geeigneterer Maßstab sind als Fragen nach dem Glück: Während letztere eher eine affektive Einstellung einfangen, vermögen erstere eine kognitive Bewertung des Lebens der Menschen abzubilden und sind somit eindeutig vorzuziehen, wenn es um politische Gestaltung geht.

Der von der Glücksforschung eingeleitete Paradigmenwechsel geht quer durch die akademischen Disziplinen: Volkswirte sprechen von einer "Revolution“ in ihrem Fachgebiet, wie zum Beispiel die "Happiness-Ökonomen“ Lord Richard Layard und Bruno Frey. Auch Psychologen haben neue Methoden der "Positiven Psychologie“ entwickelt, allen voran Martin Seligman, der jüngst sogar damit beauftragt wurde, die Forschungserkenntnisse beim größten Arbeitgeber der USA zur Anwendung zu bringen – der US-Army.

Die potenziell weitreichenden Folgen dieser neuen Erkenntnisse für die Ausgestaltung unserer Politikmaßnahmen wurden jedoch noch nicht annähernd ausreichend erörtert – geschweige denn durch einen systematischen Wissenstransfer von der Glücksforschung in die praktische Politik institutionalisiert überprüft. Mit anderen Worten: Was müssten Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger anders machen, wenn wir die Erkenntnisse zur Lebenszufriedenheit der Menschen beim Gesetzgebungsprozess berücksichtigen würden?

Eine solche "Politik des Glücks“ ist keineswegs gleichzusetzen mit einer "Glücksgarantie“ durch die Politik. Die Eigenverantwortung des Individuums bleibt selbstverständlich zentral. Etwas anderes ist schließlich gar nicht möglich und gehört allenfalls in die fiktionalen Dystopien à la Aldous Huxley: Die Politik kann uns nicht zwingen, glücklicher zu werden, genauso wenig wie sie uns zwingen kann, produktiver zu werden. Aber die Politik sollte dem Glück des Einzelnen auch nicht im Wege stehen, sondern stattdessen effektive Rahmenbedingungen setzen, damit jede Bürgerin und jeder Bürger auf ihre und auf seine Weise glücklich werden kann. Darum ist es wichtig, bestehende und zukünftige Gesetzesinitiativen daraufhin zu prüfen, inwiefern sie im Einklang mit den Erkenntnissen der Glücksforschung die Lebenszufriedenheit der Menschen mehren oder mindern.

Stehen politische Entscheidungsträger zum Beispiel vor der Frage, ob sie von einem knappen Budget mehr Ressourcen in den Gesundheitssektor oder den Bildungssektor fließen lassen sollen, kann die Glücksforschung zusätzliche Informationen über eine effektive Nutzung der Mittel geben. Durch Evaluation von Initiativen bezüglich ihres Effekts auf die Lebenszufriedenheit erhalten Entscheider außerdem einen unabhängigen und wichtigen Maßstab, der erkennbar macht, welchen Einfluss bestimmte Programme, beispielsweise Schulpolitiken, Integrationsmaßnahmen oder Arbeitsbeschaffungsinitiativen, jeweils auf die Betroffenen haben. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten der Kosten-Nutzen-Analyse, die nicht etwa auf monetäre Faktoren beschränkt sind, sondern deren Währung die tatsächliche Lebensqualität der Menschen ist. Dies wiederum kann uns helfen, knappe öffentliche Ressourcen optimal zu verteilen.

Auf internationaler Ebene hat man dies bereits erkannt: Schon der erwähnte Stiglitz-Bericht urteilte, dass solche subjektiven Indikatoren insgesamt eine Schlüsselrolle bei der Ermittlung der Lebensqualität der Menschen spielen. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat im Juli 2011 per Resolution die Regierungen aufgefordert, das Glück und die Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger stärker ins Zentrum des Regierungshandelns zu rücken. Auch die OECD, weltweit bedeutendste Quelle verlässlicher statistischer Daten und Hort rigoroser Ökonometrie, nimmt sich inzwischen des Themas Glücksmessung an und entwickelt dazu ein eigenes Handbuch für statistische Ämter. Damit soll zukünftig offiziellen Statistiken zur Lebenszufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger in OECD-Ländern der Weg gebahnt werden. Und schließlich forderte jüngst Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates, die Regierungschefs führender Nationen – von Barack Obama bis Angela Merkel – in einem offenen Brief auf, die Themen "Glück und Wohlergehen“ zur politischen Priorität 2012 zu machen.

Wer dennoch Skepsis beim Gedanken an die Wortpaarung Glück und Politik hat oder – wie jüngst Bundespräsident Joachim Gauck – eine "glücksüchtige Gesellschaft“ fürchtet, der sollte bedenken, dass sich der Staat nicht aus seiner bestehenden Verantwortung stehlen kann. Ob wir wollen oder nicht, die Politik ist bereits jetzt in Teilen für unser Glück verantwortlich: Bei der Ausgestaltung der öffentlichen Sicherheit, der Organisation eines menschlichen Wirtschaftssystems oder auch der Konzeption einer bewohnerfreundlichen Stadtplanung braucht das Individuum den Staat. Für die Politik ergibt sich daraus ein dringender Bedarf, zukünftig zu überprüfen, wie Politikmaßnahmen auf den neueren Forschungserkenntnissen beruhend optimiert werden können. Der große Verdienst der Glücksforschung ist dabei, den Menschen nicht durch die Politik oder die Wissenschaft vorzuschreiben, welche Aspekte und Dimensionen der Lebensqualität man von "Expertenseite“ für wichtig erachtet (wie etwa Einkommen), sondern aus den Antworten der Befragten selbst zu erkennen, was ihnen für ihr eigenes Glück wichtig ist.

Die Zeit ist also Reif für ein systematisches Glücks-Audit in der Politik. Wir müssen überprüfen, wie Politikmaßnahmen auf die wichtigsten Einflussfaktoren für hohe Lebenszufriedenheit wirken, wer demzufolge die wirklichen Gewinner und Verlierer von neuen Regelungen sind, und wie wir somit die Lebensqualität in unserem Land effektiv steigern können. Internationale Vorbilder formieren sich schon. Im britischen "Green Book“, einer Art Bausteinkasten für Politikmaßnahmen mit Relevanz für sämtliche neuen Gesetzesvorhaben, untersucht derzeit die Treasury, das britische Finanzministerium, inwiefern Ansätze aus der Glücksforschung bei der Evaluation und Planung von neuen Maßnahmen berücksichtigt werden können.[11]

Nicht zuletzt zeigt auch das kleine Himalaya-Königreich Bhutan innovative Schritte auf, indem zur Mehrung des "Bruttonationalglücks“ jede geplante Gesetzesinitiative durch ein Policy Screening Tool daraufhin überprüft wird, wie diese auf das Wohlergehen der Bevölkerung wirkt. Und auch in Deutschland werden Gesetzesmaßnahmen bereits durch eine institutionalisierte Folgenabschätzung immerhin in Bezug auf Nachhaltigkeit überprüft. Hier lässt sich anknüpfen.

Solch ein systematisches Glücks-Audit dürfte am Ende auch zu einer Überprüfung eingefahrener ideologischer Denkmuster links wie rechts führen. Denn die Messung der Lebenszufriedenheit folgt keiner vorgefertigten Ideologie, sondern ist nur den unabhängigen Selbstauskünften der Bürgerinnen und Bürger in basisdemokratischer Weise verpflichtet. Es wäre unter diesen Umständen nicht mehr möglich seine Klientel heimlich zu bevorzugen oder Partikularinteressen zu verschleiern. Trauen sich die politischen Akteure das zu?


Fußnoten

11.
Vgl. Daniel Fujiwara/Ross Campbell, Valuation Techniques for Social Cost-Benefit Analysis: Stated Preference, Revealed Preference and Subjective Well-Being Approaches, London 2011.